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PRESENTED TO THE LIBRARY
BY
PROFESSOR H. G. FIEDLER
Bertrand Du⸗Gueſclin.
!
Ein
Hiftorifches Rittergedicht
in
vier Bädern
mis erläuternden Anmerfungen
von .
Sriedrich Baron de In Motte Fouqué.
Erfter Theil.
Leipzig, bei Gerhard Sleifher, m
41821.
a
/
Zueignung
an Se. Excellenz
den
Grafen von Gneiſenau,
Koͤniglich Preußiſchen General der Infanterie,
vieler Hohen Orden Ritter, u. ſ. w. \
O Du, Der oft die treuen Blicke wendeft
Nach Deinem Blücher, wo am Palmenftrand
Er ſteht, von Glanz umflogen, |
Doch öfter fie als treue Wächter ſendeſt
Durch's ird'ſche Vaterland, |
Deu aufbläh’nd aus entroll’nden Sturmeswogen, —
O ſchau' vom ernften, gegenwärt’gen Walten
Auch auf der Vorzeit herrliche Geſtalten!
Du liebft, mein Held, das Spiel ber holden
Muſen,
Auch ſelbſt, wo nur aus fruͤhlingsheller Fluth
Undinen taͤndelnd lauſchen, —
Wie mehr noch trifft es Dir den tapfern Buſen,
Wenn hoher Rittermuth
Zum Siege dringt durch's kuͤhne Waffenrauſchen,
Wenn Strahl an Strahlen webt zur Heldenglorie
Nicht nur die Mufe, — nein, auch die Hiſtorie!
Schau, wie mein Bertrand, als ein gottges
| | u zückter
Kriegsdegen — Dir vergleichbar Wunden ſchlug
Dem ſcheuslichen Tyrannen!
Doch ſtrahlſt im ſtaͤten Siegen Du begluͤckter,
So weit bis jetzt Dich trug
Dein Schwung von Kolbergs willen zu ben
| | Tannen
Der ſchleſ'ſchen Berge, dann im Doppeifiege
Zweimal bis an des Unheils blut'ge Wiege!
Begluͤckter auch, weil Deine gluͤh'nde Seele
Die nahverwandte Heldenſeele fand,
Mit ihr fih froh ergaͤnzend,
Daß Keiner von den Beiden etwas fehle;
Sa, überfül’nd den Rand, |
Dft Einer in des Andern Rüftung glänzend !
Gleich Dir Dein Bluͤcher weifen Plan verhängend,
Gleich Deinem Blücher in's Sewähl Du fprengend!
\
D
So ſprengteſt Du mit uns auch kuͤhn bei Luͤtzen,
Dem Heldenprinzen folgend, der uns rief,
- &n fränffche Bayonette! —
O fhöner Tag! O freudiglihes Blitzen,
‚ Das wie ein Ehrendrief
Mich Dir verſchrieb, wie goldne Ehrenkette
Mich an Dich knuͤpft, zu allen, allen Zeiten
Auf Dein: „Marſch! Vorwärts!’ ruͤſtig vorzus
(reiten.
Weißt Du, wie juͤngſt mir vor unreinem
| E Dampfe
Der Erdgewölle, vor der trüben Nacht
Des Wahn’s, die See ergrante?
Wie ich — was nie, Gottlob — im offnen Kampfe
Mir abdrang Feindesmacht —
Sehnfüchtig von der Bahn zuruͤckeſchaute 1—
Da neo Du; „nein, mein Dichter, fi fing’ Du
weiter!
Vor ſchritt ich auf Dein: „Marſch!“ erſtarkt und
heiter
\
So ſchau' denn mild und froͤhlich in die Neihen,
Zu deren ühnverfchlung’nem Heldentanz
Dein Wort. mich hat entzündet, |
Und gönn’ es mir, mein Held, ſie Dir zu welpen!
Die Stern’ im reichen Glanz
Sind alfverfchieden,, aber allverbuͤndet.
Ich fuͤhl' es: freudig ſchaut auf mich hernieder
Mein Frankenheld, nun Dein im Geiſt der Lieder!
% M. Fonque.
Dertrand Du:Gnefelin.
Bertrand Du-Gueſclin.
Erfter Gefang.
NE |
Was⸗ rauſcht Ihr ungewöhnten Klang's, Ihr
' | Saiten?
Was winkt und jene fremde Kriegögeftalt,
Umtoft von England’s und Hispaniend Streiten,
Bon Frankreich's Bannern wunderfem umwallt? —
Ihr wißt: wir find beftellt ia, zu sgeleiten
Sermaniens Helden durch den Saflenwald, —
And nun, mit Eins nah Welten hin entzügelt,
Hat Euer Lied ein fremder Held beflügelt?
Da fluͤſtert Ihr vertraulich mie entgegen:
„Wir kehren wieber bald auf jene Spur. u
Doc bebt Dein Herznicht felbft mit Fühnen Schlägen
Bor Deiner Väter ruͤhmlicher Natur?
Schwand längft die Herrlichkeit der tapfern Degen,
Die fhirmend einft durchblitzten Frankreichs Flur,
So ziemt ſich's um fo mehr, den Ruhm der Cheuern
Im ſtreng wahrbaften Eange zu erneuern; -
_ 4 %
4
Damit nicht jedes Hoffnungslicht verfchwinde,
Das noch entfunfelt dem zertretnen Land,
Und reich und fhön fich in der Vorwelt finde,
Was heut’ nur kanm den herben Kampf beftand, -
Aufrantend fih als blühendes Gewinde
An hoher Ahnengeifter maͤcht'ger Hand." — ¶⸗
- D ja, mein Lied, noch gibt's dort blüh’nde Schoffen,
Den frommen Helden der Vendee entfproffen!
Das hoffte je vom Juͤngling fraͤnk'ſchen Blutes
Held Bülow und fein ganzer Helbenring,
Ein Schwert Ihm reichend, Werkzeug Fünft’gen
Muthes,
Gleich ehrend den, der's gab und der’s empfing! —
Da ſah man: wer ſich freut des ew'gen Gutes,
Erkennt allwaͤrts der ew'gen Sonne Wink.
Ob nah, ob fern die Saat iſt aufgeglommen,
Gr grüßt fle froh, und heißt fie traut willkommen.
So laßt auch uns thun, edle Landögenoffen,
Und folgt mir gern zu diefem Fühnen Gang,
Der Spur nad von des edlen Bertrand's Roſſen,
Die Felder durch, wo er fein Banner ſchwang!
Ja, deutſche Thaten find Euch Hier erfchloffen, .
Weil Frankreichs Adel deutihem Blut entiprang,
Und fo auf galPfher Flur die holde Bluͤthe
‚ Des Nittesthums aus deutfper Kraft ergluͤhte.
T
$&
Fragt ſelbſt die Franken, ‚deren freu Erkennen,
Ihr Vaterland und deffen Chatenreih’n
Durchdringt in nen gewedter Luſt Entbrennen,
Sonſt nur für Rom und Hellas wach allein.
Sie werben’s Euch mit freud'gem Ernſt befennen:
„Ans Deutſchland kam ung Fräft’ger Sonnenfcheln,
Und auch aus Nordland's wunderfamen Thalen,
In tauſend und noch tauſend Heldenſtrablen! u
Sei mir gesrüßt im Sange denn, mein Ritter,
Mein Bertrand Du: Guefelin, an Ehren reich,
Arm wohl bisweilen an werthlofem Flitter,
Der Beffern Vordermann, den Velten gleich!
Vergoͤnn' das Lied mir Deiner Kampfgewitter !
Verwandt betret’ ich dieſes ernite Neid,
Beil BLZ aus Dein und meinen Stammbaum⸗
zweigen
Die gemen Montfaucon und Aſſe fielen! - -'
Mag nur mich neue Klugheit frech verhoͤhnen,
Weil mich erfteut der alten Namen Klang! |
. Stets wareii edle Väter edlen Söhnen
Zu ſinnverwandten Thateh Sporn und Drang.
Schon Vater Stiling hört’ in frommen Tönen
Ja gern, was feinen Ahnen ſonſt gelang,
Wie damals Det fi edler Bauetn freute, -
Freu ſelben Recht's Ih 'mleh an Mittern heute ·
rn.
6 .
So röme in firenger Wahrheit denn, ‘ Ihr
Saiten,
Im ſconen Maaß die aͤchten Kunden aus!
Und was mich edle Kunſt vom Waffenſtreiten
Gelehrt hat, und auch manch durchfochtner Strauß,
Soll ernſt und anmuthvoll mein Lied durchgleiten,
Erhellend dem Verſtand das Kampfgebraus.
So ſang Homer ſchon Hellas alte Siege;
Som wag' ich's nah, ich Sänger uugrer Kriege.
Doch nicht, wie gener, web’ ich bie: Sefiäte-
Des eignen Fühnen Sinn's den Thaten ein, .
Als Königin bier prange die Geſchichte,
Und’ nur ihr eigner Traum und Wiederſchein:
— Die Sage! — fpiel? im zauberifchen Lichte,,
Wo fie von felbft fich beut, mit durch den Hain.
Der Mufe bleib? ein einzig Spiel beſchieden:
Ein Spruch, ein Lied manchmal in Krieg und Frieden,
Das wird fie — ih vertraw ihr — fo erfinnen,
Wie jene alte Zeit es liebt’ und fang,
Die gern ja ſtets ihr Trauern, Fechten, Minnen
Mit Liedesbluͤthen wunderhold durchſchlang.
Und fehlte meinen Kunden dies Veginnen,
Dies heit're Lebensſpiel mit finn’gem Klang,
Sp würde, flatt mie Kraͤnze drum zn fpenden,
Die aͤchte Wahrheit fireng’ fih von mir wenden.
-
7 _.
-
Nein, fangvertrau’nd und fangbeffügelt nah’ ih,
Bretagne, Dir, Du heitred Kuͤſtenland!
Zwar nimmer mit des Leibes Augen ſah ich,
Doh oft im Geift fhon, Deinen edlen Strand,
Und heut? mit frend’gem Liebesgruß umfah? ic
Buſch, Biel und Baum und blauer Ströme Band;
Und gruß’ Dig, Schloß Broon, Du ebler Heerb
Der Du-Gueſclins, mild, einfach, ehrenwerth!
So hatt'ſt Du ſchon jahrhunbertlang empfangen
‚Den frommen Pilger, abgewehrt ben Feind,
Als Butgherr'n Robert's Hochzeitharfen klaugen,
Und ihm Johanna Malemains ward vereint.
In's Schlafgemach ber edlen Gatten ſchuangen
Sich Traum und Ahnung, raͤthſelhaft vereint,
Und rangen ſanft, die Zukunft abzuſchildern
Bor. Frau Jobanna's Geiſt in dieſen Diem:
PL
Ihr wiews, man ſende ihr einen attigen
Schrein,
Inwaͤrts mit ihren und des Gatten Sildern,
Und außen blank von manchem Edelſtein;
Es webten ſich zu Ranken und zu Schildern”. .
Smaragd und Demant — Drei von Jedem. — ein,
Und wie um ben zu Fühnen Glanz zu mildern, .. -
Verftreuten durch den wunderlihen Flammen: ..
Drei Perlen ihren ernſten Thraͤnenſchimmer.
—
2
Und wie fie ſtaunend nun bad Kiſtchen wandte,
Da zeigte, deckend ganz die andre Seite,
Ein truͤber Kieſel ſich mit ſcharfer Kante,
Zu grob, zu groß dem zierlichen Geleite
Der blaulen Steine. Frau Iohanna fandte '
Den Blid umher: „o daß mir wer befreite
Den zarten Schmuck von biefer rohen Buͤrde!“
"Da trat ein Maun herzu voll edler Wuͤtde.
Ihr habts wohl ſelbſt in Träumen ſchon etlebt,
Daß ſo ein ſeltſam Bild kam hergegangen,
Halb. hust, halb fremd, von Grau’n und Huld
belebt,
Zichtſchimmeernd halb, von Nebeln halb umfangen.
Man kennt es nit, — und doch, — das Herz erbebt
Vor feinem Wort in:Schen und in Verlangen.
So, deut’ ih, in des Raͤthſels Luſt und Bann
Trat hin zur Frau Johanna diefer Mann.
Er ſprach: „Euch ſcheint der Kieſel roh und ſchlecht;
So thut's das Befte oft ia dieſer Welt.
Doch gebt ihm unverdroſſen nur fein Recht!
Reibt, glaͤttet ihn! Dazu ſeyd Ihr beſtellt.“ —
Sie that's. Da ſtrahlt' als Demant ſtolz und aͤcht
Der finfite Kieſel, wunderſam erhellt!
Weit überglänzend nun bie kleinern Steine,
Lich ex dem Kleinod Werth und Pracht alleine!
9
Doch in bie Luft brach eine Traurigkeit. '
Denn wie die Frau das Kdftlein aͤngſtlich drehte,
Als fei’ den andern lieben Lichtern leid,
Daß um den Herrlihen. man fie verfhmähte, —
Da war die Eine Perle fort! — Und weit
Am Traume zog — bie wach der Hahn fie kraͤhte —
Die edle Frau wie hin dur Nachtgefilde,
Und fand die Perle nicht, die füße, milde!
Erwachend endlich an bes Gatten Seite
Mit gluͤhendem, bethränten Angelicht,
Gab fie ihm Fund, was fie betrübt und freute,
Auch felbft um Träume huͤtend ihrer Pflicht.
Der fprah: „genug, daß treu ih Dich geleite!
Beftag’ Du Ahnung, Traum und Schatten nicht.
Dergleihen fpielt nur allzutähnlich neckend
Durch unfer Land: heut lockend, morgen ſchreckenb.
Das kommt von Zaubrer Merlin's wirren
reiben,
Das er in grauer Zeit hier het verführt.
Da kann dies Land noch gar nicht ruhig bleiben,
Von Träumen unb von Fabeln ftets berührt.
Sie meinen aud, mit Rechnen, Grübeln, Schreiben
Hab’ er die Zukunft wunderſam erſpuͤrt;
Sp wuͤrd' ein Adler einft mit Sperberſchaaren
Von hier in's Land der Pprenden fahren! .
4, |
Das deuten fie auf einen Held und Führer, \
Dem viel der mindern Krieger ſich geſchaart.“ —
„er weiß,” — fprab Frau Johanna, — „ob die
Spürer '
Der Zukunft ganz geirrt! Mid duͤnkt die Fahrt
Des Adlers ſchoͤn!“ — „Meinthalben! So volführ’
j er’ —
Spricht Robert laͤchelnd — „ſie nach kuͤhner Art,
Und ſey, will's Gott, aus Dein und meinem Stamme,
Dem Herzogthum ein Licht, den Feinden Flamme!“
Sie brachen jetzt ihr ernſt Getaͤndel ab;
Gluͤckwuͤnſchend ließ der Hochzeitlaͤrm ſich bören.—
: Seitdem verfanf, wie Sonn’ in Meeresgrah,
Wie untergeh'ndes Mondliht hinter Führen,
Die bunte Ahnungswelt, Tagauf, tagab
Bing hin dieiZeit ohn eines Traum's Verſtoͤren.
Sechs Kindlein blühfen nah und nah im Lauf
Des frommen Ehbunds um Johanna auf;
Und Alle recht der Aeltern Herzensweibe !
Nur Einer nicht: Bertrand, der erfie Sohn,
Begruͤßt vor Allen doch mit fhönfter Freude!
Nun gab dafür zuruͤck er bittern Kohn.
Herrif und rauh bereits im Flügelkleide,
Wuchs täglich faft fein Zürnen, Schelten, Drohn.
Furchtbar warb er den zitternben Geſchwiſtern;
Die Diener .mieben ihn mit fcheuem Fliſtern.
41
Mas irgend Trotz und Unart nur mag heißen,
Man ſah's allfanımt in dem fehsidhr’gen Anaben.
Der Schweftern Kleidchen pflegt er zu zerreißen,
Auf feiner Brüder Steckenroß zu traben,
Was man ihm fchenfte, tobend wegzufhmeißen, —
Doch was man weigerte, das wollt? er haben;
Und einen Stock fchleppt’ er in beiden Händen,
Um rechte und links Schläg’ ohne Maaf zu ſpenden. —
Einſtmal — Herr Robert "war vom Haus
, geritten —
Saß Frau Johanna mit den Kindern allen
Beim Mahl’ in ihres großen Saales Mitten;
Nur Bertrand nicht, Der ließ fih nie gefallen,’
Was irgend Ordnung hieß und feine Sitten.
Mit beiden Händen griff er wie mit Krallen
Stets frech nad Zleifh, Semäfe, Brot und Wein,
Drum aß er längft am Kleinen Tiſch allein.
Laͤngſt hatt? er’s auch im ſtillen Trotz ertragen,
Doc heute juft erträgt er's länger nicht.
Er tritt zum Tiſch, und fagt: „muß ih Euch ingen,
Ahr jüngern Brüder? Denkt an Eure Pflicht. |
Gebt Raum! Der ziemt mir ſchon feit vielen Tagen.”
Sie ziehn fih ſtill zuruͤck, fo wie er fpricht,
Die Dintter fchweigt, und denkt mit Wohlgefallen,
Nun rege fich des edlern Geiftes Wallen.
12
Doch kaum hat unfer Bertrand Ylap’am Tiſche,
So greift er auh nad allem nur Entdecklichen;
In Eupp’ und Fleiſchbruͤh' taucht er keck die File,
Und auch Glaret und Wein mit gar exfledlichen,
Mannhaften Zügen trinft er im Gemiſche.
Stumm beben die Gefchwifter vor dei Schre@fihen ;
Die Mutter heißt ihm warnend aufzuhören, — |
Doch Meifter Bertrand laͤßt durch nichts fich ſtoͤren.
Da tuft fie drohend: „mun ſo bleib verbannt
Zum Knechtestiſch anf ftets, wie heut’ und geſtern!“
O Himmel, wie er umſchaut zornentbrannt!
Doch wagt er’s nicht, der Mutter Wort zu laftern.
Nur blos den Tiſch faßt er mit ftarfer Hand,
Und wirft ihn um auf Brüder und auf Schweitern.
Die Kleinen ſchrei'n, die Mutter mit; zuſammen
Lanft alle Welt, als fteh’ die Burg in Flammen.
Zu dieſer Stunde trat in's Schloffesthor
Vom nahen Münfter eine Klofterfran;
Sie war ein weiſes Indenkind zuvor,
Ein Arzt ihr Bater, tiefgelehrt und fchlau,
Die, Zulunft deutend and dem Sternenchor,
Dem Sonnenantlitz, dem Gewittergrau,
Und mad nur fonft noch für pröphet’ihe Zeichen
Theils donnern durch die Belt, teils heimlich
lſoleiden.
43
Die Jungfrau aber, im viel edlern Ringen
Nach hoͤherm und geheimnißvollerm Willen,
Ließ ab von all dem irdifch eiteln Dingen,
Nur dep allein, was ewig währt, befliſſen.
Da mußt’ es wohl dem treuen Much gelingen, '
Das ihr die naͤcht'gen Wollendeden riffen,
Und fie hineinfah in die Morgenfchöne,
Die Jedem zeigt, wie er ſich Bots verfühne!
Jedoch gewohnt an Denkens ernfte Mühen,
Begab fie finnenb in ein Klofter fich,
Und ließ im frommen Geifte fürberglühen
Den feel’gen Funken ftil und freubiglich-
Und was von ihres Wiffens früberm Blühen,
Sich Act bewährend, jeßt nicht von Ihr wih,
Das nupte fromm fie zu dem Hell der Kraufen,
Drum ließ man gern ihr frei des. Klofterd Schram
fen;
Damit fie nach wie vor den Sau durchwalle,
Huͤlfreich eftmal noch ehr, als man fie hat,
Ein freundlich lebenkuͤndend Bild für Alle,
Behuͤtend duß’res Gluͤck und iun’re Saat. —
So trat fie jeht auch in Johanna's Halle,
Um irgend einen heilfam frommen Rath
Borlängft ſchon von der edlen Frau beſchieden,
Und kam nun juft zurecht mit Troſt und Trieben, '
14
: Denn wie von ihrer Nähe man vernahm,
Ward ftill alsbald Geſchrei und lautes Wort,
- Und felbft den Frevler Bertrand faßte Schaam,
Daß er zurüdwih zum gewohnten Ort,
Zum Winfel, wo ihm Niemand nahe kam, .
: Saft wie ’nem Kriegefhiff in bewehrtem Port.‘
Doch Fran Johanna ließ die Tafel richten
Auf’s neu mit edlen, Eöftlichen Gerichten.
s
Die Fremde tritt herein: Ernſtgruͤßend fendet
Sie ihre dunkeln Augen durch das Zimmer.
Doch plöglih haften, wie entzüdt, geblendet
Bon unverfehnem, überreihen Schimmer,
Sie auf dem Knaben Bertrand, und es wendet —
Man ſah fo flaunend demuthvoll fie ninnmer! —
Die Klofterfran fih grüßend ihm entgegen,
Und. fpriht: „Gluͤck, holdes Kind, fei Deinen We:
gen!’ —
: Der Knabe ſtutzt. Auf's neue fühlt er wallen
Sein Blut, und hat die Faſſung ganz verloren.
Denn freilih, von der Sprache Wörtern allen
Kam's Wörtlein Hold am mindften ihm zu Ohren.
Drum ſchret er fänfteballend durch die Hallen:
„Du mad’. Di fort, und ſpaß' mit andern Thoren!
Denn wagft Du’s, irgend mir zu nah zu kommen, —
Siehſt meinen Stod ?— das fol Dir ſchoͤn bekommen!“
15
Die Nonne ftaunt mit ehrerbiet’gem Neigen
Das Tee Drdw’n des wilden Knaben at,
Und ſpricht: „o, wollt Dich gütig mir erzeigen,
Weil Demuth fiets bei Helden Huld gewann.
Den Troß, die Unart, jetzt bem Kind noch eigen,
Verzeih ih willig Frankreichs größten Mann.
Der iſt's, mein Kind, der fi in Dir bereitet,
Und adlergleich fchon geift’ge Fluͤgel ſpreitet.“
Kaum hörte im rafhen Hin: und Wieder:
eilen,
Der Speifemeifter, als er vorlaut fpridt:.
„Die Stan verfteht vieleicht ſich gut aufs. Heilen,
Jedoch aufs Prophezeih’u wohl eben nicht.
Das wär ein kluges Schidfal, auszutheilen
An diefen Bertrand Glanz und NRuhmeslicht!
Ein grill'ges Schickſal! — Nein, viel andre Gaben
‚ Bereit’! dem, dem Schlimmften aller Knaben !"
Die Nonne läht ben frechen Diener plaudern,
Und wendet fragend zu Johanna fih:
„Iſt's Ener Sohn, der dort mit troß’gem Zaubern
Im Winkel lauert Ted und wunderlich?“
Johanna feufst, und ſpricht mit bangem Schaudern:
„Die Mutter, ach, die ihn gebar, bin ich!
Doc glaub' ich, rief ihn Gott von dieſer Erden,
Nicht Gluͤcklichers koͤnnt' ihm zu Theile werben,
16 |
Sol denn ein Dorngeflecht mit Stachelzweigen
Die Blumen ftets erfiidenber umfaſſen?
Recht tief fih wurzelnd in die Erbe neigen,
Daß fie mit tieferm Weh es dann muß laſſen?
Der hoͤchſte Gdrtner, dem der Grund iſt eigen, -
Reißt doch, zu rein’gen feines Gartens Saflen,
Den Strauch einft vom erdmuͤtterlichen Herzen.
Ach kommt denn ‚bald, denn kommen müßt Ihr,
Schmerzen!“ —
Die Nonne laͤchelt ernſt. Den dunkeln Blicken
Entſtrahlt etwas, wie zartes Morgenlicht.
Sie fluͤſtert: „wann ung Gott will Frohes ſchicken,
Wir blinde Menſchen kennen's lang’ erſt nicht.
Wir ſcheu'n Gewitter, wo ſich zum Erquicken
Des Landes ringe wohlthaͤt'ger Seegen flicht.
Erſt wann die Wolke ſchwand, die ſcheinbar drohte,
Ruft man ihr banfenb nach: Preis, holder Bose!
Auch kniet man ſuchend oft auf niedern Mooſen,
Verliebt in Fruͤhlings erſte, matte Spur.
Der höh’re Zweig verhuͤllt noch feine Roſen,
Und zeigt der rauhern Luft die Dornen nur.
Doch laßt den holden Juninshauch ihn ofen,
So flammt er auf in herrliher Natur,
And Schmetterling und Lied und Mädchen tingen,
Wer fhönften Preis der Koͤnigspracht fol bringen!
47
Ein Diener war indeß herbeigefommen;;
Er trug anf goldner Schüffel einen Pfau.
Doch ſchnell hat Bertrand den ihm abgenommen, —
Nicht wie er fonft wohl pflegte: harſch und rauh, —
Kein, zierlich, wie ſich's ziemt für einen frommen,
Sittfamen Edelfucht. Der Klofterfrau
Bringt er das Prahtgeriht mit edlem Neigen,
Und fpriht: „wollt Snad’ und Huld an mir erzeigen!
Verzeiht, was ih Unart'ges angefangen! —
Wohl iſt's ein eigen Ding um das Veizeih’n,
Denn um wie fhlimm’rer Frevel ward begangen,
Bringt es dem Guͤt'gen mehr des Ruhm's noch ein.”
Dann iſt zum Scenttifh ernft er hingegangen, ,
Fuͤllt ein gefhliffnes Glas mit edlem Wein,
Bringt es der Nonn', und fpriht: „wollt mir's
\ gewähren,
Su Liebe mir dies Eine Glas zu leeren!”
Die Mutter ftaunt; fie Eennt den Sohn nicht
wieder!
Die Nonne liebkoſet ihm, und fpricht aufs neu:
„Fuͤrwahr, Du wirft ein Ritter groß und bieder,
Voll zarter Huld und edler Heldentreu.“ —
Der Kuabe winkt; fie beugt fi zu ihm nieder;
Er fläftert ihr in's Ohr mit wilder Schen: -
„Wie koͤnnt Ihr denken, daß aus mir was werde?
Mich höhnen Sucht’ an meinem eignen Heerde!“
2
18
Die Ronue ſtillt ernſtfreundlich feinen Schmerz;
Die Muster, die fein firenges Wort vernommen,
Fuͤhlt firafend es gebrungen an ihr Herz,
And Beidan ift Die Luft am Mahl benommen,
Und an gleichguͤlt'gem Kifchgefpräh und Scherz.
Sie eilen, in ein Hill Gemach zu fommen,
Und dort laͤßt zwiſchen Hoffnung, New und Graͤmen
Sich Frau Johanna Gueſclin fo vernehmen:
„Gin wunderfgmes Wort habt Ihr gefprochen,
Mein Knabe hat fih wunderfam erzeigt,
Und meines tiefften Lebens Pulfe pochen;
Doch, faß’ ich nach der Hoffnung, — fie entweicht!
Wißt, daß an Schelten, Schlagen, Draͤu'n und Pochen
Der ſchlimmſte Knabe noch nicht diefem gleicht,
Ja, daß Here Robert oft fein Haus vermeidet,
Weil's diefer ihn, fein aͤlt'ſter Sohn, verleidet!
AUnd eben der. fol — Bett! — Ihr feht mid
| zweifeln,
Dach Heli zugleich auch, dab Ihr Recht behaltet! —
Juſt eben Der, hefeflen wie von Teufeln,
Er foll es fepn, der unfer Hans gefaltet |
Zu zeiner Herglileit 3” — Die Augen: trdufeln
Der fanften Frau, Be ihre Hande faltel,
Und ſeufzt: „er bringt mir tauſend bittre Wehen; —
Mit Gott Wenn's ihm zum Hoil uur mag geſchehen!“
19
Zugleich gedenft fie. an das Traumgeficht,
Das ihr. das Kaͤſtchen mit den. Steinen wies,
Gie Fündet es der Kloſterfrau. Die ſpricht:
„Der Kieſel, der fo wenig erft verhieß,
Und Demant ward voll wunderbarften Licht,
Das iſt der Sohn, den man beinah verſtieß,
Und den Ihr ſorgſam glätten müßt und begen,
Damit ex leuchte’ als der Geſchwiſter Segen.“
Dann Tündet fie noch von den Undern allen,
Den Knaben und den Mädchen, die zum heil
Hellblühend ſchon um Frau Johanna wallen,
Theils erſt entſprießen aus der Zukunft Heil.
Doch dieſe leichtern Dinge laß' ich fallen;
Uns drangt des Bertrand Heldenlauf zur Eil;
Auch ſprach nochmals die Nonne: „‚forgt genau
Fuͤr Euern Demantkiefel, edle Frau!
Ihr werdet's thun! She Habt den rechten
Sinn.
Den haltet feſt, ſo kann es Euch nicht fehlen,” —
Dann ſcheidet ſie, und zieht zu Andern hin,
Die huͤlfsbeduͤrftig ſchon die Stunden zaͤhlen.
Und Frau Johanna eilt, als Hausherrin
Den Dienern und den Zofen zu befehlen,
Daß Jedes kuͤnftighin mit Wort und Neigen
Dem Bertrand mild und hold ſich ſoll bezeigen.
2*
—
20
un
Ä
Das gab zu Anfang in dem Schloß ein Stannen,
Ein Zweifeln! Jeder flüfterte: „wie nun? |
ent wird er wie ein Kobold erft rafaunen,
Und ſich mit aller Unart guͤtlich thun.
Bor feinem Poltern, Schlagen und Pofaunen
Auf Pfeif und Schlüffel wird nun Niemand ruh n!⸗
Wer etwas furchtſam war, dacht' ohne Saͤumen
Nur lieber Schloß Broon alsbald zu räumen, —
Ihr kennt das Lied, das uns ein edler Meiſter
Vor Jahren ſchon in goldne Saiten ſang
Von Oberon, dem freundlichſten der Geiſter, —
und wie vor ihm ein thoͤr'ges Grau'n bezwang
Den muth'gen Scherasmin, dem immer dreifter
Das Herz fonft ſchlug in größrer Nöthen Drang.
Umfonft rief Oberon: „o fomm zurüde,
Huͤon! Du fliepft? Du fliehſt vor Deinem Gluͤcke!“
Knapp Scherasmin rip Ritter Huͤon's Roß
Gewaltſam mit in toller Angſt am Zuͤgel,
Bis Oberon zuletzt im Zorn ergoß
Blitz, Sturm und Regen über Thal und Hügel,
Und erft die milde Fruͤhlingshuld erſchloß,
Als jene Flucht geſenkt die muͤden Flügel, —
So reißt man oft den edelzarten Sinn
Durch Trotz und Scheu zum wilden Grimm erſt
hin.
21
Doch wo man nicht mehr flieh’nd ihn Tann er:
bittern,
Und fo, gezwungen ruhig, fih ihm naht,
Da keimen Sonnenlichter aus Gewittern,
Und Grüße hold und lieb aus zorn’ger That.
Kaum ließ vor Bertrand nach das thör’ge Zittern,
Der ſcheue Trotz, gezähmt durch weifern Rath,
So fah man wie verwandelt auch den Knaben
Im Kranze blüh’n von taufend fchönen Gaben, -
Man fragte fich erftaunt: „tft bag ber Graͤuliche,
Bor dem die andern Kinder al?’ entliefen ?
Der Nedende, der immerbar Abfcheuliche,
Vor dem nicht Pferd noh Hund in Ruhe ſchliefen? -
Jetzt hilft er allerwärte, der Holde, Treuliche,
Noch eh’ Beduͤrft'ge nur um Huͤlf' ihn riefen,
Und weiß mit Rath und Gruß und Beifallniden "
Jedweden bei der Arbeit zu erquicken!“
Die Mutter felbft muß fih verwundert fragen:
„Iſt das mein Bertrand, oder ift er's nicht?
Sonft über ihn von allen Seiten Klagen!
Sept Lob um Alles, was er thut und ſpricht!“ —
Ju dieſen höchft erfiaunenswärd’gen Tagen
Kam nad erfüllter Lehn- und Ritterpflicht
Froh font, nur trüb’ um feines. Bertrand Sitten,
Herr Robert heim nah Schloß Broon geritten.
%
22
Kaum grüßt er nur des Burghof alte Linden,
So fpringt ein edler Knab', als hatt? er Flügel,
Hernieder von ded Wendelſteig's Gewinden,
Und hält dem Hausherrn fittig ernft den Bügel.!
„Die Mutter und die Schweitern könnt Ihr fin:
den’ —
So fpriht er — „In der Burg oͤſtlichem Flügel,
Mo all die Lieben fehr nah Euch fi fehnen,
Oftmal die Augen feucht von holden Thraͤnen.“
Herr Robert fat, — und ſtammelt faſt —
und ſpricht:
„Wie? Traͤum' ich? Biſt denn Du mein aͤlt'ſter
Sohn?“ —
„Die Ehre hab’ ich, Herr; Ihe irrt Euch nicht.“ —
„Du Bertrand?“ — „Herr, ſo heiß' ich lange
— | u fhon.
Nur leider, oft vergeffend meiner Pflicht,
Verdient’ ih nie der Vaterliebe Lohn,
Do jetzt bin ich ein Andrer ganz geworden:
Einſt — ho ih — Bier dem ritterlichen Orden!““
Roc immer Kann Here Mebert fih nicht
faflen;
Da tritt Johanna frohbewegt herand,
Und-fpriche ihm zu: „der Gram ift und erlaffen,
Die Arende nimmt Befig von diefem Haus,
[4
23
Weit mehr als da, mo jubelnd Deine Saſſen
Uns heimgeleiteten vom Hochzeitſchmaus.
Seitdem. ging Die Dein dlt’fter Sohn verloren;
Jetzt haft Du ihn, jegt ift er new geboren!’
Und fo num führt fie mit erfteutem Koſen
Ihn in der andern holden Kinder Kreis,
Und was die Nonne ſprach von niedern Mtoefen,
Wo Bluͤthen gleich der Bli zu finden weiß,
Und von verhuͤllten, wunderhohen Rofen, —
Sie hat’s im Sinn bewahrt mit treüem Steig,
Und Fünder’s ihrem Herten, Ihm froͤhlich ſchmeichelnb,
Ind ihres Bertrand’s wilde Leuten ſtreichelud.
Die frohe Wahrheit dringt mit frohen Schrecken
In Ritter Robert’ hohe Seele ein.
Er füßt den Sohn, den immer muth'gen, kecken,
Und der nun bald und lieblich auch will fein;
Er ruft: „o Du, wie fpdt mußr? ich entbecken
AU Deinen Werth, Da ſcharfer Demantitein t
Nun fei fortan ed auch mein liebſtes Trachten,
Did, jedes trüben Fleckes zu eutnachten!“
‚And ehriam Hat Here Robert Wort gefallen.
Nicht nur des Roffebänd’gend eble Zietr,
Den Schwerkfhieb und ber Streiturt kraͤft'ges Spalten,
Den Lanzenſtoß in. Eruſtkampf und Turnier, —
24
Nein, auch der beiten Feldherr'n hohes Walten!
Non Aſia bis zum heimifhen Revier
Wußt' er als reihe Saat zufünft’ger Ehren:
Den fühnlih edlen Zögling treu zu lehren. -
Wohl waren’s fhöne Stunden, wenn der Held
Den kuͤnft'gen Helden lehrte, fih zu fhirmen,
Dem väterlihen Hieb, zum Stoß gefellt,
Das Schild als feſte Wehr emporzuthärmen,
Dann wieder raſch, daß Helm und Klinge gellt,
Den tranten Gegner heftig zu beſtuͤrmen,
Dann auf der fand’gen Neitbahn vor dem Schloffe,
Su tunmeln bald, zu zähmen bald die Roſſe;
Doch fhöner war die ftille Abendftunde,
Wo, angeftrahlt vom traulihen Kamin, R
. Der Vater feinem Sohn die ernfte Kunde -
Der tapfern Vorwelt ließ voräberzieh’n.
Wie hing der Schüler an des Lehrers Munde,
Doch auch wie fah der Lehrer froh auf ihn,
Wenn klar der junge Seldherr’ngeift in Lichtern,
Aufftieg vor alten Heldenangefihtern: .
Jetzt, kuͤhn rechtfertigend das rafhe Wagen
Des Alexander! Jetzt voll edlem Zorn.
Um Zerres matt: unköniglihes Sagen!
Sept trunken von bem heif’gen Todesborn
25
Der Sparter, bei Thermopplä erſchlagen,
Und doch in weicher Bruft den Schmerzensborn,
Daß man fie dort fo einfam ließ erfterben,
Wo fie nur Tod, nicht Sieg mehr Fonnten erben!
Dann gab er wohl fih in ein fitt’ges Streiten
Mit feines viterlihen Meifters Rath, |
und ſchlug bald vor, die Schaaren ſo zu leiten,
Bald fo: zu höh’rer, glüfbegabt’rer Chat.
Das Elang denn zwar wie Kinderfpiel zu Zeiten,
Doch oft war ihm: ein gröffrer Geift genaht,
Und Vater Robert dachte ftillverfchwiegen;
„Wirſt, junger Aar, mich Alten überfliegen !.
O ſeel'ge Ahnung, Du für eble Herzen,
Die fidrf’re Nachwelt überflügl’ ung weit,
Wie wandelt Du in Jubel alle Schmerzen,
Du Vorbild himmliſcher Unfterblichkeit,
Wo laut'res Gold erwacht aus dunfeln Erzen,
Die- fi der ew’ge Bergmann hat geweih’t,
Laß Du auch uns im finftern Erdenwallen
Dft Deinen Lichtbli in die Seele fallen! —
Ein großer Ahn, ſtatt traͤg' und zu begrängen,
Winkt ernft herab: „weit mehr als ich noch thu? 1
Drum eile Jeder ftets mit fhönern Kraͤnzen
Den früher fchön befränzten Vätern zu!
26
Laßt über jedem Heldengrab erglänzen
Weir Höh’ren Steg and mild’re Friedensruh!
So werben volle Sarben aus der Halmen,
So kraͤnzen all' uns ew’ge Siegespalmen!
Erlaͤuterungen
sum erſten Geſange.
Seite 4: .
„Das hoffte javom Jüngling frän®
{hen Blutes u. f. w.
Ergriffen von der frommen Ritterherrlichkeit, die
ſich in dem Kumpfe der Helden aus der ſogenann⸗
ten Dendee offenbart, ſchenkte ber felige General
Graf, von Blow :Dennewig an der Spiße feines
Dffiziercorps im Jahre 1315 der Wittwe des Herrn
von Lescure und in zweiter Ehe von Larochejaquelin
ein ſchoͤnes Crucifix und zwei Altarleuchter, dem noch
unmändigen Sohne des Herrn von Larochejaquelin
aber ein pracht = und ſinnvolles Schwerbt nach der
Idee und Zeichnung des genialen Geheimerath
Schinkel. Die Beſchreibung dieſes Kunſtwerkes
mag hier eine Stelle finden.
27
"Den kreuzfoͤrmigen Griff ſchmuͤcken Lilien, oben
am Knopf eine Königsfrone, zu beiden Geiten der
Parirftange zwei Adler; in deren Mitte ein Schild
mit dem Erzengel Michael, dem Drachenfieger, —
als Schutzpatron Frankreichs, und ald Symbol
des Guten, wie ed das Böfe bezwingt, fiber:
haupt, Am obern Ende der Scheide fieht
man zwei Nitter, fih vor Altar und Evange—
lienbuch verbündend, über ihnen die Taubengeſtalt
des heiligen Geiftes, Dann folgt eine franzoͤſi ſche
Inſchrift, dann die Jungfrau von Orleans, dann
zwei Lilienſchilder. Auf der Nüdfeite der Scheide,
ber Jungfrau gegenüber, der heilige Ludwig, und
die oberwaͤhnte Infchrift deutih. Sie heißt: „Ge⸗
weiht von den Offizieren der preußifhen Armee
Heinrich de la Rochejaquelin, dem Sohn Ludwigs
de la Rocheiaguelin, dem Neffen Heinrichs de In
Rochejaquelin und Ludwigs de Lescure.“ — Möchte
diefe Erinnerung dazu Beittagen Finnen, den Me:
moiren der Fran von Larochejaquelin über den
Vendeefrieg — diefen Achten Zundgruben aͤchter
Sefinnung gegen Gott und Menſchen, wie auch
friegrifher und politifher Weisheit — recht viele
Leſer zu verſchaffen!
23
Geite 5:
„Weil ja aus Dein und meinen
Stammbaumzmweigen
Die Kamen Montfaucon und Affe
fteigen.
Das vorzüglich diefer Darftellung zum Grunde
gelegte Werk mit Namen:
„Histoire de Bertrand du Guesclin, Connestable
de France et des royaumes de Leon, de Castille,
_ de Cordoue, et de Seville, Duc de Malines,
Comte de Longuewvilles etc. composede nouvelle-
ment, et domde au public avec plusieurs Pieces
originales touchant la presente Histoire,- celle
de France et d’Espagne de ce temps lä, et par-
ticulierement de Bretagne. Par Messire P. H.
Seigneur D. C. A Paris 1766.
fagt in der Genealogie des Hauſes Du sGuefelin
©..278: |
„AII se trouve une Agnes Du- Guesclin maride
dans bancienne Maison d’Asse pais du Maine à
Hubert d’Asse en 1340. J’en ay veu les actes,
mais on ne sgait de qui cette Agnes etoit ällle,
peut-estre estoit-elle soeur da Connestable:
Dr’elle et de son mary est issu par succession
“ de temps Messire Charles d’Asse aujourdhuy
Seigneur de Montfaucon et mary de Dame
Renee de Godden.“
29
Sn des Dichters Stammbaum findet ſich folgende
Stelle: \
Guillaume de la Motte Fouqud, Chevalier
Seigneur de la Motte et des Chastellanies de.
Monifaucon, d’Asse et de Ballon, passa une
Transaction avec Robin Seigneur de Sille, le
Mecredy d’apres le Dimanche que bon chanie
: Reminiscere de Yan 155%. On croit que west
ce Guillaume qui epousa Balonne: de Mont-
faucon.
Noch im 3. Gliede von da an, im Jahre 1424,
zeigen fih die Namen Montfaucon und Affe.
in dem Stamme der La Motte Kougue, und
da zu jener Zeit beinah fo wenig Güterhandel unter
Edelleuten ftatt fand, als unter Fuͤrſten — höchfteng
finden fi wirkliche Abtretungen von Lehen und Be-
fisthümern um Geldhülfen in der Familie felbft, —
fo wird es einleuchtend, daß eine Verwandtſchaft
zwifhen den Häufern Du-Gueſclin und La Motte
Fonque Teatt finden mußte. Zwar war die erſte
bretagniſchen, die zweite normannifchen Urſprunges,
doch heiratheten bekanntlich die Familien beider
Provinzen häufig herüber und hinüber. In einer—
ih glaube durch Ludwig XIV. befohlnen — bre:
tagniſchen Adeldunterfuchung wurden auch die La
Motte Fouque’s ale dorthingehörig in Betracht ge:
zogen und in ihren Würden beftdtigt, .
30
Eine genaue Nachweiſung war hier wohl un:
umgänglih, wenn ich nicht meine Freude an jener
Verwandtſchaft zurädhalten wollte. Das wollte ich
aber nicht. Wo mein lieber, mir auf Erden fehr
befreundeter Vater Stilling voranging, darf Unfer:
eins fchon unbedentlih nahgehn. Was diefer von
feinen Ahnen erzählt, Liest ſich am beften im
Stilling’s Jugend felbft nad, einem der hol:
beiten und reinften Büchlein, das unfte Spree
kennt.
Seite 5:
„Fragt ſelbſt die Franken“ u. ſ. w.
Siehe unter Andern das Werk des Herrn von
Montloſier, sur la monarchie francoise, welches
Adam Müller durch geiftreiche Auszüge in feinen
Staatöanzeigen den deutſchen Volitifern in der
Hauptſache bekannt gemacht hat! —
. Der Vollftändigfeit wegen mag hier die ganze
Prophezeihung der Nonne aus dem obenangeführten
Werte, ©- 6 u. 7, ſtehen, wovon das Gedicht nur
einen Theil aufnehmen Fonnte:
„La religieuse lui repondit - que cette boöte,
dans la quelle elle eroyait voir les portraits de
son mary et d’elle, representoit leur Maison, et
que les pierreries, dont la boöte etoit environnee,
!
31 .
pouvoient s’expliquer de leurs enfans, et ainsigne
le diamant brut, qui Iny avoit semble etre devenu
si merveilleux, signihoit son fils aisne, qu’elle
verroit un jour Grand et Illustre, si elle prenoit
soin de son education; que par les autres dia-
mans elle pouvoit se promettre trois autres fils
de grand merite, mais non pas autant que leur
frere; quelle auroit trois filles marides, qui luy
etoient designdes par les trois emeraudes, le
verd estsnt la couleur de Venus, la Plauette des
„Amours; quwelles vivroient dans Je mariage avec
une puret& pareille à Ja purete de ces pierres
precieuses ; qu’enfin les trois perles luy devpient
faire esperer trois aufres filles, qui ne seroient
point marides; et que la perle, quelle croyoit
avoir perdu&, signifiait, quelle verroit mouxir
une de ses filles; que pour luy dire en un mot
ge qui se pouvait pressentir du petit Bertrand,“
u. s. w.
‘Denn bier wieberhoft ber Ehroniſt mit ſtan⸗
zoͤſiſcher Redſeligkeit, was er bie Nonne fihon Elu⸗
mal ſagen ließ, und was auch das Gedicht ausge⸗
ſarochen hat. — Die Weiſſagung ward an- allen
Kindern erfuͤllt, ober viellelcht auch nach ben ſpaͤtern
Ereigniſſen arſt von der Sage ſelbſt genauer aus⸗
gebildet, |
32
Bertrand Du-Gueſclin.
Zweiter Gefang.
Fin Kinderglaube fpriht: „der Negenbogen
Stemmt irgendwo fih auf den Baden feft,
Und wem ein günft’ges Gluͤck iſt fo gewogen,
Daß die gefeite Stel ihn's finden läßt,
Der fieht dort eine Schüflel, ſchwergewogen
Aus lauterm Gold, wie eines Kaifers Feſt
Sich bei der Krönung ihrer dürfte ſchaͤmen,
Und darf fie keck mit fih nah Haufe nehmen!“
Wohl mehr ſchon, denn Ein Paar von Heinen
Süßen
Iſt nach der Schüffel frifh Hinausgerannt,
Gefpornt vom Hoffen, Gluͤck nun werde grüßen
Ganz nah, ganz nah, dort hinter'm Hügelrand.
Kind, Den ereilft Du! Doc den Glanz zerfließen
Siehft Du zugleich, fiehft fern ihn fortgebannt,
Und weiter geht's mit Suchen und Nichtfinden,
Bis Tag und Hoffnung Die in Naht ver
ſchwinden.
33
D Bild Du aller Wuͤnſche dieſes Lebens,
Des Wahn's, man find' ein voll Genuͤgen hier,
Des ſtets betrog’nen, ſtets erneuten Strebens
Nach ew’ger Luft auf wellendem Revier! —
Un jedem Ziel, o Menſch, ja tönt: „Vergebens!“
Entgegen ein raſtloſes Echo Dir! —
And) Robert ſah nach wen'ger Jahre Stunden
Die Luft an feinem Bertrand nen entſchwunden.
Denn wie das Kind zum Fräft’gen Knaben reifte,
Und fi anf feine wachſend frifhe Kraft,
Mehr auf fein Fühnes Herz noch, muthig fteifte,
Genuͤgt' ihm nicht mehr Spruch und Wiſſenſchaft.
Was ſich in ihm von Rriegsgefchichten haͤufte,
Das wollt’ er proben, wie man’s felber ſchafft
Aus eignem Sinn, mit eigner tapfrer Handlung,
In des Geſchick's buntwechfelnder Verwandlung.
Da rief er aus Gehoͤften, Haͤuſern, Huͤtten,
Und wo man irgend muntre Knaben fand
Bon kraͤft'ger Art und ungezaͤhmten Sitten,
Sich eine Schaar heraus auf WieP und Land.
Nach Kriegsgeſetz ward dorten raſch geftritten,
Auf Mawr und Deichwall nahm mean feiten
Stand, |
Und traf in offnem Schlahtiturm aneinander:
Darius fonft wer, Bertrand Mlerander.:
3
3
Zu Anfang galt das für ein art’ges Spiel,
Daran fi wohl Herr Robert felbften freute;
. Doch weil zu hart oft der Bezwungne fiel,
Verrenkten Arm, gebroch'nes Bein zur Beute,
So feßte man dem Heldenfampf ein Biel,
Und Alexanders kuͤhnes Heer zerſtreute
Ein Machtgebot, das Ritter Gueſclin ſprach; —
Die Perſerkoͤn'ge ließen willig nach.
Die hatten ohnehin an all den Tagen
Noch keinen heitern Siegeskranz erſtrebt,
Und nichts ja ſaͤttigt ehr, als Niederlagen;
Doch nie hat Kampf ein Sieger g'nug erlebt.
Drum, trotzend dem Verbot mit kuͤhnem Wagen,
Ein Herz im Buſen, das vor nichts. erbebt,
Und nichts als feine Fechterluft erwägend,
Zieht Alexander: Bertrand durch die Gegend,
Und wo er Knaben feiner Band’ erblickt, —
Wie viel fie diter, größer mögen fein, —
| Gr laͤßt nicht nah: Hohn und Ausfordrung
[hide
So lang’ er auf den Gegner wüthig ein,
Bis er Darius wird, und kampfumſtrict
Aufs new vor Alexander fällt. Mit Schrei’n |
Kam dann. Darius beim im matten Lauf, . ., -
und Klag’ auf Klage drang zur Burg hinauf. .
35
Des wedie oft Herrn Mobertd Zorn und
Schelten,
Und Frau Johanna ſeufzt im bangen Muth:
„Man traͤgt noch einſt den Bertrand mit zerſpellten
Gliedmaßen her, bedeckt mit eignem Blut!
Was möcht’ uns dann die Weiſſagung noch gelten,
Die mir im Herzen hoffuungsarhmend ruht,
Die Weilfagung von Friegerifh hoben Bahnen! —
Nie fah man Krüppel je mit Seldherrnfahnen! —
Wie? Oder ſpraͤche bie Verheißung Lüge?
Die Wahrheit drin nur wie verftrent zum Hohn?
Sind dies vielleicht ſchon Bertrand's Heldenzüge?
Der Bauernfnaben Lob fein Feldherrnlohn? —
Ach, die Hiftorien melden, oft beträge
Prophetenkunſt mit falſchem Gluͤck and Droh'n,
Und wiſſe Spiel in Ernſt uns zu verruͤcken,
Und Ernſt in Spiel auf luft'ger Zukunft Bruͤcken!
Drum, o mein Ehherr, band’ge mir den Kuaben,
Daß er. von diefen ſchlechten Kämpfen laſſe,
Und mit den hohen , gottverlich’nen Gaben
Ein hohes Ziel in's Adlerauge falle!” —
Here Robert fpriht: „Bewährung ſollſt Du haben,
Dafern ich felbft den eignen Stamm nicht haſſe!“ —
Und ein entlesnee Zimmer weiſt er an
Dem: wilden Sohn, und ſpricht mit ſtrengem Bann:
3" *
38
Wo kaum noch übern Wald die Thürme tagen
Bon Schloß Broon, traf aus dem edlen Haug
Er einen Knecht, zwei Stuten vor dem Wagen,
Und rief: „ſpann Eine von den Beiden aug!
Die fol noch heut mid bis nach Rennes tragen.”
Laut lacht der Knecht: „gibt's dort etwa ’nen
u Schmans?
Da werbet Ihr recht ſchoͤn Parade machen
Auf diefem Gaul, dem rauhen, magern, ſchwachen!
Seht nur! Eiy Stridlein prangtanZaumes Statt!
Er ftampft den Grund mit unbeihlag’nen Hufen,
Und wird nah jedem kurzen Trab fo matt,
Als kloͤmm' er auf des Doms zu Vannes Stufen,
Ih fag’s Euch im voraus: des Reitens fatt,
Muͤßt Ihr nah hundert Schritten ſchon mich rufen,
Daß ich nur von dem Karr'nvieh Euch befreie!“ —
„Was da! Der Ritter gibt dem Roß die Weihe;
Richt umgekehrt! — Ein mattgeherster Tropf
Auf ſchoͤnem Roſſe fporut es nur zum Zliehen,
Und auf ’nem Gaul mit einem Ochfenkopf
Kann Ylerander fo die Welt durchziehen,
Daß in den Staub bricht hoher Feinde Schopf, -
Und goldumfrönte Fürften von ihm knleen!“ —
„Mein junger Herr, Ihr ſprecht mir zu gelehrt!
Ihr machtet wohl ’nen Stier zum Ritteryferd!“
39
Der Yüngling läßt den Spötter ſich nicht irren.
Er ſchwingt fi rüftig auf, und trabt von binnen,
Daß um den Eilenden die Lüfte fchwirren.
Saft ward, ald künde was den dumpfen Sinnen‘
Des Thier’s, einft würden Siegerwaffen klirren
Um feinen Reiter, und den Preis gewinnen
Muß’ er vor vielfach edlen Kriegerhaufen,
Wo's gilt, die Bahn des Ruhmes zu durchlaufen. —
_ So haben endlich Reiter benn und Roß
Das Biel erreicht, wo ſich bei Rennes dicht
In Ehren hebt das ritterlihe Schloß
Bon Bertrand’ Oheim. Schon verfanf das Licht
Der Sonn’ im Strom, der nah vorüberfloß.
Am Burgthor ſaß mit freundlichem Geficht
Die Hausfrau unter zwei uralten Linden,
Und ſah den wohlverfebten Tag entfhwinden,
Wie nun der Ritter und bad Roß fi nahen, —
Eie bitte faſt von Herzen drob gelacht.
Doc zwingt fie fih, ben Fremden zu empfahen
Mit fitt’gem Gruß, aufs Gaſtrecht fromm bedacht. —
Er neigt fih. — Wie? Das wir ihre Neffe? —
Sahen
Denn ihre Augen recht? — Hat gar die Nacht
Getaͤuſcht ſie mit der Vorhut luft'ger Traͤume? —
Was, oder ſchatten allzutief die Baͤume? —
49
Nein, nein, fie ſieht den Bertrand, ihren Neffen,
Auf ſtrickgezaͤumtem, halbverdorrtem Thier,
Das nur die Roßgeſtalt fcheint nachzuaͤffen,
Den Juͤngling felber ohne Schmud und Bier; —
Doch er fpringt ab, und ſpricht: „Euch anzutreffen
Iſt mir ein Heil! Find’ ih den Oheim bier 2
Und kuͤßt die Hand ihr zierlich unbefangen,
As - mir? juft nichts Beſondres vorgegangen.
Die edle Fran ſucht erft umfonft nah Worten;
Drauf fpriht fie: „ſeyd gegrüßt, und kommt in's
| Hu 5
Zwar meinen Ehheren findet Ihr nicht dorten; —
Der zog feit geftern fort auf einen Schmaus; —
Doch gaſtlich öffnen fih für Euch die Pforten,
Ruht von der ungewohnten Fahrt Euch ang,
Und dann’ — fie ſchweigt; doch meint fie ftilbefonnen.:
Dann geht's zuruͤck, von wo Ihr feid entronnen!“
Der Knabe weiß fo ziemlich Elar zu deuten,
Wohin dies „dann und dies Verſtummen zielt,
Und denkt bei fih: „klug that, auch bei gefcheuten:
Weib’sbildern manchmal, wer ſich ſtumm verbielt.
Bon Ehrenfahen fpricht ſich's nur mit Leuten,
Die gleihe Luft und gleihen Drang gefühlt.
Der Dheim wird je bald zuruͤck wohl kehren!
Der foll mir helfen, und mich treu belehren.” —
4
Und fiehe, fein Vertrau'n betrog ihn nit! —
Zwar Taum noch war der Burgherr heimgekommen,
Sp bat alsbalb auch, wie in Eid und Pflicht,
Die Burgfrau dmfig ihn beifeit genommen.
Da hieß es: „ben®, was Nachbars Nachbar fpricht!
Den® , wie den Aeltern ift das Herz beklommen!“
Und: „ſchick' ihn heim zu Roß mit guten Sachen!“ —
Der Ritter lat, und fagt: „laß mich nur machen!"
Zugleich doch kuͤßt er zierlih ihre Hand,
Und fpriht nach höflich alter Ritterweiſe:
„Verzeiht! Ihe wißt, wie fittig und galant
Ich fonft mich füg’, und wie Ihr fanft und leife
Mid treuen Sclaven führt am Roſenband.
Nur diefen Knappen bier und feine Reife, —
Laßt, bitt’ Euch, das einmal für mich allein.” —
Sie lächelt fanft. Es wird zum Ja Ihr Nein,
Da geht er mild heraus zum fluͤcht'gen Neffen,
Und fpriht: ‚mein Freund, wenn mic nicht Alles
trügt,
So eilet Ihr, mich ſchuell hier anzutreffen,
Weil auf der Bruft Euch was fehr laftend wiegt.
Heraus damit! Gab es vielleicht ein Treffen
Mit nem. Kameraden, der nun bintig liegt?” —
Da Eindet Bertrand alle die Geſchichten;
Der Oheim ſpricht: „wohl gut! Wir wollen’d
1F ſchlichten!“
—
und einen Boten ſprengt er ſchnell von hlunen
Nach Schloß Broon, mit Nachricht, wie's hier geht,
Und mit der Bitte: „ſeid um fein Entrinnen
Nicht allzubös! Ich bin es, der Euch fleht,
Sch Euer Bruder! Laßt mir mein Beginnen
Mit ihm, der fhon in meinem Schutze fteht!
Einft hof’. ich, gut und ftark ihn heimzuſenden!“ —
Da ließ Ihn Robert gern fo treuen Händen,
Und wieder fah num Bertrand heifte Tage
In Sitt’ und Huld und edler Trefflichkeit.
Nie hoͤrte man um ihn die mind'ſte Klage;
Fromm pries ihn Jeder, artig und geſcheit.
Doc; ach, das iſt des Erdenlebens Plage,
Daß ſolch ein Kranz nur felten lang' gedeiht) —
Einft, Sonntag's, hält ein Ningerfpiel bie Stadt, —
D Bertrand, büte gut Dein Lorbeerblatt!
‚Nun freilich, ſo was — denkt er —muß man
ſchauen!“
Er bittet gleich die Tant' auch um Vergunſt;
(Der Ohm war fern); die will ſo ganz nicht trauen,
Und denkt: „erblickt er erſt die wilde Kunſt,
So flammt gewiß zu unferm Schted und Grauen
Im Herzen ihm dei Kampfluſt Feuerbrunſt!“
Drum fpricht fie: „nein! Heut’ iſt dazu fein Tag.
Du folgft zur Stadt mir in die Meſſe nad.”
oo. 43
Er neigt fi und verfiummt. Ihr nachgeritten
Iſt er ganz folgſam bis zum heil’gen Bau.
Dort hebt vom Zelter er.mit zarten Sitten,
Wie's dem Stallmeifter ziemt, die eble Fran.
Doch kaum nur Eniet fie in des Domes Mitten,
So lodt binaus ihn Luft und Himmelblau,
Lockt ihn vom Markt herüber freud’ges Klingen,
Geſchrei, Muſik, — „o Gott,” ruft er, „Te, riu⸗
sen!”
Da ift kein Halten mehr bei dem Entzuͤndeten;
Er renut, ale haͤtt er Flügel an den Sohlen,
Als ob fih Flamm' und Sturm in ihm verbündeten,
Und gaͤlt's, ein Königreich ale Preis zu holen! —
Inſt kam er an, da Ruf und Klang vertündeten,
Ein Ringer, — den man jeßt, ſich zu erholen,
Mit ftolzer Haltung auf und ab fah Ichreiten, —
Zwölf Gegner'n hab’ er obgefiegt im Streiten;
Und jetzt fol?’ er den Kampfespreis erlangen. —
Es war ein Kerl von ſtaͤmm'gen Gliebern, groß,
Mit Eraufem Hauptgelod, rothbrannen Wangen,
Den nerv’gen Arm big zu der Achfel bloß,
Und tuͤcht'ge Beulen drauf, wohl ſchon empfangen
Im frühern Fauſtgefecht auf Hieb und Stoß, —
Kurz: Dichte Bertrand König Alexander's,
Er fuchte fih zum Gegner wohl wen Anders!
44
Und der Zufchauer wunderlih Gewimmel, —
Auch das juft reiste. nit zum Ehrenkampf! —
Der nagt an einer Krufte, weiß vom Schlinmel,
Der fiſcht fih Bruͤh' aus des Garkeffeld Dampf, —
Dazwiſchen mehrt ihr Jubeln das Getuͤmmel,
Und Zauft und Fuß hanthieren wie im Krampf,
Und hin und wieber tönen brüM’nde Klagen:
„Will ſich denn heut’ fein derber Kerl mehr fchlagen 2°
O D junger Nitterfohn, Du edler Held,
Der künftig Frankreichs, Spaniens, Englands Graͤnzen,
Europa ganz mit feinem Preis durhhellt, —
‚ Hier willſt Du, bien, auf biefer Bühne glänzen? —
Ad, mand ein edler Sinn, auf Ruhm geftellt,
Verſah ſich ſchon im Biel, wie in den Kränzen! —
Raſch tritt der FJüngling vorwärts in den Kreis,
Und fpricht zum Gegner: „wahrt Euch, Herr, mit
u Fleiß! | '
Den hoben Sieg, die Goͤttin edler Seelen,
Gebunden ſchon in Euern ſtarken Arm,
Sie, bie.wir Swei mit gleiher Gluth erwählen,
Beſtreitet ECuch mein Herz, von Hoffnung warm.
Mag Euch, mag mir die Siegserfüllung fehlen,
Doc fol mit nichten bittrer Taͤuſchung Harm
Den reinen Einn zu ſchwarzem Groll entzünden,
Nein, Siegers Ruhm froh der Beſiegte kuͤnden!“
48
Der Bauer ſtarrt ihn an voll dumpfem Hohn,
Und lacht: „was thu' ich mit den Sonntagsworten?
Zwölf ungeheure Kerle warfihfchon!
Nun kommt ein fechzehnidhr’ger Vurſch, mit Borten
Recht blank gepußt, weiß nicht einmal zu drohn,
Wie ſich's doch ziemt an ſolchen Infl’geu Orten, :
Mein art’ger Herr, laßt ab von Nev’renzieren;
Packt tühtig an! Denn fonft muͤßt Ihr verlieren "—
Da, wie ein Schleier, faͤllt's von Bertrand's
Ä | Blie,
Faͤllt's von dem hoben, flammenglüh’nden Seit, —
Gr, hoffend auf ein edles Ritterſtuͤck,
Sieht rings von rohem Volke fih umtreift,
Das, barrend auf ein niedres Kampfgeſchick,
Mit ſchmutz'gen Fingern fpottend nach ihm weift, —
Nun kommt, jedoch, zu fpdt nun kommt bie Reue; —
Traͤt' er zuräd, man hielt's für bange Scheue.
So will er ſchnell den ſchlechten Kampf’ beenden,
Und greift eutſchloſſen feinen Gegner an.
Der padt ihn berb mit feinen rief gen Händen,
Den zarten Jängling der baumftarfe Mann!
. Doch Bertrand im ringfertig rafchen Wenden -
Bohrt, wie er ſtreng' und ſtark nur immer kann,
Die rechte Fauſt der linten Seit’ ihm ein,
Und fhlingt’ um’s veht? ihm feſt fein linkes Bein,
_46
Dem Feind' entgeht davor ber Othem faft,
Und auch die Neberrafhung macht ihn wanken
Ob dem fo unverfeh’nd gewalt’gen Gaft.
Er ringt umfonft, — im preffenden Umranfen
Wirft Bertrand auf den Grund die riefge Laſt,
Und ſtuͤrzt draufhin. Rings jubelt’s um die Schran:
ken:
„Der große Hans, der maͤchtge Rieſe, liegt!
Ein Juͤnkerlein, ein Kind bat ihn beſiegt!“
Der Sieger ſchweigt befhämt. Cr hofft alsbald,
Aufraffend fi, dem Zuruf zu entweichen,
Doc als er fiel, ftieß er mit Machtgewalt
Sein Knie an einen Stein, und zuckend ſtreichen
Die Schmerzen durch ihn bin; gezwungnes Halt
Macht er, und kann nur muͤhſam fürder fchleichen,
Und finkt zuledt, und heimwärts mit Bedauern
Auf einer Bahre tragen ihn vier Bauern,
Kobpreifend und beflagend folgt die Menge,
Stets wachfend, weil der Ruf zu mächtig ſprach;
Und Bertrand fließt den Blid vor dem Gebränge,
- Und fühlt ſich übergoffen wie mit Schmadh,
Und wink: nach der und jener Straßenenge
Die Tedger bin; allein der Sug fommt nach;
Der Triumphator wider feinen Willen
Kann nicht den Jubel ber Bewundrer ſtillen.
.⸗
„#7
Sum Gluͤck, daß feinem Ohm ein Haus gehörte
Im Zirf der Stadt! Dort barg er fich hinein.
Doch obihn nun der Anblid nicht mehr förte .
Bon feiner neuen Gönner buntem Reih'n,
Doch bis in's Innre der Gemaͤcher hörte
Noch ſtets von außen er das maͤcht'ge Schrei'n.
Und wie das Volt nun endlich heimwaͤrts rannte,
Kam neues Leid! Es kam die ernfte Tante,
Die ſprach: „mein Here von Du: Guefchn, als
Ritter
Gar feltuer Art, mit Gegnern felt’ner Bier,
Um einen Siegeskranz von edlem Slitter ,
Habt Ihr gekämpft im heutigen Turnier!
Den Reigen, der nun folgt, — nur das ift bitter —
Das ſchoͤne Feſt bei Eider, Moft und Bier, —
Das, ach, entbehrt der Held im Siegeskranze,
Und Damen harr'n umſonſt auf ihn bei'm Tanze!
Wie ſchoͤn, wenn aus Broon der aͤlt'ſte Erbe
Aufriefe nun die kreiſchend hellen Geigen,
Und — ſehr bemuͤht, daß er ihr nichts verderbe
Vom Sonntagsputz — die Magd aufzoͤg' im Reigen,
Die morgen zum fiſchhandelnden Gewerbe
Sich wieder ruͤſtig auf dem Markt wird zeigen,
Und ihn dann anruft, wenn im Roſſestrab
Vorbei er fliegt: kauf, Holder, mir was ab!
8 __
Vielleicht auch, daß ein bruͤderlich Verftehen
Ihn mit dem ndchften Aderfnecht vereint!
Vielleicht ſogar,“ — es winkt. Die Thränen ftehen
Ihm heil im Blick; bie Züge, halbverfteint,
Sie ſprechen's aus, wie faft er will vergehen
In bitter'm Sram! — Die Tante fhweigt und weint, -
Und fagt zuletzt: „mild möcht? id gern Dir raten!
Doc ach, wo find’ ich Bürgfchaft beifrer Thaten?
Wie oft bereuend haft Du ſchon begonnen
Den edlern Lauf! Erfreulich zogſt Du fort,
Doc eb’ man ſich's verfah, war fhon verronnen
Hoffnung in Schaum, wie Wellen vor bem Port." —
Bertrand ftemmt fi) empor. Gleich hellen Sonnen
Leuchten die Augen ihm. „Ihr habt mein Wort!“
So fpricht er laut; ‚‚noch hab’ ich's nie gegeben;
Sept geb’ ich's Euch: ich führ’ ein andres Leben?!
Ich wid — ich will aus allen treuen Kräften
Sernhalten mir, was niedrig iſt und roh,
Ich will die Spiele, die mid) truͤg'riſch äfften,
Verweilen aus der Bruft, will ſtark und froh
Nachringen ernften, rühmlihen Gefchdfften,
Den Ruhm einholen, ber bis heut mich floh, —
Ich will" — bie Tante: zweifelt wohl noch fort,
WIN ſprechen, — doch er fpriht: „Ihr habt mein
. . ort!‘
49
Ste fhweist, vor feinem Ernſt beinah erſchrocken;
Doch als hinzu er fügt: „auch weiß ih Den,
Der fürberhilft, wo Menfchenfräfte ftoden;
In Seinem Schutze will die Bahn ich gehn!”
Da ruft fie freudig: „auf nur unerfchroden,
Mein Juͤngling, auf! Die Siegestränzge weh’!
Du haft ben rehten Helfer aufgefunden.
Wer Dem vertraut, der bleibt unüberwunden I.’
Bertrand on: Gueſclin.
Dritter Gefang.
Ein edles Ehrenwort haſt Du gegeben,
Mein Du: Onefelin, und gabſt Dich ſelbſt dabei
In rechten Schuß! Heil Die nun, junges Leben,
Das, von ben Schlingen wilder Thorheit frei,
Berganringt mit gewaltigfihem Streben!
Heil Dir, Du ſchoͤner, hellentbluͤh'ter Mat,
Durch den ein goldner Sommer wird verkündet,
Ein Herbft, von edler Fruͤchte Gluth durch⸗ “
A, zündet! —
Und noch in dieſes Jahreslenzen Gruͤn
Schmuͤckt Burg Broon ſich wie mit Siegee:
äweigen, '
Und Vater Robert's Heldenaugen glüh’n,
Und Frau Johanna's Dankgebete fteigen
Zu Gott empor. Denn fittig, fromm und Eühn,
Begruͤßt von der Vafallen heiterm Reigen,
Und jeder Makel von ihm abgefallen,
Kehrt Bertrand heim in feiner Väter Hallen.
51
Empfangen warb bes Tünglinge edle Neue
Mit edlem, liebentzüundetem Vertrau'n.
Ein hohes Roß vol Muth's und. ftolger Treue
Gab Robert ihn, ließ oft bewaffnet (dawn
Den Juͤngling, wie fih Rittermuth erneue
Bei Uebungsfämpfen in ‚Bretagne’s Gawn;
Kur bat er alle Herr'n und edle Saffen
Noch nicht in Kampf mit ihm fich einzulaſſen.
Wohl ſchlug des Knappen Herz fehr unge:
- duldig,
Doch blieb er fromm und ſtill am Heimathsort.
Nie macht’ er fih des Fluchens fürder ſchuldig,
Kein Menfh vernahm von ihm ein grobes Wort;
Den Armen war er liebevoll und buldig,
Gab oft fogar die eignen Kleider fort,
Wenn Geld und Gut ihm ausgegangen par;
So lebt? er unverweislih an zwei Jahr.
: Auer wie der fhönfte Morgen ein Gewitter,
Wohl ſammelt ſchon an feines Aufgang’s Chor,
Noch freud’ger zu erfrifhen das Geflitter
Der Blumen und der bufl’gen Blüthen Flor,
Es fliegen oft auch unſrem kuͤnft'gen Ritter
Die kuͤnft'gen Schlachten ahnungshell empor,
Und ſehnend ſeufzt' er vor dem geiſt'gen Spiegel:
„D meine Heldenjghre, ſchafft Euch Flügel!" —
4 %
52
Um biefe Zeit war rings ein Kranz entfproffen
Bon fhönen Feften im Bretagnerland.
Dem edlen Karl von Blois als Ehsenoffen
Gab jüngft Bretagne’s Grbin ihre Hand.
Kur Einer blieb — ihr Ohm — fern und ver
droffen,
Bol Ehrgeiz nah dem Herzoghut entbrannt,
Ihm eigen, meint’ er, nahen Erbrechts wegen.
Johann, Graf Montfort war's, ber tapfre Degen.
Wir hören wohl noch öfter von ihm fprechen,
Und wie er fpäter für fein Anrecht ftritt.
Jetzt mag er grübeln oder zornig zechen; —
Wir wenden ung auf einen heitern Ritt,
Nah Rennes auf ein edles Lanzenbrechen, —
Gewiß, da zieht ein Jeder freudig mit,
Bretagne’s Ritter im Turnier zu ſchauen,
Sum Preis der Herzogin und aller Frauen!
Ah wie fo gern war’ Einer mitgezogen!
Knapp’ Bertrand, mein’ ich. Doch fein Baterfprad :
„Dem Geiſt nach wirft für folhe Kampfeswogen
Du ſtark genug ; doch nicht den Jahren nad.
Manch edles Reis ward nicht zum Stanım erzogen,
Weil früher Sturm die junge Kraft ihm brach;
Dafür ift Deine Zukunft mir au theuer.“
Der Janglins ſchweigt; doch Wang’ und Blick find
euer.
53
Und kaum nur 309 der Ritter fort vom Schloffe,
So kann der Knapp’ die Luft nicht unterdrüden,
„Nie. werd ih,” — fenfst er, — „Vater, Dein
®enofte !
Doch ſchau'n Dich muß ih auf der Ehre Bruͤcken!“
Er fragt nad) feinem ritterlihen Roſſe, —
Das war, fammt allen, um den Zug zu fhmüden,
Nah Rennes fort, — Da greift mit troß’gem Muthe
Er aus der Koppel eine Mutterftute;
Und frabt den Weg nad Rennes fchnell von
binnen,
Und ficht auch bald die weitberuhmte Stabt
Im Sonnengold aufftreden ihre Binnen;
Doch wird ihm da ſchier fein Vertrauen matt,
Und thoͤricht fcheint ihm felber fein Beginnen.
Erwägend, was fhon hier verlegt ihn hat,
Sieht er auf fih, Roß, Kleid und andre Sachen,
Und ſeufzt: „ach Bott, man wird mic fehr verlachen!
Doch thu' fein Beftes nur an mir im Spotte
Der Hobel! Nimmer kommt's fo arg gewiß,
Als da in felber Stadt die niedre Motte
Mit Ihlehtem Lob den Namen mir zerriß!
Da — wie um's Licht herſchwirrt die graue Motte,
Und fhmeichelnd es verhält in Finſterniß —
Die Menge mih umwob als ihres Gleichen,
Und nun und nimmer wollte von mir weichen!”
S
54
[1 ' .
Er feufzt, und reitet in die Gaflen ein, -
Und hört es Faum, daB Mancher höhnend fraͤgt:
„er mag der wunderblanfe Ritter feyn?
Moher das fchlanfe Streitroß, das ihn träge 2’! —
Nur ald er halt in andrer Knappen Reih'n,
Und atıh bei Denen Spott und Hohn fich rest,
Da war — aus wundem Herzen aufgerungen —
Ihm eine Thraͤn' in's Adleraug? gebrungen.
Doch Viele Fannten ihn; bei Jung’ und Alten
War er geehrt fhon in der Nachbarſchaft;
Die hießen glei die Spötter inne halten,
Laut rühmend feine Tugend, Mid’ und Kraft.
. Auch war fehr bald zu leuchtendern Geftalten
Des Sinappenvölfleins Iuft’ger Sinn entrafft.
Die fah auch Bertrand in den Schranken funfeln,
Und fühlte, ah! nun erft fih recht im Dunkeln.
O filberhelles Bligen von ben Ringen
Der Harniſche! O goldner Helme Zier, .
Gethuͤrmt mit Straußenfhmud, mit Adlerfhwir
gen!
Und hochher wal’nd manch' flatterndes Panier !
9, der Trompete muthbefenernd Klingen !
Und ach, ein füßes, blühendes Revier
Bon holden Frauenblumen auf Balkonen, |
Bereit, mit ſuͤßem Gruß den Sieg zu lohnen! —
55,
„Warum“ — denkt Bertrand — ‚man mir's
nicht gewaͤhrte,
Hier auch zu pruͤfen meinen jungen Muth
Als andrer Knappen froͤhlicher Gefaͤhrte, —
Ad) lieber Gott, nun merk' ich's allzugut!
Mein Vater weiß, — obzwar ich nichts entbehrte
An Kraft wohl und Geſchick und Fühnem Muth, —
Daß man hier auch fol hübfch fein vor den Frauen, —
Und ich bin nur ſehr haͤßlich anzuſchauen!“ —
Das trübe Wort, — es ift nun ausgeſprochen,
Ihr Holden Frau'n! — Schön war mein Ber:
trand nicht! —
Die Schultern allzubrelt „zu ſtark die Knochen,
Zu kurz der Hals, und braun das Angeſicht,
Die ſchwarzen Locken wild, wie ſturmzerbrochen
Sich Alt und Zweig im Tannenforſt durchflicht; —
Und ach, von ſolchem ungeſchmuͤckten Helden
Darf Euer Saͤnger That und Spruch Euch melden? —
Wenn Ihr wollt Zartes, Schönes nur erbliden,
Wer tadelt drum Euch lieblihes Geſchlecht,
Ausſtrahlend aller Welt ein füß Erquicken,
ind heifhend gleihe holde Gab’ als Recht!
Jedoch nicht weilt Ihr mit den füßen Biden
Nur auf dem irdiſch blum'gen Kranzgeflecht;
Ihr liebt au, oft fie Himmelan zu wenben, .
Oft fpah’nd in Geiſt und Seele fie zu fenden!
56
Und Heil, da findet Ihr In dunkeln Schachten
Bei meinem Bertrand lautres Edelgold!
Zudem — Ihr kennt fein ruhmbegehrend Schmachten,
"Und feine Sitten, freundlich jeßt und hold.
Da könnt Ihr den Unfhönen nicht misachten;
Ich weiß, daß Ihr ihm Huld und Gluͤckwunſch zollt,
ie fpäter, da ihm feine Kampfesiaaten
Entblüheten, die Schönen Frankreichs thaten! —
O ſeht, wie ſtill er gluͤht! Wie ſchwillt ihm
bange |
Die Bruſt nach ferngeglaubten Chrenwegen! —
Da aus den Schranken, nah mand kuͤhnem Gange,
Wendet erfchöpft fi ab ein tapfrer Degen.
Dem Bertrand ahnt’s, was nur fein Herz verlange, -
Er dürf an's Herz es diefem Ritter legen;
Er läuft, ald Der zu der Herberge zieht,
Ihm eilig nach, tritt zu ihm ein, und Eniet;
Und fpriht: „fo Iaffe Gottes Huld gelingen
Euch manche That,. gleih Euern heut’gen Thaten,
- Sn allen fhönen ritterlihen Dingen,
Als Ihr mi jet in Hulden moͤgt berathen!
Meſſire, es muß mein Herz mir noch zerfpringen,
Wenn Ihr nicht helft! Wie Schußgenoffen baten
Zu Helden jemals, fleh' ih: gebt mir Waffen!
Gebt mirein Pferd, mir Ruhm und Sieg au fhaffen!"
57
Der Ritter laͤchelt, forfht nach. Bertrand’s
Namen,
Und wie er den vernommen, fpricht er ſchnell:
„Wohlauf, Du Blüthenreis aus edlem Saamen,
Gern Dich begruͤß' ich als Dein Wehrgefell.
Zeuch bin zur Ehre Gottes und der Damen!’
Drauf holt er eine Rüftung ſilberhell,
Und wafinet, ihn zur Chrenfahrt zu fenben,
Den.Freudezitternden mit eignen Händen,
Und ſchon hat einen feurig edlen Rappen
Sur feinen Schügling er fih auserwählt:
Den bringen teichgefattelt jeßt die Knappen,
Und Bertrand, der die Augenblicke zaͤhlt,
Sigtauf, und fprengt hinaus. Nicht Farb’ und Wappen
Biert feinen Harniſch, aber blankgeſtaͤhlt,
Und angefprüht von Himmels Strahlenbronne,
Scheint er in taufend Schimmern lauter Sonne.
Kaum zeigtder Held fihanden Schraufenbrettern,
So winkt ein edler Ritter: „„Eimpfen wir?‘
Bertrand bejaht's, und die Trompeten ſchmettern,
Die Yaufe rollt. Blitzhell in blanker Gier .
Sieht man dad edle Paar zufammenmettern; —
Gewandt faßt Bertrand’s Lanze das Viſier
Des Gegners; wirft den Helm ihm ab zur Erde, —
Dann rennt den Mann er nieder fammt dem Pferde.
58
Todt Ing dad Rob, und ohnmachtſtarr der
Reiter;
Zwar ſchlug er bald die Augen wieder auf,
Und wollte gleich, ein froͤhlich kuͤhner Streiter,
Den Unfall beſſern im erneuten Lauf.
Doc half aud da fein Glädftern ihm nicht weiter;
Daſſelb' erfuhr er um denfelben Kauf. |
Da eilt Herr Robert, fein Turniergefelle,
Daß er dem Fremden fih zuͤm Kampf geſtelle.
Ja, Bertrand ſah fih gegenuͤber halten
Den Vater auf betretner Ruhmesbahn,
und alle feine Lebendgeifter walten
- Bor dem Gedanken, Sieg bier zu empfah'n, —
Vom beiten Ritter Sieg! — Doc Lichtgeftalten,
Unfihtbar, wehrten feinem eitlen Wahn.
Er Hält, und fenkt ben Speer, und neigt das Haupt,
Tief, daB den Helmbuſch Saub der Bahn umflaubt.
Daß gab ein fragend Flüftern in der Menge;
Die edlen Frauen blidten ſtaunend drein.
Der andern Kämpfer rühmliches Gepränge
Ging faft verloren um bie Zwei allein,
„Wie, da zum Angriff hall'n Trompetentlänge,
Winkt jeher Fühn erprobte Fremdling: Nein? .
Wohl freilich mag auch Tapfern, wo nicht Schreden,
Doch Scheu’ der Name Du⸗Gueſclin erweden !" —
59
— —
Prophetiſch Wort, halbwahr nur jetzt zu nennen,
Mie wirft im Lauf der ernfien Zeit Du wahr,
Wenns „Buefelin!” tönt, und ale Herzen
brennen
In Frankreichs trieggeübter Waffenſchaar,
Wenn Land von Land umſonſt die Berge trennen,
Weil über Pprenden fleugt der Aar,
Bretagne’ Aar! — D laß Dich wieder zügeln,
Mein Lied! Zu kuͤhn ſchlaͤgſt Du mit beiden Flügeln!
Der Zukunft goͤnn' ihr dunkelheil'ges Necht,
und ſchwebe froh jeßt auf der Rennbahn Mitten,
80 rafher fih entflammt das Spielgefecht,
Und Mann auf Mann im wadern Lauf beftritten
Mit Eräft’gem Stoß ben fremden Edelknecht.
Doch Mann auf Mann hat er vom Roß geritten,
Daß ſechszehnmal der Ruf des Herolds fliegt
Durch's Ehrenfeld: „der Abentheurer ſiegt!“
„Der Abentheurer ſiegt!“ ſo fluͤſtert's wieder
Aus manchem wunderholden Roſenmunde;
Manch Paar von ſchoͤnen Augen ſchaut hernieder,
Und forſcht umſonſt von ihm nach naͤherer Kunde, —
Da fiand ein Ritter, weitberähmt und bieder,
Ein Normand, tändelnd in der Frauen Runde,
Und fah von dem Balfon mit flolzer Ruh
Dem Spiel, d'rin faft zu oft er fieste, zu.
IL. |
An den nun wendet fih mand zarte Bluͤthe
Mit holder Neubegier und füßen DVitten,
Daß er dem Abentheurer Kampf entbiete,
Ihn raſch enthelmend in der Rennbahn Mitten.
Und gleih iſt nach altritterliher Guͤte
Der Norniand zu den Schranken eingeritten,
um abermal in offner Bahn die Ehren
Der fpeerberühmten Normandie zu mehren.
Bretagne! Normandie! Zwei tapfre Streiter
Habt Ihr werteifernd jetzt Euch aufgeſtellt! —
Das Spiel beginnt. Der Damen Bote, heiter
Und kuͤhngewandt, trifft unſern jungen Held
An das Viſir. Der ſitzt, als wackrer Reiter
Im Sattel feſt, obwohl fein Helm ihm faͤllt,
Und im Vorbeilauf — Sieger ſtatt Erlegner! —
Faßt mit dem linken Arm er feinen Gegner;
Faßt ihn, und reift ihn im gewalt’gen
Schwingen
Hoch aus dem Sattel, hält ihn an fih feſt,
Daß dem im Roffeslauf die Waffen Elingen,
Die Bruft, kaum athmend, fih zufammenpreßt,
Bis da, von wo der Sieger zu dem Ringen
Ausritt, er ihn zu Boden fallen läßt. —
Laut halt der Jubel! Preis und Ruhm und Seegen
Tönt dem enthelmten Jüngling froh entgegen.
61
gder Preis iſt fein!" — So rufen und ſo
rinnen
Die Stimmen all⸗ einttächtig ineinander.
Die Kampfaustheilerin mit weifen Sinnen,
Die leuchtend, wie einft Hero dem Leander,
Den Preis hält für das ſtuͤrmiſche Beginnen,
Winkt, Bertrand, Dir! — O Du, einſt Alerander
Im wuͤſten Spiel, wie ſteigt nun edle Wahrheit
Dir ſtrahlend auf in morgenheller Klarheit!
Und p, wie ſchlug dag Herz Robert dem Ritter
Und Vater vor dem Sohnesangefigt!
Ihm fließen Thränen, wonnevoll und bitter;
Denn um der fruͤhern Strenge herbe Pflicht
Schilt er ſich ſelbſt. Doch froh ermannt nun tritt er
Mit Bertrand hin, wo ein inngfraͤulich Licht
Ein koͤſtlich Ringlein aus fhneeweißen Händen
Dem jungen Sieger bat als Preis zu fpenden.
Sie neigt mit guͤt'gem Wort ſich zu ihm nieder,
Dem Knuieenden, und reichet ihm das Pfand. |
Er ſpricht: „wir mein bie Kunft der füßen Lieber,
Wohl priep ih Euch durch mand ein fernes Land!
Jetzt nehmt fürlieb damit, daß treu und bieder
Ein Kämpfer hist für Euch ben Ehrenftand, "
As er fih nun erhoben, ruft entzuͤckt
Der Bater, der an feine Bruſt ibn beit: |
62
„Wohlauf, wohlen, Du iunges Reis der Ehren!
Wohlauf, mein eignes, hochgeliebtes Blut!
Wo's gilt, Die Deinen fhönen Ruhm zu mehren,
Theil? ich hinfort mein Leben Dir und Gut!“
Der Züngling dankt. Doch Herz und Sinne kehren
Sich ihm zu Dem, in deſſen heil'ger Hut
Allein fich läßt ein guter Lauf vollenden.
„Laßt, fpriht er, „uns sum Dom bie Schritte
wenden !“.
Es neigt der Nater fih; fie gehn mitfammen,
Die ganze Nitterfchaft folgt ihnen nad,
Sich frenend, daß vom Baum, aus dem fie ſtammen,
Ans Licht fo wunderhelle Blüthe brach.
Die Glocken läuten, alle Herzen flammen,
Das Volk Iduft zu. Wohl iſt's ein Feiertag,
Wenn einem Land, für Zeiten groß und fern,
Aufgeht ein junger, freud’ger Heldenftern!
hr Auaben, die Ihr jubelnd ihn umlarmet,
Sollt einſt noch ſiegen unter ſeinen Fahnen!
Ihr Maͤgdlein, die mit Blumen ihn umſchwaͤrmet,
Um Euch zieht kuͤnftig er ſchutzkraͤft'ge Bahnen,
Und wo Ihr ald Hausmätter dann Euch haͤrmet
In Krieg und Noth, da darf man nur End mahnen
Yu Dur: Suefclin, den fchirmenden Befreier,
Und Alles Jächelt, wie zur Sonntagsfeier! —
63
Sept hat fein Danten und fein frommes Ziehen
Bollendet er vor beiligem Altar, |
Und ſpricht: „nun muß auch dem fein Recht ge:
fheben,
Der hold mir als fihtbarer Helfer war!”
Zur Herberg’ eilt er, — und die Kraͤnze wehen
Ihm nad, ihm folgt die edle Jubelſchaar,
(Weit anders, als nach jenem frübern Ringen!)
um Danf dem edlen Ritter darzubringen;
Dem Ritter, der mit Roß und Harniſch Ihn
Als Seinesgleihen auf die Rennbahn fandte,
Der als ein treuer Lehnsherr ihn belich’n,
Des Spottes Nahtdämonen von ibm bannte!
Aufs neu fiehbt Der den Füngling vor fi Enien;
Doch nun ald Fleh’nder nicht, ale der Geſandte
Bon großer künft’ger Zeit, die ihren Helden
Danfbar dem Freunde fit, fih anzumelden!
Das war ein Grüßen und ein Benveniten!
Die Menge rief voll heitern Jubels drein.
Wohl finnt mein Bertrand ftill : „faſt möcht? ich zieren
Des Meilters Hand mit diefem Ningesftein,
Den mir naͤchſt Gott im rühmlichen Turnieren
Nur einzig konnte feine Huld verleih'n!“ —
Doc gleich erröthend denkt der Edelknabe:
Verfhenten Du von Damenband bie Gabe?"
N
6...
Und drängt zuruͤck den thörichten Gedanken,
Sndem er mit gefeßtem Ernfte ſpricht:
„Heut, edler Herr, galt's nur in bunten Schranken
Ein heitres Spiel, ein holdes Traumgeſicht;
Doch einft, wann Feindesfhaaren vor mir wanfen,
Mein Arm durch fefter Städte Mauern bricht,
Klingt’, hoff’ ih, Euer werth und Eurer Ahnen,
Daß Ihr für mich erfchloßt des Ruhmes Bahnen!“ —
Und dennoch iſt Dein Ram’ in Nacht verfunfen,
Du frommer Ritter, hülfreih edler Held! —
O wie von eitlem- Wahn doch ift man frunfen,
Wenn man auf Nachruhm feine Hoffnung ftellt!
Wir fliegen bin und wieder, einzle Funken;
Der glänzt und lifht! Der dammert, und erhellt,
Den rechten Zunder fallend, ferne Zeiten! —
Sorgt nit! Auh das laßt von dem Einen
leiten! —
Sept wimmelt froh um unfern Held dad Leben
In morgenfrifhen Kenzed bunten Schimmern.
Beim reihgefhmüdten Abendtanz umgeben
Gluͤckwuͤnſchend ihn in Ferzenhellen Zimmern
Die Ritter, Herrn und Bürger al’. Süß weben
Die Frau’n ein zartes Netz aus Blumenflimmern ;
Die herzoglihen Neuvermählten zeigen
Dem Juͤngling Huld mit edlem Wort und Neigen.
|
5
Die Pauken wirbeln, die Tronipeten Elingen
Hinein mit fröhlich friegerifchen Grüßen,
Daß, während fie den heitern Tanz beſchwingen,
Und, wie auf Fitt’gen, auf den leichten Füßen
Die Jugend fhwebt im zierlichen Umſchlingen,
Aus kuͤhnen Herzen Wunſch und Ahnung ſprießen:
„Ihr Toͤne, bald, wie jetzt Ihr lieblich ſchallet,
Duft Krieg! Ihr Banner an den Mauern: wallet!“
Erläuterungen
sum Dritten Geſaunge.
Eeite Ba:
„Da blieb ein Einz'ger fern nur und
verdroffen,
Bol Ehrgeiz nach dem Herzogshut
entbrannt,
Ihm eigen, meint er, nahen Erb
recht's wegen;
Johann, Graf Montfort, war’s, der
tapfre Degen."
. Die Streitface — als Wurzel der nachfolgen⸗
hen , 22 Jahre dauernden Kriege einer hiſtoriſchen
5
66
Uuselnanderfehung wirdig — verhielt fi ch folgen⸗
dergeſtalt:
Artus der Zweite, Herzog von Bretagne,
war zweimal verheirathet geweſen: in erſter Ehe
mit Marie, Erbin der Vicomte von Limoges, von
welcher er zwei Söhne hatte, ndmlih Johann, der
ihn unter dem Namen Johann der Dritte im
Herzogthume folgte, und Guy, Graf von Pen:
thievre, der als einziges Kind eine Tochter, Na:
mens Johanna, zugenannt die Hinfende, im
Jahre 1319 erzeugte, und felbft im Jahre 1330
ftarb, Der dritte Sohn des Herzog Artus, Peter,
ftarb unverheirathet.
In zweiter Che vermählte fih Herzog Artus
mit Yolande, Gräfin von Montfort, ehedem dem
König von Schottland verlobt, welches Verhaͤltniß
aber aus unbekannten Gründen zurüdgegangen
war. Diefe gebar ihm einen Eohn und fünf
Töchter. Der Sohn hieß Johann von Bre:
tagne, Grafvon Montfort, Chegemahl der
mannigfach gefeierten Heldin Johanna, Tochter
des Grafen Ludwig von Flandern,
Jener Johann der Dritte, zubenannt der
gute Herzog, nah dreimaliger Verheirathung
kinderlos und der Hoffnung auf Leibeserben ent-
fagend, lebhaft wünfhend, feine Unterthanen vor
dem Unheil eines Erbfolgekriegs zu behuͤten, fcheute
67
den Fühnen Geift feines Stiefbruders Johann von
Montfort, und mehr faft noch den Muth der ihm
vermählten Heldin Johanna. Er wußte, daß diefe
Beiden gefährlihe Dinge vorbereiteten, während -
die nähere Erbin, feines wirklichen Bruderd Guy
verwaifete Tochter, Johanna die Hinkende, jung,
erfahrungslos und ohne Anhalt daftand, weshalb er
ihr noch bei feinen Lebzeiten in einem tapfern und
mächtigen Chemann einen Befchüßer geben wollte.
Nah mannigfabem Erwaͤgen — es warben
viele in = und auslaͤndiſche Herren um die reiche
Erbin — fiel die Wahl auf Karl von Chaſt'llon,
genannt von Blois, Grafen von Guyfe. Cr war
ein ritterliher Kriegsheld, und hatte außerdem
als Neffe des Königs von Frankreich einen maͤch⸗
tigen Ruͤckhalt. Auch war er — durch die erſte
Heirath des Herzogs Johann mit einer Prinzeſſin
von Valois — ein Verwandter des dazumal ſchon
von der Krone Frankreich abhaͤngigen Herzoghauſes
Bretagne. |
Diefer Vortheile ungeachtet, war feine Derlo:
bung mit der Erbin Sohanna den bretanifhen
Herren und Ständen — vermuthlic weil fie lieber
einen Landsmann zum Fürften haben wollten —
anfänglih nicht erwuͤnſcht. Da bezeigte Herzog
Johann Luft, dem König von Frankreich die Bre:
taͤgne zu uͤbergeben, und dagegen Orleans anzu:
5
Pr
nehmen fammt großen Leibrenten. Nach ihrer.
pricht widerſetzten fih bie Barone des Herzogs
thums öffentlich einem Vertrage, ber bie Weber:
pleibfel der Unabhaͤngigkeit ihres Vaterlandes gaͤnz⸗
lich vernichte, und ſo willigten fie lieber in. So:
hanna's Heirath mit Karl yon Blois, worauf es
guc vielleicht gleich bei der ganzen Verhandlung
mochte abgefehen gewefen fein. Die Vermählung
ward vor verfommelten Ständen im Jahre 1338:
heſchloſſen, und die Hochzeit vollzogen, mit der Ve⸗
dingung, daß Karl Namen, Feldruf und Wappen
des Herzogthums Bretagne annehme; dann ſolle er
auf des kinderloſen Herzogs Todesfall durch das
Erbrecht feiner Frau als Nachfolger eintreten, fuͤr
welchen Anſpruch ihm alsbald die vornehmſten
Herren des Reiches huldigten.
—
Seite 55:
„Hier auch zu prüfen meinenjungen
I Muth
Als andrer Knappen froͤhlicher ©e-
Käber in feiner mit reichem Fleiße ausgeſtat⸗
teten Weberfegung von %g Curne de Sainte Palaye's
Schrift über das Ritterweſen bed Mittelalters
69
fagt im zweiten Bande S. 131., nachdem et be
merkt bat, ein Knappe babe ehedem weder zum
Uebungs⸗ noch Ernſtkampf einen Ritter herausfor⸗
bern dürfen:
„Dem fei nun wie. ihm wolle, fo verloren
doch ‚die Mitter frühzeitig viele der Vorrechte,
die ihnen fo viele Vortheile und Vorzüge vor ben
Knapen“ — (denn fo pflegt er aus einer geil:
lenhaften Eigeuheit flatt des noch heut zu Tage
im Muͤhlengewerk und bei'm Bergbau lebendi⸗
gen: Knappe zu fhreiben) — „verfchafft hatten.
Sie erlaubten unter.andern feit dem 14ten Jahr:
Yundert, daß diefe fih in den Turnieren und
Wettkaͤmpfen unter fie mifhen durften.” —
In einer Anmerkung, S. 133, fügt er hinzu:
„So viel Deutſchland ‚betrifft, iſt es gewiß,
daß nicht bloß der wirklihe Ritter, ſondern
jeder Ritterbärtige, folglih auch der hohe
and niedere Adel ohne Unterfchied, in die Tur⸗
nierſchranken eingelaffen ward, wenn er vier
Ahnen beweifen konnte, und fih durch Feine _
ſchlechte Handlung verächtlih gemacht hatte.”
Nach eben diefen Grundfägen verfährt in unſrer
Geſchichte der Ritter, welcher fpdterhin dem Ber⸗
stand Roß und Waffen zum Turniere leiht. Auch
bat Niemand, als Bertrand erkannt wird, etwas
dawider, Daß der Edelknabe mitgefämpft und fogar
70
den Preis gewonnen hat. Seit der Zeit, daß bie
‚Ritter deu Knappen eine ſolche Gemeinfhaft ver:
gönnten, finden wir ale natärlihe Folge mindern
Eifer, den Ritterfchlag zu erhalten, wie denn auch
in den franzoͤſiſchen Stammbdumen von ba an ber
Beiſatz Chevalier, der fruͤherhin nicht leicht fehlte,
febr oft in Ecuper verwandelt erfheint. Selbſt
anfer Du-Gueſclin erhielt, wie wir fpäterbin ſehn
werden, erft in männlichen Jahren bie Ritter⸗
würde, als er ſchon längft durch mannigfache Fühne
und fhöne Thaten berühmt Mar.
Eeite 57: ,
„Gewandt faft Bertrand’s Lanze
das Bifir
Des Gegners, wirft ben Helmihm
ab zur Erde,—"
Um dieſes — das auserlefenfte Stüd der Zur:
nierkunſt — möglih zu machen, befeftigte man,
wie und der Verf. unfres zum Grunde liegenden
Werkes (S. oben) ©. 10. lehrt, den Helm bei den
feierlihen Lanzenrennen nicht, und Jeder hatte ihn
alfo anf andere Weile zu hüten, fo gut er konnte.
U}
1
Eeite 60
Derfpeerberähmten Normandie” —
Es ift von allen Chroniften der Nitterzeit an:
erkannt, daß die Ritter der Normandie unter allen
Kittern Franfreihs die beften Turnierer waren,
und wiederum erfannte man, bis ihr Ritterthum
zu verfallen anfing, die Franzoſen für die beften
Lanzenreiter in Europa an. in in Deutichland
durch drei franzöflfhe Nitter erfiegter Turnierdant
und der Ausgang faft aller Speerkaͤmpfe zu Roß —
wir werden auch in unfres Bertrands Geſchichte
viele diefer Art erbliden — legen Zeugniß für bie
Wahrheit Diefer Anfiht ab. Warum es feitbem an:
ders geworden iſt? — Es gäbe Stoff zu einer in⸗
tereffanten Abhandlung; aber auch aus dem ein:
fahren Factum lieft der Aufmerffame wohl ſchon
die Antwort.
Seite 60:
„Und im Vorbeilauf — Sieger ſtatt
Erlegner! —
Faßt mit dem linken Arm er ſeinen
Gegner;“
Man ritt naͤmlich im Turnieren ſo aufeinander
los, daB man fich gegenſeitig hart links vorbeikam.
EEE U
Mir jepige SKavalleriften, mit leichter Lanze,
Schwert oder Säbel bewaffnet, reiten einander,
wenn wir die Wahl haben, rechts vorbei, um
den Arm zu beweglihem Stoß oder Hieb frei und
vom Pferdekopf ungehindert zu erhalten, Bei dem
feft eingelegten Nitterfpeer aber ift es ein andres
Ding. Der ward auf eine an der rechten Kürad:
bruſt befindliche Vorrihtung mit der Handhabe an:
geftemmt, wodurch er erft die gehörige Feftigfeit
erhielt, zugleich aber auch eine Richtung nad linke,
und eine gewifle Unbeweglichkeit, welche die Gewalt
feiner Wirkung vom Stoß des Pferdelaufes und vom
Seftligen des — fih hinten gegen die fogenannte
deutſche Sattelpaufge, vorn. mit vorgeftredten
Süßen in die Bügel ftemmenden— Reiters abhängig
machte. Die Bruft ward natürlich gleichfalls vor:
gelegt, wobei fih aber von felbft verſteht, daß
man zum Schwerterkampf eine SKampfesftellung,
unfrer gegenwärtigen dhnlih, annahm.
Ein aufmerkfamer und kampfeskundiger Lefer
fragt vielleiht; „wo ließ denn Bertrand feinen
Schild, ald er feinen Gegner mit dem linken Arme
faßte?“ — Beim Turnieren, erwiedre ih, be:
diente man ſich vermuthlih der Schilde niemals,
fondern ließ fie an den Schranken oder Balkonen
hängen, wo fie zugleich zur Prüfung der Waffen:
Inndigen dienen mochten, Diele alte Bilder und
73
Zurniergefhichten ſprechen für diefe Meinung, wie
auch der ganze Charakter dieſes Kampfes. Weber:
haupt war der Schild zum Tußgefechte brauchbarer,
zu Pferde meiſt hinderlich. — Die Lanzenrenner
auf Leben und Ted in der Dreddner Ruͤſtrammer
haben ftatt der Schilde hölzerne, am Harnifh fo
befefligte Vorrichtungen, daß fie die linke Fauſt
zum Zügelführen ganz frei laſſen.
741
Bertrand Du-Gueſclin.
Vierter Geſang.
Was Du, o Menſch, in Deines Buſens Tiefen
Fuͤr Wuͤnſche hegſt, wie ſittſam, edel, rein,
Als ſie noch aller Welt verborgen ſchliefen, —
Nimm Dich in Acht; — bald kann es anders fein!
Kaum, daß au's Licht fie günft’ge Sterne riefen,
So greift das Leben rauhvermwirrend ein.
Du kennſt die einft Gehegten nicht mehr wieder,
Und drüdteft gern fie in's Vergeſſen nieder!
Nach Einem nur fei unbedingtes Sehnen,
Se mächtiger, je fhöner, Dir entbrannt:
Nach dem Erwachen, wo all Deine Thraͤnen
Abtrocknen wird die ew’ge Vaterhand,
Wo — hinter Dir verfunken Traum und Wähnen! —
Aufgeht vor Dir das ew'ge Heimathland.
Wunſch, zur Erfüllung durch Gott felbft befiegelt,
Und durch Erfüllung endlos überflügelt! —
»
75
Du einzd’ger Wunſch! — In Wundereigen⸗
ſchaften
Bewaͤhrend Dich als goͤttlich abgeſtammt, —
Wie ſelten kannſt Du in der Seele haften,
Weil ſie mit eitlen Wuͤnſchen ſich umrammt!
Mit Wuͤnſchen, die ihr Licht und Thau entrafften,
Daß ſie verwirrt in dunkeln Gluthen flammt,
Tiefwuͤhlend in den eignen Eingeweiden,
Tollſchlau, in Luſt den Jammer zu verkleiden!
Wie ging es Euch, Bretagne's edle Ritter,
Die Ihr bei jenem praͤcht'gen Abendtanz
Aufwuͤnſchtet Euch ein kriegriſches Gewitter,
um kuͤhn zu leuchten ein der Blitze Glanz?
Es fommt! — Doc eh’ die früh’ften Lanzenfplitter °
Nur Erachen, wellt die Luft am Siegeskranz. —
Es fommt, — doch in verhaßten Schwefelmogen, —
Denn ad, es kommt als Bürgerkrieg gezogen:
Gedenkt an Montfort, welcher zornbeklommen
Nicht mit zu jenem Hochzeitfeſte ritt!
Wohl damals war die Gluth nicht aufgeglommen,
Weil Scheu und Hoffen noch den Grimm beſtritt.
Doch als — zum vollen Erbſchaftsrecht gekommen —
Die Erbin nun Bretagne's Thron betritt,
Und mit ihr Karl von Blois, ihr Ehgemahl,
Greift Montfort ſchnell zum lang' gewetzten Stahl.
76
Vlelleicht, daB mehr noch, als die eigne Gfuth,
Ihn der Gemahlin hoher Sinn getrieben;
Sie, die dem angebornen Heldenmuth
Aus Flanderns Stamm verbindet edles Lieben -
Für ihren Herrn, und ihm ben Srerzogehut, —
Ja, folgte fle den ftolgentfiammten Trieben,
Die muͤhſam Kingheit nur vermag zu dämpfen, —
Ihm gern auch Koͤnigskronen möcht?’ erfämpfen!
Johanna hieß fie, Auch Johanna nannte
Sich ihre herzogliche Gegnetin,
Die, Jener gleih, den Muth auf Herrſchſucht
Ä wandte,
Wenn glelch nicht mit fo kuͤhnem Striegerfinn.
Doch vor dem Streit der zwei Johannen brannte
Das Herzogthum beinah in Aſche bin,
Denn, fo wie Montfort, drobte kuͤhn In Waffen
Auch Karl von Blois, ber Sattin Recht zu fhaffen.
Für jetzt doch nur bereit dazu im Geiſt
Und mit dem eig’nen ritterliden Arm! —
Dem Recht, das ihm ben Herzoghut verheißt,
Hat ex vertraut ganz ohne Serg’ und Harm;
Sp, daß fein Gegner plößlih ihn umkreiſt,
Mit manchem, wie der Erd’ entwachſuem Schwarm,
Ch noch an feine treulichen Vaſallen
Ein Aufgebot ließ Herzog Karl erſchallen.
77 __
Er muß dem ungeflümen Montfort weichen,
Kür deffen Recht Stadt Nantes fih erklärt!
Der — überrumpelnd — feine Wappenzeichen
Aufpflanzt in Rennes ſelbſt! dem, unbewehrt,
Limoges Bürger ipre Schlüffel reichen,
Wo er vom alten Herzoglihen Heerd
Den Schatz raubt, ihn an Söldner fat verſchwendet,
Und dann um Hülfe ſich nach England wendet!
Schnell hat ihn dort in feinen Schuß empfangen
Der Brittenkönig Eduard, hoch erfreut,
Daß, um in's Herz von Frankreich zu gelangen,
So leicht ſich ihm der biut’ge Anlaß beut,
Zuruͤck eilt Montfort;z feine Waffen Hangen
Nun raſcher noch, da Mancher wohl fih ſcheut,
Der wider Montfort kuͤhn es mochte wagen,
Sich wider Englands Bundesfreund zu ſchlagen.
Derweil vor feinem aͤchten Lehnsherrn ſtellt
Und vor der Yairs : Verfamumiung zu Paris
Sich Karl, und ſpricht: „ein Weberfall zerſchellt
Die Waffen mir. Nun, Koͤnig, der verhieß
Den Lehnsvaſallen Schutz, und Ihr, geſellt
Ri, edle Pas, zum Kampf mit Schwert und
Spieß,
ie zu Gericht und Feſt! Nun prüft mein Recht!
Und finder Ihr's, ſo helft mir im Gefecht!
78
‚Denn fiher nicht in Gutem wird gehoben,
Der Streit, den Montfort fhon fo wild begann
„Das“ — ſpricht der König Frankreichs — „laßt
| uns proben.
Johann von Montfort ift ein Ehrenmann,
um mache Chat ale Elug und Fühn zu loben,
Und hoffentlich für des Geſetzes Bann
Gehorfam auch, und wär's zu feinem Schaden! —
Wir wol’n ihn her an unfern Hofhalt laden.“ —
Der Montfort kam. Mit edler Huld empfangen,
Glaubt' er wohl erft, auch hier das Recht zu zwingen,
Wie da, wo feine Söldner Waffen ſchwangen.
Doch als die Rechtsgelehrten jetzt nah Dingen,
Bis auf den heut’gen Tag wohl ganz umgangen,
Ernft forfhen, und an's Licht Die Wahrheit bringen, —
Da wirft er fih in Naht und Born zu Roß,
Und eilt zurud nach Rennes auf fein Schloß;
Und will von dort mit höflihem Entſchuld'gen
Den König Frankreich's noch zur Ruhe fprechen;
Als hab’ ibn eine Schaar von ungeduld’gen
Sriedftörern nad der Heimath aufzubrehen
Gedrängt; doch wol’ er gern dem König huld'gen,
Und jeden Bund mit England gern zerbrehen; —
Doch König Philipp bat genug vernommen,
Un) vom Gericht iſt diefer Spruch gefommen:
)
79.
„Bir Pairs des Reichs, und Geiftlihen und
' Kenner
Des Rechtes font — weil Johann Montfort fragt:
Erbt nur Bretagne’s Herzoghut auf Männer?
Erbt er auch an die hochgeborne Magd? —
Entfcheiden: als rehtmäßiger Ernenner
Hat der hochfeel’ge Herzog recht geſagt,
Da er der Frau von Blois hat im Erblaſſen
Und ihrem Mann das Herzogtbum gelaffen.
Drum fol nach Recht und nach des Könige Willen,
Und den Herfommen alter guter Zeit, —
Die wir geprüft forgfältig, tren, im Stillen,
Niemand zu Lieb’ und Niemand auch zu Leid, —
Johann von Montfort feinen Anſpruch ftilen;
Belichn fei Karl von Blois auf feinen Eid! —
Gegeben, feit die Welt ihr Heil erfahren,
Nach Dreizehnhundert Ein und Vierzig Jahren.“ —
Doch meint Ihr, wenn ein Sprud das Recht
gefunden,
Er ſtill? auch gleich ein flammendes Gemüth?
Kein! die Entfcheidung fchlägt nur tiefre Wunden, .
Der ganze Sinn des Abgewief’nen glüht;
‚ Und ad, zu leicht find Freunde Dem verbunden,
Der um der Welt Verwirrung fih bemüht! —
Johann von Montfort will den rechtgeglaubten
Anfpruch im Kampf auf Gut und Blut behaupten.
.
*
—
80
Doch wat nun Karl von Blois auch ſtark genug,
Um zu erfihättern feines Gegners Stand.
Rings um ihn droht' ein maͤcht'ger Heereszug:
Theils al’ die Beſten vom Bretagnerland,
Franzoſen theils, die ihres Koͤnigs Spruch
Beſiegeln wollen mit bewehrter Hand,
Auch hatt? ihm, höher feinen Ruhm zu beben,
Der König felbft ben Ritterſchlag gegeben;
Ja, feinen ältften Sohn, den Prinz Johann
Don Normandie, gab er ald Kampfgefellen
Dem Schüpling mit, und Beider Heerzug kann
Sich Montfort nicht im Feld’ entgegenftellen; -
Drum ſchirmt er, bis ihm England Roß und Mann
Zu Hülfe ſchickt, fih hinter Nantes Willen. |
Doch fallt die Stadt, und ald Gefangnen ſendet
Man nah Paris ihn; Alles fheint beendet.
- Beendet? Wahrlich nein! Ein zuͤndend Licht
ft hold an feiner Stell’ emporgeftiegen:
Johanna Montfort zeigt fi, winkt und fpricht,
Und aller Krieger Herzen glühn! Es fliegen
Die Schaaren vor bem bimmlifhen Geſicht
Begeiftert in den Kampf, und Kampf ift Siegen,
Gefahr ift Spiel, und Tod zur Luft verſchoͤnt,
Wo der Geldruf: „Johanna Mortfort!“
tönt, U
81
Nicht ift es mir befchieden, Dich zu fingen,
‚Du wunderbares, krieg'riſch holdes Bild!
Ach, allzuherrlich wär’”ed, mitzuringen,
Wo eine Sonne, fiegentgläht und mild,
Wie Du mir ahnend ftrahift im Liedestlingen,
Durdleuchtete das ruͤhmliche Gefild! —
O komm bisweilen auf blutdunkeln Wegen,
Johanna, Licht des Kampfes, uns entgegen! —
Tür jetzt nicht darf ich bei den Thaten weilen,
Die in Schloß Hennebon durch Tie geſchah'n,
Richt die Gefahren mit der Holden theilen,
Durd die Belag’rer brehend ihr die Bahn,
Nicht dann zuruͤck ermuth’gend mit ihr eilen,
Wo der Bedrängten Grüße fie. empfahn,
Nicht mit ihr ſchau'n, wie. Englands Wimpel
weh’n,
Ihr zum Entſatz, — ih muß nach Bertrand feh’n!
Mein Bertrand, viel bes Guten unddes Schönen -
Haſt Du entzündet frühe ſchon in mir: |
Nicht etwa Luft an eiteln Ruhmes Krönen,
Kein, hoͤh're Luft an ſchoͤner Treue Zier;
Und kuͤhn auf Deiner Thaten Sangestönen
Hebt fih mein Geiſt! — Doc faſt vergelt’ ih’s Die, .
Wenn heut’ ich von Johanna Montforr’s Bild
Hinwende mi zu Dir; — Es ſei! — Es gilt! —
. 6
81x
Das ganze Heer ging? heut vieleicht verloren,
Im wäften Kampf des Ueberfalls zerſpellt;
-
Da war von Gott mein Bertrand augerkoren,
Und zwanzig Andre noch, ihm zugeſellt; —
Dreisehn davon aus Nitterbiut geboren. —
Mit Denen bricht der junge, raſche Held
Lautrufend in des Seindes vordre Glieder.
Was ihre Waffen reichen, fkürzt barnicher,
So geht es vorwärts! Weiter vorwärts Immer!
Und immer wilder tönt ihr Kampfgefchrei!
Vorwärts, ja vorwärts nur, Ihr wadern Schwinis
Zu mer!
Euch, Opferknaben fteht ein Höh’rer bei! —
Verwirrend blitzt auf fie der Flammen Schimmer, —
Dann hält fie Nacht in graufe Mummerei, —
Den Feinden fcheint. vor fo viel tapfern Streichen
Verzehnfacht jeder Arm, — fie wanken, weichen; —
Sie fliehn zuletzt im wirren Sluchtgedränge,
Wo der Genoſſe fchent vor dem Genoffen,
Die Tapferften verwidelt in der Enge,
Zu Boden auch gerannt von flähl’gen Roffen! —
Beftärzt beinah in der geftürzten Menge
Von Feinden, beren Todeswunden floflen,
Steht Bertrand mit dem Heinen Siegerhaufen.
Ein Herzogsbote fragt. — Er fpricht! „Te laufen!
/
85
nen:
2a, in, weiß Bott, — dem Herzog kaennſt Du’s
. fagen :
Sie laufen eifrig, recht wie nad der Pflicht! —
Doch willt Du mih um das Warum befragen, —
%a, guter Freund, das weiß ich felber nit! — —
ie haben bier ganz artig losgeſchlagen,
Doc daß ſo Vielen gleih der Muth; zerbricht,
So auslöfcht, wie ein naßgewordner Zunder, —
Gras’ aͤltre Krieger um das trübe Wunder!“ —
Ein Solcher Tann Dir gleich mit Antwort Bienen,
Knapp Bertrand: ich, der Deine That befingt,
Und der’s erfuhr, wie maͤcht'ger, was erfhienen,
als was geſchah, der Kämpfer Muth beswingt.
Magſt Schaar an Schaar Du felt zufammenfchienen,
Wenn Dir’s nicht uͤberraſchend Fühn. gelingt,
Des Feindes Aug? und Sinn zu übermiuben,
Suchſt Du im Krieg’ umfonft nah Kranzgewinden!
Auch muß — weil Nacht in ihren dunkeln Zellen
Zu lieben pflegt ein grauſes Wechſelſpiel —
Wer überfällt, vorſichtig Med ftellen;
Wer überfallen wizd, wagt nie zu viel.
Se ungeftümer feine Mogen fchwellen, . ..
Se eher reißt ihn Sturm. an's Siegesziel! — .
Das hat nun Bertzaub uͤberkeck erfahren;
Ein Feldherrnſatz wird's ihm in. Kiuf’gen Jahren, j
m Yger gab's ein Staunen: „wie? Die
Fluth
Brach ſo gewaltig ein, und iſt gedaͤmmt?
Iſt ganz verlaufen ſchon? Weß kecker Muth
Stand ſo allein entgegen unverſchwemmt?“ —
Beinahe zurnend wallt der Ritter Blut,
Zum Kampfeslauf entflammt, und nun gehemmt
Durch jener wen’gen Knappen Hau’n und Stehen; —
Man kann juft nichts mehr, als das Ding befprechen.
Und Damit kam's, wies oft wohl zu gefchehen
Auf diefer Welt nach rafhen Thaten pflegt:
Biel eitle Worte flattern und vermehen,
"Bevor ein eing’ges kommt, das gilt und wägt.
Die Mehrſten biteben diesmal dabei ſtehen,
Vom Feind ſei's frech und hoͤchſt unuͤberlegt,
So tapfre Maͤnner, die ſich feſt verwallen,
Zu ihrem Luger blindlings anzufallen.
Doch Achtfamı forſchte nach genauer Kunde
Arnold von Audreghem, ein edler Held,
Der und erfheint noch in manch kuͤnft'ger Stunde ; —
Und hörend , die der Anfall fei zerſchellt,
Erläutert er’s mil klugbrrebtein Runde
»Nem Hetren von Rang, dem er war zugefelt.
Der ruft: „gewiß, daß Bertrand Hoch noch ſteigt,
Wenn feinem Wuth. fein Gluͤck nur irgend gleicht!”
87
Das war nun Fein Orakelſpruch zu nennen,
Zum mind’ften nicht prophetifh wunderbar,
Wie jener Nonne magifhes Erkennen
Auf Schloß Broon. Denn wirklih ſcheint es klar:
Ro Gluͤck und Muth vereint zum Ziele rennen,
Da wird's erreicht. — Dech der Geſchichte war
Das Sprüclein gut genug, ed aufzuſchreiben,
So mag’s denn auch bei'm Lied In Ehren bleiben!
Und damit war für diesmal auch belohnt
Der Fühne Bertrand; etwa ausgenommen,
Pas freudig in der eignen Bruft ihm wohnt,
Sur Fünft’ge Thaten heller noch entglommen! —
Doc feit der Nacht, wo er ald biut’ger Mond
So herrlich bligte, ift er wie verſchwommen
Im Zeitgewölf. Acht. Jahre ziehen fort, —
Bon Bertrand fpricht ber Ruhm kein einzig Wort!
Auch das gehört wohl mit zu deu Gewinden,
In die ung prüfend ew’ge Leitung führt:
Died halbe Gluͤck und dies beinahe Finden!
Du haft ſchon das gefuchte Pfand beruͤhrt, —
Dentit, ed zu greifen, — doch im Nachtentſchwinden
Wird's abermal Dir wunberfam entführt,
Als wär's verfunken ganz in Traumesfalten! — -
Da gilt's, o Freund: Demuth und Glauben
balten! —
an
- Nicht weiß ich, war es Bertrand, dem gelungen
So trüber Sieg, noch wel ein andrer Held!
Doch ſchwer aus Eduards Muth iſt aufgedrungen
Ein Zorngewitter. Muͤhſam freilich hält |
Im koͤniglichen Geift er's noch bezwungen,
Doch wann einmal der erſte Donner faͤllt,
So huͤte man ſich vor den zorn'gen Schmerzen;
Der Todte lag ihm ſehr am edlen Herzen! —
Es ſchweigt das Kampfſpiel, nun ſo mis⸗
geſtaltet
Zum ſchlimmen Ernſt, — verſtummt beiſammen ſtehn
Die fuͤnf Bretagner. Finſtre Ahnung waltet.
Mistrauend feindlich hin und wieder ſehn
Die Wirth’ und Gaͤſte; — Alles iſt zerſpaltet; —
Kaum einz’te Worte hört man flüfternd wehn; —
Dem König engt’s die Bruft, gleih Wundenſtechen;
Er muß, er muß mit den Bretagnern ſprechen.
„Ihr Herr'n,“ — ſo hebt er düfterlähelnd an, —
„Für Sarl von Blois, und Den, der mir verbunden
In meinen Schuß fih hat, den Graf Johann,
Hab' ich — zu heilen Eured Landes Runden,
Bu feſſeln Krieg In holden Friedens Bann, —
Vorſchlag zum Waffenſtillſtand aufgefunden.
zept achtſam, bitt' ich Euch, dies Pergament;
Dann unterfäreidP, wenn Ihr's für gut erkennt.”
41
r?“ — fpriht der Aelt'ſte; — „Herr, wir
find gefendet,
Die Prinzen unfres Herzogs zu geleiten ;'
Nicht unfre arme Unterfchrift beendet
Nur Einen Punkt in diefem wicht'gen Streiten!”’—
Doch er verftummt, weil Aug’ und Sinn fi blendet
Vor Blißen, die aus Ebuard's Augen gleiten,
Und nun der König ruft mit Donnerſtimme:
„Ich bitt’ Euch ernftlich, reizt mic nicht zum Grimme!
7 She the, als wol? ich gar Euch überliften!
Wohl merk' ih, Ihr verfhludt manch arges Wort!
Glaubt Ihr, in folher Waffenruhe Sriften
Saͤnn' ih wohl auf Verrath? Auf blut'gen Mord?
Ihr meint wohl gar, daß wir und jeßt ſchon rüften,
Euch zu verderben, eh? Ihr noch den Port
Des Meer’s erreicht? — Schnell! Sagt mir's in’
Geſicht:
Glaubt Ihr, ih halt? Euch Treue, oder nicht?“ —
Umſonſt harrt er auf Antwort. Ernſter Schrecen
Vor dieſes edlen Koͤnigsldwen Zorn
Hemmt alle Zungen. Wildre Gluth erwecken
Noch Schen und Zoͤgern in dem gluͤh'nden Born,
Dem beinah überwal’nden Lavabecken; —
Da ftellt der junge Bertrand fih ganz vorn
Bor die Senoffen, fpredend: „haltet Ihr
Geleit und Frieden, — wohl, fo thun’s au wir].
9a _
Jedoch, ſeid Ihr gewillt, ed aufzuheben,
So find auch dazu rüftig wir bereit!” —
Der König ruft: „wie nun? Ich hab? gegeben
Mein theures Wort! Hab? ich das je entweiht?
Darf Jemand mir ein Fa zug Antwort geben?
Der würd’ in freher Zügellofigkeit
Mir meiner Chr’ und Krone Ruhm verlegen,
Doch wahrlich nicht fih um Erfolg’ ergoͤtzen!“ m
Zu fänft’gen folder hohen Gluth Entbrennen,
Sprach Ritter Yvo Charusl dies Wort:
„Moͤgt, Here, nicht und alfammt vermeflen nennen,
Weil bier dem STüngling flog Die Mede fort!.
So grüne Jugend mag noch nicht erfennen,
Was eben ſich geziemt an jedem Ort!’ —
Der Bertrand, den man fchalt für unerfahren,
War juft ein Burfh von neun und zwangig
Jahren.
Doch Koͤnig Eduard ließ den Spruch ſchon gelten.
Damals war's lang’ hin bis zur Muͤndigkeit!
Weiß nicht, ob fchwerer fih die Kopf? erhellten,
Ob man mehr Licht erheifchte zu der Zeit, —
Genug: fo war's. — Und nach dem rafhen Schelten
Ward von Gewöllen Eduard's Geift befreit.
Hell wieder, zu geziemend heiter Wonne,
Warf Strahlen rings bie Föniglihe Sonne,
—
Nur das noch ſagt' er, wie im legten Gluͤh'n
Des Zorns zu feinen Rittern: „auf der Erden
St doch Fein Menſch wie ein Bretagner fühn 1"
Da trat zu ihm mit fei'rlichen Geberden
Sein Aftrolog, und ſprach: „die Himmel fprüh’n
Auf diefen Süngling Heill Was Großes werben
Muß er. nach feiner Lineamente Zügen,
Die nimmermehr dem Tiefgelahrten luͤgen.“
„Wohl gut!” ruft Cbuard aus. „Doch lieber
Meiſter,
Unnoͤthig frugt Ihr jetzt den Sternenrath!
Denn ganz von ſelbſt verſteh' ich mich auf Geiſter,
Wo ſie durch Wort ſich aͤußern und durch That.
Ja, dieſer Juͤngling, wunderviel verheißt er,
Und, glaubt mir nur, auf ſeines Lebens Pfad
Wird er ſo wundermehr noch einſt vollbringen,
Daß alle Lande davon wiederklingen!“
Man ſagt: dem Löwen gegenuͤberſtehen,
Mit fröhlich heiterm, unbewegtem Muth,
Bis der fich felbft läßt Hold und freundlich fehen,
Beweife fiammverwandten Löwenmuth,.
Wo dag vor zorn'gen Kön’gen mag geſchehen, —
Mid duͤnkt, die Prob’ ift juft nicht minder gut!
Froh Fehr’, o Bertrand, nad) den heim’fchen Landen;
Du haft die Loͤwenpruͤfung fhön-beftanden! -
94
Erläuterungen
zum vierten GSefange |
Geite 75:
„Wohl damals war die Sluth nicht
aufgeglommen,
Als Scheu und Hoffen noch bei
Grimm beſtritt.“
Noch auf dem Todesbette des Herzogs Johann,
der im Monat April des Jahres 1341 gu Caen ſtarb,
verfuchte fein Bruder, Johann von Montfort, ihn
von dem zum Beſten feiner Nichte und Karld von
Blois eingegangenen Vertrage abwendig zu machen;
Damit das Herzogthum bei der Nachkommenſchaft
Peters von Dreur bleibe. Unfer zum Grunde lies
gendes Wert erzählt diefe Unterhandlung ausführlich
genug, die im Epos felbft nicht Daum finden fonnte,
aber ſich mir durch ihr tiefes, tragiſches Gewicht faft
unwillfürlic zu folgender Romanze .geftaltet :
Krank lag der Bretagnerherzog,
Der der Gute hieß, Johann,
Nah dem allerlegten Wege,
Der und Alle einft erhartt,
Dem'gewiffeften und ftrengften
Ganz unwiderruflich nah.
95
ine un
Stille lag er, Herz und Augen
Fromm empor zu Gott gewandt,
Fromm und froh, dieweil’s im Leben
Oft ſchon feine Art fo war.
Da an’s Betr’ ihm trat fein Bruder,
Montfort, der kriegsluſt'ge Graf,
Sprach in's Ohr ihm ſtarker Stimme
„Bruder, Bruder, hör’ mic an! |
Der Du unter Einer Mutter
Holdem Herzen mit mir Iagft,
Hör mich, wenn Du je mich Tichteft,
Trauter Bruder, hör’ mich an!“ —
Still die fanften Blicke wendet,
Wie ein freundlich zahmes Lamm
Zu dem Bruder hin der Herzog,
Seufzend: „ſprich, Du raſcher Mann!
Nie wird Dir mein Ohr verſchloſſen,
Nie, ſo lang' ich hoͤren kann!“ —
Da hub Montfort an, zu klagen:
„Wenig haſt Du mein gedacht,
Als die Folg” im Herzogthume
Weichlich Du der Nichte gabft!
Soll das Haus von Dreux verſchwinden,
Dem wir Beide find entſtammt?
Dder mind’fteng doch verfinfen
In den aͤrmſten Ritterſtand?
Unſre Nichte ia erkor ſich
J
96
Schon zum Herzog und Gemahl
Einen Ritter fremden Hauſes,
Den kuͤhnſtolzen Karl von Blois!
Freundlich ſah'ſt Du drein, und ſeegnent
Hobſt Du Deine Fuͤrſtenhand;
Feierteſt mit reichen Feſten
Die Verarmung Deines Stamm's! —
Wie? Und meinſt Du, der Bretagner
Tapfres Heldenvolk, — bekannt,
Als ſieghaftig und verwegen,
Wo nur irgend gluͤht ein Kampf! —
Meinſt Du, ſolche Mannen zuͤgelt
Eines ſchwachen Weibes Hand? —
Bruder, Bruder, noch beſinn' Dich,
Denn Du haſt nicht gut gethan,
Bruder, an den letzten Pforten
Wende Noth von mir und Schmach!“ —
Wie ein heißes Fieber brannt? es,
Wie ein Todesfröfteln brach's
Durch die ſchwer erihredte See, |
Brad beinah’ ihr alle Kraft.
„Bender, —tiefder Herzog, — „Bender,
Sept mir diefen ſchweren Kampf?
Schwerſtes hab’ ich zu beftehen,
Und Du fülft die Schale an? —
Bruder, 0 Du fhlimmer Bruder!” —
Aber wieder hingewandt
_
kromm und froh zum Quell bes Troftes,
Zag er ploͤtzlich til und fanft,
Und dann quollen diefe Worte
Ihm von bleicher Lippen Rand;
„Lieber Bruder, bift fo heftig,
So auf Weltliches bedacht,
Aber kannt Doch Den nicht irren,
Der ben rechten Anker fand!
Wenn ic fehlte, — Gott mag"s fhlichten,
Der mir jebo zuruft: Halt!
Und mir feinen Raum mehr gönnet
Auf-der trüben Lebensbahn.
Truͤbe? — Rein. — O, fie erhellt fid
Meinem Scheideblid noch klar!
Hör’ mich an, Du lieber Bruder, .
Hör’ den ſterbensklaren Mann! —
Nicht allein Hab’ ichs befchloffen, .
Was mit meinem Erb geſchah;
Uralt ift der Frauen Erbrecht
Hier in unfrem fhönen Land,
Deshalb folgt mir meine Nichte,
Und die Stände ſprachen Ja,
Jene Stände ‚ die Du tapfer
Nach der Wahrheit haft genannt!
Eben drum im Schus ber Damen
Brauchen freudig fie die Hand, —
Noth von Deinem Leben wenden, -
7
B.
Und von unfrem Haufe Schmach? —
Bruder, edle Heldenhaͤuſer
erben wahl bisweilen arm,
Aber fremde bleibt auf ewig
Ihnen auch das Woͤrtl ein Schmach!
Nenn' ſolch haͤßlich Wort nicht wieder!
Nimmermehr! — Und: gute Nacht.
Denn hier unten wird's ſo dunkel,
Aber mir winkt guter Tag!’
. Und fo if fein Leib entſchlafen.
Seine Seel' erft recht erwacht
In des feel’gen Sriedend Hafen; —
Der von Montfort ritt zur Schlacht,
Häufte, wie ein Aehrenbinder
Garben, Leihen fonder Zahl! —
D der armen Menſchenkinder
Schauerlih verfehrte Wahl 1"
@eite 77:
„Der Brittenkoͤnig Eduard‘ —
Es war ‚Eduard der Dritte, der von dieſem
Anlaß her in einem furdtbaren Kampfe Frankreich
verwüftete und beinah eroberte, durch die aus:
gezeichneten Kriegsgaben feines Sohnes, des
Prinzen von Wales, welden man den ſchwar⸗
— ai
gg
geh Prinzen zu nennen pflegte, ganz vorzüglich
unterſtuͤtzt.
Srite 78:
Und vom Gericht if diefer Spruch
gekommen:“
Er findet ſich in dem von uns angefuͤhrten und
zum Grunde gelegten Werke ©; 284 in lateiniſcher
Sprache, unter dem Titel!
„Copia Arresti pro Karolo de Blesis, contra
‘ Joannem de Monteforti pro Ducatu Britanico
lati 7 Septembris anno 134ı w 4. w:
In der Hauptfache enthält er die Im Gedicht aus:
Befprochne Entfcheidung, wobei noch die Recht—
mäßigfeit der weiblichen Erbfolge theils durch Bei⸗
viele aus dem übrigen Frankreich, theild durch
welche aus der Bretagne felbft, verfochten und be:
gründet wird,
Giite Bo:
„Auch hatt ihm, hoͤher feinen Küdm
BE zu heben,
Der König ſelbſt den Ritterſchlag
gegeben.”
Wieder ein Beweis zu dem in den Erlaͤute—
zungen des dritten Geſanges aufgeflelten Enge,
7*
_100
daß in diefem : Zeitalter der Adel ſchon weniger
eifrig nach Grtheilung der Nitterwärde rang. Der
mit einer SHerzogserbin verehlichte, "von einem
großen Theil der bretagnifhen Ritter und dem
Könige Frankreichs als Herzog anerfannte Karl von
Blois- empfing nun erſt den Nitterfchlag. Jeder
undefcholtne -und die Waffen übende Edelmann ge⸗
hörte - eben ohne Weitres zum Ritterſtande, wes⸗
halb ich auch nichts Ungehoͤriges gu thun glaube,
‚indem ich, noch ehe unfer Bertrand den Ritter:
fhlag erhielt, bisweilen in Bezug auf ihn Die
- Worte Ritter nnd ritterlich anwende. Das letz⸗
tere bat ohnehin eine weit umfaflendere Bedeutung,
wie ich das in meiner und meines Freundes Pertheg
Schrift: „Etwas uͤber den deutfhen Adel,
äber NRitterfinn und Militair:Ehre-u,
ſ. w. bereite ausführlic dargethan babe,
Seite 88:
„Zwar anf fein Wort jog nah Bre—⸗
oo tagne“s Küften
Held Karl zuräd: — doch nur, ber
Loͤfung Preis
Zu fammeln-und zu zahlen.” —
Wir finden ſpaͤter noch — und gleich im naͤchſt⸗
folgenden Geſange Beifpiele -von dieſen Loͤſungen
‚. 298.
and der Kriegsgefangenfchaft: Dergleihen mar
ganz in ber Ordnung des Bölferrechtes, und konnte
auf Begebren nicht wohl- verweigert werden, ber
@efangne habe ſich denn etwa durch unrechtliches
Betragen mehr zum Raͤnber oder Empörer geitem-
yet, ale feine SKrlegmannd: Würde behauptet.
Molfte- man ihn fonft ‚nicht. gern anf freien Fuß
ftellen, fo blieb nur übrig, ihm ein möglichft' un⸗
erfhwingliches Löfegeld anfzulegen. Doch aud
darin hatte die Nitterfchaft ihre Geſetze der Groß:
muth und Billigkeit, von denen der Einzelne nicht
wohl abgehen Fonnte, ohne fih durch einen Kal in
der öffentlihen Meinung und alles. daraus hervor⸗
gehende Nachtheilige faſt fehlimmer als feinen Wis
derfacher zu. treffen. Weberhaupt ergäusten in jenen
Zeiten Chre und Liebe ale Mängel ber beitehen:
den Rechtsbuchſtaben auf eine bewundernswuͤrdige
Weiſe. — Wie aus allem Guten und Billigen aber
das Misgeſtaltete in ſiegender Haͤßlichkeit hervor⸗
gehn kann, bewies ſpaͤterhin die Wirthſchaft der
italiaͤniſchen Condottiere, deren Schlachten nur
Gluͤcksſpiele wurden, wo. man ſich huͤtete, deu
Gegner zu befhddigen, und Alles auf Geld bins
andging, ſtatt auf Leben und Blut! Auf Geb, -
welches mit oder. ohne Ummege doh am Ende nur
wieder der friedlihe Bürger bezahlen mußte! Doc
was Tann nicht Alles über einen felhen herein:
.. 102
breden, wenn er einmal abſolut den Waffen ent⸗
fagt Hat, und dag haare Metall feine einzige Ruͤ⸗
fiung geblieben ift! — Hüte fih doch Jedermann
vor einem fo abſcheulichen Zuftande, und feegne die.
Megierung, die ihn zu der heilſamen Waffenübung
anhält, follten auch wirklich darüber einige Thaler
minder verdient werben. Die Thaler, die Ihr auf
Koften Eurer Männlichkeit verbienen möchtet, bes
fäßer nicht Ihr, fondern fie gehörten dem Feind,
und Euer ganzes Hab! und Gut — dag Chelite
nicht ausgeſchloſſen — obenen!
103
Bertrand Du-Gueſclin.
" Sünfter Geſang.
Eu) lad' ich, die Iht gern Hört Waffen Elingen, -
Heut’ auf manch blutig keckes Uebungsſpiel
Bereitend ung zu Löniglichem Ringen!
Hier gilt's vorerſt ein minder hohes Ziel:
Scharmuͤtzel nur und Hinterhalted Schlingen,.
- Und wie der Einz'le drinnen fiegt’ und fiel,
Doch höher fiete, als Bertrand’s Perferkriege,
Ja auch ale im Turnier des Juͤnglings Siege!
„Wohlauf zum Tanz! Bretagne’s grüne Heden.
Und viel verfhlung’nes Huͤgellabyrinth, —
Es beut ſich reich zu liſt'gen Kriegeverfteden,
Wo doch nicht immer fchlauer Kath gewinnt;
Halb überfellen ſchon gelingt’s dem Keden
Oft dennoch, das Geflecht, das ihn umfpjunt,
In ritterlichem Anfall zu zerftüden,
Und fo aus Netzen Sieg und Ruhm zu pfläden! —
*
4101
Zwei edle Heren eröffnen und ben Reihen:
Robert Richer, vom Lande Mes entitammt,
Dem Haufe Montfort feinen Arm zu leihen,
In ritterlicher Fehdeluſt entflammt; .
Bei. Ihm Johann von Toigne, auf England's
freien
Kampfauen weit.berähmt im Kriegeramt! —
Da fragt an wohl: „aus England Der geboren ?
Wie Elingt ex fo franzoͤſiſch unſern Ohren?“ —
Dies Erftemal wird nicht das Letztemal!
Denn zum: Gefechte wider Franfreih kamen
Aus England edle Ritter fonder Zahl
Gezogen mit franzöfiih alten Namen. - .
Das ftammt von da, wo fih nach ſtolzer Wahl
Das Meereseiland Tühn zur Beute nahmen
Die Ritter Wilhelms von der Normandie.
Die Spur befieht noch jegt, und fchwinder nie. — .
Nun, Johann Toigne und Ritter Richer zogen
Durch die Bretagne, feindtich jedem Haus,
Das nicht in diefen ſtürm'gen Kriegeswogen
Das Wappen Montfort’s fledt ald Banner aus.
Mein Bertrand denkt? „genug umbergeflogen,
Ihr Sperber überdreift zu Fang und Schmaust
Wenn mein’ und’meiner Freunde Waffen halten,’
Sol ſich das Ding urploͤtzlich umgeſtalten!“ —
105
Stark war der Feind, zum Thellrihm zugewendet
Um Montfort mancher. Städt’ und Dörfer Sinn,
Wild in Partheiwuth flammend. Darum fendet
Bertrand nach fieben Edellenten bin,
Davon gern Jeder Gut und Leben fpendet,
Wo's gilt für feined Achten Herr'n Gewinn.
Biel Hingt’s: bei unferm Bertrand fieben Rittert
Doch blieb im Ganzen klein nur dad. Gewitter;
-An Zahl der Wolken Hein! — Mit Jedem
zogen
Vier Mannen hoͤchſtens, panzerhell umblecht,
Und dann noch leicht bewehrt mit Bolz und Bogen
Acht Schügen etwa. — Dach wie in's Gefecht
Sie auf den Wink der edlen Meifter flogen,
Behgnptend ihrer treuen Väter Recht,
Nacheifernd gar wohl ritterlihem Orden,
War's doch mit Blitz und Donner Ernit geworden,
Nach wader'm Kampfe was der Feind erlegen,
Das Führerpaar in Bertrand’ Hand gefangen.
Der heifcht ehrſames Lösgeld von ben Degen,
Und hat's von Beiden auch aldbald empfangen,
Doch Toigne ſpricht: „mein's wollt beifeit Euch legen,
Weil bald Ihr wieder müßt zur Tafche langen.
Denn, Herr, dafern mir Wunſch und Hoffnung reifen,
Denk' ich bad Euch, mie juͤugſt Ihr mich, zugreifen 1A
106
Der Bertrand lacht, und dentt: „das wird fick
finden ! oo.
Mich, hoff' ic, fängt man eben nicht ſehr leicht!“ —
Hr Di, mein Kriegsmann! Inden Irrgewinden,
Wo ſich nach Becherel die Strafe ſchleicht
Von Dinan her, und gruͤnend ſich verbinden
Die Heckenzaͤune, dornig feſt verzweigt,
Kann leichter noch, als hinter Schloſſesmauern,
Ein unverſeh'ner Anfall auf. Dich lauern! —
Jedoch Du trauft zu kuͤhn auf Deine Kraft,
Hältft ger mit Deinem Trupp wohl abgefeflen,,
Weil etwa Rob und Mann, von Hiß? erfchlafft,
Nach Waid' und Schatten lechzt und Trank und Eſſen!
Der Koigne kommt! Vergeblich kaͤmpfend rafft
Sich Alles auf. Nun hilft's nicht, daß vermeſſen
Du ringſt und ſchlaͤgſt, mein Held; Du wire,
gefangen. =
Toigne hat mit Zins die Köfuug ruͤckempfangen.
Das mußte Jakob. Plantis bald entgelten,
Ein Hauptmann England’, muthig fonft und flink,,
Doch den im Hinterhalt, im kluggeſtellten,
Der kaum gelöfte rafhe Bertrand fing. —
Wie aber, — mag es Geld. und. Gut nur gelten?
Das ſchaͤtzt mein hochgefinuter Held gering,
Und lernt wohl mit dem Krieg au taͤndelnd ſpielen! —
Geduld! Der wird bald ernfter nach ihm zielen. .
107
Der Krieg ift ein gewalt'ger weifer Meifter,
Mit ſtreng' und milder Gabe reich belichn,
Um fi die auserkornen Heldengeifter
Sür den hochernſten Dienfigang zu erzichn. —
Den Hartgewarnten macht er wieder dreifter
Durch hellen Lichtblick; — dad, verblendet ihn
Ein leihter Uebermuth im flüht’gen Strahle, —
Sig fuͤllt ein ſchwarz Gewicht die andre Scale !—
Dertrand! — Siehn Du bei Euran dort die
Bruͤcke?ü —
Sieh achtſam hin! — Die wird ein ernſter Paß! —
Du trabſt hinuͤber, trauend Deinem Gluͤcke,
Ein keckes Ziel im Auge! — Blutignaß
Kommt Dein gedrangtes. Häuflein bald zuruͤcke,
Manch edler Kämpfer fhon zum Tode blaß! —
Und. nicht einmel der Rüdzug bleibt Dir frei, —
Hoͤrſt on der Wrüde Du das Feldgeſchrei?
Siehſt Du von alfwärtg her zufammenlaufen,
Aufammenfprengen auch auf muntern Roffen
Der ringsverſteckten Brittenkrieger Haufen? —
Du bift umftellt, dee Heimweg Dir verihloffen! m,
Da zufft Du wohl: „wie woll'n und hoc verkaufen!“
Dir nach auch rufen’6 Deine Kampfgenoffen, |
Und Euch zufammenball’ud in dichte Notten, |
. Steht Ihr bereit, der. Uebermacht zu ſpotten.
108
Lang? halten Eure eifenfelte Herzen,
Vom feitgewölbten Küras überbaut,
Das Spiel aus mis den ernſten Todesſcherzen,
Die Ihr empfangt und fendet: ohne Laut.
Hoch fteht Ihr, unbewegt, wie Leichenkerzen,
Das ſchier den tapfern Feinden vor Euch graut.
Nings liegt's wie Saatkorn von zerfpellten Epeeren,
Bon Todten auch, wie von gemähten Achren !
Doch auch Ihr ſelber daumelt nach und ach,
Nun Der, nun Jener, in fein kuͤhnes Blut!
Was: nicht des erſten Anfalls Krafs zerbrach.
Das bricht des dritt’ und. vierten Anfalls Wut.
Soft Er nur übrig noch am heißen Tag,
Steht Bertrand lange, voth von Feindesbkut,-
Gin Räder der Genoffen, die -erkiegen,;
Setbft unbeſiegt, doch müder fletd vom Siegen:
Und endlich ſinkt in jüngft noch ruͤſt'ger Hand
Das vielgebrauchte Schwerdt- von eigenen Sitei-
den;
Die Füße, — lang' fo rieſig feſtgebannt
Auf bluͤt'gen Grund, — ob fie auch nimmer weichen,
Ste wanfen; — da urplößlich angerannt,
Sängt man den Hingeftürzten über Leichen ;-
Saft ihn allein aus der. bedrängten Schaar
Ließ lebend los die ködtlihe Gefahr, —
-
109
Da hat er Vieles ernit bei ſich erwogen, .
Der num: fo fireng’ gemahnte kuͤnftige Held;
Da hat errsftill bedacht: „die blut’gen Wogen,
DBerihlingen Hoͤh'res viel, als Loͤſegeld!
Mehr wie ein Knab' als Hauptmann ausgezogen,
Ward ich, umſtellen wollend, ſelbſt umſtellt.
Ihr Treuerſchlagnen, Eurer will ich denken,
Und weiſern Sinn's hinfort Die Schaaren lenten ⸗
Bald ſehn wir IE andgelöf und frei ihn wieder
Nah Thaten ruͤſtig durch Die Gegend traben.
Nie ſchlug ein Unfall truͤblich ihn darnieder
Den Geift, gekraftigt durch zwei hohe Gaben:
Durch Feden Muth, fo fröhlich juft als bieder!
Mehr noch durch ein lebend’ges Inſichhaben
Des Glaubens, der — ob Gluͤck, ob Leben weicht —
Ang himmliſchllar ein frohes Jenſeit zeigt‘. —
Bor ſolchem TeePgen Geiſt auch ſchmuͤckt aufs
Beſte
Sich braͤutlich unſchuldvoll die aͤußre Welt
Mit manchem Kranzgewind' und heiterm Feſte,
Vorſpiegelnd ew'ge Luft — Seht unſern Held
Im fröhlich hellen Reihen edler Gaͤſte
Auf jener Burg, vom Schoͤnheitlicht erhellt! —
Die Frau von Tinteniac lud viele Damen
Dorthin, und: Herr'n zugleich von edlem Namen.
„410.
Dort wine in hochbelaubten Hedengängen,
‚Yuf buntem Sand, bei Springborn's Muſi—⸗
ziren —⸗
Oftmal ward's auch zu neckendem Beſprengen! —
Manch art'ges Spiel und liebliches Spatzieren.
Die ſuͤße Luſt an Reimen und Geſaͤngen
Schwebt' aus des heitern Himmels Duftrevieren,
- And drang In zweier holden Frauen Sinne,
Die fangen diefes Lied von Krieg und Minne:
Die Erſte.
„Auf mit wedendem
Hoͤrnerſchall!
Fort in ſchreckendem
Waffenhalt!
Seht, Victoria
Schwebt in Gloria '
Am blutrauſchenden Waſſerfall!“
Die Zweite,
„Still am fläfternden
Bachesgang!
Still am duͤſternden
Erlenhang!
Roſ' erroͤthet,
Mild umfloͤtet
Bon der Nachtigall Minneſang!“
am ,-
Die Erſte.
„Sing, o Nachtigall,
Sing' in Ruh!
Fleiſſ'ger Bachesfall,
Murmle Du!
Iſt verſchollen
Krieges Rollen,
Kommt man wieder, und hoͤrt Euch zu!“
Die Bweite,
„Ei, fo tofe nur,
Wilder Streit!
Bleib der Roſe nur
Etwas weit!
Weit den Baͤchen
Und dem Sprechen
Und dem Singen von Liebegfeib |‘
Die Erfte,
„Woll'n befluͤgelen
Kuͤhn die Schlacht! —
Woll'n fie zügelen;
Wenn ſich's macht. —
Doc nicht zagen
Muͤßt und Elagen,
Wenn was näher der: Donner Fracht!”
_ 4112
Beide,
„Kling' deun, mädtiger
Kampfesreih'n!
Lodre, praͤchtiger
Wetterſchein!
Donnertoſen,
Um die Roſen
Mafpte kuͤhn, Aber ſchlag nicht ein!“
Das bunte Liedchen rann noch kaum zur Neige,
Da zog den Ritter Andreghem beiſeit
Ein Bote mit der Runde, nahe zeige
Sum Kampf fi fröhliche Gelegenheit: -
Ein feindlihes Geſchwader rei? ımd feige
Thalan, nicht allzuordentlich gereih't,
Sorglos und Fed; fo viel man eben merke,
Sei etwa hundert vierzig Mann die Stärfe;
Ein kuͤhner Brittenheld — To (dei es —
Teite, |
Here Hugh von Caurelce, voran ber Schaar!"' —
Sieur Andreghem nimmt unfern Held beifeite,
Und ftellt ihm Alles ernft befonnen dar.
Dann fpricht er: „dreißig Schuͤtzen zum Geleite
Nimm mit, und flieg hinaus, Du junger Aar!
Spaͤh', ordne an, ganz wie es Dir beliebt: -
Und komm zurüd, mir meldend, was es giebt.’
113
Bretagne’s junger Adler fliegt von hinnen,
Ganz unbemerkt. Das Feſt geht heiter fort.
Auf grinem Raſen webt im Tanz ein Minnen,
Ein ſitt'ges, zartes, ohne Spruch und Wort,
Die Seelen mild zufammen; Raͤthſel rinnen
Aus fhönem Mund; von uralt gold’nem Hort
Ziehn Maͤhrchen fläfternd durch den Klang der Saiten,
Und Niemand denkt an nahes Waffenftreiten.
Heren Arnold Andreghem nur ausgenommen;
Der fieht auf Tanz und Spiel mit halbem Geift,
Bis ihm fein Bertraud ift zuruͤckgelommen, .
Und meldet: „'s it der Hugh! Er kommt fehr
" dreift. |
Am Hohlweg ſteh'n bie Schüßen; angenommen
Wird er duch die, und gaufelnd rings umkreift;
Indeſſen kommt uns Botfchaft her zum Echloffe. —
Schon ziehn die Reif’gen ftil hinaus die Roſſe! —
Für jet noch lockt mich dort. der helle Reigen;
Ein Fräulein dab’ ich mir zum Tanz erfeh’n.
Wann’s Zeit wird, winkt mir nur!’ — Mit ſitt'gem
Nein |
Fast er der Schönen Hand, und Beide dreh’n'
Sm Klang ber Flöten und der hellen Geigen,
Ummebt von holder Sommerläfte Web’,
Sich hin und Her, bis Arnold Andreghem
Stillfluͤſternd naht: „nun gilt’s; mein Du-Gueſclin!“
8
144
Da neigt er fich entichuld’genb vor ber Holden,
Und laͤßt fie los, und ſchluͤpft zur Pfort” hinaus,
Und fummt ein Lied von Triften und Siolden
Aus Artus Zeit. — Hell, wie ein bluͤh'nder Strauß.
Lag rings die Gegend! Duftig floh'n .und golden
Die Abendwolken über’s Himmelshaus!
O Gluͤcklicher, fo ſchoͤn aus Tanzes Gleiten
In ritterlichen Heldenkampf zu reiten! —
Da war wie aus zwei fernverſchied'nen Welten
Das Schloß und Thal auf Einen Grund gewebt!
Derweil ſchon hier die ehrnen Waffen ſchellten,
Der Boden klang, von Roſſestritt durchbebt,
Sah dort man noch die abendlich erhellten
Grasplaͤtze reich vom holden Tanz belebt,
Und wandelten durch ſchatt'ge Laubengaͤnge
Die lieben, ſchoͤnen Frau'n und die Geſaͤnge.
Zuletzt berief der Abendtiſch zuſammen
Den frohgeſell'gen Kreis zum Buchenſaal.
Da fanden ſich manch fromm verſchwiegne Flammen;
Der Platz, der Zufall ſchien, war ſuͤße Wahl.
Die Lichter ſittigen Erroͤtbens ſchwammen
Auf zarten Wangen, und der Goldpolal
Verlieh gewandte Rede manchem Blöden,
Entlockend holden Gegengsuß ben Sproͤden.
113
Gin alter Rittersmann von feinen Bitten,
Mit feinem fchneeig weiſſen Bluͤthenhaar
Stets gern im Kreis der jungen Welt gelitten,
Wie blaffer Vollmond bei der Blumenfchaar,
Lauſcht heiterlaͤchelnd In des Feftes Mitten,
Unb jedes Herz wird gern ihm offenbar,
Weil er nur liebt zu ſchmuͤcken, nie zu ftören.
Sept laͤßt er dieſes Raͤthſelſpruͤchlein hören:
„'S tritt ein Gefangner ein
In diefen Garten,
Mag kaum, fih zu befrel'n,
Die Stund’ erwarten! .
Denn feinen Buſen fchwellt
Die Luft am Kriege, '
Gern prangt als Tühner Held
Er hoch im Siege!
. Allein je länger bier,
Se minder wanken
Aus blum'gem Lichtrevier
Ihm die Gedanken.
Kann er dem bolden Reif’n
" Wohl je entlagen ?
Wollt Ihr einft los ihn fein:
Ihr müßt ihn jagen!
g*
116
Jagt Ihr ihn fort vom Saal
Ihr holden Frauen,
Doch läßt er ’mal auf ꝰmal
Sich wiederfhauen. —
Seid, Herrn, Ihr auf det Epur?
. Nein: in der Falle! -
Ihr denkt: ’8 iſt Gott Amur!
Wir find’! Wir Aller
Ein heitres Lachen lohnt die beitre Spende,
Und auch aus fchöner Hand ein Blumenkranz.
Da ruft es durch die laub'gen Saaleswände:
„Recht bat Eu'r Sprüchlein, Herr! Jedoch nicht ganz.
Ihr zieht's auf Alle! Uber ich, ich wende
Auf mid allein der luft'gen Reime Tanz!” —
Man flaunt! — Es war Herr Hugh, der kriegsge⸗
fangen
Mit Andreghem und Bertrand kam gegangen.
| Ein Srendenruf gräßt die drei edlen Gafte,
Und von ben Frau'n ein freundlich fitt’ges Neigenz
Die Ankoͤmmlinge nehmen Theil am Sefte,
Und, dem Gefang’nen hold fi zu erzeigen,
Wählt man für ihn an Speif’ und Trank das Beſte;
Die Wahl für feinen Platz laßt man ihm eigen.
Kurz: ob-den Siegern Gruß und Heil begegnen;
Noch beffer wahrlich geht es dem Erleg’nen! —
-
417
Du kuͤhne Seit mit deinen zarten Sitten,
ie fhwebft Du lodend über unferm Haupt! -
Du haft bisweilen In der Zwietracht Mitten,
Die, weltlich ringend, frech die Welt beftaußt,
Manch einem Kämpfer, der für dich geftritten,
Die Schläfe mit friſchgruͤnem Zweig' umlaubt!
O kehre wieder, kehre bleibend wieder,
Du Zeit der ſchoͤnen Sitten und der Lieder!
Erläuterungen
zum fünften Geſauge.
Seite 104 : .
„Das ſtammt von de, wo fih nad
ftolzer Wahl
Das Meeresciland Eühn zur Beute
nahmen
‚Die Ritter Wilhelms von der Nor:
mandie; —
Die Spur beſteht noch jest, und
fhwindet nie.
Viele der. vornehmften englifhen Namen tra-
gm fortgefegt die frarzoͤſiſche Rechtſchreibung an fi,
118
und wanken auch in der Ausſprache zwiſchen den Sit⸗
ten der Abſtammung und Verpflanzung.
UN 1
Seite 116:
„O Slüeliner, fo ſchoͤn aus Tanzes
Gleiten
In ritterlichen Heldenkampfzu tel
ten!“
Aehnliche begeiſternde Kampfesfreuden ſehn auch
noch bisweilen die neuern Kriege, obzwar in der
Regel das fernreichende Geſchuͤtz alle holdere Naͤhe
von uns verſcheucht. Der Reiter iſt damit noch am
beſten dran. So hoͤrte ich ſchon als Kind folgendes
Geſchichtchen vom großen Seidlitz erzaͤhlen. Es kam
aus zuverläffigem Munde, aber Ort und Datum
hielt mein Knabengedaͤchtniß nicht feit. Deshalb
mag Alles hier lieber in Liedesweife ſtehn:
Wer reitet durch das Sachſenfeld
Im raſchen Kriegesflug?
Das iſt der allerkuͤhnſte Held,
Der je den Kuͤras trug!
Der Seidlitz iſt es! Wo ihn fern
Der Feind im Traum nur ſah,
"Steht er als ein Kometenftern -
Urploͤtzlich dräuend nah.
119
Eeht Ihr das hohe Fuͤrſtenhaus?
Da ſchauen durch das Feld
Wohl ſchoͤne Fuͤrſtentoͤchter aus; —
Hinan trabt unfer Held.
Es waren ſchlimme Gäjte drin,
Weit aus Franzofenland.
Die prahlten mit verdrehtem Sinn
Bon Kriegs: und Liebeshrand,
Die wollten juft zur Tafel gehn
Am dentihen Fürftenhaus.
Doch kaum ließ fi der Seidlitz fehn,
So zogen raſch fie aus.
Der Seidlis mit Trompetenfhall
Mitt nad dem Schloß empor.
Die Säule führte man zu Stall;
Die Feldwach rüdte vor.
Die Reiter fanden Trank und Mahl
Wohl reich an Schloffes Fuß. |
Der Seidlig fand im Fuͤrſtenſaal
Viel holder Frauen Gruß;
Und auch manch fröhlich heilen Scherz,
Wie ſchnell den Feind der Stahl
Des Gegners und fein Elopfend Herz
Wegtrieb vom Fuͤrſtenmahl.
_ 126
Da hieß es: „nun, o Here, zu Tiſch!
Die Speifen werden kalt.“ — ’
Doc horch, wie bort vom Walde frifch
Piftolenfhmettern kuallt! |
Ein Reiter von ber Zeldwady jagt
Schnell über Haid’ und Moog,
Tritt lächelnd in den Saal, nnd fagt:
„Der Feind tft wieder los.
Er kommt mit einer ſtarken Macht!" —
Die Frauen wurden bleich.
Allein der heitre Seidlitz lacht:
„Wir effen doch wohl gleich!
Seliebt es Euch, Ihr Holden Frau'n,
Sm hellen Mittagfchein Ä
Vorerfi ein Jagen anzufhaun? —
Ich fteh’ für Mles ein.”
Er grüßt, und ſchwingt ſich auffein Roß;
Aus fuͤhrt er feine Schaar.
Die Frauen nahmen's von dem Schloß
Halb ſchen, halb laͤchelnd wahr. —
Wie ſchmetterte Trompete heil!
Wie war den Reitern wohl!
- Wie jagte dee Flanqueur fo ſchnell!
Wie kaallte fein Yiftol! "
321
Kam das vom heitern Himmelsſchein?
Es kam von fhön’rm Glanz: |
Man wußte je, viel Frauen fein,
Die fhauten in ben Tanz!
Der Seidlitz lacht: „genug gefeh’n
Nun haben fie vom Spiel,
Die Frauen woll'n zu Tiſche gehn;
Raſch, Kinder, nun an’s Ziel!“
Er hatt? am. Huͤgelzug verſleckt
Me Schaar mit Hugem Sinn.
Der Feind, von vorn fo Kühn genect,
Sah dorten gar nicht hin. |
Nun ploͤtzlich Alles: Schwerdt zur Hand!
Galopp im Waffenſchein!
Da brach die Schaar aus ihrem Stand,
Und hieb vom Fluͤgel ein.
Da flog der Feind mit Mordgeſchrei,
Mit: „sauve qui peut! zum Wald.
Die Preußen tauchsten [aut Dabei,
Daß Alles wiederhallt;
Vergaßen über'm Jauchzen nicht,
Recht tuͤchtig nachzuhau’n.
Da hatte manch ein Augenlicht
Vom Schloffe viel zu ſchaun.
222
Denn huͤbſch ſieht ſich s von weitem an,
Macht Frauen hellen Muth,
Nur der tief drinnen ficht, der Mann,
Sieht Graus und Grimm und Blut.
So ſoll es ja anch eben ſein
Auf dieſer ſtritt'gen Welt.
Drum lauſcht die Frau im Kaͤmmerlein,
Und zieht der Mann durch's Feld.
Und jedem tapfern Reitersmann
Beiheere Bott ein Mahl,
Wie's Seidlitz ih mit. Kampf gewann
. Im hellen Fuͤrſtenſaal! j
b -
AUT —,
423
Bertrand Du-Gueſclin.
Sechster Gefang.
Weit ſpann', o Lied, weit ans die Adler:
ſchwingen,
Und weiter ſtets mit jeglichem Geſang,
Weil kuͤhner ſtets die Waffen Bertrands klingen,
Und rein're Bergluft ſucht ſein Heldengang!
Die Weltgefhichte, froh an großen Dingen,
Nimmt felbft ihn wohl in liebenden Umfang,
Indem fi wahfend, wie er reift an Jahren,
Der Kriege blut’ge Wunder offenbaren. —
Ale Philipp ſtarb, hat Frankreichs Thron be⸗
ſtiegen
Johann, der bühne, ritterlihe Held, |
Sn frühern Jahren zu Bretagne’s Kriegen
Dem Bertrand froh als Kampfgenoß gefellt.
1
Da flog der Knab' von Siegen fort zu Siegen!
Doch den gereiften, hohen König Fällt
Das Kriegsglüd.an mit feinen ſchlimmſten Tüden.”
Oft liebt's ja, Herrliches in Staub zu drüden!
Bei Poitiers — ohne Bertrand — ward ger
fhlagen
Die Schlacht, wo das raſchwall'nde Heldenblut
Die Franken trieb zum überfühnen Wagen,
. Sum Sturm in unerfpähte Seindesfluth!
‚Bei Poitiers war es, wo die Rittet lagen
Um ihren König todt im trenen Muth! —
Ja, — Wort, vor dem die Kippen bleich erbangen, —
Bei Poitiers ward ber König felbit ge:
fangen!
Der König Franfreihe! — Die Entſetzenskunde
Fleucht hundertfach beſchwingt von Land zu Sande,
und ſchlaͤgt in Fra’ "enherzen Wund’ an Wunde,
Und wirft manch treue Hand in Ohnmachtsbande!
Doch giebt’8 Bretagner mit dem Feind’ im Bunde:
Die Krieger Montfort's! — Die zu feftem Stande
Sehn ihr bebrängtes Heer wie neu erſchaffen,
Und rufen alwarts: „Sieg!“ und: „Waffen!
Waſffen!“ —
125
Der Graf von Montfort freilich war geftorben,
Doch blühte friſch fein jugendliher Sohn; —
Vor allen ird'ſchen Dingen unverdorben
Lebt länger als der Menſch fein Recht zum Thron! —
Und wer dem Hauſe Montfort Freund' erworben
Mit ſuͤßer Worte kriegriſch holdem Lohn,
Und auch wohl oft mit edler Thraͤnen Schimmer: —
Johanna Montfort zauberte noch immer!
Durch deren Wink entflammt, und Kühn vom Sieg,
Den König Eduard's Heldenfohn erftritten,
Zeug Herzog Sancafter alsbald den Krieg
Mit England’s Heer in der Bretagne Mitten.
Und weil ſtets hoch Johanna's Seele ſtieg,
GSing's unverzuͤglich mit Entſcheidungsſchritten
:Und mit der Speer und Kriegsmaſchinen Stoß
Auf Rennes, die erſchreckte Hauptſtadt, los.
Ja, fie erſchrickt; doch nicht im feigen Zittern,
Vielmehr beruft fie ihrer Bürger Kraft, |
Die ih umwall’n mit Sturmpfahl, Man'r und
Gittern,
Sich waffnen raſch. mit Kolb’ und Lanzenſchaft.
Auch eilt manch Einer von den nahen Nittern
Zur Stadt in treuer Waffenbruͤderſchaft.
Vor Allen glaͤnzten da als Doppelſtern
Die Herrn von Penhoet und von Saint Pern.
126
Als Dritter wollte fi niein Bertrand zeigen, —
Zu ſpaͤt! — Da er vom fernen Zuge Fam,
War fhon die.Stadt berannt im ehrnen Reigen,
Der weit umher den maͤcht'gen Umfang nahm.
Er hält, und ſchaut, und fpaht umfonft nach Steigen
Zu den Bedrängten bin. Ein zorn’ger Gram
Schnürt ihm das tapfre Heldenherz zufammen, —
Dann ſpruͤht er auf in dieſer Worte Flammen:
„Wohlan, ſoll ich nicht ſiegen oder ſterben
Mit jenen Theuern, in der Stadt umſchloſſen,
So will von auſſen ich nach Ehre werben
Auf weinen kuͤhnen, windeſchnellen Roſſen! |
Huͤt' Dich, Du fremdes Heer, daß nicht Verderben
Statt Nahrung Dir fei ringsumher entfproflen!
Sa, lern’ es num, wer es bis heut? nicht lernte,
Was in Bretagne ein Feind an Früchten aͤrndte!“
Wie haͤltſt Du ſtark, wie Löblicy furchtbar Wort,
Mein Du : Suefelin! — Naht Zufuhr fich dem Lager,
Naht fih ein Handelsmann, — Du treibft fie fort! —
. Berfümmert ftehn die Brittenroß® und hager, |
Denn, wer nad) Futter fucht, trifft bint’gen Mord. —
Wer Dich zu greifen denkt, — und laur' er, wag' er
Auch ſchlau! — Dertrand iſt fern, will man ihn
packen,
Und ferngeglaubt, fine er dem Feind’ im Nacen! —
127
Einft Hat er ald Gefang'nen auch erbentet -
Den Herrn La Poule, den Rang und Kriegsruhm
ſchmuͤckt.
Und weil franzoͤſiſch Ponle ein Huhn bedeutet,
Iſt dies Soldatenfpäßlein wem geglüdt:
„Seht, wie Bretagne’s Aar den Fittig fpreitett
Wie hat er Englands Huhn fo ſchlimm zerpfiädt 1” —
Sm Heer war bald ber Scherz herumgelommen,
Und ward als gutes Zeihen aufgenommen.
So iſt der Kriegsmann! Oft muß Ihn in Tagen,
Wo er des Kampfes blut’ges Meer durchſchwimmt,
Ein Kinderfcherz auf leichtem Fittig tragen,
Den er auch fpäterhin wohl ernftlih nimmt,
Ja, der ihm wie aus altgeweihten Sagen
Als Hoffnungfternlein durd die Seele glimmt! —
Des Scherzes braucht, wer mit dem Tod foll fherzen, -
Doch hinter'm Scherz Jauſcht Ahnung ernft im
Herzen! —
Der Adler ſprach zu bem, den er gefangen:
„Bieht beim zu Euerm Heer, mein edler Held!.
Das Löfegeld betrat” ich als empfangen,
Menn Euer Feldherr frei die Bahn mir ftellt,
In das bedrangte Rennes zu gelangen.
Doch falls ihm die Bedingung nicht gefällt,
Muͤßt Ihr nach der Belag’rung zu mir Fehren.”
2a Poule fpricht ſein Ja, und zieht in Ehren.
428
Doch als”er nun fi ſeinem Feldherrn naht,
Und meldet, wie ihn Bertrand freigelaffen,
Spricht Lancaſter: „Fuͤrwahr ein feiner Kath!
Da muͤßt' ih mid und meinen Ruhm ja haffen,
Mir ſperrend felbft die angefang’ne That! .
Nein, eher ließ ih, ald in Rennes Gaſſen
Den ungeſtuͤmen Wildfang zu geleiten,
Hinein fünfhundert Frankenfchüßen reiten!" —
So blieb denn jeßt noch brauffen unfer Held:
Zwar ſchoͤn geehrt durch Lob ans Feindes Munbe,
Doch font nicht eben fonderlich geftet, —
_ Denn mädt’ger uͤberzog mit jeder Stunde :
" Der nah'nde Winter die erflartte Welt.
Wohl ſchirmten dichte Forften in der Runde —
Meiſt bei Chatean = Briant — die Kriegsgenoffen
Des Du-Gueſclin; — doch fhlimm erging’s ben
Hoffen!
Denn ob fol edles Thier auch freubebranfend,
Von Schlachtruf und Trompete wie beſchwingt,
Die ſtart'nde Lanze, die Gefchoffe, faufend
Um feine Schläfe, hoͤhnt, und fürderdringt, —
Doc fenft es nahrungsarın, im Freien haufend,
Sp Muth ale Haupt; Fein muntres Wiehern Elingt ;—
Vor Noth kann fih Begeift’rung nur erhalten
Im Gottesbild, nicht in Naturgeftalten.
13_
Der fteigenben Erſchoͤpfung zu begegnen,
Wirft Bertrand auf Burg Fougerap die Augen.
Die mochte freilich gut vor Schnei’n und Regnen
Sum Schub, wit Epeif’ und Wein sur Stärkung
taugen.
Doc ſtarrt fie unbeſtegt im hochgeleg'nen
Gemaͤu'r, und ſcheinet ſtolz're Luft zu fangen,
Als rings dad Land. Mit fehdekuͤhnen Sitten
Hauſt Robert Brembro dort fammt vielen Britten.
j
Empor blickt nach den unnahbaren Wänden
"Bertrand mit unabläffig tiefem Sinuen.
Wohl fieht er: wicht allein mit ſtarken Haͤnden
Und Baden laßt ſich diefes Spiel gewinnen!
Das augefaug ne mögen ſie vollenden,
Jedoch die Liſt muß kluͤglich es beginnen,
Im nahen Wald laͤßt ſeine Schaar er lauern;
Er und drei Maͤnner gehn zum Schloß alßs euren,
Holzbuͤrden tragen hoch fie auf den Ruͤden,
Und rufen grüßend nach der Burg hinauf:
„Hedal Bon gutem Hoalz bie beiten Gtüden!
Heda, Ihr Herr'n Gagländer! Holy zu Kauft‘
Da zeigt fich gleich dev Pfoͤrtner auf deu DBrüden,
Und auft und winkt: „nun in! Heran! Herauf!“ —
Here. Brembro war mis Einer feiner Schaaren,
Wie Beutrond wußl', auf Beut' in'ß Land gefabtem —
9
130
Die Biere gehn hinzu. — Das Thor bleibt offen,
Geſenkt der Bruͤckenzug. — Der Pförtner tritt
Bor mit drei Knechten. — 9 du kuͤhnes Hoffen,
Wie flammſt du Fühner auf mit jedem Schritt! —
„Sept ift — jeßt wohl die rechte Zeit getroffen, —
Denkt Bertrand ſtill — die Seinen denfen’s mit —
„Gueſclin und Mutter Gottes!’ tönt die Stimme .
Des Helden laut. Er trifft den Feind im Grimme,
Den ſchlechten Pförtner, mit der Streitart Knauf,
Und wirft in's Thor die ſchwere Holzeslaft;
Die hält die maͤcht'gen Pfortenflägel auf.
Jedweder auch von feinen Neif’gen faßt
Den Feind mit Erafl’gem Hieb. Jedoch Im Lauf
Der Wundenangft, fhon halb zum Tod erblaßt,
Stuͤrzt Einer noch in's Schloß, und ruft: „zu'n
Waffen!
Mit Bertrand Du⸗Gueſclin habt Ihr's zu ſchaffen!“
Da laͤuft es in den Burghof raſch zuſammen,
Von allen Seiten Schild' und Lanzen vor!
Doch unſre Viere, gleich erzuͤrnten Flammen,
Sie dringen vorwaͤrts ruͤſtig in das Thor;
Sie find, fie find nicht mehr zuruͤckzudammen, —
Den Feinden Dämmert’s wie ein ſchwarzer Floe
um Aug’ und Seel’ im Ueberraſchungsſchrecken.
Doch hauen fie noch zärnend auf die Keden,
J
131 °
Und ftoßen, werfen, wie's nur eben ‘geht,
Bor Allen um den Bertrand bergedrungen, .
Wohl ahnend, wenn erft Der nicht widerfteht,
Sind aud die Andern raſch gewiß bezwungen.
Doc rings um ihn liegt's wie ein biut’ges Beet
Zerſchlagner Halme. Gleih auch war erflungen
Im erſten Anfall feines Heerhorns Rufen, —
Heran ſtuͤrmt feine Schaar die Bergesſtufen.
Sie ſtuͤrmt herein, und ſtellt das Kampfesrecht
Zu beſſerm Gleichgewicht. Auf die vier Gaͤſte
Bis dahin draͤngten Hundert in's Gefecht! —
Nun gilt's, nun gilt's! Blut rieſelt durch die Veſte,
Am Boden ſtarrt manch kuͤhner Knapp’ und Knecht.
Doch daß nicht etwa, heimgefehrt zum Nefte,
Der Falle Brembro ſchlimm den Anfall raͤcht,
Bieh’n Bertrand's Krieger ſchnell die Brüden auf,
Sich bannend felbft zu Eieg’s und Todeskauf.
Nun gilt's: Verlieren ober ganz Gewinnen!
Nun hoffe Niemand mehr auf aͤußre Kraft!
Man kommt als Sieger oder nie von hinnen! —
Eins ruft's dem Andern zu. Wer halb erſchlafft
Erſt ruͤckwaͤrts ſah, ſtuͤrmt nun mit wilden Sinnen
Feindan! — Dem tapfern Bertrand brach der Schaſt
Von feiner Art, und im gewalt’gen Dringen
Verboffen fieben Feind’ ihn zu bezwingen.
9*
132
Weit it er a den Seinen vorgerannt,
Faſt waffenlos von ihnen abgeichkitten,
Und hält an einem Stalle mühfem Stand.
Da reißt er plöglih aus der Feinde Mitten
Dem Kühnften eine Hal’ aus ſtarker Hand.
Gr ſchwingt fie zweimal — und zwei Seinbe glitten
Todt in ihr Blut, — bie andern Günfe zaubern,
Und ftehn vor ſolchem Gegner nur mit Schaußern,
Wielleicht Ein rafher Ausfall, und fie wichen,
Und ließen Bertrand au den Seinen Raum! .
Jedoch er fteht und ſtarrt, beinah erblihen
Von Muͤh' und Blutverluft. — Erfah noch kaum,
Weil aus ’nem Kopfhieb blut’ge Tropfen fchlichen,
Und ihm in's Ange rollten. — Wie im Traum
Dreht mit gewalt'gen Schwüngen er die Waffe,
Und Keiner naht, daß er fie ihm entraffe.
Da endlich, um den Hauptmann heiß erbangend,
Bricht durch die Feinde Bertraud's Heldenfchaar,
Und nenbefhwingte Stegerkraft empfangend,
Rollt blut'ge Augen. rings Bretagne’d Bar.
Die Gegner wanken. — Schonung nur verlangend,
Stürzen fie nieder, aller Waffen bar! —
Es winkt der Held. — Es ift Dee Kampf gefchieben,
Und Alles auf der Burg wird Huld und Frieden.
133
Der Bertrand hat fi feit um’d Haupt geſchlungen
Ein Tuch, und Tropfen Balfams drauf gefpräht.
Da war ihm Schwäch’ und Ohnmacht gleich bezwungen,
Und Fed fein muntrer Sinn aufs new erblüht.
Er lacht: „Ihr Herr'n, das ift nnd gut gefungen!
Laßt ſehn nun, ob der Koch ſich hat gemuͤht.
Dem Eleißigen darf's nah Speif’ und Tranf ges
| lüften,
And Zeit wird’s inft, den Mittagstiſch zu ruͤſten!“ —
Sie fanden Alles fertig in der Halle:
Den Tiſch gededt mit Speifen und mit Wein!
Denn als ber Pförtner ging in jene Falle,
Da läutete die Glocke Mittag ein. _
Die Sieger fegen ih im Waffenfhalle
Ringe um ben Tiſch. Hell ſtrahlt die Sonne drein.
Mandy altes Lied ertönt beim Becherleeren,
Auch Manches, ſchnell erdacht zu Bertrand’s Ehren.
Dercoch der bat bald das heitre Mahl beichloffen,
Und fpriht: „Ihr Waffenbrüder, ’6 wird nun Zeit!
Hier fehlt's gewißlich nicht an guten Roſſen,
Und Robert Brembro iſt wohl nicht mehr weit,
‚Wir reiten ihm entgegen unverdroffen,
Und Hoffentlih giebt's die Gelegenheit,
Ihn auf dem Heimweg dergeſtalt zu fallen,
Daß ex hinfort das Land muß rupig daten!"
4
134
Die kuͤhne Schaat, vom Vorſchlag ganz entzündet,
Muft heitres Fa! als wie ans Einem Mund,
Sum Ritte gern wie erft zum Mahl verbündet.
Doch ſprechen Viele: , Hauptmann, Ihr feid wund!
Nicht braucht's erſt @uer Muth, daß Ihr ihn Endet;
Bleibt huͤtend hier in dieſes Schloffes Rund,
Und- gönnt es und "mal, daß wir felbft die Schlingen
Dem Feinde ſtell'n, und ihn befiegt Cuch bringen.”
Da fieht der Bertrand unter'm blut’gen Tude
Ergrimmt hervor, und murmelt: „ſolch ein Ritz!“
Haͤtt' er nicht laͤngſt entſagt ſchon jedem Fluche,
Sept kaͤm wohl was von Donner und von Blitz.
Doch ſpricht er: „wenn nach Sieg und Ruhm ich ſuche,
Bin ich auch ſelber ihn zu finden nuͤtz!
Bon ferne ftehn? Das ſollte inft mir fehlen!
Kommt, lommt: Laßt uns die beſten Roffe waͤh⸗
len!“ —
Die Pferde wiehern in ben großen Staͤllon,
Jedwedes von britanniich edler Art,
Und jeder Reiter ſucht fih den Geſellen,
Der ibm am allerbeften fcheint gepaart.
Derweil fieht Bertrand ſchnell nach Thor und Wällen,
Huch was von allem Vorrath iſt geipart,
Und ordnet die un, die bei’'m heut’gen Treiben
Hier als Beſatzung ſoll'n im Schloſſe bleiben.
435
* Dann nad den Ställen eilt auch er hinunter,
Und fucht fih einen edlen Nenner aus.
Der grüßt den neuen Reiter ftolz und munter
Mit Hufgeftampf und freudigem Gebraus;
Huf ſchwingt dee Bertrand fi, und trabt bergunter
Don feinem eben neuerfiegten Haug,
um bald im Labunggllang geprüfter Waffen
Die einfl’gen Herr'n als Säfte hinzuſchaffen. —
Mit funfzig Neftern hielt im Fühlen Dunkel
Der Waldeerud ftill harrend unfer Held,
Bis abendlih ſchon fiel das Lichtgefunfel
Der Sonn’ auf die entfhlummernd ftille Welt.
Da horch: — ein Roſſestrab, ein leis Gemuntel
Wegmüder. Reiter, — Panzerſchein erhellt
Das Buſchgezweig mit rärhfelhaftem glitter, —
„Vor! — Mutter Gottes! Gueſclin!“ — ruft mein
Mitten.
Kriegsfreudig wirft fein Feind ſich ihm entgegen,
Lautrufend: ‚England bier! Und Brembro bier!‘
Doc bald vor Bertrand's maͤcht'gen Klingenfchlägen
Kracht ihm der Helm, zerihellt ihm das Viſir.
Er ſtuͤrzt vom Roß, er ift zum Tod? erlegen,
Und fein Gefolg — beraubt der. Heldenzier. .
"Des Führers, ringe umſtuͤrmet und umgangen, —
Giebt fih der.rafchen Bertrandsſchaar gefangen.
Man werber ſich nach gut vollbrachten Dingen
Mit Iuft’gen Liedern nach der Burg zuruͤck;
And unter ander läßt man eins erklingen
Vom wunderlichen, kugelrunden Gluͤck.
Da ſtimmen die Gefaung'nen mit in’d Singen;
Auch paßte wirklich aut auf fie das Stuͤck:
Nach Beute Fitten geftern Pe, und Heute
Fuͤhrt man fie ſelber ‚wieder heim als Meute,
Biel hatten fie. auf diefem Fehderitte
Gedrndtet, und beinah es eingebradt;
Biel Reihthum auch fand fih in Schloffes Mitte,
Theils Geld und Gut, theils Wehr: und Kleider
pracht.
Das Alles ſchenkte — nach gewohnter Sitte
Auf Andre nur, nie auf ſich ſelbſt bedacht —
Der Bertrand den Genoſſen feiner Thaten, n
Stets denkend neuer, ſchoͤn'rer Ehrenſaaten. |
Ir aber, bie Ihr gern durch blut’ge Thale,
Euch freund am Lied und auch am Waffengang,
Mir folgt zu Bertrand's hoͤchſtem Chrenmale,
Schaut, bist’ End, ernſt zurü auf diefen Sang,
Weil ja in feinen Reih’n zum erſtenmale
Der Feldruf: „Gueſclin! Butter Gottes!‘
klaug.
1,37
Den werdet Ihr noch oft in vollern Chören,
Zum Schreck dem Feind, zum Heil den Freunden
hören }
——m— — —
Erläuterungen
um ſechsten Sefange:
Erite 125:
„Durch deren Wink entflammt — —
Trug Herzog Lancaſter aldbald deu
Krieg
Mit Englands Heer in der Bretasne
Mitten.“
Dieſer kriegberuͤhmte Held war des König Chuard
von England Bruder und Oheim des ſchwarzen
Prinzen.
Seite 127:
„Des Scherzes braudt, wer mit dem
Tod ſoll ſcherzen;
Doch hinter'm Scherz lauſcht Ahnung
eruſt im Herzen,‘
138
Diefe wunderbare Natur des Soldatenfcherzes
macht, daß fo viel davon in der Geſchichte aufbe-
wahrt geblieben if. Auch haben ihn große Feld:
herrn von jeher in feiner Bedeutſamkeit verftanden
und benugt, gewöhnlich felbft mit dem Elemente
dazu begabt, von den altgriechiſchen Helden an bie
auf Bluͤcher, und fo wohl zweifelsohne in alle kuͤnf⸗
tige Seiten hinaus.
139
Bertrand Du-Gueſclin.
Siebenter Geſang.
Wohin mein Held nichts kann als Wuͤnſche
ſchicken,
Doch mit des frommen Sehnens heiliger Kraft:
Nah Rennes, der bedrängten, laßt und hlicken!
Was bort ein gottvertrau'nder Eifer ſchafft,
Wie die Ermattung faugt ein füß Erquiden
Ans unfihrbaren Baumes Wunderkraft,
Dep Blüthen Himmelslüfte fiets erneuen, —
Daran, daran fol unfer Herz ſich freuen!
war nicht den Bertrand hört" alsbald Ahr
Ä nennen !
Ton Denhoet ertönt und von Saint Pern
Der Kunde Wort. Doch weil wir Bertrand kennen,
Ep willen wir: init Das vernahm er gern!
140
Und wenn um unfer Singen, Schreiben, Rennen
und Schaffen fonft auf diefem dunfeln Stern,
Er irgend weiß in feinem feel’gem Lichte,
Sveut er noch jeßt fih mit an der Geſchichte.
Mich duͤnkt, ih hör ihn flüfternd zu mir
| ſprechen:
„Bas immer nur von mir! Von nichts als mir!
ar ih ein Rodomont in den Gebrechen
Der Sterblichkeit, — und wär’ ich's gar nod hier? —
Der nur von feinem eig’nen Hau'n und Stechen
Zu fagen weiß? — Du Sänger, mer’ es Dir,
Dein Lied fol nicht allein nur meine Ehren,
Kein, die auch Fieber Waffenbrüder mehren!‘ —
Ich neige mich, von frommer Luft entzändet,
Dem holden Wink, nnd fing’ es in die Saiten,
Wie unbewegt, auf ew'gen Feld gegründet,
Die tapfern Bürger widerftehn dem Streiten,
Sturm folgt anf Sturm! Doch jeder Sturm vg:
Tündet
Nur den Bretagnern neue Herrlichkeiten,
Den Feinden Noth und wachſendes Merzagen.
. Sechs Monben zollten hin in Kampf und Wagen!
Da fpriht der zorn'ge Lancaſter: „wohlan!
Ihr wollt den. Ruhm der Mumantiner erben,
141
Und vor des Hungers graufenvollem Daun
Sm Wahn der Unbefiegbarkeit erfterben.
Ich bin — wenn Ihr's fo wollt — ih bin ber
Mann,
Ench fireng’, wie Scipio Jene, zu verderben.
Verhöhnt nur umfre Leitern, unfre Lanzen!
Auch wir, wir hoͤhnen Pänftig hinter Schanzen!“
Und ringeher um die alten Mauern fleigt
Furchtbar die neue Erdumwallung auf,
Die fid in graufer Kunſt zufammenzweigt,
Der freien Luft faſt zwaͤngend ihren Lauf.
Doch glandt Ihr, daß die Stabt ihre Banner neigt?
Sie war vorlängft durch Aerndte, Bent’ und Kauf
Dem Hunger klugbedacht zuvorgekommen,
Und Alles ſchwoͤrt: „eh todt, als eingenommen!”
Da ſchaͤumt der Feind, und suft! ‚Tann nichts
Euch zwingen?
Nichts diefes fkarren Hochmuths Prangen ſchwaͤchen?
Ich weiß noch Eins! — Zum Abgrund will ic dringen,
‚Kühn in den Schlund ber finftern Erde brechen,
Will grabenb unter Exerır Mauerringen
Den Weg erſpaͤhen; dann beauf im zorn'gen Raͤchen
Ich aus der alten Nacht mit ehrnem Tritte,
Und. ſchleudre Mord, Graus, Flamm' in Eure
Mitte 14 —
A
Er wintt, — und in den Erdſchooß iſt verſchwunden
Mit Hal’ und Spaten eine fede Schaat,
Und hat fich fortgefchaufelt, fortgewunden,
Durch Sand und ‚Stein. — Wohl ahnt man die
Gefahr
In Rennes, denn zu ſtiller Naͤchte Stunden
Hoͤrt man das Pochen. Doch wird's Keinem klar,
Wann einſt und wo das tiefgeſpenſt'ge Raunen
Aufdonnern werd’ im Hall der Kriegepofaunen. —
Furchtbarſter aller irdifhen Gedanken,
Daß felbit der fefte Boden, der ung frägt,
Herberg’ in feinen unerforfhten Schranfen
Den Feind, der uns in naͤchſter Stund’. erfchlägt!
Es ſcheint, daß Brunnen zittern, Käufer wanfen! —
Das file Schlafgemah, das uns umbegt,
Das Zimmer, drin ein Kind liegt neugeboten, —
Vielleicht zur Mordbahn ift juſt das erforen!
Die Wil und Mauern, die den Ort umſchitmen,
Man blidt fie feufzend aut „was helft Ihr nur?
Mit Bruftwehr prangt Ihr ſtattlich und mit Thürmen,
Doch Eure Wurzeln nagt auf grimm’ger Spur
Ein Heer von untericd’fhen Drahenwürmen !
Derweil She ſchuͤtzend ausblickt nach der Flur,
Mag uns Verfehmte — weh, in Enerm Rüden,
In Enerm- Ring! — der wüth’ge Seind zerſtuͤcken!“ —
143
Jedoch mit Nichten bleibt's bei müß’gen Klagen:
Der weife Penhost läßt wohlbedacht
An viele Orte Kupferbeden tragen,
Mit Kugeln drin von Blei. — Wo nun im Shaht —
Sm fürdterliben! — Hammern, Graben, Schlagen
Nur irgend nahebei iſt aufgewadht, —
Mag noch fo ftil der Feind fi halten wollen:
Die Becken dröhnen, und die Kugeln rollen!
Sie dröhnten, rollten oft im graufen Klang,
Sie tönten Schreden in manch treues Ohr, —
Gewiß war die Gefahr, jedoch der Gang
Noch ungewiß, den ſich der Feind erfor, —
Und ah, die Stunde eilt! — Mit Sturmesdrang,
Derweil Ihr forfcht, bricht er wohl plöglich vor! —
Zornroth in Waffen ftehn die tapfern Degen,
und ſpaͤh'n umfonft nadı des Verderbeng Wegen. —
Schreckt Ench der Erdenfhlund mit dumpfem
‚Grauen,
Der alte Rief?. in hundertarm'ger Macht,
Empor dann, hoch empor den Blick zum blauen
Lichthimmel, der verheißend ob Euch laht!
Weit über ihn empor! — Einft follt She Thauen,
Was dorther fhon im Glauben feelig lat!
Sept wiſſet: Der Euch wahrt die Himmelsguͤter,
Iſt auch ſchon hier treuliebend. Euer Hüter!
4144
gu Ihm! zu Ihm! Er wird Euch Huld etzeigen! —
Ja, in die Kirchen ſtroͤmt ein fromm Gedraͤnge;
Mit heißem Fleh'n vor den Altaͤren neigen
Sich Frau'n und Helden und die ganze Menge
Des vielbedrängten Woltes. Feiernd fteigen
Aus taufend Herzen heil’ge Pſalmgeſaͤnge.
Die Fuͤhrer hatten ſelbſt anf heil'ger Schwelle
Und im Gebete Nath, was man beſtelle. .
Solch ernſter Ruf iſt nie in Luft verſchwommen,
Solch treuer Sinn blieb nimmer ohne Licht.
Berheißend ift Died Wort und zugekommen
Yon Dem, det nie Wort und Verheißung bricht.
Ihr, die mit mir bie Jahre feid durchſchwommen
Voll Brandungsnoth, — nicht wahr, Ihr braucht es
nicht,
Daß man Euch erſt die Retterhand muß zeigen,
Die feſt Euch hat geſtellt auf blüh’nde Steigen? —
Web nur, daB In der mehriten Menfhen Bufen
Die frevle Luft nach Abgortöbildern wohnt!
Der ſucht bei finfternädtlihen Mebufen,
Was nur im Glanz des heitern Lichtes thront!
Der will das holde Spiel ſchuldloſer Muſen,
His uns mit gottgefaͤll'gen Kraͤnzen lohnt,
Misbrauchen, irdiſch gaukelnde Geſtalten
Frech zwiſchen Gott und Menſchen einzuhalten! '
145
- Nennt Ihr ed Demuth, Den Eud fernzu:
zu ſtellen,
Der ſelbſt zu Euch vol ſeel'ger Liebe kam,
Und mit des Wortes und der Kraft Erhellen
Vertrieb den uralt finftern Suͤndengram? u
Mas will denn noch das Spiel ber Bacheswellen,
Wo in den Arm das heil'ge Meer ung nahm?
Was will das fhwahe Flimmern blaffer Kerzen,
Wo ung die Sonn’ umftrahlt aus glüh’ndem Herzen?
O thör’gerMenfch, dreift, wo Du follteft zittern,
Und bloͤd' und fern, wo's gilt ein füß Vertrauen! —
Sn Rennes auch läßt eitle Furcht ſich wittern,
Und will ftatt Höchfter Wunder mindre fhauen.
Da regte fih, fo hieß es, vor den Rittern
Ein fhönes Bild der Höchften aller Frauen
Mit feiner Hand die Stelle anzuzeigen,
Wo England's Macht der Erde würd’ entfteigen!
Gott wies die Stelle! Doch nicht durd ein Bild. —
Ein Bild, und ſei's von noch fo hohen Ehren,
Iſt Menſchenwerk, dem nicht mehr Kraft entquilt,
- Als Menfcpengeift vermag, ihm zu gewähren. —
Hör’ ich da eine Stimme, die mich ſchilt,
Man dürfe nicht dem Schwung der Sage wehren?
Hier gell? es kindlich füße Doefie? —
Ehrfurcht vor Der! Bor Goͤtzenfabeln nie! —
- 10
146
Geftärtt durch fein Gebet, von Gotteswegen
Mit ſcharfem Sinn und heller Kraft belebt,
Entdeckt Saint: Pern, von wo das ſchlimme Negen
Des Zeindes nahe ſchon den Grund durchgraͤbt.
Und fchnell befonnen faßt er Ha’ und Degen,
Biel tapfre Kämpfer mit, und rüftig ſtrebt
Entgegen man bem Feind’, ihm abzufürzen
Die Arbeit, und mit Kampf fie Ihm zu würzeh.
Hoch! Englands Krieger ftugen — lauſchen —
a | halten,
Und hemmen ihrer Arbeit Feden Lauf.
Sa, rüdgewandt in finftrer Erde Spalten,
Dammen fie dag Zerwühlte wieder auf,
Scheu vor Bretagne’s raͤcheriſchem Walten.
Doch Bertrand von Saint: Pern ruft: „vorwärts!
drauf!”
Naſch wählt er fürder, fehnend, daß die Klinge
. Statt Ha? und Spatens in der Fauſt ihm klinge!
Ihm folgt der tapfre Dupont, Waffenmeifter
Der Etadt, und Gottfried Saint: Barthelemy,
Und dann die andern, fühnentbrannten Geiſter;
Sie ſahn der Erde dunkles Reich nody nie, -
Doch vor: Gefahr und dumpfer Naht nur dreifter,
Gehn vorwarts, wie zum beitern Zange fie!
. Die Waffen blitzen, die Windlichter flammen,
Und Alles ruft: „Zeind, fteh?! Wir woll'n zuſammen!“
\
147 .
Da ploͤtzlich wendet ſich die Englandsſchaar,
Bor Trotz und Hohn zu wilden Zorn entlodernd,
Und Kampf bricht los, der Sonne unfihtbar,
Als ob, zum Wettgefecht einander fodernd,
Aufftänd’ aus Faltem Bette Paar an Paar,
Was jüngft noch ſtarr lag und beifammen modernd.
Wer bier darniederftürzt an Todeswunden,
Hat auch alsbald fein dunkles Grab gefunden.
Furchtbar durchtoͤnt der Streiter dumpfe Stimme
Den Hölengrund! Furchtbar im Fackellicht,
Bon Blute roth, und blaß in Noth und Grimme
Starrt manch ein bärt’ges Kriegerangeficht.
Oft war’s, als ob der Fadelfhein verglimme
Su graufer Nacht; dann glühl? er wieder dicht,
Net angefchlagen, in biutrothen Streifen,
Mie Drachen, die um Zaubertänze fchweifen:
Doch unerſchrocken dringt mit Schwertesſchlaͤgen,
Geſchwung'nen Kolben, Lanzenwurf und Stoß,
Die Schaar von Rennes vor auf dunkeln Stegen:
Mit jedem Schritt wird mehr das Herz ihr groß!
Waͤr' hier ſie im Entſcheidungskampf erlegen,
Was dann um Vaterlandes trauten Schooß?
uUm Weib und Mutter? Kinder in den Wiegen?
Vater und Braut? — Es wird ein Muß das,
| Siegen! — |
10*
148
Doch England's Schaar fieht hinter fih im Rüden
Den fihern Heimzug, — vor fi Brand und Mord!
Da fragt ſich nicht erft lange: wem wird's glüden?
Wie kuͤhne Seefluth ſchwillt Bretagne fort,
Und bricht, was ihr entgegenfteht, in Städen:
Wie Ebbe vor dem wohlverwahrten Port,
Weicht England, bis, gedrängt zum Tagesſchein,
Die Schaar zerfplittert flieht, thalaus, feldein.
Schnell blies fein Horm Here Bertrand von
Saint: Pern,
Und fchleunig. fammelt feine Schaar fich wieder,
Zurüd fie führt er in der Erde Kern,
Raſch über Leihen und zerhau’ne lieder
Den Gang zur Etadt. Als dort des Tages Stern
Auf's neu? man grüßet, felbft begrüßt durch Lieder
Und Zurnf und vielfahen Jubelklang,
Wirft Flamm' und Pech er in den’ Hölengang.
Das faffet mit gewaltiglihem Braufen
. Alsbald des finftern Weged Dei’ und Stüßen,
In ungefeh’nem Dunkel hört man's fanfen.
Sieht's fürchterlich. hervor vom Ausgang bligen,
Und in einander roll'n die tiefen Klaufen,
Mit wuͤſtem Krachen, qualmendem Erhitzen! —
Wo, untergraben, Wall und Mauer bebt,
Eilt Alles Hin, zu Schuß und Werk belebt, —
— n- — — —_ =
—
149
Ja, drin’ nur, England's Feldherr!All Dein
Vochen,
Es ward zu nicht. Am Ziel der Hoffnung ſchier,
Iſt Deine Bahn Dir unverſehns gebrochen! —
Er fteht, und fhweist! — Im nächtlihen Revier
Hat man umfonft gefhaufelt an ſechs Wochen! —
Wild ruft er nun: „doc pflanz’ ich mein Panier —
Ich ſchwoͤr's! — anfeinen von den troß’gen Thuͤrmen!
Richt lebend fcheid’ ich fonft aus dDiefen Stuͤrmen!“ —
Du edler Held, o haͤtt'ſt Du nicht geſchworen!
Ein Angftend Ding iſt's um ein ſolches Wort.
Es treibt ung wie mit wild verwiren’den Sporen
Zum dunfeln Ziel auf trüben Wegen fort.
Was man gewonnen hätt, — es geht verloren,
Weil die Befonnenheit — der fhönfte Hort
Des Kriegerd und des Mannes überhaupt! —
Uns fchwindet, von der haſt'gen Eil’ umſtaubt. —
Zwar fteigt ſchon hier und dort die Graͤu'lge⸗
ftaltung
Des Hungers in der bangen Stabt empor!
Sieur Penhoet beruft, wen zur Verwaltung
Gemeinen Wohle die Bürgerfchaft erfor,
Und mahnt zu edler Pflicht getreuer Haltung; —
och tönen einzle, muth’ge Stimmen vor, —
Doch fhweigt die Mehrzahl, oder fprihtmit Stammeln
Man müß’ um Rath das ganze Wolk verfammeln,
130
Im Rathhausſaal, dem alten, räumlich hohen, —
Dem Zeugen oft von,edler Väter Kraft, \
Die weder Lodung but geirrt noch Drohen, —
Zritt auch zufammen jetzt die Buͤrgerſchaft.
Dort müht fih, der Begeifterungsfiamme Lohen
Mit Hauchen, tief ans edler Bruſt entrafft,
Mit Winken, Die der Rettung Troft entdeden,'
Held Penhost aufs new’ an's Kicht zu wecken.
Biel" — ſpricht er unter Andrem — „wenn
' die Noth
In unfte Vorrathhaͤuſer einzubrechen,
Den heitern Tiſch ung zu veroͤden droht, —
Meint Ihr, Die draußen ſchmauſen oder zechen? —
Schnell wie der Sturm, gewaltig wie der Tod,
uUmſchwaͤrmen Gueſclins Reiter ſie und raͤchen
Der Freunde fernher nahendes Verhaͤngniß
Am Feind mit fih’rer, wirklicher Bebrängniß!
Faßt heitern Muth! — Vielleicht nur wenig Tage, |
Auf's hoͤchſte wenig Wochen, fo entficht
Der matte Feind aus feiner bangen Lage,
Indeß auf Euch die Welt bewundernd fieht! —
"Und wenn auch anders tönt die ew’ge Wage,
Wenn uns ein ſchwarzes Loos zum Abgrund zieht,
Nun wohl, Ihr feid’s ja felbft noch, die in Chören:
Ch Top als Uebergab'! ih hörte ſchwoͤren.
151
Ch Tod ale Uebergabe denn! Hoch leben
Soll Karl, der Held von Blois, und feine Fran!
Hoch! Dreimal hoch!“ — Dem Rufe nah erheben
Sich Stimmen wohl, doch wie im Zorne rau, -
Wie in Verzweillung dumpf. — Noch andre beben. —
Noch andre fhweigen. — Banger Thränenthau
‚Zittert an Wimpern; bleiche Lippen ſtoͤhnen: |
„Ach, kann denn nichts Geſchick und Feind verfühnen ?
Nichts unfre Frau'n und unfte Kinder retten,
Die zarten Bläthen, unfrem Schuß vertraut?
Nichts Heerd und Kirchen, die liebheil'gen Stätten,
Wo mir das Licht, dad Heil zuerft geſchaut? —
Gern woll’n wir felber in den Tod uns betten,
Doch iſt es denn nicht menſchlich, daß uns graut,
Die liebſten Blumen kalt in Staub zu wandeln?
Hein! Nein! Laßt mit dem Feind' uns unterhandeln!“
Held Penhoet verſtummt. Es iſt die Stimme
Der Lieb’ und leidenden Natur die fpricht,
Und weld ein Feu'r in Redners Bruft auch glinme,
Den Laut bezwingt der Menſch im Menſchen nit!
Da tritt ein Bürger vor. Mit edlem Grimme
Schaut er den Freunden al’ in's Angeficht.
„Ihr,“ — ruft er, — „Ihr, Euch und die Stadt
entehren?
Nein, Wegegiebt’s, noch Gluͤck und Ruhm zu mehren!
152 |
Stellt einen Ausfall an zur Morgenftunde;
Sch renne ke voraus, und la mich fangen.
Gewiß fragt alfobald man mich um Kunde,
Und hoͤhnend ſprech' ich: aus fei unfer Bangen!
Es nah? ein rüfl’ges Heer, mit une im Bunde!
Ruͤckt dann der Feind hinaus, es zit empfangen,
So wird fhon irgend was mit rüft'gen Sinnen
Held Du: Guefelin für unfer Heil beginnen.
Mich trifft vieleicht ein Tod vol Schmad und
Pein;
Doc hab? ich freud’gen Muth's mich drin ergeben,
Bott wird mein-ehrbar Kügen mir verzeih’n,
Und lindern mir das letzte Grau'n und Beben!
Ihr, herzensliebe Freund’ und Nachbarn mein,
Sorgt mir für Weib und Kind im Erdenleben! —
Mäftet den Ausfall nun! — Von andern Sachen
Nichts mehr! — Und bergt das Ding hübf vor den
Schwachen!“ —
Wer fih für Alle giebt, — ber tree Mann
Mag auch für dasmal Allen wohl befehlen.
Sie fhweigen, flaunen ihn bewundernd an, —
Da iſt nichts mehr au rathen, noch zu wählen!
Er ordnet finnig noch das Wie und Wann,
Und rings auf Mauern hinter Schanzenpfählen
Bläft man: und paukt, und Lichter find entglommen,
Als fei ein Freudenbot in’ Thor gefommen. —
153
Mir if, ich feh’ in Deinem lieben Haufe
Di, ſtiller Held, der fih dem Tod geweiht!
Die Kindlein jubeln rings Im Luftgebranfe:
„Hr, Vater! Sieh! Muſik und Herrlichkeit!‘
Und Lichter ſetzt in's Fenſter ihrer Klaufe
Die Hausfrau, laͤchelnd: „kommt uns Freud’ aus
’ | Leid?
’S muß doch was Gutes ſeyn, weshalb fie Flingen 1’ —
Der Hausherr ſchweigt. Ihm will das Herz zerfpringen.
Wohlanf, wohlan! Die. Nacht hat ausgednnfelt,
Die Eriegrifh muntre Trommel ruft in's Feld!
Die Thräne, die im treuen Aug’ ihm. funfelt,
Er drängt fie ſtark zurüd, bevor fie fallt.
„Lebt wohl, Ihr Lieben !’’ — Friſch und unverdunfelt,
Weil höh’res Licht ihm feinen Geift erhellt,
Zieht er hinaus, frohleuchtend wie der Morgen;
Dem ew’gen Vater giebt er feine Sorgen! —
Der Feind, erweckt vom frühen Waffenlarmen,
Ruͤckt aus, all feine Schanzen heil befeßend
Mit harniſchblanken Schuͤtzen. Nedend ſchwaͤrmen
Die Buͤrger vor, wie ſich am Kampf ergoͤtzend,
Wie Maͤnner, deren Herzen ſich erwaͤrmen
An irgend froher Kund', und die bald hetzend,
Bald fluͤchtend, wie ein Wild, in kuͤhnen Spielen
Die freudentflammten Heldengeiſter kuͤhlen.
154
Am Eühniten fpielte Der, den nicht zu nennen,
Den nur zu loben weiß mein Erieg’riih Lied! —
Ach, daß fihon wieder, den wir liebend kennen,
Sich namenlos vor unfrem Preif entzieht! —
Doch galt’s ihm nicht bei feinem Eühnen Rennen.
Im Ruhmeslaub! Das Heil der Brüder fieht
Gein feuertrunfnes Aug’ und wird’8 erlangen! —
Seht, fhon umringt man ihn! Cr ift gefangen.
Gefangen, wie es wünfht fein ſtarkes Herz! —
Die Andern ziehn zurüc ſich in die Waͤlle,
Noch fröhlich jubelnd, fchlagend Erz an Erz,
Und Slodenlaut durhwallt die Morgenhelle.
Das mehrt dem Lancaſter den zorn'gen Schmerz.
Er ruft den Eingefang'nen: „he, Geſelle!
Was ſoll in den berennten Stadtrevieren
Der Freudenruf? Das tolle Inbiliren?“ —
Der Bürger lächelt, wie ein Kind, das Kinder
Mit eitlen Mährchen nedt im luſt'gen Spiel:
„Der Laͤrmen, Herr? ber gilt nicht mehr, nick
| minder,
Als: unfre Noth hat plößlih num ihr Ziel, |
Packt auf! Bald kommen Euch die Ueberwinder!
Dat auf! Ste find Euch warlich viel zu viel. |
Achttanfend Fühne, wohlgeübte Reiter:
Franzoſen, und auch deutfhe Söldlingsftreiter!”
153
Nun dent der Brittenbeld: „willkommen,
Prahlen,
Du Frankenlaſter! Heut bringſt Du mir Gluͤck!
Schwer will ich dem Entſatz die Mühe zahlen!’ —
Er nedt ben Bürger, äweifelt Stüd vor Stuͤck
An dem Beriht, den angegebnen Zahlen,
Kommt oftmals auf denfelben Punkt zurüd,
Und wie er mein, nun hab’ er’s recht erfahren,
Giebt er Befehl zum Aufbruch feinen Schaaren.
Im Wahn, ganz Unerhörtes zu beginnen,
Laͤßt er dag Lager mäßig nur bewacht,
Und zieht mit den Erlefenften von hinnen,
Sobald herniedergraut die wolk'ge Nacht,
Da auch gelang’s dem Bürger zu enfrinnen;
Nach dem Verhör gab Niemand auf ihn Acht! —
Er ſteht und wählt, — ihn lodt der Heimath Thor; ;—
Doch neu für fie zu wagen, zieht er vor,
Hin, wo er meint, den Bertrand zn erfpüten,
gentt er den dunfeln, mitternaͤcht'gen Gang,
Und wie auch Stern und Hoffnung irr' mag führen
Den, welcher taumelt eitle Bahn entlang,
Doch leiten fie zu der Erfüllung Thuͤren,
Zu der Gewährungsworte Freudenklang
Den Wohlberathnen unter Gottes Saegen! —
Dem Bürger Elingt ein traut: „qui vivo?“ entgegen.
156
„Bretagne! ruft er laut im Subelton,
Und gleih zu Bertrand, wie er's heifcht, geleitet,
Verfündet er, daB mit toll eitlem Drohn
Der Lancaſter nad Zuftgebilden reitet.
Scharf horcht der Bertrand, und im Hören ſchon
Wird der Entwurf zur rafhen That bereitet.
Dann ſpricht er: „Freund, vermuthlich meinſt Du’s
ehrlich! |
Doc fiehft Du ſelbſt, das Ding iſt was gefaͤhrlich.
Drum muͤſſen wir auf Tod und Leben theilen.
Wohin ich reite, gehſt Du immer mit,
Und wenn Du mir verſuchteſt zu enteilen, —
Ich warne Dich: es waͤr' Dein letzter Tritt!“
Det Buͤrger ruft: „und ging's auf tauſend Meilen,
Ich ſeegne froh den edlen Gang und Ritt,
Der mid mit Gueſclin führt in Fühnes Wagen!"
„Gut!“ ſpricht der Held: „Wir wol’n uns fon
vertragen. ‘* |
⸗
Und ruft, zur aufgefeff’nen Schaar gewendet:
„Schnell, Kampfgenoſſen, durch die Schatten hin!
Eh' noch die Sonne warme Strahlen ſendet,
Sind bei den Freunden wir in Rennes drin,
Und haben meiftens ihre Noch beendet!‘
Kort geht der Zug im freudig ſtillen Sinn,
Big fie unfern vom Brittenlager halten, _
Als Daͤmm'rung juft und Frühluft fin entfalten.
457° —
N
Der Held läßt in verfchwieg’ner Waldeskuͤhle
Noch Mann und Roß faft eine Stunde ruh'n,
Denn ſchnell war ihre Fahrt; im Kampfgewühle
Hat bald auch viel die Feine Schaar zu thun!
Berlangend ˖ſchau'n die Reiter nach dem Ziele;
Auf jeder Kippe bebt's: „nun -endlih ?— Nun ?”’—
Die muntern, trank: erfrifchten Roſſe ſtampfen,
hr Auge flammt, und ihre Nüftern Dampfen.
Da winkt der Hauptmann lautlos: „an die
Pferde!
Und: „aufgeſeſſen!“ und: „im Trabe vor!“
Dumpf hallt vom Roſſeshuf die grüne Erde, —
Sonft Alles ftil bis an dad Waidesthor. —
Schau, ob der Zeind nihf dort fhon munter werde? ,
Mandy blanfer Helm blikt von dem Grund empor, — —
Die Reiter fatteln, — Ein'ge ftehn im Bügel, —
„Drauf!“ ruft der Held; „drauf mit verhaͤngtem
Zuͤgel! 14
Drauf mit verhängtem Zügel, freubebranfend,
Geht's wild in's überrafchte Lager ein,
Wie Pfeilgefchoffe ſchnell die Luft durchſauſend,
Aus allen Kehlen donnernd Jubelſchrei'n!
Die Wachen fliehn, lautrufend: „Feind! An Tauſend!
Zweitauſend! Feind!“ und durch die Lagerreih'n
Traͤgt Ihr angſtvoller Ruf die Angſt nur weiter;
Gleich hinterdrein ſchon hauen Bertrand's Reiter.
158
- Sugleich verfendeh fie die zorn’ge Flamme
Durch Pallifaden und Gezelte fort,
Und wer nur eifrig fucht, wie er fie Damme,
Den wirft zu Boden der ſchwarzblut'ge Mord!
Erinnernd ſich, daß er vom Helden ſtamme,
Dringt Mancer vor zu der Gefellen Hort, —
Jedoch vor diefen vielgeprüften Degen
Iſt Alles bald bezwungen und erlegen.
- Das ganze Lager ſchwimmt in Blut und Feuer,
Kein Menſch mehr denkt an ernften Widerftand.
Da tönet Bertrandg Horn. Was irgend theuer
Und gut ſich noch erhielt im wüften Brand,
Mas irgend taugt für Keller, Kuh’ und Scheuer, —
. Man tafft zufammen es mit rafher Hand,
Und packt's, wie es am ſchnellſten geht, in Haufen
Den Noffen auf, die wirr durch's Lager laufen;
Und tritt fieghaft den Zug an nach det Stadt, —
Sieh, ſieh! Da kommen eben hergefahren
Zweihundert Wagen mehlbepadt und matt
Bon weiter Reife für die Brittenfchaaren. -
„Nicht Britten, nein, Bretagner macht Ihr ſatt!“
Ruft Bertrand lachend aus. „Links um zu Paaren!
Dort geht der Weg bin, dort nah Rennes
Be Thor! —
Froh ruͤckt er fort. Trompeter ‚blafen vor!
/
159
Trompeter blafen fröhlich ihm entgegen,
Die Pforten thun fih auf; die Bürgerfchaft
Stroͤmt jubelnd auf ihn zu; „Preis!“ ruft's und:
| „Seegen !"
Don allen Seiten; Linnen, Seid’ und Tafft
Flattert aus fchönen Händen zu den Megen
Des Helden nieder, zartem Half’ entrafft,
Und manche Schärpe, rofig heil von Flittern!
Die Knaben jubeln und die Fenfter zittern! -
Für heut’, mein Bertrand, magſt nur hin Du
ziehen
Zum Ehrenfeſte, dad man Dir bereitet!
Sp was ift Ihön! — Doch am Altare Fnien
Seh’ ih, von ihrer Kinder Schaar geleitet,
Die Bürgerfran, die Heldenfrau! Da fliehen
Mir Glanz und Ruhm, wie fie die Welt ver:
breitet.
Mit dem begluͤckten Mann, um den fie danket,
Knie' ich bei ihr, von hoͤh'rer Luft umranfet;
Sole ih ihr nah zum Kleinen Huͤtten⸗
fefte,
Wo fich die Welt zum Himmel ſchon verklärt,
Wo Engel find die unfichtbaren Gafte! |
Bon Blumen leuchtet heil der traute Heerd!
160
Die Kinder fpielen ftillgerührt! Das Bette,
Die ein’ge Erdenluft, die ewig währt:
Die Dantgebete! träufeln fanft von Kippen,'-
Die fromm und zart am Kelh der Greude
nippen.
EEE
Erläuterungen J
zum ſiebenten Geſange.
Seite 154:
„Der Buͤrger laͤchelt, wie ein Kind,
das Kinder
Mit eitlen Maͤhrchen nedct im luft:
gen Spiel.“
Meine Quelle erzaͤhlt die Sache etwas anders.
Ihr ſcheint die Geſchichte des Zopyrus vorzuſpuken,
und demzufolge meint fie, der Bürger habe dem
Herzog Kancafter von großen, ihm in der Stadt
zugefügten Beleidigungen vorgeſchwatzt, - weshalb
er auch die Nachricht von dem Entiak verrathe.
Aber warum dann das gewagte Spiel mit der
Kriegsgefangenſchaft treiben, wo es noch immer
ſehr darauf ankommt, ob der Gegner Pardon geben
161
wird oder niht? Das Erfcheinen als Heber:
Iäufer wär fihrer, und paßte auh gu der
Verraͤtherrolle weit beſſer. Dann liegt es auch
gar nicht in dem froͤhlichen Weſen eines edlen
franzoͤſiſchen Buͤrgers, den Feind auf eine ſo finſtre
und tuͤckiſche Manier zu beluͤgen. Die im Gedicht
angegebne Weiſe aber laͤßt ſich trefflich von einem
Solchen ausführen, und nimmt auch dem Schönen
der ganzen Aufopferung nichts. Was man dem
Feind von Kräften unfres Heeres vorfchwindelt, ge:
hört nicht in die Klaſſe der Lügen, fondern der ers
laubten Kriegsliften. Er weiß, der Bericht kommt
aus offenbaren Widerſachers Munde, und wenn er
darauf baut, tft es eben fo fehr-feine Schuld, als
wenn er Im Fechten nach einer Finte greift. Sollte
man aber meinen, mich habe bei diefer Erklaͤrung
eine übertriebene Vorliebe für mein Stammvolk
geleitet, fo bitte ich, fich über den franzöfiichen
Nationaldharafter in Yeiner Unverborbenheit aus
Yorik’s sentimental journey zu belehren. Der
ſcharfe Beobachter. Sterne ift ja wohl ein. guter
Zeuge, und ein Engländer gewiß kein partheiifcher
für Frankreicht
4
162:
Bertrand Du-Gueſclin.
Achter Geſang.
Im Kriege wohnt bei ernſten Herrlichleiten
Auch manch bedürftig niedres Schaffen mit.
Nicht immerdar laͤßt ſich's mit Helden ſtreiten!
Oftmal nach lorberreichem Kampfesritt
Muß abwaͤrts das erhobne Auge gleiten,
Nach Trank und Speiſe gehn der ſtolze Tritt,
Ermägt das huͤbſch, wenn ich, ald der Geſchichte
Treufieiß’ger Mund, Euch, was nun folge’
' berichte.
Zuerft hat Bertrand den zweihundert Bauern,
Die er mit Karı'n und Roß zur Stadt entrafft,
Und die nun ungewiß, Eopfhängend trauern,
Die Zahlung ihres Kornes baar verfchafft.
463
Doch darauf fpricht er: „wollt Ihr Tünftig Tauern,
Mit Wucer ſtaͤrkend unfrem Feind die Kraft,
o — ich verſprech's Euch — will ih AP Euch
| fangen,
Und ein Paar Stunden drauf feid Ihr gehangen!
Fuͤr diesmal zieht In Frieden noch von hinnen
Und diefen meinen ernften Gruß beftellt
Dem Herzog Lancafter: mit allen Sinnen’
Sei ih bemüht, dem edlen Prinzenheld
Su dienen, feine Huld mir zu gewinnen, .
So weit's mit meiner Pflicht zuſammenhaͤlt!
Doch weil’ die winkt, verhof ich ihm zu flören
Sein Thun allhier. Bald fol er von mit Hören.
Und weil ich fuͤrcht', es möcht’ an feinem riſhe
Nicht Alles ſo beſtellt im Lager ſein,
Daß ſich ein Fuͤrſt geziemend dran erfriſche,
Send' ich ihm dieſe hundert Flaſchen Wein,
Allſammt von edler Traube, von Gemiſche
Des Waſſers oder andrer Schwächung rein.
Wann ei gebeut, werd ich aus treuen Händen
Ihm als fein Mundfhent mehr dergleihen fenden.
Ihr, fort! Derweil noch Gnade gilt für
| Recht!“
Sie stehn beſtuͤtzt. — Cr laͤßt ſich eilend zeigen,
11 *
. 164
Wie man fih hat begeitet zum Gefecht,
Welch neue Schanzen aus der Erd’ entfteigen,
Auch wie zur Wache Ritter zieht und Knecht,
Und was der Feind thut im umſtell'nden Neigen.
Da lacht er: „ſchaut! Wie nah dort zieht bie
u He
Bon Säuen fonder Argwohn noch Gefährde!
Wohl freilih hat Fein Held ein Meer durch⸗
| ſchwommen
Um ſolchen gar nicht goldbefließten Chor!
Doch ſoll'n ſie Euerm Magen gut bekommen.
Zwickt Einen Ihresgleichen bier am Ohr!
Wenn Jene dann den Klagelaut vernommen,
Sie ſchwimmen durch den Graben her an's Thor!“
Man thut, was er gebeut. Im dichten Haufen
Sieht man die Thiere nach dem Graben laufen.
Sie ftürzen fi in toller Wuth hinein; —
Ein Laͤrm ward’, ald ob Stadt und Geld fi
fpalte!
Der Thiere Grunzen und der Hirten Schrei’n,
Zugleih der Bürger Hohngelaͤchter, ſchallte
Gewaltiglih bis in des Lagers Reih'n.
Hoffend, daB man ber Heerde Meft erhalte,
Rennt manch ein Krieger mit und ohne Waffen
Herbei / dem Spuk ein ſchnelles Ziel zu ſchaffen.
A165
Da ruft der Bertrand: — feine Fühne Schaar
Hatt? er ſchon langft an's naͤchſte Thor beftellt,—
‚Nun frifh! Nehmt Eure Zeit zum Ausfall wahr!"
In Sattel fpringt er, daß die Ruͤſtung gellt,
Und ˖bricht hinaus. Der plöslihen Gefahr
Entftäubt der überrafhte Feind durch's Feld.
Nah hau'n die Franken ungeftüm und fleißig;
Viel Britten fieht man todt, gefangen Dreifig!
Als unn mit Denen und im Klang von hellen
Trompeten unfer Bertrand zog in’s Chor,
Ihm nad die raich fieghaften Kampfgefelen,
Wie ſcholl da Freud’:.und Dankesruf empor?
Auch lachten viele Bürger von.den Wällen
Zum Zend’ hinab: „thut Künftig hübfch, wie vor,
Und huͤtet und manch mohlgepflegte Heerde!
Das Holen, ſeht Ihr, macht und nicht Ber
ſchwerde!“
Ohnmaͤchtig knirſchend, wie der Loͤw' am Gitter,
Murrt manch ein Britte Drohungen zuruͤck. |
Doc. ftilnahdenflih in dem Kreis der Ritter
Sigt Herzog Lancaſter, und ſenkt den Blick.
Man fpriht ibm zu; man höhnt die Gegner bitter,
Und ihm verbeißt man Sieg und nahes Glüd.
Ein Juͤngling ruft: „was ift doch nur geſchehen,
Um fo bedenklich fauer dreinzufehen!
166
Zwölf hundert fhmup’ge Beſtien find geftohlen,
. Und noch zweidundert Wagen mit Proviant,
Doch der fi unterftand , es abzuholen
Und in die Stadt eindrang, der Tee Kant,
Hat er etwa ein Heer an feinen Sohlen?
Mit Nichten! ?S ift den Bauern wohlbelannf,
Die er entließ: er machte all das Lärmen
Mit ſechszig Reitern! Der kann plündern, ſchwaͤrmen,
Und weiter gar nichts; glaubt mir's auf mein
| Wort!“
Der Lancaſter ſieht ihn unwillig an,
Und ſpricht: „als ich im Lager ſah den Mord
Und grimm'gen Brand, meint' ich, ein Heeresbann
Sei angeſtuͤrmt, und dachte: gut, nur fort!
Wir zwingen Euch! — Doch weil ein einz'ger Mann
Mit ſechzig Reitern das hat angefangen,
Könnt’ ich — waͤr's moͤglich! — ſolchem Feind’ erbangen.
Und dann die ſitt'gen Gruß und edle Gabe,
Die Großmuth, die aus feinem Handeln fpriht !"—
„Das iſt's, was ih an ihm erfahren habe!‘
Ruft Herr La Poule, und giebt auch den Bericht,
Wie Bertrand frifh mit Schuͤtz' und Edelknabe
Und Knecht aus feinen Schaaren lebt und ficht,
Und ſchildert all ſein Ueben, Tummeln, Schwenfen ; —
Der Herzog ſagt: „Ihr gebt mir viel zu denken!
167
Er ift, nur er ein Feind, wie meine Seele
Ihn Längft gewuͤnſcht hat, und nun faſt ihn ſcheut!
Ein aͤchtek Kriegeheld, ſonder Furcht noch Fehle,
Dem Gluͤck und Werth vereinigt Kraͤnze ſtreut,
So daß ich ſchon jedwede Stunde zaͤhle,
Bis mich fein edler Anblick einſt erfreut!
Ging' es nach meinem herzlichen Verlangen,
Ich moͤcht' im Lager ihn als Gaſt empfangen!“
Der Sraf von Pembroot ſprach: „ein Held, an
Sitten
& zart, wie Der ‚ift wohl fehr gern bereit,
Zu ftellen fi in Eures Lagers Mitten,
Henn Ihr ihm Ladung fendet und Geleit.“ —
„Wohl!“ ruft der Feldherr. „Zu mir fol ihn bitten
Ein Herold in ehrſamer Freundlichkeit, |
Sobald der Morgen firahlt auf unfre Wielen,
Und drei Begleiter mag er fi erlieſen!“ —
| Geſagt, gethan! — Das Frühroth funkelt helle,
Der Herold trabt zur Stadt in Wappenpract,
Und trifft am Thor den Penhoet zur Stelle,
Und wirbt den Gruß. Der Ritter fchweigt,. bedacht,
Ob auch ſein Freund mit Sicherheit ſich ſtelle,
So ſchwach umſchirmt, in Mitten zorn’ger Macht!
Doch endlich ſpricht er: „ſieh, dort kommt der Held!
Set die Entſcheidung auf ihn ſelbſt geſtellt!“
4168
Der Bertrand Fam bie Strafe hergesangen
Mit etwa noch fünf andern Edelleuten,
Die maͤcht'ge Streitart um den Hals gehangen,
Sm fhwarzen Mod, dem felten nur erneuten! —
Der Herold, ihn zu ſchauen vol Verlangen,
Fragt dreimal wohl, und laßt fi kaum bedeuten,
Und murmelt endlih: „Der? — man fpottet mein!
Der Schwarze mag ein Straßenräuber ſeyn!
Der mit der Streitert an dem. Lederbande?
Was? Der mit wilden, dunkelſtrupp'gem Haar ?“—
Da fpriht Herr Penhost: „nicht Deinem Stande,
Mein Herold, ziemt's, der Weberlegung baar,
So binzufhwagen! Mad” Dir felbit niht Schande,
Und wirf Dich nicht in tödtlihe Gefahr.
Denn hört der Gueſclin folhen Spruch Dich halten,
Wird er mit felb’ger Streitart Dich zerſpalten!“
Da kommt's den Herold an, wie heft’ges
Beben,
Sumal, da Vertrand mehr und mehr fi fih naht;
Er flüftert zu Herr'n Penhoet: „mein Leben,
D Herr, verdan ih Euerm Wink und Rath,
Und bin dafür Euch lebenslang ergeben !’
Dann ſenkt er beide Knie auf Bertrands Pfad,
Reicht den Seleitsbrief ihm nad edler Sitte,
Und kuͤndet feines Seldherrn Gruß und Bitte,
169
Herr Bertrand hebt Ihn auf mit holdem Wefen,
Und läßt von Einem, der fid drauf verftand,
Laut den Seleiteöbrief vor Allen leſen;
Dann fpriht er: „edle Gunſt thut mir befannt
Der hohe Fuͤrſt, der Dich zur Fahrt erlefen!
Bald komm' ich felbft und Füffe feine Hand.’ — .
Der Herold geht, beſchenkt von Bertrand’s Hulden
Mit einem Sammtkleid und mit hundert Gulden, _
Nachmittags, mit drei ftattlihen Genoffen,
Die er zu diefem Nitt fih auserwaͤhlt,
Zieht Bertrand fort, fie AU auf edlen Roſſen,
Im Schmuc der vollen Rüftung blanfgeftählt.
Kaum it das Thor vor ihnen aufgefchloflen,
Als fchon ihre Blick vier edle Britten zählt,
Die ihnen reichgeſchmuͤckt entgegenreiten,
Eie felerlih in's Lager zu geleiten.
Der Herold bIäft vorauf. Dem ganzen Heere
Bar es befannt, der Bertrand wolle kommen;
Und da ift Keiner, der nicht eifrig wäre, -
Bu rufen ein: „Lebhoch!“ und ein: „Willkommen!“
Dem edlen Schnitter, der mit Schwerdt und
Speere
So oft den Preis ans blut'gem Feld’ entnommen.
Sie fammeln fih gedrängt und flüftern leife:
„Schön iſt er nicht, Doch von recht edler Weite!
170
Wie wild auch fein Gelod ift augufhauen,
Sein Bart wie ſchwarz, und dunkel fein Geſicht, —
Doch läßt ſich's gut auf finftre Klippen bauen;
Stät halten fie im Sturm das Rettungsliht! —
Die Zauite find was breit! Doc folhe hauen
Und ſtoßen Fühn, wo ſich's nah Ehren ficht!“ —
Der Bertrand hoͤrt's vergnügt; denn jedem Tadel
Miſcht ſich ein Lob auf feinen Kriegesadel.
Der Felbherruwohnung nah, fpringt er vom
Pferde;
Die Herrn La Poule und Chandos find bereit,
Ihn zu empfab’n; mit feiernder Geberde
Etehn rechts und linke die Schüßen wohlgereih't.
Der Lancafter tritt vor. Ein Knie jur Erde, —
Wie es die Sitte wollt? In jener Zeit, —
Gruͤßt Bertrand ibn. Nah höflich edlen Pflichten
Beeilt fih Jener, Ihn empor zu richten,
Nun gehn die Worte zierlih bin und wieder,
Und wärb’gen Sinned Stempel dDraufgeprägt,
Bis Guefclin fpriht: „Euch dien’ ich froh und bieder,
Bo fih’s mit meines Herzogs Dienft vertraͤgt!“
Die Mahnung ift dem Lancafter zuwider;
Er fragt, von kaum verhaltnem Zorn bewegt:
„Sur Herzog? Habt die Gut’, ihn mir zu neunen!
Ich kann nur Einen bier zu Land’ erlennen.
171
Und dem feld, leider! Ihe noch nicht verpflichtet,
Dem jungen Montfort, Stau Johanna's Sohn!" —
Bertrand erwiedert: „noch hat nicht verzichtet
Der Herzog Karl von Blois auf feinen Thron.
Mich dünkt, er hat genug ſchon ausgerichtet,
Um feft zu ftehn vor bes Vergeffens Hohn!’ —
Der Andre fpriht: „viel Blut noch wird gefpendet
Ch das, mein Bertrand, wie Ihr's wuͤnſcht, ſich
endet!
Da reißt noch Hunger, Seudy’ und zorn'ges Erz
Wohl hunderttauſend Menſchen in's Verderben!“
Dem Bertrand ſchwillt bereits das kuͤhne Herz;
Doch lacht er: „laßt ein Dutzend druͤber ſterben,
Mein Prinz! Uns troͤſtet ein Soldatenſcherz,
Daß dann die Andern ihre Roͤcke erben!“
Der Prinz umarmt ihn, ſprechend: „Herr, ſolch Wuͤthen
Und blut'ges Erben koͤnnt Ihr leicht verhuͤten!
Gewiß, wenn Ihr zu Montfort's Sache ſtaͤndet,
Ich gäb’ Euch, —“ aber weiter ſpricht er nicht,
Weil Bertrand wild die Augen rollt und. wendet,
Zornroth im ganzen edlen Angelicht,
Ausrufend: „was den wadern Kriegemann ſchaͤndet,
Ihm ſchuͤrt die Hol” und Löfcht der Ehre Licht, —
Fürwahr, ein Prinz, wie Ihr, kann's nle begehrten,
Ein Edelmann, wie ich, es nie gewähren!
172
Nein, Eurer Huld und Gnade werth zu bleiben,
Muß ich verſchmaͤh'n, was Ihr mir zugedacht!
Doch wenn einjt diefem bintig ernften Treiben
Der ehrenvolle Fried’ ein Ende macht,
- Dann laß ich freudig meinen Namen fchreiben,
Sn Ewr Gefolg' und heif in blut’ger Jagd,
Wo's irgend fei, Euch, meinem hohen Obern
Ein Königreich zum würd’gen Sitz erobern!”
„Sott wahre Dig!’ — ruft Lancafter, — „Du
| Bluͤthe
Des mitterthums! — und nimmt ihn in den Arm, —
„Du Licht, das früh fo makelrein ergluͤhte!“ —
Da tritt ein Feder Degen aus dem Schwarm,
Und fpriht: „Ihre Held von alfo felt’ner Güter
So reich an Kraft, fo frei von Schen und Harm,
Laßt im Vertrau'n auf Eure feinen Sitten
Mi eine Heine Sunft von Euch erbitten! —
Denkt Ihr noch an Schloß Fougeray bisweilen ?’.-
„Sa; gern und oft!“ — „Ich oft. Doch gern juft nicht!
Mic traf 'ne Wunde dort; Ihr müßt fie heilen!’ —
„Euch? Dort? — Ich fah noch nie Eu'r Angeſicht.“ —
„Sonft fönnten Luft und Licht wir ja nicht theilen,
Todt läge Ihr oder ih nach ſtrenger Pflicht!
Wilhelm Brembo bin ih, des Wetters werth,
Den Ih erſchlugt, und fordr’ Euch auf das Schwert!
Vielmehr: — um doch der Sitte zu genügen,
Der feinen, die in diefen Landen gilt! —
Ich ditt’ Euch um das zierlihe Vergnügen:
Stellt. Euch zu Roffe mir mit Schwert uud Schild,
Daß Jeder mit drei kraͤft'gen Klingenzügen
Sein Beſtes thu'! — Mein Fuͤrſt wohl zeigt fich mild,
Und gönnt Euch, dem fo hoch geehrten Nitter,
Vergunft zum Kampf im freien Schranfengitter !—
Mein lieber Herr, Ihr ſchenkt mir viel Vers
gnuͤgen!“
East Bertrand, faſſend Brembo’s Hand. „Es gilt!
Doch wollt Ihr an drei Hieben Euch begnügen ?
Drei andre fuͤg' ich zu! Ihr nennt mich mild
Und artig, und das fol Euch nicht betruͤgen!“
. Dann fpriht zum Prinzen er: „mit Schwert und
Schild,
D Herr, will mich bewirthen Euer Ritter,
Goͤnnt und Vergunft und freies Schranfengitter!.
Der edle Fuͤrſt rot zürnend feinen Bit
Dem Rohen zu, der frech den Gaft beleidigt.
Doch ehrnen Arm fchon drängte das Geſchick
Sn beitern Gruß. Es wird nicht mehr geſchmeidigt
Denn Ehre kennt nur: Vorwärts! keiif: Zuruͤck! —
So winkt er: „Ja!“ — die Gegner find vereidigt,
Auf Morgen ſich als biedre Kampfgefelen
Mit Schwert und Schild und Roß Hier einzuftellen. —
174
Als das Geſchaͤft beſtimmt war und beſchloſſen,
Gab man Confekt herum und edlen Wein,
Und Alles ward in heitrer Luſt genoſſen,
Und Scherz und Lied zog bei den Helden ein.
Da waͤhlte Lancaſter aus ſeinen Roſſen
Das ſchoͤnſt', und bat: „ſprecht diesmal nicht mir
Nein,
O edler Bertrand! Laßt mich froͤhlich ſchalten!
Ihr ſollt und muͤßt von mir dies Pferd behalten!“
Herzklopfend ſieht den leichtgehuften Britten
Der Held, und wie der wieh'rt und muthig ſchnaubt,
Sinnt er, und freut ſich, daß nach edlen Sitten
Ihm ſolcher Gab' Empfangen iſt erlaubt.
Er dankt, und ſchwingt ſich auf, und ſpricht: „in Mitten
Des Kampfes morgen, wann die Rennbahn ſtaubt,
Hoff’ ih, dies edle Streitroß fo zu reiten,
D Prinz, daß Eure Huld mich fol begleiten!”
Er grüßt, und wendet fih. Mit edlem Zuge
Wird er zurüdgeleitet, wie er fm,
Und Rennes jauchzt. Doc kaum, daß man von Zuge,
Den er auf morgen vorhat, was vernahm,
So murmelt man erfähredt vom Feindestruge,
Und alle Herzen faßt ein banger Gram.
„Sie woll’n gewiß" — tönt laut zuletzt das Klagen — |
„Berräth’rifh ung die Bier der Stadt erſchlagen!“
Selöft Penhoet, der ehrenfefte Ritter,
Vergißt im raſchen Eifer fih, und fpricht:
„Feſt halt’ ich morgen zu die Thoresgitter,
So wird gewiß der ſchlimme Kampf aumidıt!'
Doch Bertrand neigt ſich höflich ihm, ale bitt’ er
Sanft um Vergunft, und flüftert: „kommt das
Licht
Durh’s Thor, fo komm' im Guten oder Böfen
Auch ich hinaus, mein ehrbar Wort zu löfen!"
Der edle Penhoet, in Schaam erröthend
Db feiner Irrung, fpriht zum Kampfe Sa.
„Gluͤckauf!“ ruft Bertrand, tobt nun oder toͤdtend,
Bleib’ ich doch froh der lichten Ehre nah.
Verſunknen Tag mit neuem Morgen röthend,
Preiſt Zukunft, was in folhem Licht geſchah!
Der Shmah und Schande fucht, wird dort ſie findenz
Die Treue kann auch fterbend überwinden!
Doch nicht ein folcher Feind fteht gegenüber,
In deſſen Herz fi Lug und Mordluft theilt.
Ihr Eennt ja Englands Volt! Ob etwas trüber,.
In fi verfentt, ihe Geiſt noch wägt und weilt,
Wenn unfrer, funfenpraffelnd, raſch hinüber
So Klipp' ald Meer, zum kuͤhnen Ziel enteilt, —
Stets bleibt dies Ziel — es zeugt mir bie Hiſtorie
Jedweder Zeit — für fie und uns nur Glorie!
176
Laßt denn vereint dahin uns fürberwallen,
Obgleich in wechſelſeit'gem Kampf umd Blut,
Und möge jeder Zweifelmahn zerfallen,
Der Schmach den edeln Feindeshelden hut! —
Er ſprach's und ging. — Bis zu der Fruͤhluft Wallen
Hat er in füßen Schlummerd Arm geruht.
Dann in der Kirche fleht ex fromm zum Werke,
Zum Siegen oder Tod, um Heil und Staͤrke.
als er hinaus nun tritt im fonn’gen Flitter
Der Harnifchnracht, noch unbehelmt das Haupt,
Da wogt das Volk, und murrt, wie ein Gewitter,
Und fhwört, daß es den Kampf ihm nie erlaubt.
Dort fleht ein Ruf ihn ſuͤß! Dort ſpoͤttelt bitter
Ein andrer! — Doch er fpriht: „ſeid il, und
glaubt!
Gott waltet, ob’ in Tod, in Sieg fih endet; —
Und Eur und meine Ehr' ift dort verpfaͤndet!“ —
. Sie ſchweigen vor hen einfach maͤcht'gen Worten.
Ernft reitet er und langſam durch die Gaſſen.
- Sein warten feiernd an den Thorespforten
Sieur Penhoet und alle Ritterfaflen,
Die jest die Stadt vereint. Doch harrt auch orten;
Als wolle Rennes ihn, durchaus nicht laſſen,
Nochmals der zart beforgten. Liebe Streit:
Die Tante naht fih ihm in bitterm Leid; *
—
177
Die Tante, bie fo Hold ihn ehmals beste,
Eo treu ihn warnte vor gemeinem Krieg,
Ihn wie ein eignes liebes Söhnlein pflegte, »
Als wund er lag von jenem Ringerfieg!
Gewiß, fein ganzes treues Herz bemegte
Sich heiß, da auf nun das Nergang’ne flieg,
‚Und die ihn einft, wie im heilträft’gen Bade,
Bon Laftern wufch, num rief: „Held, eine Guade!
Im Namen alles Volles! Nicht ſollſt Du
reiten
Zum Kampf! Du ftehft bei uns in größrer Schuld!“
Er lächelt fanft: „einſt wolltet Ihr bereiten
Mir wilden Etrauhe Pfleg’ in zarter Huld.
Nun fi der Schägling will zum Baume breiten,
Mögt Ihr ihm da In banger Ungeduld,
Noch eh?’ er Früchte trägt, die Hefte brechen? —
Der Zeind, o Tante, hat ja mein Verſprechen!“
Schwer feufzet fe in ihrem bangen Harme:
„S9 ieh’ ich dena Dich nun zum Lehtenmal!
So kuͤſſe mich zum Letztenmal, mich Arme,
Und reite dann hinaus nah blut'ger Wahl!“
Schon hebt ſie leiſe zu ihm auf die Arme, —
Gr fluͤſtert: „bitt? Euch, auf ein Andermal!
Ihr ehrt mi hoch. Jedoch vor fo viel Leuten ?
Man könnt’ es Euch und mir wohl feltfam deuten!“
12
178
Daun fast er laut: „Ihr Teht nun ſchon: ver:
J geſſen
Kann ich das Zugeſagte nimmermehr!
Doch Euch auch geb’ ih — nennt es nicht vermeſſen! —
Mein Wort auf meine heitre Wiederkehr,
und daß bei Ench ih will zu Mittag eflen,
Auch: fröhlich trinfen, Doch nicht allzufehr!
Gruͤßt mir den Oheim! Meldet ihm den Gall,
Und lebt huͤbſch wohl! — Mich drängt dig Zeitzur Haſt!“
Dann kehrt er fih zum Penhoet, und ſpricht:
„O Herr, wollt mir Vergunft zum Kampfe geben!
Denn ohne ben zu reiten, ziemt mir nit!’ —
Der Ritter fagt: „zeuch bin, Du tapfres‘Xeben,
Du ebler Bertrand! Unſern Ruhm verficht!
Niemand mag ſchoͤner wohl fein Schwerbt erheben,
Su zeigen aller Welt im Kampfesringe
Unüberwinblich fei Bretagnes Klinge!‘
Der Kämpfer dankt in Sreuden, und begehrt
Drei Stüdlein Brodt zu einem Becher Wein,
Die er eintauhend ftill und ernſt verzehrt;
Fromm blickt er dazu in ſich felbft hinein; —
Iſt irgend wer der hoben Deutung werth,
Dem wird’ ein Wort hinzu nur Störung fein, —
Und wem nie heil’ge Ahnung iſt erflungen,
Fuͤr Den ift diefes Lied auch nicht gefungen ! —
179
Nun laͤßt der Bertrand feinen Helm ſich reichen,
Und fegt ihn auf, und ſchnallt ihn forgfam feft.
Seht, wie die riefgen Federn mann'shoch ftreichen
Im Lüftefpiell Es quillt der Ueberreſt
In bunten Wel’n bis auf den goldesreichen,
Stahlblanken Sattelbogen! Hell zum Zeft
Geordnet, wallen ringsher farb’ge Deden,
Die halb den Nenner ſchmuͤcken, halb verfieden,
So teitet feierlich er aus dem Thor,
Wo Englands Herold feiner harrt, umgeben
Don feines ganzen Heer’d Trompetendor.
Die laffen fhmetternd gleich die Luft erbeben;
Kühn dringt bie jubelnde Fanfar’ empor,
Derweile Die aus Rennes Antwort geben,
Daß fchier die Mauern und die Thuͤrme wanken; —
Fern zeigt der Brembro ſchon ſich in den Schranken;
Der Fuͤrſt am Kreis, und all ſein Hof und
Heer,
Erwartend, daß ſich unſer Gueſclin ſtelſe.
Der trabt, gezuͤckt die blanke Klingenwehr,
Den Schild am Hals, in freud’ger Waffenhelle
Hinan, und grüßt. Ernſt ſchaut der Prinz umher,
Und da am Platz hält jeder Kampfgefelle,
Alzwei bereit zum ritterlihen Kriegen,
Biebt er den ei, und ihre Roſſe fliegen!
42 *
L
180
Fliegen in Skturmesſchnelle durch ben Plan,
Hart aneinander bin! Die Klingen. bligen,
Die Rüftung dröhnt! — Und Aller Augen fah’n
Den Bertrand wanfen, helles Blut entfprißen
Aud Brembro’s Arm, doch auch am Ziel der Bahn
Die Kämpfer Beide feft im Sattel figen.
Dem Bertrand traf dad Schild ein mächt’ger Stoß,
Doc ward der Schwanlende nicht bügellos.
Der Brembro zählt die Wunde zu ben Schram:
j men,
Und macht ſich gleich zum zweiten Gang bereit;
Und wieder zuͤrnend raffeln fie zuſammen,
Und Beider Hieb erdröhnet furchtbar weit,
Und Funken fprüh’n vom Harniſch, beinah Flammen!
Doch unverletzt vom grauenvollen Streit,
Wie Löwen ruͤſt'ger ſtets und zormestrüber,
Hält ſich das Paar der Kämpfer gegenüber.
Zum drittenmal nun tönt das freud'ge Klingen,
Das Roß und Mann in tiefiter Bruft erregt,
And beide Säule, wild wie Drachen, fhwingen
So Mähn’ als Schweif; der ftarfe Brembro ſchlaͤgt
Auf Bertraud’s Harnifch, daß die Schienen fpringen,
Doch bleibt der Held wundlos und unbewegt,
Und ftößt fein Schwert durch feines Feindes Schild,
Durch's Panzerhemd — jedoch Fein Blut entquilt
J
181
Zuletzt noch war der Stoß vom Leib geglitten; —
Faſt ſcheint der Sieg auf beiden Seiten gleich; —
Schon: „Frieden 1 rufen will der Prinz ber Britten.
Da ſpricht mein Bertrand: „ward im Echranfenreic |
Ja heut’ noch nit zum Preis der Frau'n geritten!
Herr Brembro, feid Ihr müde ſchon und bleich?
Sonſt möcht? ich gern zu folhem Nitt Euch fodern,
Weil nun erſt recht mir Kraft und Much entlodern!
Auch Hab’ ih, Enerm Feldherrn bier zu Ehren,
Bis jetzt. Euch allzuhoͤflich wohl gefchont,
Und möcht? Euch gern vor unfrem Scheiben Ichren,
Daß Kraft in den Bretagnerhelden wohnt!
Gefällt es Cuch?“ — die folgen Worte mehren
Den Stolz, ber ſchon in Brembro’s Buſen thront.
„Trompeter,“ — zuft er, — „blaſt!“ und faßt die
"Klinge
zum wäthrgen Stoß. Ihm Hirr’n bie Handſchuhringe.
„Trompeter, halt!“ fo ruft der Prinz dazwiſchen.
„Soll denn durchaus ſich dieſer Wieſengrund
Mit eines Helden Todesblut erfriſchen?
Wollt Ihe erfreu’n der grimmen Furien Bund?
Eeid Ihr gehetzt dur ihrer Nattern Sifhen?! —
‚Genug! — Ihr gabt Euch Beide ruͤhmlich Fund.
Als edler Väter muthbefhwingte Söhne! —
Goͤnnt, daß ih Eu anf diefem Platz verfühnel”—
182
Jedoch die Kämpfer Halten ſtumm und ſtaͤt,
@ifern, wie ihre ftarre Waffenhuͤlle.
Und was noch endlich ihrem Mund’ entweht,
Iſt nur der Ruf: „erfuͤll?, o Fuͤrſt, erfülle,
Bas Du im Namen britt’fher Majeſtaͤt
Verbeißen Haft! Es war Dein eigner Wille!
Laß und den Schwerterfampf zu Ende bringen! .
Sum mind’ften Einen Gang noch unfern Klingen!
„Ihr wollte, Ihr zornig ehrnen Nachtgeftalten 1”
So ruft der Fuͤrſt. „Wohlen! Nach trübem Recht
Moͤcht Ihr noch einen einz’gen Kampfritt halten, -
Doch dann, fürwahr, beend’ ih das Gefecht.” —
Er hob die Hand, und die Trompeten fchallten,
Die Nitter jagten; — wie ein Dorngefledt
Sah man fie plöglich ineinander ranken,
Und ungeldft wild hin und wieder ſchwanken.
. Dem Bertrand ſaß des Brembro's Schwert
im Schilde,
Dem Brembro Bertrand’s Schwert tiefinder Hüfte;
Da riffen fie erft hin und Ber, wie Wilde, -
Als rammten Anker fie an Felfenklüfte, —
Doch endlich fiel das biutige Gebilde,
Der Brembro, todt; — laut drang durch alle Lüfte °
Der Dritten Klage! — feft noch ſteckt fein Schwert
Tu Bertrand’s Schild. Dergreift nun auch fein Pferd ;
4
183
Und Halt nun ehrfam in der Rennbahn Mitten,
Neigt fi dem Prinzen feierlich und ſpricht:
„Mit Einem Roß und Schwert Fam ich geritten; -
Mit Sweien Fehr’ ich: aus dem Kampfgericht.
Die Say? iſt, hoff? ich, ehrbar ausgeftritten,
Und gern entied’g’ ich mic der holden Pflicht,
Beim Wegzieh'n aus den ehrenvollen Schranken
Euch, Herr, für Schutz und Sicherheit zu danlen.
„Fahr' Du mit Gott, Du ritterliher Degen!"
So fpriht der Prinz. „Die Ehre folgt Dir nah!”
Heim wendet ſich der Held mit diefem Seegen;
Biel Dritten murmeln wild von Blut und Schmach;
Denn keinen. Beſſern mocht' ihr Lager hegen,
Als Den, def Kraft vor Bertrand's Klinge brach.
Der Sieger zog mit. unbefang’nen Sinnen,
Den Herold bei fi, fromm und froh von innen;
und ſchenkt ihm, als man nun der Stadt ſich
nabhte,
Zum Angedenken das erliegte Pferd, -
An eigner Herrlichkeit und reihem Staate;
Der heut?’ es ſchmuͤckte, vieles Goldes wert.
Der Herold rief: „mir koͤniglichem Rathe
Schenkt immer mehr Ihr, als das Herz begehrt Y'
Und ritt zurüd, um in bes Lagers Kreifen
Den Ruhm des Reichbegabenden zu preifen.
184
Derweile Hang in Rennes frohen Gaffen
Die Siegesbotſchaft hell von Haus zu Hand,
Und Niemand kann für fih die Freube faſſen,
Nein, Jeder läuft zu Andern rafch hinaus,
Sie unter Gottes Himmel auszulaffen,
Ummogt, umtönt vom muntern Volksgebraus.
Als unfer Bertrand durch bie Pforten reitet,
Iſt allwaͤrts ein Triumph ihm fchon bereitet,
Ein andrer viel, ald da er — raſcher Knabe! —
Den ſchlechten Sieg im Ringerfpiel errang!
Er finnt darnach zurüd, und Gotted Gabe
Preiſet er im ſtillen, feel’gen Herzensdank,
Und giebt der Hand den Ruhm, bie ihn am Stabe
Des Glaubens unfihtbar zur Höhe ſchwang,
Wo weitre Gelder fi zu fernen Jahren
Des ſchoͤnen Ruhm's ihm ahnend offenbaren. —
Wie ehmals lenkt des Auges Luftgebraufe —
Held, fieh doch auf die heitre Gegenwart! —
Sich wieder nach bed wadern Onkels Haufe,
: Der fammt der Tante:vor der Thuͤre harrt.
„Willkommen“ — rufen fie — „in uufeer Klaufe,
Die nie fo hoch, als heut, verherrliht ward.
Schön haft Du Pfleg’ und Obdach ihr vergolten!“ —
„Gelt,“ — lächelt er, — „heut werd’ ich- nicht ges
0 | fholten 2” —
185
Er ſchwingt vom Roſſe fih- Zum beitern Mahle
Fuͤhrt ihn das liebevolle Paar hinein.
Den Traulihen erglänget im Pokale
Der Weder hellerer Luft, ber edle Wein;
Ruͤck wendet dad Gefpräc wohl bundertmale
Sich anf des Helden frühfte Kinderei’n.
Der fpriht: „wohl mußt? ih mir zu Heil und
Grauen
Damals den bäßlihen Triumphzug fchauen |
Beratung fölehten Ruh'ms! — Die
lerne frübe,
Mer nach dem achten Ruhme denkt zu ringen,
Daß nicht ſein Herz fuͤr Truggebild' ergluͤhe,
Daß nicht er in des Laſters niedern Schlingen
Wie Herkules bei Omphale ſich muͤhe!“ —
Wirth laͤßt und Wirthin froh die Glaͤſer klingen,
Und wiederholen's: „wer nah Ruhm will
traten,
Der lerne früh, den ſchlechten Ruhm
verachten!“
186
Erläuterungen
sum adten Geſange:
Eeite 163:
„Wenn er's gebeut, werd’ ih aus
treuen Händen
Ihm als fein Mundſchenk mehr der:
sleihen ſenden.“
In unfrer, bisweilen in Derbbeit nach Kraft
fnhenden Zeit mag es wohl Einen oder den An:
dern befremben, den Bertrand zu einem feindlichen
Fürften fo böflih reden zu hörten; ja, man findet
es vielleiht gar tadelnswerth, daß er feinem Feinde
den Proviant verftärkt. Für die erftie Cinwendung
habe ih nur die Antwort: es war die Farbe-jener
Menfhen, und fie zeigten fi nicht eben ſchwaͤcher
drum. — Auf den zweiten Zabel dient zur Erwie-
derung, daß die Armee nicht von der Tafel bes
commandirenden Generals beföftigt werben kann,
und daß es foger zu den nicht feltnen Klugheites
maaßregeln belagerter Kommandanten gehött, ben
einfchließenden Anführern durch Geſchenke an Le:
187
bensmitteln zu zeigen oder glauben zu machen,
man fei mit überflüffigen Vorraͤthen verfehn. -
Eate 175:
Stellt Euch zu NRoffe mir mit
Ä Schwert und Schild,“
Das fheint vielleicht mit dem Frühergefagten
über den Gebraud des Schildes im Widerfpruch zu
ſtehn, aber es fheint nur fo, wenn man bie
Sache einer nähern Betrachtung würdigt. Was
man als einzelner Fechter zu Roß mit dem Schilde
bei Zweikaͤmpfen thun Eonnte, war deswegen noch
. in der Schlacht nicht ausführbar oder überhaupt im
wildern Getämmel. Ueberhaupt fpricht es für
meine Anfiht, daß man in den alten Büchern bei
folhen Sweildmpfen immer vom Schild am
Halfe reden hört. Auch unfre Chronik fagt, bie
Kämpfer felen erfchienen: „Pecupenduaucol“.
Beim Fußgefecht hatte man den Schilb am Arm,
und warf ihn nur dann am Halsriemen ruͤckwaͤrts,
wenn man — wie im Nibelungenliede der wüthende
Hagene — dns Schwert mit beiden Händen faflen,
und ohne alle Küdfiht anf Vertheidigung fechten
wollte. Das Schild aber zu Moß durch eine be:
ftimmte Vorrichtung am Hals des Neiterd hängend,
—
18
ließ unter ſich der linken Hand Freiheit zur Fuͤh⸗
rung der Zuͤgel. Vielleicht, daß man dieſe in ein⸗
zelnen entſcheidenden Augenblicken los ließ, um das
Schild zur Vertheidigung zu ſchwingen. Es war
alſo damit gerade das umgekehrte Verhaͤltniß, wie
bei'm Fußgefecht. Einmal das Loslaſſen bes
Schildes, das Andremal deſſen Fuͤhrung ein
Wageſtuͤck! |
189
— —,
Bertrand Du-Gueſclin.
Neunter Geſang.
Der Kampf, den beide Ritterkaͤmpfer ſtritten,
Hielt um zwei Tage die Belag'rung auf,
Als gaͤlt's in der entzweiten Schaaren Mitten
Entſcheidung durch den Einen Slegeslauf.
Nun hat wohl Brembro herben Tod erlitten,
Und. Gueſtclin Ruhm . gepflüdt aus blut'gem
| Kauf;
Umfonft beinah! Der Krieg blieb unentfieden,
Und flammte [os aus zweier Tage Srieden.
Vorlaͤugſt ſchon hatte furchtbar fih gerüfter
Der Feind zu einer draͤu'nden Augriffsthat,
Ein Thurm fand fertig, oben wallumbruͤſtet,
Mit einer Brüde, bie zum Mauerpfad
1%
Eich fenft, wenn der Beſatzung Sturm gelüftet,
Sich hebt auch wieder nad vorfiht’gem Math;
Und wandelfertig fteht der Bau auf Rollen,
Bereit, zu gehn, wohin die Meifter wollen.
An Höhe gleicht er juft den Mauerwällen,
Blechſchuppen find zufammen rings gefchaart,
Daß, ob man flammendes Geſchoß mag fchnellen,
Kein brenndar Flecchen wo fi offenbart.
Noch ftand er an des Lagers ferniten Stellen,
Weil Lancafter mit ſtill'rer Kampfesart,
Mit des Aushungerns tödtlihem Umfchlingen,
Die Stadt zur Nebergebung hofft zu bringen.
Doch wählt in Rennes nur der Widerſtand;
Im Brittenlager wählt die murr'nde Klage:
„Wir haben fchon den Sieg In unfter Hand,
Und fchieben ihn zuruͤck mit jedem Tage!
Mas harren wir, bie bier im Hungerland
Bu Grab ber Letzte den Vorlegten trage?
Wohl unfer Thurm troßt jenen Mauerthürmen !
: Drum laß, o edler Feldherr, laß uns ſtuͤrmen!“
Mit Luft ſieht Laucafter das Fühne Wollen
In feiner Krieger Herzen aufgewacht,
Und fpriht: „wohlan! die Wog' ift hochgeſchwollen,
Des Mauerdammes nun fpottet unfte Macht!" —
191
Er winkt. Und feierlih auf feinen Rollen
Zog her der Thurm in fternenlofer Nacht,
Ein dunkler Schredbild durch das mindre Dunkel, —
Dann glänzt? er, nah’ der Stadt, im Fruͤhgefunkel.
Entſetzen bebt den Wachen durch die Glieder,
Als nun fo nah der ſchupp'ge Miefe droht.
Sie rufen: „in's Gewehr! Ked eilt und bieder
Zur Mauer Schaar an Schaar auf Sieg und Tod. —
Das Haar gelöft, verweint die Augenlieder
Um bolden Vaterlandes Echred und Noth,
Fleht in den Kirchen al’ die füße Bluͤthe
Der Frau'n um Rettung zu der ew’gen Güte.
Derweil ſchon kämpften draußen Wirth' und
Säfte!
Herabgelchuelt war auf den Mauerkranz
Die Bruͤcke von der hohen Wandelveſte,
Und druͤberhin zum biut’gen Todesſtanz |
Drang Mann an Mann: dem Guten vor der
Beſte!
Die Schwaͤchſten kamen nach, geſichert ganz,
Und doch mit ihrem ungeſtuͤmen Draͤngen
Die Stoßtraft mehrend in des Kampfes Engen.
Noth galt's für die von n Rennes und weſawene
Selbſt ein franzoͤſiſch Buch ſagt hier mit Recht:
2
„Kein muth’ged Wolf auf unſrer ganzen Erde
Geht muth'ger, als bie Briten, in's Gefecht!"
Doch für Altäre kämpfen und für Herde
Bretagne's Schaaren! — Ritter fo als Knecht,
Und auch die fonft fo friedlich heitern Bürger
Haum in den Feind wie bintbegier'ge MWürger.
Mar ſchaurig jängft der Kampf in dunklen
2 Grüften, .
. Bei Flamm' und Nacht, — wohl ſchaurig auch if
ZZ bier
Das Ringen in den ſchwindlich hoben Lüften
Am Mauerkranz, auf Adlers Jagdrevier.
Wer weicht, zerſchellt in ftein’gen Grabenklüften;
Mer vordringt freudiglich in Ehrbegier,
gühltaufben Brettern, bröhnend ſchon vom Gtreiten,
Erſchrect den Fuß im Freundesblute gleiten.
„Zuruͤck!“ fo rufen bie im Vorderreihen.
„Zuruͤck, Ihr Letzten! Draͤngt uns nicht zum Tod!“ —
Die Hinterrotten, auf das wuͤſte Schreien,
Erleichtern weichend ihrer Freunde Noth.,
Derweile noch von Zweien oder Dreien
Im Nachzug die gehobne Waffe droht,
Geht's in den Ban zuruͤck. Es ſchweigt der
| Stum;
- Auf fliegt die Bruͤcke, abwärts rollt der Thurm. —
13
Meint Ihr viellelht, nun hebe ih ein Eingen,
Ein Inbein an in der befhlrmten Stadt?
Nein! Alzufurchtbar trafen Englands Klingen.
Mandy edler Held liegt todt, und wundenmatt;
Manch andrer dort in des Verbandes Schlingen,
Für lange wohl des ruͤſt'gen Streitens fatt.
Viel Mütter, Schweltern, Frau'n und. Kinder
weinen! —
Die Führer eilen, fih zum Rath zu einen.
Da fpricht der Bertrand: „liebe Herrn und Ritter,
Und edle Bürger, Rennes Schuß und Sier!
Es droht ung num dies englifhe Gewitter |
Auf unerwartet Eüunftlihe Manier!
Ein toller Streich! Und fal’n ung auch nur Splitter,
Doc miffen ſchwer jeßt jeden Splitter wir,
Indeß, ob wir fie aͤſteweis zerftreuen,
Die Feinde ſtets verftärkend ſich erneuen.
Laßt mich es Euch recht unumwunden ſagen:
Ganz ſchoͤn wohl ficht es ſich fuͤr Weib und Kind,
Wo die nach allen muͤhſalvollen Tagen
Liebkoſend und erfriſchend nahe ſind.
Doch wect die Angſt um fie auch da Verzagen,
Wo fonft man nur auf Sieg und Ehre finnt! —
Viel Neif’ge hat der Tod und heut entnommen, —
Und kurz —: der Thurm darf nicht mehr wieder:
- Iommen !" —
13.
194
„Wahr!“ lächelt Penhoẽt. „Doch ihm es
wehren, —
Das iſt das gunſtſtuͤck juſt, mein lieber Held!
Er wird ſich nicht an das Verbieten kehren.“ —
„Wer weiß!“ ſagt Bertrand. „Wenn es Euch gefaͤllt,
Fuͤnfhundert Schuͤtzen, Herr, mir zu gewaͤhren,
Fuͤhr' ih um Morgendaͤmm'rung ſi ſie in's Feld,
und hoffe, raſch zum Thurm hineinzudringen,
Und in ſein Inn'res Gluth und Brand zu ſchwin⸗
gen!" —
„Wie?“ ruft der Penhoet: „fuͤnfhundert
Schuͤtzen?“ —
Und Bertrand fragt: „duͤnkt das Euch ſo gar viel?“ —
„Zu wenig, Fteund! Was ſollen die Euch nuͤtzen
Beim ernſten, blutigen Entſcheidungsſpiel?
Achthundert Brittenkrieger, weiß ich, ſchuͤtzen
Allndctlih Euer vorgenomm'nes Ziel! —
„Wir haben eben nicht viel dranzuſtrecken.“
Sa Bertrand; „Damm’rung hilft, und Grimm
‚amd „Schreden:
Herr, was man wagen muß, das muß man
wagen!
Der Feind hat uns die Wahl ſehr leicht gemacht,
Und bleibt nicht eben viel davon zu ſagen.
Wenn Ihr um uns Euch aber Sorge macht,
tn
x
So haltet, fall's der Feind uns wollt’ umjagen,
Fünfhundert andre Schüßen noch zur Wacht -
Am Thore fertig, und auch ein'ge Reiter.
Die helfen auf dem Rüdzug dann und weiter!”
Wie er ſo leicht von all den Dingen fpricht,
als fei ſchon ausgeführt und ſchon "gewonnen,
Was eben des Entwurfes Knospe bricht,
Und doch dabei fo ruhig und befonnen
Ermwägt jedweder Schwierigkeit. Gewicht,
Ruft Alles freudig: Ja! — Stil, ernft begonnen -
Hat er den Zug: Jedweder Reiſig' tragend,
Zu Bertrand's Händen Schwert und Fackel
ragend.
Ihr, die den Krieg und feine Wechſelfaͤlle
Mit eig’nem, muthig Harem Auge faht,
Ihr wißt, wie leicht in grauer Zwielihtöhele 5,
Ein Feind fih unbemerkt dem Krieger naht!
Man liegt fo muͤd' an Nacht: und Tagesſchwelle,
Erfhöpft vom Wachen, vor dem Daͤmmerpfad
Der inngen, kaum entfprühten Sonnenfunfen
In traͤum'riſch matte Sicherheit verſunken. —
So mocht' auch Bertrand: wohl Zu finden Hoffen
Die Brittenfhaar, wachthaltend bei dem. Thurm.
13 *
196
Doch Denen ftehn die Augen hell und offen,
Wie vor dem Zauberfhak dem Drahenwurm.
Da ruft er: „brauft” Und Mann an Mann ge:
troffen |
Sind gleich die Haufen im gewalt’gen Sturm.
Bertrand voraus laͤßt feine Waffen blinken,
Und wo er naht, gilt's Weichen oder Sinken.
Und die Bretagner tragen Blut und Mord
Dem Führer nah. Zum Tode find erlegen
-Dreihundert Britten. Nah dem Lager fort
Entflieh’n die Andern auf zerftreuten Wegen.
„Bor! ruft nun Bertrand; „vor! Wit find am
Port!
Und mit brei ungeheuern Beilesſchlaͤgen
Bricht er des Thurmes Thor, und dringt hinein,
Und haut nun auf die Innern Wachen ein.
6:
Ste weichen vor dem Anfall rafch, und wenden
Sum obern Stodwerk flühtend ihren Tritt.
Ungluͤckliche! Saht in des Helden Händen
Idhr nur das Schwert, und nicht die Tadel mit?
Begierig, fchnell die Siegesthat zu enden,
Eh' fie mit neuer Kraft ein Feind beftritt,
Wirft Feder — achtlos der Entfioh’nen droben —
Den Reifig aus, und läßt bie. Flamme toben. |
197
Furchtbarer Aublick, wie die innern Gluthen
Nun wirbelnd zieh’n durch die. umblechten Klaufen,
Bald zornig vorſpruͤh'n wie Kometenruthen,
Bald unſichtbar durch Trepp' und Kammer ſauſen!
Und o, Ihr Armen, beſſer waͤr's, zu bluten
Vor Schwert und Speer, als rauchumwallt zu
| haufen
Dort oben in des wilden Feuers Ketten, :
D’raus nicht der edle Feind Euch kann erretten!
Bald endet der Erſtickten Jammerſchrei.
Es ſtuͤrzen, im ergluͤhten Harniſch klingend
Die Leichen in das flammende Gebaͤu. —
Daß Niemand komme, Loͤſchung dieſem bringend,
Steht Bertrand's Schaar als Wache feſt dabei.
Erſt wie der Vrand, die letzten Stuͤtzen zwingend,
Den Thurm zertruͤmmert, ganz in Gluth verloren,
Schwenken ſie ab, und zieh'n nach Rennes Thoren.
Noch iſt Euch Eure That nur halb gelungen!
Seht Ihr die Brittenſchaaren, zahlreich dort
Schon zwiſchen Euch und Rennes eingedrungen?
Der Lancaſter, erweckt durch Brand und Mord,
Schnell in die Waffen und auf's Roß geſprungen,
Rief zaͤhnekirſchend dieſes zorn'ge Wort:
„Von Rettung und Erſatz iſt nicht zu ſprechen;
Doch gilt's noch, die empfang'ne Schmach zu raͤchen!
%,
198
Graf Pembrook, eilt! Zieht unſrem Feind
entgegen!
Mit tauſend Mann hemmt ſeinen Ruͤckzug ihm!
Derweile mit zweihundert Ritterdegen,
Spreng' ich in feinen Fluͤgel ungeflüm, —
Um fihrer noch den Troß’gen zu erlegen,
Bu tilgen dieſes Schreckensungethuͤm,
Das uns verwirrt mit Abenthenerftäden,
Laß’ ich mir nach noch taufend Krieger ruͤcken!“ —
Held Bertrand fah in heitrer Morgenkuͤhle
Des Grafen Pembrogf Banner vor fi weh’n,
Und fprah: „hei, wie fo früh’ am Tag die
Schwuͤle!
Nun gilt's, Geſell'n, duch Speer’ und Schwerter
geh’n !
Seht Ihr Die dort? Wir wedten fie vom Pfühle
Was ungeftäm! Nun woll'n fie ung beftehn,
Nicht duldend, daß nach Rennes wir gelangen.
Ihr müßt fie jagen, oder feid gefangen !*
„Gefangen? Das fei feiger Laurer 2008,
Nicht unſres, die mir ruͤſt'ge Arme regen!“
Ruft die Bretagnerſchaar. Mit rafhem Stoß
Trifft fie den Zeind; ber ſtemmt fih ihr ent-
gegen,
199
Allein da bricht's in feinen Ruͤcken log,
Wie ſturmgetriebner Hagelichlag und Regen.
Denn die Fünfhundert, harrend an dem Thor,
Sie ftärmten kuͤhn zu Bertrand's Hülfe vor.
Da flohn durch's Feld die überrafchten Britten,
Da hieb nur faum der Pembrook noch fid frei
Aus feiner fieggewalt’gen Feinde Mitten;
Juſt eben Fam ber Lancafter herbei
Mit feinen Nittern, ihnen nachgefchritten
Die taufend mit gewalt’gem Feldgeſchrei.
Er ruft: „ih muß, ih muß ben Bertrand fallen,
CH im Triumph er zieht durch Rennes Gaſſen!“,
Oetroſt , mein Prinz! Er laͤßt Euch gar nicht
warten! Ä
Statt in die fihern Pforten ruͤckzufliehn,
Macht er: „Halt! Front!“ mit Fahnen und
| Standarten,
Um kampfesfriſch auf Euch heranzuziehn.
Das Feld erblüht zum luſt'gen Kampfesgarten, -
Trompeten fhmettern, Schaaten prellen kuͤhn
Zufammen mit gewalt’'gen Schlachtenlärmen, -
Und trennen wieder fih im wilden Schwaͤrmen;
Don andern auf den Flügeln unterſtuͤtt, |
Und wieder feft dann haltend und geichleflen,
200
Derweil der Fußlnecht Augenbiide nuͤtzt,
Und mit den fernverfandten Pfeilgeſchoſſen
Dem kecken Gegner in bie Flanken blist.
So ziehn ſich bie Bretagner, unverbrofen
Einander dedend, fieshaft nach den Thoren,
Und haben Fünf der Ihren nur verloren.
Doch viel der Feinde lagen auf dem Plan,
Und noch viel mehr find bei dem Thurm er:
fhlagen. —
Scheint dag Euch maͤhrchenhafter Gaukelwahn?
Ich ſpreche nach, was alte Buͤcher ſagen,
Und darf, gepruͤft auf blut'ger Kriegesbahn,
Auch zuverſichtlich wohl das Zeugniß wagen,
Daß es die Parzen gut mit Siegern meinen;
Da treffen ſie ſtatt Zwanzig oft nur Einen. —
„Schon ſonſt vernahmt Ihr Rennes Dank:
geſaͤnge,
Lantpreiſend Gott und ihres Bertrand's Thaten,
Schon ſonſt im Lager murrendes Gedraͤnge,
Das kuͤhn den Feldherrn dachte zu berathen.
Doch heut' erſt hoͤrt man recht die Wechſelklaͤnge.
Man hielte fuͤr belagert die Soldaten,
Für ſchwerbedraͤngt wohl ihre Traun und Vaͤter,
Und für Berennende die muntern Städter. —
201
„Der Thurm verbrannt! — Ein ſolches Wert
| verloren !’
Fluͤſtert's im Lager. — „Solch ein Werk, bas
Wochen,
Das Monden ung geloftet! Wir als Thoren
Berhöhnt von jener ſtolzen Bürger Pochen! —
‚Und wie in Lybiens Wüften und der Mobren
Verbranntem Land, kommt Hunger hergekrochen,
Faſſend nad ung, wie fheußlihes Gewuͤrme, —
Und abgefchlagen alle, alle Stürme!
Was? Sol vor Mangel, mit dem Schwert
im Bund,
Hier Englands reichgefhmüdtes Heer verderben ?
Was thut es ung, ob diefen moor’gen Grund .
Ein Montfort oder auch ein Blois mag erben?
Wofür daheim nicht Hahn Eräht oder Hund,
Dafür läßt man ung bier im Elend fterben, —
Zum mindeflen, wie Franzen faft, „vermas
gern! —
Nein, ſteh' der Herzog ab von dem Belagern!“
-
Der Prinz vernahm das unzufried’ne Klagen,
Vernahm wohl leider noch beiweitem mehr!
Denn viele Ritter und Hanptleute wagen,
Ihm felbft zu nahın mit bittender Befhwer. —
202
—
Und auch was ihm die eignen Augen ſagen,
Es Heißt: „willſt Du erretten noch Dein Heer,
So zieh’ alsbald hinweg von diefen Mauern!’ —
Ab, müßt?’ er nur um feinen Eid nicht trauern! —
„Ihr wißt ja,’ — ſeufzt' er oft zu den Ver:
' trauten — \
Ihr wißt, der thoͤr'ge Schwur iſt ausgeſprochen!
Soll nun es in der ganzen Welt verlauten:
Ein Koͤnigsbruder hat ſein Wort gebrochen?
Und das, nachdem der Menſchen Augen ſchauten
Die Ruhmesknospe, die vor wen'gen Wochen
Bei Voitiers ſiegend ſprengte Frankreichs Treffen? —
Vom ſchwarzen Prinzen red' ich, meinem Neffen!
Von ihm, der faſt mit jeder neuen Stunde
Den Namen: „Prinz von Wales“ herrlich macht!
Derweil dann kommt vom Ohm die truͤbe Kunde:
Er rang in vielgemalt’ger Waffenpracht,
Rang, einen theuern Eid in feinem Munde,
Bor ein Paar Bürgerhäufern Tag und Nacht,
Er, fonft im Kriege gut genug bewandert, —
35 ging aber nicht, und er ift heimgewandert!" —
Der Held verſtummt, von Schaam und Ingrimm
roth.
Da ſpricht ein Hauptmann: „Herr, wer weiß, ed
\ fhmeden
203
Vielleicht Die drinnen noch viel größre Noth
Als wir, und wiffen’s Klug nur zu verfieden.
Drum wies mit ihren Wein und Fleiſch und
Brod
Und ſonſt gem Vorrath ſtehe, zu entdecken,
Laßt uns um irgend etwas unterhandeln,
Und unſre Boten ſchlau die Stadt durchwandeln.
Was gilt's, die bringen uns erwuͤnſchte Kunde,
Zur Dauer ſtaͤrkend den erſchoͤpften Muth!” —
Der Fürft genehmigt, daß zur felben Stunde,
Man nach dem Rath des klugen Hauptmann’
thut. —
Doch glaubt Sr Heren, dab in der Mauern
Runde
Die riſt i im dumpfen Ohnmachtſchlummer ruht?
Nein, auch noch hinter'm Walle giebt es Leute,
Und wahrlich obenein recht ſehr geſcheute!
Man hat zur Unterhandlung kaum geblaſen,
So ſpricht auch Bertrand? „dahin will's hinaus!
Doch dreht man wohl ſo pfiff'gem Volke Naſen.
Ich rathe: jedes Kram- und Buͤrgerhaus
Stell' auf dem Markt in Koͤrben, Flaſchen, Vaſen
Der Lebensmittel ganzen Vorrath aus,
Viel ledige Tommen laßt dahinter rollen,
Und dann die Fremden kucken, wie fie wollen!” —
204
u) gilt fein Wort! — Was man auf fange
Seiten.
Geſpart hat, ftellt man heut wie zum Verkauf,
Als liege von den beften Trefflichkeiten
Noch uͤberviel in Kuͤch' und Schrank zu Hauf.
Zwiſchen den Buben auf und nieder gleiten
Soldaten, Knaben, Mädchen bin im Lauf;
Nichtachtend, lachend treten fie die Gaſſen;
Sie willen doch: heut wird nichts abgelaffen.
Ä ,’
„Ein folder Markt?” — fo Nüftern ftil die -
Britten, |
Wie fie nach ihrer ſcheinbaren Verhandlung
Den Ort find prüfend auf und abgefchritten.
„Seht, ſeht, les ſtockt vor Ueberfluß die
Handlung!
Umſonſt, daß wir gekaͤmpft! Daß wir gelitten!
Wir ſchau'n weit ehr in knoͤchernet Verwandlung
Einander an, hohlaugige Gerippe,
Als hier nur trodnet Eine durſt'ge Lippe!"
© neidiſd und betruͤbt zieh'n ſie zum
Lager, |
Und bringen unwilltomm' ne Botſchaft mit,
Und fehn fhon abgebleiht faft aus und hager,
Weil die Vergleichung sehrend vor fie tritt. —
203
„Der Staͤdter drin‘ — Berichten fie — „und
trag’ er
Auch Laft auf Laft, weiß doch bei jedem Schritt
Eid faum vor Wein, Gemüfe, Fleiſch zu laffen,
Derweil wir bier im Hungertod’ erblafien " —
Wie fhlägt. bie Hoffnung In demant’ne Kette
Der Abgefandten trübliher Bericht!
Nun gilt's, wie man ben Ehrenfhwur noch rette!
Nach günftig’rem Erfolg mehr ftrebt man nicht.
Die Unterhandlung fchwanft von jener Stätte
Nach diefer! — Endlih kommt's zum Gleichgewicht:
Der Prinz fol fih mit zehn Begleitern zeigen
Am Thor, ald wire Sieg und Stadt Ihm eigen,
*
Dann ſoll man feierlich ihn dort empfangen,
Bewirthen ihn, wie es in ſolchen Faͤllen
Dem Sieger ziemt, und x mit ernſtem Prangen
Auf einen Thurm am Thor ſein Banner ſtellen.
Dann iſt's vorbei! — Wie flammten Deine Wangen,
O Lancaſter! Wie floß In gluͤh'nden Wellen
Dein Blut, als Du mit dieſem kind'ſchen Ganfeln
In Schlaf die heil'ge Ehre mußteft haufen!
In Sclaf, damit fie nicht ins Ohr Die
ſchreie
Den allzuſtrengen, unerfuͤllten Schwur! —
+
205
Erlaßt mie all der Eaͤrimonien Reihe!
Sie helfen nichts, nein, fie verwunden nur,
Doch Eines fhönen Grußes Heldenweihe,
Gemäß der edelfürftlihen Natur,
Empfing mein Bertrand, ald auf Thurmes Zinnen
Er bei dem Prinzen ftand im ernten Sinnen,
And bat: „mein Herzog, ungern möcht? ich
miffen
Die Ehre, nah zu Fampfen Euern Fahnen.
Drum laßt mi doch mit Naͤchſtem huldreich wilfen,
- Bo Ihr aufs neu? beginnt die blut'gen Bahnen!’ —
Da fpricht der Prinz: „ih werde treubeflifien,
Mein. Bertrand, Euch zu meinen Kämpfen mah-
nen!’
und faßt des Helden Arm in trautem Muth,
Und lehnt ſich drauf, wie Freund dem Freunde thut.
Man ſcheidet hold. Doch kaum, daß aus dem Thor
Der Prinz mit ſeinen zehn Genoſſen reitet,
So klimmt ein Pöbelfhwarm zum Thurm empor,
Wo noch das Banner fi) im Luftzug fpreitet.
Sie reißen’s ab. Laut in des Herzogs Ohr
Schalt ihr Geſchrei, das weit umher fich breitet!
„Stehn dutſte wohl das Ding, jedoch nicht
lange!“.
Und ihm zu güßen ptaffelt Fahn' und Stange.
207
Dem Fürften gluͤh'n wie halbverfohlte Kerzen
Die Augen, — Erampfhaft fhlägt bie Helden»
brufi! —
„Wie?“ fragt man wohl; — das nahın er fih zu
Herzen?
Den roben Ausbruch ungezogner Luft?” —
Ach, edle Freund’, es giebt auch niedre Schmerzen!
Man wird fih ihrer nur mit Schaam bewußt,
Und möchte gern mit Adlerſchwung fie meiden, —
Doch nagen fiel Und das juſt ifk ihr Keiden! —
Sn feiner edelzarten Helbenfeele
Erwog der Bertrand trauernd, was gefchah:
Der Fürft gefränft durch wüften Pöbels Fehle, —
Ihm, dem durch ihn Geehrten, noch fo nah! —
Er ſeufzt; — doch. ohne daß er fich verhehle,
Woran es liegt, murzt er: „mein Blut wär’ be,
Bereit, den Schmachespfeil ihm abzuſtumpfen; —
Allein das lommt von klaͤglichen Tri
umphen!“
208
—
!
Erläuterungen
zum neunten Geſange.
U)
Seite 200:
„Daß es die Parzen gut mit Sie
gern meinen;
Wer irgend ein Gefecht ſah, wird bem Saße
beiſtimmen. Er geht aud ganz aus der Natur der
Sache hervor, und läßt ſich fogar aus dem Worte
gefecht beweifen, wo das recht gefährlihe Eine
hauen erft zu entftehn pflegt, wenn der Gegner
allzubeftimmte Anftalten sum Ruͤckzug macht. Dann
werden dem Sieger, gar nicht mehr auf irgend
eine möglihe Nothwendigfeit der Vertheidigung
geſtellt, gleichſam beide Arme frei, und nur die
Großmuth kann Halt! rufen. Die kommt aber in
ſolchen Verhaͤltniſſen nur ſelten zur Sprache, und
im Waffenkampfe, Heer gegen Heer, darf ſie es
nicht einmal, weil ja der Einzelne zugleich das
Ganze verficht, und dieſem keinen ausgeruhten
Gegner aufſparen ſoll. Hier faͤngt das Kapitel von
Benutzung des Sieges an, welches mit dem
vom goldnen Bruͤckkenbauen für den
'
209
geſchlag'nen Feind int feltfamen Widerſpruch
ſteht, und dennoch oft zugleich aus dem Munde
Eines und deffelben Lehrers oder militeirifhen Kris
tikers gepredigt wird. Der goldne Brüdenbau hat
wohl noch Niemandem wefentlihen Vortheil ges
bracht, wohl aber das raſtloſe Verfolgen, Ging
auch eiümal ein Kunersdorfer Schlachtfeld dar:
aber verloren, fo bedenke man, daß hier bie
Maitlofigfeit zur Uebereilung ward, und daß 'ein
Scheinfieg, der am berühmten. Kuhgrunde zum
Victoriaſchießen Gelegenheit geben konnte, any
keinen einzigen weſentlichen Vortheil füt die Bes
Drängteh Staaten des großen Friedrich zu Wege
gebraht hätte. Sp ein VBegnügen am Namen
des Sieges gleicht dach allzuſehr ben höflihen Ver⸗
beugungen eines furchtſamen Fechters, ber, weil
etwa fein Gegner fih am eignen Degengefäße ritzte,
ausrief: „es iſt Blut gefloſſen, und ich habe Ge⸗
nugthuung!“ — Da’ lege man lieber yon Anfang
an die Sache in Frieden bei; —
N SEEN
[U U U 0)
Geite 3078
„Allein das kommt won käglisen
Triumphen!“
Es ſind wiebet die Scheinſiege! — Manch
ein truͤbes Erempel davon ſteht in den mehrſten
210:
Kriegsgeſchichten der Welt, da der Ueberwundne
ſo gern vor fih felbft im Glanze bleiben will, und
es ihm doch gerade da am allerwenigiten gelingt.
Ein ebrlihes Belennen: „es ift und für dasmal
mislungen!” Hilft vor fih und Andern ungleich
fhöner und auverläffiger durch.
Bertrand Qu: Gueſclin.
Zehnter Sefang
Du treue Stadt! Du Klipp in Sturmes:
| wogen,
Mit frifhen Siegeöfränzen grün umlaubt!
Du, leuchtend unter’ feel’gen Sriedensbogen,
Indeß fernab das Kriegegewimmel ftanbt, —
- D Rennes, fieb, Dein Herzog kommt gezogen,
Und grüßet Dich als feiner Städte Haupt!
Zur Hauptftadt einft hat Zufall Dich erkoren,
Sept neu dazu Dich edler Ruhm geboren! —
Wir fahen Dich in Deinen Thraͤnenſchleiern,
Sept fehn wir Dich in Deiner Freuden Kranz! —
So firahlt die Taube, juͤngſt umſchwaͤrmt von
Geiern, |
Doch nun geretter, und im Sonnenglanz
14 *
9
nn
=
Nubend auf ihres Neftes zarten Eiern,
Schönheit und Fried’ und Wohlbehagen ganz;
Und der Geliebte naht, und feinen Wegen
Schiet fie liebholden Freudenruf entgegen! —
In aller Deiner Glocken Feierlaͤuten
Zieht Karl von Blois zu Deinen Thoren ein,
Gegruͤßt von Greiſen, Muͤttern, Kindern, Braͤuten
Mit gottgefaͤll'gem Saug und Jubelſchrel'n.
Er neigt fi lieb und hold nach allen Leuten,
Weß Standes und Gefchleht?’s fie mögen fein.
Heut’ ift aus allem Volk ein einz’ger Orden,
Der Drden der Erretteten geworden!
Und Gnaden firömen von des Herzogs Munde, .
Und Gnaden blühen rings aus feiner Hand!
Der größte Theil ward manch wohltbät’gem Bunde
De Klofterfrau’n und Mönche zugewandt;
Doch auch manch Einzelner pries froh die Stunde,
Und rief zu Gott um Seesen für den Stand
Des edlen Furſten, der auf Donnerwegen
Des Krieg’s erſchien als milder Freudenregen.
So ging ed Tagelang. — An einem Morgen,
. Wo, unfer Bertrand jtand im. Borgema
In böfifh edlen Dienftes leichten Sorgen,
Rief ihn der Herzog an: „mein Guefelin, ad» .
- 213
Wie lang’ fhon müßt Ihr mir großmuͤthig borgen!
und wirklich bin fürs Zahlen ich zu ſchwach,
Wenn’s gilt, Euch den volllomm’nen Lohr zu
fpenden.
Doch was ih Tann, geb’ ich aus treuen Händen,
Das Lehn der Veſte von La Roche iſt offen;
Empfangt es, edler Held! — Geht’s künftig mir
Nach meinen Wünfhen und nah meinem Hoffen,
So ſchmuͤckt Euch reich'rer Ehrengaben Zier.
Wir klimmen jetzt an ſteiler Berge ſchroffen
Abſturz hinauf zum heitern Siegspanler,
Und, um Euch ſelbſt auf rechte Hoͤh' zu bringen,
Muͤßt Ihr für mich noch heiß und blutig ringen.
Jedoch mas frei von allen Eitelkeiten,
Bon Schidfals Lift, in meinen Händen liegt,
Das follt Ihr zu empfah’n Euch gleich bereiten;
Und zweifl' ich nicht, daß ed Cuch theurer wiegt,
Als jede andre Gunſt der fluͤcht'gen Zeiten,
Die oft, nur kaum gewährt, ſchon raſch entfliegt.
Ahnt Ihr, was kommt? — Hoch glühen Cure
Wangen! —
Knie't, Here! Ihr ſollt den Ritterſchlag empfangen. — |
O frend’ger Schauer, ber in Bertrand’d Geiſt
Herniederfteige mit diefen ernten Wort! —
214
Laͤngſt war der Held ſchon, was er Künftig heißt:
Ein Ritter, Trutz dem Feind, dem Schwachen
Hort!
Doch wenn die Welt erhab'nen Gruß erweiſt
Erhab'nem Sinn, — da ſtaunt er, wie im Port
Ein Schiffer, traͤumendſtill hereingeſchwommen,
Und fragt: „bin ich's? Darf ſolches Heil mir
| kommen?“
Die kuͤnft'gen Thaten, ſeinem edlen Staunen
In ahnungsvollen Bildern ſchon erweckt/
Sie ſchweben feiernd um ihn her, und raunen
Von großen Tagen, jetzt noch unentdeckt,
Von Schickſals wunderſam furchtbaren Launen,
Doc von der Hand auch, die ihn unerſchrect
Don oben wird durch Fluth und Sturm gefeiten, —
Er ſchauert, mit fi felbft im ſchoͤnen Streiten! —
Doch au dem Herzog fpriht er, ernft be⸗
| fonnen:
„Ihe thut zu viel, mein güf’ger Herr, an mir! -
Noch hab’ ich nichts fo herrliches begonnen,
Werth folder edlen Gab’ und hohen Zier.
Wie bie Planeten in dem Glanz der Sonnen
Wandl' ich im herrlich ftrahlenden Revier,
Das Eurer Gattin Recht und Thron verbreitet,
Und drin man froh nah Euern Winfen fcreitet!”‘
245
Indeſſen Läßt der Fuͤrſt find Sporen bringen,
Die goldnen, wie fie nur ein Ritter trägt,
Und ordnet Alles zu den ernſten Dingen.
Und als er nun den knie'nden Helden frägt,
Ob er für Gott und edle Traun will ringen, -—
Wie tönt fein Ja fo ernft und tiefbewegt!
Der Herzog fenkt das flahe Schwert hernieder,
Und fpriht: „nehmt diefen Schlag, und Feinen
wieder !’
Heil, aͤchtes Ritterthum, Du frommſter Tempel,
Den je ein weltlih Streben hat errichtet,
Aus dem ein Heer von Helden ald Erempel
‚ Der fpdtern Welt die Anker hat gelichtet!
- Du, bold bezeichnet mit bee Demuth Stempel,
Die gern vor Gott auf Eigenruhm versichtet!-
Heil Dir! Heut fiehfk in Deines Baues Hallen
Du Deiner liebiten Pilger Einen wallen!
Ya, fragt mich Jemand, was es mit dem Streben
Der Nitterfchaft nur fel, der ſchaue her
Auf meines Bertrand vielbewegtes Leben!
Das wird mit unerſchuͤtterter Gewähr
Ihm reich und dennoch einfach. Antwort geben,
Wie es hochmuthig rot durch Schwert und Speer,
Im Gluͤcke zart, und fröhlich feſt in. Sorgen,
Den Menfchen hold, und frät in Gott geborgen,
216 ’
Seht, wie nach einer hoben Bucht Crflimmen,
Ruht es für eine kurze Seit ganz ftill;
Vielleicht, weil es den Innern, ernften Stimmen
"Die Frift zu guten Sprüden gönnen will,
Bis dann es wieder ruft zum Fürderfhwimmen:
‚Nun kaͤmpf', o Dienfh! Und Du, o Moge, ſchwill,
Schwill an mit zorn’'ger Macht, daß wir erfunden,
.. Was er gelernt bat in den beitern Stunden!‘ —
Es nahten fi ftinfriedlige Momente
In ungewohnter Raſt auf Kampfesbahnen,
Weil ein Vertrag die zorn’gen Heere trennte,
Und ein vermittelnd frieblihes Ermahnen-
Da war's, ald ob ein ſtilles Licht entbrennte
In Bertrand's Bruſt. Zum Haufe feiner Ahnen,
Zum alten Vater zieht ibn fein erlangen; —
Die Mutter war ſchon laͤngſt zu Gott gegangen. —
Er nimmt Urlaub vom herzoglihen Herrn,
Und reitet faht die wohlbefannten Wege;
Mit fanftgerährten Blicken weilt er gern ,
Auf Wief und Hättendah und Bufchgehege,
Und lebend blitzt Erinn’rung wie ein Stern
Empor, beleuchtend ihm die Dammerftege,
Wo er ald Knab' in Ahnungsträumen ſchwaͤrmte,
Und fieghaft kuͤhn als Alexander laͤrmte.
. „217 _
Wie warb ihm ek, ald prangend auf dem
Hügel
Sich Schloß Broon in ſtiller Würd’ erhebt,
Aus ferner Wuͤnſche mattem Zauberſpiegel
Zu feſter Wirklichkeit mit Eins belebt! —
Da jagt’ er huͤgelan, als hätt? er Fluͤgel,
Da fand im Thor, , vom Freudenfchred durchbebt,
Der Vater Robert mit gehobnen Armen,
Und tief? „o Gott, wie ſchoͤn ift Dein Ers
barmen !
Mun ſchickſt Da meinen diften Sohn. mir
wieder,
Schickſt ihn mir zu als einen Ritterheld,
Deß Name, wandelnd durch des Volkes Lieder,
Vater und Vaterland mit Glanz umbellt!
Schickſt ihn“ — er ſtockt; die Thränen laufen
nieder,
Sein Auge glüht empor zur ſchoͤnern Welt, ,
Wo fhon Johanna aͤrndtet Freudenfaaten
Und niederſchau't auf ihres Bertrand's Thaten.
Fruͤh bat er viel der bangen Perlenzähren
Dem zärtlich holden Mutteraug? entpreßt; —
Doch eben daraus ſprießen Himmelsaͤhren,
Und kraͤnzen ſie zum ew’gen Aerndtefeſt,
48. Ä Zn
Und Gott wird’ ihrem fanften Fleh'n gewähren,
Daß er den Sohn ihr feelig folgen läßt. —
Bon folhen Dingen ſprachen ernft und milde
. Die beiden Ritter vor Johanna's Bilde.
Es goß der edle Wein in mäß’gen Zügen
Noch Gluth und Feier in die milde Stunde;
Die Sehnſucht ward zum hoffenden Vergnügen,
Und Balfam auoll aus eignet Herzenswunde! —
Indeſſen Tehrten Abends heim vom Pflügen
Die naͤchſten Hüttenbanern, und die Kunde,
Here Bertrand ſei zuruͤck, bat auf die Stufen
Der Vorfaaltreppe fie alsbald berufen.
Da hebt ein lautes, luſt'ges: „Vivat!“ an,
Und Jedes will den theuern Helden ſchauen.
Der tritt hinaus; und gleich hat. Mann an Mann
Anzaͤhlig viel zu grüßen, zu vertrauen,
So daß er faum nad) Pflicht erwiedern kann;
Ja, ſelbſt die ſonſt geſchaͤmig bloͤden Frauen,
Draͤngen ſtch traulich zu ihm aus dem Haufen,
Und laſſen raſch die muntern Zungen laufen.
Gr aber ſorgt, daß ihnen Sveif’ und Wein
Gereicht wird unterm Dach der Burghoflinden,
Und ſitzt auch fröhlich mit in ihren Reih'n,
Wo nun Geſang und Plandern ſich durchwinden.
219
Manch alte Dintter ruft ihn: „Junkherrleln!“
Und fhwagt ihm vieles vor mit blißgefchwinden,
Treuberz’gen Worten aus vergang’nen Tagen;
Ein froher Greis faßt Kofend ihn am Kragen,
Und lacht: „was gaͤb' nun wohl ein Britte drum,
Könnt’ er den Bertrand fo am Kragen faffen?
Allein im Grunde wär fein Wunfh nur dumm,
Denn die Erfüllung macht’ ihn ja erblaffen.
Doch ih, der alte Franz, ob ſchwach und Frumm,
Ih wage fo was gern, denn’ einem Saffen
Der Du» Ouefelin’s hats immer Gluͤck gebracht,
Wo feinem Heren er füh recht nah’ gemacht!“
Ein junger Bauer ruft vergnügt dazwiſchen: .
„Gewöhnlih wohl! Doch wies nun eben kommt.
Hier, da ſtatuir' ich's gern, hier an den Tiſchen,
Doch auf dem Feld’ hat ſchlecht mir's ſchon gefrommt !
Wißt Ihr noch, Kerr? — Ich kam mit einem friſchen
Heerhaufen als Darius, Ihr entglommt
In ungebeuerm Sorn ald Alerander, —
Krack! lag ih, und mein Arm war auseinander!’ —
Darius, nichts für ungut!” ſprach der Ritter,
Und bot ihm feine treue Siegerhand, |
Derweil ein holdes Mägdlein blanke Flitter
Und thawge Blumen fhuel zum Kranze wand, -.
220
Wie man's wohl leht, wenn Binderin und Schnitter
Einzleht zum Zeft vom friihgemähten Land,
Den läßt fie auf Herrn Bertrand’s Lode fallen,
Und ruft: „dem beften Schnitter von Euch Allen!‘
Und der Belränzte ſpringt von feinem Sitze,
Und faßt fie fhmeihelnd in den Heldenarm;
Er ſtellt mit ihr fih an des Reigens Spige,
Und fliegt voran. Nah folgt der junge Schwarm?
Hier wirft im Jubel Einer hoch die Muͤtze!
Manch Andrer jauchzt, von Wein und Freude warm!
Behaglich figen rings umber die Alten,
Indem fie Muft’rung ob der Jugend halten. _
Und bei den Vätern ſitzet Aller Vater,
Der greisgelodte Ritter Robert auch,
Der mit des Dorfes Aelt'ſten ald Berather
Sich gern befpriht nach altem, guten Brauch.
Da fagt er unter Andrem: „Vieles that er,
Mein tapfrer Bertrand, und der erfte Rauch
Und Sturm der Jugend ließ fein Wallen und Brauſen.
Da ziemt's ihm wohl, am eignen Herd gu hauſen.
Er bat in Normandie — juft nicht ein Schloß,
Jedoch ein Haus als feiner Mutter Erbe,
Zu Pontorfon, Dort ſamml' er einen Troß
Von Kämpfern, der mit ihm nach Ehren werbe.
‚221
Mir g’nügt ein frommes Buch, ein fanftes Roß,
Und Einſamkeit, daß ich geſammelt ſterbe.
Doch ſoll es mich wahrhaftig gar nicht ſtoͤren,
Manch kuͤhne That von meinem Sohn zu hören !““
„Herr,“ — fpricht der Landmann, — da
| | Euch fo gefält,
Mein Stüd von Math zu willen, muß ich ſagen;
Ihr habt das Ding vortrefflih angejtelle!
Ein junger Mann foll jubeln, fechten, jagen,
Und einem Alten — wir es auch ein Held
Wie Ihr! — kann das nicht ſtuͤndlich ſo behagen.
Ihr ſtrebt empor nach ew’gen Herrlikeiten, —
Den jungen Baum laßt feine Zweige breiten nn ze
Der Mitter faßt des Bauern treue echte, _
‚ Und Beide trinfen froh auf Bertrand's Heil,
O ſchoͤne Zeit, wo Arbeit, Mahl » Öefechte
Ungleihes oft berief zu gleihem Theil,
Daß Ineinanderranfend Herrn und Knechte
Sich bildeten zum feſten Siegeskeil! —
Da ſtemmen Kunſtmaſchinen ſich vergebens,
Zu ſcheiden den frohheil'gen Trieb des Lebens.
Bretagne, Du ſammt Deinem Nachbarland,
Ihr habt's bewährt, — ob unterm Modenamen
r
222 -
Vendee! — daß Euch den alten Herzensftand
Mir Nihten neue Spruͤch' und Kappen nahmen!
Ihr ftander, frifh in fronmmer Gluth entbrannt,.
Wo's galt für Gott, für König und für Damen,
Mit Euern Rittern Fühnvereint zum Siegen,
Mit Euern Nittern Eins noch im Erliegen. —
Doc jetzt zurüd zu jenem beitern Tage! —
Der Mond ſah fon vom Abendhimmel hoc,
Als fcheidend erft vom muntern Schloßgelage. -
Die Tanzgeſellſchaft nah den Hätten zog,
Indeß manch uralt fhöne Heldenſage
Der Du-⸗Gueſclin's durch ihre Sinne flog,
aArls Maͤhrchen bald, und bald im Klang ber Lieder;
Das Herz empfand, das Echo fang fie wieder.
Die beiden edlen Ritter aber ftanden —
Der Vater und ber Sohn — am theuern Bild,
In dem fie einft fo füße Freuden fanden,
Und dem nun fanft dee Wehmuth Zähre quillt.
Dort ſprachen fie vom Künft’gen, und verbanden
Als Männer fih, den ſchoͤnen Wappenſchild
Und Kamen, und was fonft zum edelalten
Stammrecht gehört, vereinigt zu erhalten;
In Pontorfon und auf Broon ſich ſetzend,
Und Jeder nach verſchied'nen Alters Rath
223
Das Seine thu’nd: der Vater Klingen wetzend,
Der Sohn verbrauchepd fie zu rüft’ger That,
Sm Wald’ am friſchen Waidwerk ſich ergögend,
Die Seinen fhägend, und recht oft den Pfab
Aufinhend ah Herrn Robert's Burgboflinden,
Um heitern Gruß au bringen und au finden. —
Froh trabt num In der heilen Morgenroͤthe
Der junge Held nach Pontorfon hinaus,
Umtoͤnt von der fruͤhwachen Hirtenflöte,
Bon friiher Bäche fprubeindem Gebraus,
Es war, als ob ihm Alles Gruß entböte:
„O junger Landsmann, halt? bier bei ung aus!
Und treibt der Geift Dich fort nach größern Thaten,
Laß mind’ftens nie die Heimath unberathen!“
Das hat er fi und ernfthaft auch verfprochen,
Und fegt mit heitrem Lächeln noch hinzu:
„Fuͤr diefe naͤchſten Waffenſtillſtandswochen
Haͤlt ja der Krieg, und drum auch ich wohl Ruh!” —
Der Vorſatz, o mein Held, wird bald gebrochen!
Allein der Sriedenftörer bift nicht Du.
Denn Wilhelm von Trouſſel, ein edler Britte,
Sucht Wege, wie er bintig mit Dir ftritte,
Als Waffenbender Wilhelm Brembro’s flieht er -
Den Lancaſter: „o Herr, der Rache Brunſt
_.224
Zehrt mir den. Sinn! Zum Kampfe mit dem
Thaͤter
Des frechen Mordes ſchenket mir Vergunſt!
Mir iſt, als ob mit jeder Stunde ſpaͤter
Um meine Ehre ſtieg' ein gift'ger Dunſt!“ —
Jedoch der Fuͤrſt trug in des Herzens Schrein
Den edlen Feind, und ſprach ein ernſtes Nein.
Der Trouſſel denkt: „aut! Wenn es fo nicht
ging, |
Verdrießt Fein Umweg mich, um hinzukommen.
Der Vetter, welchen Berttand jüngft mir fing,
Und den er mit nah Pontorfon genommen, —
Ihn heiſch' ich los mit ernſter Votſchaft Wint,
Eh' Bertrand irgend Loͤſegeld bekommen;
Nur eine Geldverſchreibung will ich ſchicken;
Er ſchlagt fie aus, — das bau't zum Kampf die
Brüden! —
Wilhelm Tronffel, Ihr koͤnntet Euch beträgen!
Des Bertrand Geiſt iſt minder viel auf Geld,
Als auf des Schenkens fuͤrſtliches Vergnͤgen
Und jede That großmuͤth'ger Art geſtellt.
Doqh freilich: einem Antrag ſich zu fuͤgen,
Der eine Luft nach blut'gem Nein enthält, —
Das ziemt ſich ſchlecht. Bertrand kennt Euern Willen,
Und wird ihn gern im vollen Maaße ſtillen;
25 _
Ihn ſtillen, wie fih’s ziemt, auf Kampfes:
wegen,
Und deshalb weigert fireng’ er das Begehr.
Dafür ſchickt ihm Trouffel alsbald entgegen
Die Aufforderung: drei Stöfe mit dem Speer,
Drei Schwünge dann mit-fcharfgefhliffuem Degen,
Und dann drei Stöße mit dem Dolchgewehr!
' „Recht gern!” fagt Bertrand, und ift gleich geritten, _
Vergunft vom Marſchall Andreghem zu bitten,
N s
"Der, wie ben jüngern Freund er nennen hörte,
Lief fröhlich anf ihn zu. Doc er erfhridt,
Als er dad hagere, blaffe, krankverſtoͤrte
Geſicht des fonft fo Ruͤſtigen erblict. |
„Was fehlt Euch, Freund?” — „Ein Fieber, Herr,
, empörte
Schon längft mein Blut. Am vierten Tage fchidt
Mir's Jedesmal ein tolles Gluͤh'n und Frieren,
Doch laßt ung jetzt nicht Zeit damit verlieren!
Sch komm', um eine Gunft Euch anzugehen,
Euch, ald Statthalter unfres Koͤnigsherrn
In Normandie.” — „Was kann durch mid ge:
ſchehen, |
Geſchieht fuͤr Euch, mein Bertrand, herzlich
| gern.’ —
-45
226
v .
„So gebt mir feed Feld, Kampf zu beftehen
Mit einem Brittenheld.“ — „Mein edler Stern,
Ihr daͤmmert jegt im fieberblaffen Dunkeln!’ —
„Das giebt fi u Herr, wann erft die Waffen
funfeln!” —
Und fo läßt er nicht ab, in ihm zu dringen,
Bis Andreghem zuletzt den Kampf vergönnt,
- And zu der, Waffen tödtlih ernftem Schwingen
Ort, Zeit, und was ſich fonften ziemt, benennt.
Doch ſpricht er noch: „wer in den Schranfenringen
Etwa als Ueberwund'ner fi bekennt,
Soll zu ’nem Feft für alle Nitterdegen,
Die dort find, Hundert Gülden Gold erlegen!” —
„Von Herzen gern!" fagt Bertrand. Auch
Trouſſel,
Als die Bedingung er des Kampf vernommen,
Geht Alles ein. Doch war die Nachricht fchnel
Dem Herzog Lancafter zu Ohr gekommen,
Der zürnend rief: „wird England's Ehre hell
Durch ein Gefecht, mit Kranken unternommen?
Trouſſel, Ihr Eönntet wohl dem Kampf entfagen,
Zum mind’ften ihn auf befire Zeit. vertagen!“
Der Nitter fügt ſich. Einen fitt’gen Brief
Schickt er aldbald nad Pontorfon hinüber, |
-
227
| Anfragend, ob der Kampf nicht beffer faliep
Dis zu der Genefung Bertrand’s. Ihm ſei's lieber,
Doch Gueſclin fpriht: „wer mich zum Kampf berief,
Der findet mid. Was thut das Bischen Fieber?
Bleibt Jener aus, will aller Welt ich fagen,
Er fei unwürbig, je ein Schwert zu tragen!“ —
- Die Votſchaft, feinem Fürften zugefendet,
Erwirbt dem Mitter Trouffel den Beſcheid:
„Seht zu, dab Ihr es nun in Ehren endet!
Ich bindr' End nicht an der Gelegenheit.” —
Raſch Hat das Paar zum Kampfpla ſich gewendet.
Der Marſchall Andreghem hielt ihn bereit,
Und hatte zu Kampfrichtern auch erforen
Zwei alte Ritter, tadellos geboren;
Vor aller Welt geehrt dur That und Sitte,
Und Keinem der zwei Fechtenden verwandt;
Er felber war im Richteramt der Dritte.
Zwei Ehrenholde hielten ihren Stand
Geſchmuͤckt am Eingang vor der Schranken Mitte.
Die Kämpfer hatten Jeglicher zur Hand
Zwei Zeugen und zwei Knappen; nah dem Brauch
Zwei Waffenihmied’ und zwei Trompeter aud).
Am Doppelziet der Bahn: fah man swei Zelte,
Und mitten inne beider Gegner Waffen,
| 45*
.228
Zu denen ſich ein frommer Priefter fteflte,
Um ihnen feegnend Heil und Kraft zu ſchaffen.
Dann traten die zwei Nitter ald Gefellte |
Zum Tode vor. Eh Der fie bin mag taffen,
Liegt ihnen ob — und Gott der Herr wird’s hoͤren! —
Was folgt, mit theuerm Eide zu befchwören:
Wir legen unfre Hand auf Gottes Buch!
Wir glauben, gute Sache zu verfehten! .
Das wol’n wir leiften fonder Lift noch Trug,
Nach alten, hergebrachten Nitterrechten, .
Entfagend jedem Bannwort, Zauberfluch,
Und Talieman und mag’ihem Knotenflechten!
Wir woll'n den Streit ald fromme Ritter wagen! —
Dabei ward treulih Hand in Hand gefchlagen.
Die Haͤnde, die fih augenblicklich laſſen,
Um zum ehrbaren Todeskampf alsbald
Die Waffen und die Zügel feit zu faffen! —
Die Nitter ſitzen auf. Trompete ſchallt
Ermuth'gend durch die tödtlihfte der Gaffen ;
- Man rennt, daß Speer und Schild lauttoͤnend hallt.—
Hart traf den Bertrand Jenes Lanzenfpike,
Und wanfend hielt er kaum ſich noch im Site.
⸗
Das that erſchoͤpfend ihm das ſchlimme Fieber!
All feine Freunde fluͤſterten betruͤbt:
229
„Bas hat er nicht in off’ner Schlacht viel lieber
Zum leßtenmal die matte Kraft geuͤbt!
Da unterfintend im Getümmel blieb’ er
Halb ungefehn! Nun wird fein Glanz getruͤbt!
Nun muß er in geihmüdten Streitrevieren
Leben und Ruhm vor allem Volk verlieren!
Wie? Denkt Ihr fo was Trübes, edle Ritter?
Dlivier Manny! Bertrand von Saint Pern!
Und die Ihr fonft umfteht das Kampfesgitter!
Ihr wißt ja: blieb nur innen feft der Kern,
Blieb frei der Blick vom wechſelnden Geflitter,
Geſtellt auf den alleinig fihern Stern,
So Fann ung manche Noth wohl etwas laͤhmen,
Doch nie die Achte Heldenfraft und nehmen!
Seht Euern Bertrand! Schon zum zweiten Gange
Hält er bereit, nicht zaum- nicht buͤgellos,
Und vor dem fchmetternden Trompetenklange
Sagt finrmesfchnell er auf den Gegner los!
Durch deffen Schulter fährt die Speeresftange,
Weit jenfeit aus mit maͤcht'gem Riefenftoß. |
Er fällt. Ihm nad) fpringt Bertrand, und den fpißen,
Lichtblanken Dolch läßt er in's Aug’ ihm bligen.
Der Marfchall wirft aus machtbeliehrnen Händen
Den gold'nen Stab nach beiden Rittern hin.
:230
Die Zeugen treten vor, den Kampf zu enden,
Und Bertrand ſaͤnftigt fchnell den raſchen Sinn,
um gruͤßend nach den Richtern ſich zu wenden.
Ihm bleibt nach Aller Spruch des Ruhm's Gewinn;
Trouſſel erklärt ſich für befiegt; nah, Schulden
Zahlt er zum Feft der Ritter hundert Gulden.
Doch wo Einmal fo tapfre Flammen brannten
Furchtbar und fhön vor edler Krieger Blid, - .
Begnügen fih nur ungern die verwandten
Gemuͤther mit fo Eurzem Heldenftäd.
Der Marſchall gab Vergunft. Bier MBritten
| rannten
Mit vier Franzofen, prüfend Kraft und Gluͤck,
Doh nur mit finmpfem Speer. Den Sieg ges
Wannen
Auch diefesmal Bretagner und Normannen.
Es blieb die Einigkeit bei'm muntern Feſte
In Aller Herzen hell und ungeſtoͤrt,
Und Jeder denkt mit Luft im Kreis der Gaͤſte,
Was er vom Andern Rühmliches gehört.
Zuletzt that Bertrand auch noch hier das Beſte;
Der Kriegsgefangne, deshalb fih empört
Der ganze Zweikampf hat, war mitgefommen ;
Nun hat er froh ihn bei der Hand genommen,
Ausrufend: „biaver Degen, Gott verhüte, -
Das fih um eitles Gold und Goldeswerth
231
Betruͤb ein Held von Eurer Kraft und Güte!
Zieht heim auf Euer Wort an Euern Heerd.
Das Löfegeld? — Ci, wenn’s Euch jetzt bemühte,
Genügt’s, daß mir’s das kuͤnft'ge Jahr befcheert!
Schon früher wollt’ ih Euch daffelbe ſagen;
Doch da hat Euer Vetter Laͤrm gefchlagen ;
Und fanft erwiedern, wo mit Schwert und Meffer
Und Speer und Jemand droht, — das geht nicht an.
Ihr wißt dag, lieber Nitter, fehr viel beſſer,
Als ich's Euch hier mit Worten fagen kann. —
Nun zeigt Euch frifh ald Trinfer und ale Effer!
Ein freier Mann nur ift ein freud’ger Mann !'‘
Dankbar hielt der Gelöfte ihn umfangen,
Indeß lautiubelnd Ruf und Becher Elangen. —
Wie ſchoͤn, wenn fihin Mitten grimm’ger Kriege
Der Lichtblig ew’gen Friedens offenbart,
Und wer mitfammen rang um edle Siege,
Mitfammen froh bei’m beitern Feſt fih ſchaart! —
Victoria, ſchoͤne Heldenbotin,. fliege
Doch ſtets dem mildern Engel hold gepaart
um kampfbeſtuͤrmter Länder blut'ge Graͤnzen,
Daß Regenbogen durch Gewitter glaͤnzen!
233
Erfäuterungen
sum zehnten Gefange,
Eeite 2232:
[
„Ihr ſtandet, frifh in frommer
Gluth entbrannt,
Wo's galt für Gott, für König und
für Damen!“
Es mag Leute geben, die den Bauern der |
Bendee den letztern biergenannten Thatenſporn
abfprehen wollen, als zu zart für die derben
Männer, und auch vielleiht weil fie felbft nichts
Aehnliches in ſich verfpüren. Aber in der aͤchten,
unverborbenen Mannesnatur liegt die Freude, zu
Schuß und Ehre holder Frauen zu fehten, fo tief,
daß ſchon Homers Helden dieſes Gefühle mit be
fondrer Luft erwähnen. Und wenn Die auch nur
an die eig’nen Weiber gedvaht haben follten, ſo
belehrt uns das früher angeführte Werk der Frau
von Las Roche: Jaquelin, wie fhön die Vendeer
Bauern fih nah ihrer erften Waffenthat freuten,
233.
eine edle Dame errettet zu haben. Der bäners
lich Erzogne iſt nicht allemal baͤumſch gefinnt,
fondery hat fehr oft fhöne Anklaͤnge von Ritter⸗
lihfeit in der treumuthigen, einfachen Seele, Das
hat mich mande freudige Erfahrung des ländlichen
und Friegrifchen Lebens gelehrt.
234
Bertrand. Du-Gnefelin,
Eilfter Geſaug.
,
Dar Maffenftillftand fchweigt! Der Krieg, ent:
glommen
In neuer Gluth, macht alles Zoͤgern wett
Mit kuͤhner That. Bor Dinan iſt gefommen
‚Der Lancaſter. Ein Strom, aus feinem Bett
Entfiuthend, war nie wilder angefhwommen! —
Doc in die Stadt warf fi der Penhoet,
Und Bertrand mit, und fonft noch viel Genoſſen,
Aus der Bretagn’ und Normandie entfproffen.
Meitläuftig war der Ort, mit wen’gen Thuͤrmen,
Der Wal nur fhledht, die Schaar der Bürger Fein,
Schwach jeder Vorrath! — England’s Krieger ftüre
men; —
Noch wirft zuräd fie Speer und Beil und Stein.
235
Doch, mit Erfolg bie Mauern zu befhirmen,
Schrumpft allgufehr der Bürger Anzahl ein,
Um nicht Dinan in Plündrung zu zerftören,
Muß leider man der Feinde Antrag hören.
Doch nicht alsbald will man die Waffen ſtrecken;
Nur dann, wenn nicht in Srift von vierzehn Tagen
Sih Karl von Bleis mit Hälfe laͤßt entdeden;
Wozu von Herzen Ja die Britten fagen,
Verhoffend, ihm mit ihrer Waffen Schreden
Sernab fein berzoglih Panier zu jagen.
Bis dahin fol Niemand in Fried' und Ehren
"Den Städtern and: und einzumandeln wehren.
Auf den Vertrag Fam auch herausgeritten
Ein Bruder Bertrand’d, noch ein Knäbchen fein,
. Und fang: „nun lehr' ich erft Did art'ge Sitten,
Nun folft Du tanzen erft, mein Röffelein !
Das ging nicht recht in enger Straßen Mitten.
Hier auf den Wiefen, in den farb’gen Reih'n
- Der Blumen, die fo zart dag Grüne ftiden,
Lern’ Du fie grüßen, und kein Beet zerfniden!“
Doch kaum beginnt der Tanz des art’gen Knappen,
So kommt ein ungeheurer Britte her,
Auf einem gleichfalls ungeheuern Rappen,
Sechs Diener hinter ihm mit Schwert und Speer.
236
Der rollt: „mußt Du, Franzos, um Luft zu
| ſchnappen,
So weit Die wagen? Gieb mir Dein Gewehr!
Du bit gefangen!” — „Herr,“ — fo fpriht ber
Knabe, — —
Sagt mir vorerft, was ich verbrochen babe,
Ich thu' ja nur, was der Vertrag vergönnte,
Und weiß auh Niemand auf det ganzen Welt,
Der mir mit Recht mein Spielhen hindern koͤnnte!“ —
‚Der will ich fein, mein junger, kecker Held!’ —
Ä neo? — Herr, wenn ih Euch meinen Namen
nennte,
Shr raumtet ſonder Zeitverluſt das Feld!“ —
„O laßt den Wundernamen doch mich hoͤren!
Doc glaub' ich faſt, er wird mich gar nicht ſtoͤren.—
„Der Bruder Bertrand’s Du:Guefelin bin
ich!“ —
„Ich Thomas Cantorby und ſehr gelegen
Trifft fih’8, mein junger Uebermuth, für mich,
Dem ſtolzen Bertrand feinen Trotz zu legen,
Dem Mörder vieler Britten! Furchtbarlich
Bill ich's vergelten ibm mit Lanz’ und Degen. —
Das blanfe Schwerthen ort an Eurer Hüfte, —
Gebt mirs! Sonſt fliest’E gebrochen in die
Lüfte —
93%
„Nehmt's hin!“ — fo fpricht mit edlem Stolz
| der Knappe,
„Bär? Ich bewehrt, geharnifcht, fo wie Ihr,
Und trüg” mich fol ein riefenhafter Mappe,
hr hättet nicht fo leichtes Spiel mit mir!” —
„Senug, daß ich nen Du: Guefclin ertappe!“
Ruft Cantorby. „Und will zum Stadtrevier
Dein Bruder Di in Güte wieder bringen,
Laß' er ald Löfung taufend Gulden klingen!“
Der Knappe lacht: „ſo viel, um mich zu loͤſen?
Ein Knaͤblein? Und gefangen wider Recht!
Geht's nicht im Guten, Herr, ſo geht's im Boͤſen,
Und Euch bekommt der ganze Spaß noch ſchlechtr·
Jedoch mit rohen Jubels Luſtgetoͤſen
Hoͤhnt Cantorby den jungen Edelknecht,
Und angekommen bei den Lagerſchaaren,
Heißt er zwei Schüßen forgfam ihn bewahren,
Gleich hört das ein Bretagner Knapp, erzogen
Bon Robert auf Broon, und jest beftallt
Bei Montfort, doch den Gueſclins treu gewogen,
Der forfchte bei'm Gefang'nen, was es galt.
Dann rief er: „junger Herr, Ihr feid betrogen.
Doch haben ja Sottlob wir Vollgewalt,
Mit den Landeleuten in der Etadt zu fprehen! —
Held Bertrand foll es willen, und es raͤchen!““ —
238
Gr macht fogleich fih anf zur guten Stunde,
Und findet Bertrand, der ein Ballſpiel Hält,
Auf eines freien Platzes luft'ger Runde.
Alsbald erinnert ſich der freud’ge Held
Des Mann's, und ruft: „was bringft Du mir für
Kunde?
Du warft bei meinem Pater angefiellt;
Nun bift bei'm Montfort Du. Komm ber, und fage:
Kann ih Dir heifen? Fuͤhrſt Du irgend Klage?" —
„Ich führe Klag', o Herr, und fuhe Nahe!
Doch nicht für mid. »S gilt Euerm edlen Hang.’
Und fomit Fündet er. die ganze Sache.
Der Bertrand knirſcht, und reitet gleich hinaus.
Ehrbarlich grüßer ihn die Lagerwache,
Und Alles gruͤßt mit freudigem Gebraug,
Und eilt fi, Luſt und Preis ihm zu bereiten.
Doch er läßt ſchnell zum Feldherrn ſich geleiten.
Da waren viel der edlen Herr'n zufammen,
Und aud der junge Graf von Montfort mit.
Dem ftieg es auf im Geift wie Zornesflammen,
Als den er ſah, der ihn fo Fühn beftritt,
Doch wußt' er bald die fhlimme Fluth zu dammen,
Weil Fran Johanna's hoher Geift nicht litt,
Daß würd’gem Feind' ein Held fei ungewogen,
Den fie. geboren hatt? und auferzogen.
239
Der junge Graf kam unftem Freund’ entgegen,
Und bot ihm freundlich dar die edle Hand, |
Und fo auch war es Jedem angelegen,
Ihn ehrfam zu empfah'n nach Ruhm und Stand.
Er dankt mit Huld und Demuth allerwegen;'
Doch eilt er bin, wo er den Fürften fand,
Der mit Johann Chandog das vielgeltebte
Seldherrenfpiel, das Schach, tief finnig übte.
Wie nur fih Bertrand naht mit. fitl’gem
Grüßen,
Laͤßt ab vom ernften Spiel das Nitterpaar.
Der Herzog eilt, ihn in den Arm zu fchließen,
Wie einen Freund, der lange fern ung war,
Und recht um ihn verfraulih zu genießen,
Tritt er mit ihm von al der edlen Schaar
Zum Fenſter hin im leiſen Unterhalten.
Bertrand muß Klag' und Grimm fuͤr ſich behalten.
Zu wuͤrdig ja und hold war ſeine Sitte,
Um jener widerwaͤrt'gen That Bericht
Zu träufeln in des holden Koſens Mitte!
Doch als der Herzog drauf zu Andern fpricht,
Und Johann Chandos naht mit Scherz und Bitte:
„Mein Guefclin, dieſes Lager läßt Euch nicht,
Ihe müßt Euch denn vorerſt zum Mahle ftelen
Mir und noch fünf, ſechs Iuftigen ©efellen
340
Da ſtroͤmt ans Bertrand’d Benft ber edle Sorn,
Wie mächtig aus bes Berges Feuereſſen
Su raſcher Gluth ber heiße Xavaborn.
„Ich“ ruft er, — folte trinken oder effen,.
So lang’ mich nagt ſchmachvoller Shmerzen Dorn? —
Ein Ritter England’s hat frech und vermeſſen
Mein Recht gehoͤhnt, geſchmaͤht die Ehre mir,
Und um Erſatz und Rache ſteh' ich hier!“
„Der Prinz“ — ſagt Chandos — „wird Euch
Beides ſpenden.“
Und es vernehmend, ſpricht der. Herzog ſchnell:
- „Bertrand, den Streit nach Ehren zu beendet *
Hab’ ih die Macht, und Augen fharf und heil,
Was gab es?“ — Bertrand fpriht: „in Euern Händen
giegt ed, zu ftopfen blut'ger Thaten Quell.
Apr wißt, daß Ruh' und Waffenftillftand walten, ’—
„Und, — ruft der Prinz — „wir haben's treu
gehalten!“ —
„Und doch” - ſo ſpricht der Bertrand ruhig weiter —
„And doch iſt hier in Eures Lagers Ring
Ein Ritter — nein, vielmehr ein niedrer Reiter! —
Der einen ungewarnten Knaben fing,
Wie der, faſt unbewaffnet, ſich ganz heiter
Mur eines Heinen Luſtritt's unterfing!“
und fo erzählt er fürder die Geſchichte,
Und Ram’ und Orff auf daß der Herzog richte.
241
Der laͤßt alsbald den Cantorby fi holen,
Und fpricht zu Bertrand manch beruh’gend Wort,
Bid Jener eintritt, roth wie glüh’nde Kohlen -
Vor Zorn und Schaam, doch fredy noch immerfort.
Ihn ſchilt der Fuͤrſt. Da ſpricht er: „nicht geftohlen
Hab’ ih den Burſchen ia aus Huͤrd' und Hord,
Ich nahm Ihn offen mit als gute Beute.
Warum ich's that? — Weil's gerade fo mich frewte.
Ich weiß nicht, was Herr Bertrand drob ſich
wundert!
Er nahm doch auch manch gutes Loͤſegeld.
Mur fordr' ich eben tauſend anftatt Hundert,
Und thu' auch dag, diemweil mir's fo gefällt,
Ein großer Kämpfer, weit und breit bewundert,
Wie er, ein fo recht ausgefchriener Held
Sieht das nicht ein? — Man foll mein ect mir laſſen.
Wer es nicht will, mag dieſen Handſchuh faſſen!“
Wild wirft er das Kampfzeichen nach der Erde,
Jedoch bis zu der Erde kommt es nicht,
Weil Bertrand es mit zuͤrnender Geberde
Auffaͤngt, und dieſe heft'gen Worte ſpricht:
„Herr, waffnet Euch und ſchwingt Euch raſch zu Pferde,
Ihr arger Mann, vergeſſend Eurer Pflicht!
Daß Ihr das ſeid, will ich mit Schwerteseiſen
Vor dieſen Herrn und aller Welt beweiſen!“
16
„242
„Man kennt mich anders!” fagt ber trotz'ge
Britte.
„Do habt Ihr ein zu freches Wort gewagt,
Und ſollt's in dieſer edlen Zeugen Mitte
Bereu’n, derweil die heuf’ge Sonne tagt!" —
Dann wandelt er davon mit ſtolzem Schritte,
Und rüftet ſich. — Gern hätt’ es unterfagt
Der Prinz, Doc ließ die Gluth fih nicht mehr
dämpfen,
Rom Schmähwort angehaucht. — Man mußte kaͤmpfen.
Da nahte Chandos dem freundlichen Feinde,
Und ſprach: „nicht wahr, Ihr geht nichterft zuräd, —
Zu waffnen Euch — nad Eurer Stadtgemeinde?
hr trefft ja jedes nöth’ge Waffenſtuͤck,
Ein Schlahtroß auch, bei Chandos, Euerm Freunde!
Mein beftes wählt, und bring’ es Euch viel Gluͤck.“ —
Das hat der Bertrand fröhlih angenommen. —
War’s ja von ebler Heldenhand gefommen! —
Doch eh’ die Zwei dad befte Roß erforen,
©eordnet und gefchnallt das eh’rne Kleid,
Drang das Geruͤcht fhon ein zu Dinan’s Thoren:
‚Der Gueſclin hat im Brittenigger- Streit!
Wie leicht ging’ uns dabei der Held verloren!
Man fieht, fie ſuchen nur Gelegenheit,
Um einft durch Mehrzahl, mit ungleihen Waffen,
Den mäht’gen Feind fih aus der Welt zu ſchaffeu!“ —
213
Laut murrt die Stadt. Es drang. das bumpfe
Toben
Die in ein Kämmerlein ganz klein und hei,
Dort wohnt’ ein Fräulein, hold von Meiz ummoben,
Ihr Geift fih Iabend an des Willens Quell,
Ans edlem Ritterſtamm aufblüh’ud nach oben;
Das Fräulein Theophanie Raguenel,
Um ihrer Weisheit rächfelgaftes Walten
Vom ganzen Volk für eine Tee gehalten.
‚ Und wahrlich! Ließ das. hohe Bild ſich ſchauen:
Vom dunklen Haargelock das Lilienbeet
Der Stirn umwallt, — den Himmel in dem blauen
Lichtholden Augenpaar, manchmal umweht
Von nur geahnter Zaͤhren ſuͤßem Thauen, —
Ein Roſenknoͤsplein, das in Bluͤthe ſteht,
Der kleine Mund, fluͤſternd in edlen Worten, —
Man dacht’ an ſchoͤner Fabel goldne Pforten! —
Als heute fie des Volkes Murren hörte,
Und ihre Zof' ihr fagte, was eg fei,
Schloß die aus ernftem Geifteswerk geftörte
Erhadne Herrin ihre Bücher bei,
Nahm Kapp’ und Mantel, und vor das empörte
Getuͤmmel trat fie in die Hausthuͤr frei,
Gruft, aber gütig laͤchelnd, frommer Wille
In jedem Zug, — und rings warb Alles ſtille.
| 26*
244
„Bas klagt Ihe nur?” — fie ſprach's mil
leifer Stimme,
Doc fo, daß jeder Laut in's Inn're drang.
„Staud Eurer Held nicht oft vor Geindes
Grimme?
"Und ſtets warb Euer Sorgen freub’ger Dank!
Heut wißt voraus, daß, ehe noch verglimme
Das Abendroth, ihn Euer Seftempfang
Begrüßen folle friih und ohne Wunden!“
Sie neigt dad Haupt, und war in’d Haus vers
ſchwunden.
Frohmurmelnd auseinander laͤuft die Menge,
In Aller Herzen Hoffnung, Freud' und Ruh,
Und Jeder traͤgt die holden Troſtesklaͤnge
Den Seinen und den liebſten Freunden zu,
Wie wenn das Echo Nachtigallgeſaͤnge
Durch's Thalgewinde breitet, und im Nu
Wieſ' und Gebuͤſch, nur kaum noch wie ertoͤdtet
Don ſchwuͤler Luft, in Sreudenliedern floͤtet.
" Ein Juͤngling, VBertrand’s Freund, von diefer
Kunde
it neuer Hoffnung Zuverfiht durchblitzt,
Eilt in das Lager fchnell zur felben Stunde,
Und winft ihn fort, wo er mit Chandos fißt,
>
215
Gerüftet fon, und ſpricht mit leiſem Munde:
„Gueſclin, getroſt! Denn Ihr feld hochbeſchuͤtzt.
Gewiſſen Sieg hat Euch vorausgefehen
Das Fräulein Raguenel, das Kind der Feen!“
In Vertrand’d Auge fteigt ein füß Ergluͤhen.
Er fpricht: „o Freund, ich fah: die Lichtgeftalt
Bisweilen, wenn nah heißen Kampfesmuͤhen
Ich ihrem Haufe war vorbeigewallt.
‚ Wohl muß mir Gluͤck und Lebensluſt erblühen,
Wenn mein fie denft! — Doch mit. der Seengemalt,
‚ Und dem Vorauserfpähn von Fünft’gen Tagen, —
Das, Freund, bat wohl juft nicht fo viel zu fagen!
Ich weiß nicht, inwiefern "den Menſchenſeelen
Der liebe Gott. geheimes Wiſſen leiht.
Das weiß ih: Theophanja Tann erwählen
Nur Ziele, die ein frommer Glaube weih't.
Und mas mir felbft am mindeften mag fehlen,
Das ift mein ehrbar Recht in dieſem Streit.
Weß Hände nach gerechten Waffen faflen,
Der warb und wird: von. Gott ja nie verlaffen !“
Er nimmt erfreut fein gutes Kampfgewehr,
Und. geht zum Roſſe fhon, um aufzufteigen.-
Horch, da trompetet's durch Das Lager her!’
Ein fraͤnk'ſcher Herold naht mit fitt’gem Neigen,
246:
Und fpriht: „Herr, Angriff fo ald Gegenwehr
Verbeut bier außen In des Lagers Neigen
Euch Ener Hauptmann, Nitter Penhoet "’ —
Ber dann’ — ruft Bertrand — „macht die Schmach
mir wett? ,
Die Schmach, bie mir der Cantorby erwielen,
Die Schmach, die ich mir luͤd' aufs eigne Haupt,
Verſagt' ich auf des Lagers gruͤnen Wieſen
Den Kampf, den Herzog Lancafter erlaubt! —
Erft hohe Worte machen, wie die Rieſen
In luſt'gen Mähren, und dann fluchtbeſtaubt
or der. Gefahr. das feige Antlip wenden, —
Nein! Ehrbar fol und muß mein Kampf ſich enden!’
„Kennt Ihr den Penhost ald Freund und Mitter
So wenig?” ſprach ber Herold. „Er beftellt
Fu Dinan fhon für Euch das Schranfengitter,
Und fandt’ auch fon mich zu dem Prinzenheld,
Dem Lancafter, als ernten Hochzeitbitter,
Ob Seiner Hoheit es alfe gefällt,
Daß man den Zweikampf in der Stabt mag halten.
Er fol dabei als Fürft und Richter walten.” —
„Und nahm er's an?" — „da. Zwanzig Edel⸗
lente
Begehrt als Buͤrgen er. Sie kommen gleich.“ —
v
«
247
„Nun dann, wodlauf! Grgedi der Kampf nur heute,
So fei es meinethald im Mohrenreich !
Vielmehr, — fo iſt mir's lieb! Die Frau'n und Braͤute
Der Stadt ſehn da was Neues auch zugleich.
Wohl gar die Eine — gut! Ich bin ſchon fertig,
Und jedem Wink des Prinzen treugewaͤrtig!“ —
_ Gie titten nach der Stadt im edlem Zuge:
Der Herzog, — bann das ſtolze Kampferpaar, —
Des Fuͤrſten Banner, wehnd Im farb’gen Fluge, —
Bon neunzehn Rittern dann die edle Schaar. —
Die Buͤrgen — mehr aus Sitt’, ald um dem Truge
Zu wehren, nahm man fie — find blank und Mar
Dem Herzog weit entgegen ſchon geritten.
Er zieht zur Stadt, und fie zum Heer ber Dritten,
Am: Thor empfängt ihn gleich mit’ edlen Gruͤßen
Der Penhoöt, der Rath au insgeſammt.
Sie ſprechen: „Fuͤrſt, wir legen- Euch zu Füßen
In diefen Kampf das beige Richteramt.“ —
Danngebtes na dem Markt,. den rings umfchließen
Die Schrankenreih'n. Ein Sitz von Seid’ und Sammt
Empfängt den Prinzen, der im Schnn ber Ehre
Heut? hier gebieter, wie im eignen Heere.
Die beiden Kämpfer halten hoch zu Noſſe
Sich gegenüber fchen auf firenger Bahn,
288
Da ſich Graf Penrbroof und als fein Genoſſe
Sohann von Chandos unfrem Ritter nah'n.
Sie fpregen: „Herr, eh Himmels Blingefchoffe '
Verderblich fih zum Donnerlampf umfah’n,
Verſucht wohl Sang und Spruch, es abzuwenden!
Laßt und aud bier noch Zriedensworte ſpenden.“ —
Der Bertrand lächelt grimmig, aber ſchweigt,
Derweile Pembrook fagt: „ich folte meinen,
Wenn Ener Gegner fi verträglid zeigt,
So könnte man Euch Zwei in Trieben einen.
Was thut Ihr wohl, wenn er vor Euch fi neigt,
Und nicht fein Unrecht länger will verneinen,
Und Euern Bruder löfungsfrei entlaͤßt?“ —
Herr Du⸗Gueſclin erwiedert ftolz und feft:
„Was löfungsfreil Davon wird nicht gefprochen.
Mein Bruder fehulder ihm nicht Gut noch Geld.
Doch wenn ihr wirklich reu't fein haͤßlich Pochen,
. Und die Vertheid’gung er unftatthaft haͤlt, —
Wohlen! — Wer Frieden und Geleit gebrochen,
Muß fehuldig fih erklären vor der Welt.
Gleich fig’ er ab, und bringe feinen Degen,
Ihn an der. Spiße fallend, mir entgegen!“ —
Da rufen Jene: „glaubit Du, daß ein Britte,
Sich wird Demüth’gen, wie ein zahmes Thier?“ —
9.
„Ich dachte felbft wohl, daß er lieber ſtritte,“
Sagt Bertrand, „und zum Kampf ja bin ich hier. —
Drauf wenden fie zum Cantorby die Schritte,
Und flüftern lei, und laſſen das Revier
Den Fechtern frei. Die, gleich zwei wilden Flammen,
Sahren mit hochgeihwung’nem Schwert zufammen.
Nicht wie wohl fonft im fröhlich Teichtern Fechten,
Wo man nur eben rafch vorüberjagt,
Und Einen Hieb führt, und nach Kampfesrechten
Daun etwa zweimal noch dad Nennen wagt,
‚Und Frieden fließt, — nein, diefe Beiden flechten
Sich dicht zufammen, fhmettern unverzagt
Hieb wild an Hieb, und immer neue wieder.
Die unten ſpruͤh'n, es bröhnen ihre Glieder,
Da fährt In ungehenerm Klingenſchwunge
Dem Gantorby die Waff’ aus feiner Hand,
Und Bertrand fliegt mit leichtem Ritterfprunge
Schnell aus dem Sattel, rafft fie auf vom Sand,
und fchleudert fie — laut fchreien Al’ und Junge,
Und büden fih! — weit übern Schranfenrand.
Dann ſteht er fill mit ruhig ernftem Sinnen,
Und barıt, was num fein Gegner will beginnen.
Der, heffend mit des Roſſes Sturmgebraus |
Den Gegner malmend auf den Grund zu flürzen,
on
250
Sagt anf Ihn ein. Gewandt weicht Bertrand aus,
Und eh' noch Jener kann die Zügel kuͤrzen
Dem Thier, unlentbar wie ein rollend Hans,
Sigt Bertrand, die Beinfhienen loszuſchuͤrzen,
Die ihn im Gehn belaft’gen, an den Schranfen,
Nur darauf, fühlen es, richtend Die Gedanken,
Gelaffen, wie in feinem eig’nen Zimmer; —
Noch mehr ergrimmt, fprengt Jener auf ihn los! —
Hell funkelt Bertrand’s breiter Schwerterfhimmer,
Und in bes Roſſes Seite fährt der Stoß.
Das baͤumt und fteigt, und mehrt den Blutſtrom immer,
Und Cantorby, beinah ſchon buͤgellos,
Springt ab, und naht, mit ſeinem Dolch bewehrt; —
Bertrand ſteckt ruhig ein ſein gutes Schwert.
Nie warb ungleicher Streit durch ihn geftriften!
Sept ſchlaͤgt den Dolchesſtoß er von fi ab,
Und faßt den. Gegner in des Leibes Mitten,
Und haͤlt ihn Hoch, und wirft ihn dann hinab,
Daß durd den Einn es. fuhr dem ſtolzen Britten,
Als’ fchleudr?’ ihn fhon der maͤcht'ge Tod in’s Grab.
Bertzand niet auf ihm, öffnet fein Viſier,
Und ruft: „nun raſch! Erfleh' Dein Leben Dir!" —
Der Cantorby verſtummt im wilden Zorne.
Da faßt der Bertrand ſeinen Dolch, und ſticht,
4.
251
Nicht tödtlih, aber wie mit fharfem Dorne
Berfragend, Wund’ an Wind’ ihm in's Gelicht.
Das Bint entitrömt aus manchem heißen Vorne,
Und weil der Trotz'ge immer noch nicht ſpricht,
Trifft Bertrand ihn mit Panzerhandfhuh’s Schlägen,
Ja, zuͤckt, ihn zu enthaupten, fhon den Degen.
Nun treten rafch zehn Britten in's Gefilde
Des Kampfes, und auch zehn Franken, rufend: „Halt !”-
Umfonft! Ihr kanntet nur in feiner Milde —
Den Bertrand, nicht in raͤchender Gewalt.
Grimm, wie ein Adler auf erfiegtem Wilde,
Schaut er umher in ſchrecklicher Geftalt,
Und ruft: „Der ſchlechte Ritter bier muß ſterben!
Des Pringen Wort nur kann ihm Gnad' erwerben!“
Es naht ſich Penhoet, und ſpricht: „o Held,
Der Fuͤrſt begehrt von Euch des Ritters Leben!“ —
Auf ſteht der Bertrand ftumm, und Der gefällt
Am Boden lag, Hat fih die Schuld gegeben,
Daß er den Kampf unrechtlich angeſtellt.
Da mußten ein'ge Knarpen ihn erheben,
Und, nach der ernſten Sitt' in jenen Tagen,
Wie einen Todten aus dem Kreiſ' ihn tragen.
Wie einen Todten, weil fein Ritterleben
Zum Tod durch fein Vergehn getroffen war
252
Die jungen Ritter Tehn’s mit ernftem Beben,
Die Alten ſchuͤtteln truͤb das greife Haar,
Und Jeder (hwört in fich, mit edlem Streben,
Mit reiner Trew, durch Thaten offenbar,
Sein ehrfam Ritterthum fo feft zu halten,
Daf nimmer, weil er leb', es bürf erfalten. —
‚Doch als die Blide ſich auf Guefelin wandten,
Der esnft noch in ber Rennbahn Mitte fand, —
Ha, wie die Herzen da und Augen brannten!
Die Sungen bielt vorerft des Staunend Band;
Bis plöglih AM im Iubeleuf bekannten:
„Dem Helden Heil! Des muß einſt Lent” und. Land
Mit feinem tapfern Schwerte fi erblißen,
Ja, endlih wohl auf Königsthronen ſitzen!““ —
Der Sieger neigt derweil fi demuthvoll
Dem Fürften, fprebend: „Here, Ihr habt's gefehen,
Ob Santorby’s Hochmuth in Ehren fhwoll,
Ob nur wie Nebel, die im Sturm verwehen. —
Da ſprach der Herzog: „was ein Nitter fol,
Iſt Hier durch Euch nach Ehr’ und Recht gefchehen. —
Mer folhe Diener hat, muß überwinden! |
Was heut’ geſchah, will allwärts ich verkünden!
Ihr habt den fhönften Nitterfampf gehalten,
Den jemals ih mit meinen Augen ſah.
\
253 _
Niemand foll Euch den Bruder vorenthalten!" —
Er winft. Der junge Knappe ſteht ſchon da.
Zugleich aud nad des firengen Rechtes Walten
Heifcht er den biut’gen Eantorby fi nah,
Und ſpricht dann ernftlih zu ben zwei Partheien:
„Der Züngfing silt fogleich für einen Sreien!
Was ihm gehört, wird Ihm zurüdgegeben,
Wie ſich's verfteht. Doc. weil Ihr ihm gewollt,
O Cantorbp, verfiören Ehr’ ımd Leben,
Zahlt Ihr ihm taufend Gulden edles Gold,
Und nimmer bürft Ihe Speer und Schwert erheben,
Wo fih mein fürftlies Panier entrollt.
Entwaffnet ihn, auf daß der Edelfuabe
Harniſch und Schlachtroß zur Entſchaͤd' gung habe 1’ —
Sogleich geſchieht's. Der junge Knappe reitet
Vergnuͤgt umber in neuer Waffenpract,
Indeſſen wie ein Nebel tra? entgleitet
Der Santorby in des Vergeſſens Nacht. — \
Dem Herzog war derweil ein Feſt bereitet,
Wobei ein Beet von holden Frauen lacht.
Er eilt hinauf, und weiß bei Mahl und Reigen
Manch zartes Herz fich lieblich zuzuneigen.
aAl er gen Mbend.wieber aus ben Thoren
Von Dinan in fein Brittenlager ritt,
254
Geleiteten , ſorgfaͤltig auserkoren,
Ihn Ritter, und auch edle Bürger mit,
Manch Einer dachte: „gehn wir denn verloren,
So iſt's nur gut, daß Diefer ung beftritt,
Gin Held in jeder Tugend auderlefen,
Bon ernfter Richtertrew und holdem Werfen!’
Allein in andern: Herzen ftieg die Flamme
Des edlen Zorn’s empor. Der mäht’ge Sieg,
Den heut? ein Held aus dem Bretagnerſtamme
Erfochten hatte, fpornte fie zum Krieg. |
Sie wmürtten: „was? Gleich einem ſchlechten
| Shwanme
Berlofhen wit, da juft das Feuer flieg? —
O mög’ ein Blitzſtrahl den Vertrag zeripalten!
Allein er ift nun de. Man muß ihn halten.’ —
Ihr, die Ihr zuͤrnt, — Ihr, die mitfanftem Hoffen
umkleidet des Befiegtfeing herben Schmerz, —
Laßt ab! Ihr habt es allſammt nicht getroffen.
Wie felten trifft’s denn auch ein menſchlich Herz,
Durch's Zukunftthor — und ſteh' es. ſcheinbar offen —
Sein Schickſal zu erſpaͤh'n! — Von himmelwaͤrts
Kommt ploͤtzlich eine nie geahute Lenkung |
Und Alles ftäubt in unverfeh’ner Schwenfung! —
Du, Lancaſter, Du träumit auf Deinen Kiffen
Dom nahen Siegeseinzug in die Stadt! —
255
Da wedt man Di, — und alfobald zerriffen
Sind Traum und Sieg. — Dein König, laͤngſt ſchon fatt
Des Unterhandelns, kann Dich nicht mehr miflen.
Auf’s neue will an bluf’ger SKampfesftatt
Er fih mit Frankreich's muntern Schaaren meſſen.
DBretagn’ und Montfort bleibt derweil vergeffen.
Schnell ſollſt Du nach Calais die Schritte wenden,
Und in zehn langen Tagen erft verfließt \
Die Zeit, nah welcher mit gezaͤhmten Haͤnden
Dinan duf den Nertrag ihr Thor erſchließt.
Es gilt nicht Wahl! Es gilt, ſich fhleunig wenden
Din, wo Dein König wintt, und Ehre ſprießt!
Umſonſt will Dich der junge Montfort halten;
Di) treiben abwärts Höhere Gewalten.:
Da kann der Jüngling auch nicht länger warten
Mit feinen wenigen Bretagneirotten;
Die Bürger würden ihn in Feld und Garten '
Mit uͤbermaͤcht'gem Ausfall nur verfpotten.
Stumm weicht er dem Geſchick, dem trüben, harten,
Saft zweifelnd, feinen Feind je auszurotten,
Und zieht nach Hennebon, nen die ‚Gedanken
Un feiner Mutter Geift eniporzuranfen, —
Doch aus Dinan erſchalt ein lautes Singen, |
Die nun der Feind allwaͤrts von binnen zieht,
N .
256
@in Glockenlaͤuten, ein Trompetentlingen;
Es wird bie ganze Stadt Ein frommes Lied! —
Wohl mußt? es Allen in die Herzen dringen:
„Der Schuß, vor dem heut die Gefahr entflieht,
8 u und Ara? Sind's Mauern, dicht vers
fettet? —
Du bie, v Hert! Nur Du dat ung errettet!”
Erläuterungen
zum eilften Geſaunge.
U)
Seite 235:
„Doc nicht alsbald will man die
Waffen ſtrekken;
Nur dann, wenn nidt in Friftvon
vierzehn Tagen
Sich Karl von Bois mit Hülfe
läßt entdekken.“
Es war dergleichen in jenen Zeiten eine ſo ge⸗
woͤhnliche Bedingung der Feſtungsuͤbergabe, daß
man ſie faſt immer findet, wo man nicht geradezu
als Bezwung'ner Gnade annahm. Oft galt ſie
257
wohl blos ald Form, um die Ehre des Kommans
Danten zu fhonen, und aller Welt darzuthun, wie
er bie auf das Letzte ausgehalten babe. Sie
flimmte aber überhaupt mit dem Sampfprinzip ber
ganzen NRitterzeit, wo ber Krieg, weit mehr ale jet,
den Character eines Zweilampfes trug. Man
Eonnte die belagerte Stadt wie eine Dame betrach⸗
ten, um deren Befiß und vor deren Augen ein
Rurnier ausgefchrieben ward.
17
258
Bertrand Du:-Önefelin,
3 woͤlfter Geſang.
Ein edles Land biſt Du, o Land der Kuͤſten,
Bretagne, das — von dort der Meeresenge,
Hier freiem Meer gebietend — ſich darf bruͤſten! —
Doch reicher, als das Einzle, iſt die Menge.
Nicht, Dir allein ſoll Bertrand's Ruhm geluͤſten!
Dem ganzen Land des Wein's und der Geſaͤnge,
Sp ‚weit es wird durchtoͤnt von muntern Choͤren,
Dem ganzen Frankreich muß er angehören!
Degierig firedt nach Bertrand feine Wogen
Der Krieg, der zwar für jetzt noch fcheinbar ruht;
Denn König Eduard, kuͤhn in's Land gezogen,
Sah wunderfam geloiht den wilden Muth,
950
Als ihn vor Chartres traf vom Himmelsbogen
Gewitter, Sturm und fhdum’ge Negenfluth,
Er fühlte fein Gewiſſen aͤngſtlich ſchlagen,
Und: Friedensruh gelobt’ er kuͤnft'gen Tagen,
Auch zaͤhmte wirklich er vorerft fein Haſſen,
Und that, als fel dem Feind’ er ganz verfühnt.
Den König Frankreichs hat er freigelaflen;
Doc jede Klaufel auch fü hart verpönt,
So hoch gefpannt, daß fchwerer, als im Faſſen
Der Kriegesfauſt, das Land im Frieden ftöhnt.-
Die Etände fagen: „eh? wir daß entrichten,
Laßt und aufs nem’ den Streit mit Waffen ſchlichten!“
Dem Eduard war es recht. SeinHeer, zu Siegen |
An manchen heißen Kampfestag geübt,
Der Feind erfhöpft von unbeglüdten Kriegen,
Sm Herzen hoffnungslos und tiefbetruͤbt, —
Wie ſchien die Ausficht da fo nah zu liegen,
Das Glid, dad gern Bekraͤnzten Kränze giebt,
Werd’ ihm, dem Mächtigen, nah kurzem Fechten
Die Lilien Frankreich's in bie Krone flechten! -—
Doc Frankreich's König, Durch fein Ungluͤck weiſe,
Sah in ber nah’nden Kriegegemölfe Neih’n,
Auf der gefahrumdrohten Sturmesreife,
Nur Hülf in treuer Sterne feſtem Schein.
17*
260
Nach folhen ſchaut' er um im Heldenkreiſe;
Da fprath mit ehrenfefiem Wort ihm ein:
Der Marſchall Frankreichs, Arnold Andreghem :
„Herr König, denkt an Bertrand Du⸗Gueſclin!
She felber habt in friiher Jugend Tagen
Mit ihm des Kriege biut’ges Meer durchſchifft!
Ermeßt, ob was jegt alle Stimmen fagen
Zu feinem Preis, nicht ſcharf aufs Rechte trifft.
Was fol er ſich mit Heinen Feinden jagen
Dort auf Bretagne’d enger Wiefentrift?
Beruft ihn ber, daß feine Heldengaben
Frankreich hinfort zum würd’gen Schauplag haben!’ —
Da fagten ein’ge überkiuge Leute: -
„Er hängt an Karl von Blois. Man muß fchon fehn,
' Wie man zu uns herlodt die edle Beute; '
Und das kann nur mit Wis und Lift gefcheh’n.‘
Jedoch der König, der fi billig fchente,
Auf dunkler Raͤnke Maulwurſsbahn zu gehn,
Sprach: „Niemand miihe ih in meine Sachen!
Ich und der Du:Guefclin, wir wollen’d machen. —
Und gleich ift er in fein Gemach gegangen,
Und biefen Brief fchrieb er mit eig’uer Hand:
„Bertrand! Als ich in England war gefangen,
Chat Feindesmund mir Euern Ruhm befannt.
261
Nun trag ich gar ein herzliches Verlangen,
Euch bier zu fehn. Noch ift ja Fried’ im Land,
Und Ihr habt Seit. Drum fend’ ih Euch in Gnaden
Selbit meinen -KRämmerling, Euch herzuladen.” —
Sum Bertrand war nach Pontorfon gekommen
So Kaͤmmerling ald Brief. Er macht fih auf,
Wie's nach des Sberlehnsherrn Mint dem frommen
Lehnsmann geziemt, im rafchen Roſſeslauf.
Mit Hohen Ehren ward er aufgenommen.
Da fanden ringe die Knappen all zu Hauf, .
Begierig, den ruhmvollen Held, das Grauen
Des Feindes und Bretagnes Schild, zu ſchauen.
Mit Brudergruͤßen naht die Ritterſchaar,
nd’ an dem Fenftern blüht ein Frauenreigen,
Wie Pappelblätter fluͤſternd Paar an Paar,
Indem ſie hold erröthend fich ihm neigen.
Sie plaudern füß von jegliher Gefahr,
Die er beftand. Verſtohlne Händchen zeigen
Bisweilen nach dem dunkelbraunen Nitter,
Als prangt” er in Narciſſus Schönheitsflitter.
Jetzt eilt In froher Haft herab bie Stufen
- Der Marfhall Andreshem, um gleich den Held
Hinauf zum tapfern König zu berufen,
Der fih’s in feiner Freude kaum enthält,
262
Nach muntrer Kranlenart laut aufzurufen.
Wie freut’s mich,” fpricht er, „daß es Gott gefällt,
Zu führen Euch In meines Hofes Mitte!
Und nun auch frifh heraus mit Frag’ und Bitte!
Wollt Ihre mir dienen, Ritter? Oder zwingen
Euch andre Pflichten ſonſt?“ — Der Guefclin ſpricht:
„Sin freier Mann bin ich in allen Dingen,
Bis auf des Lehnverbandes edle Pfiicht.
Kann ic bei'im Oberlehnsherrn die vollbringen,
So fehl ich ja an meinem Herzog. nicht.
Nur Eines hält mich. — Mit viel tapfern Degen
Din ich verfnäpft durch Wort und ‚Eidesfegen.
Wir dürfen nie uns von einander trennen,
Dis und der Tod dem frend’gen Bund’ entrafft.
Nehmt Ihr fie mit in Euern Dienft? Sie brennen,
Zu weiben Euern Kriegen Muth und Kraft!‘ ;
ner - fprichtder Sürft - „willnichtfein eigen nennen
So fhönberühmte Waffenbruͤderſchaft?
Es gilt!” — „So ſind wir Ener ohne Wandel!” —
Der König ruft: „ein kurz und guter Handel!
Sp, weißich, mußman’s mit Bretagnernmaden,
Und recht vor Allen fo mit Diefem hier! —
Doch ſtets nur zu empfangen, ziemt dem Schwachen,
Und mid, Gottlob, ſchmuͤckt wieder Kronenzier.
263_
Wohl einft begab’ ih Euch mit beffern Sachen;
Sept ordnet erft zu hundert Lanzen mir
Die edlen Freunde, die fih zu Euch halten.
In Pontorfon follt als mein Vogt Ihr walten. "—
„Ihr jahltvoraus, mein König!“ ſpricht der Held:
„Und fragt ſich's, ob id Fann den Preis erlegen.
So viel verſprech' ih: treff? ih wo im Geld
Die Britten an, ob mehrfach überlegen,
So heißt es gleich: die Lanzen raſch gefällt,
Und hochgeſchwenkt die Iharfgefhliffnen Degen!
Und eher nicht will ich von ihnen laffen,
Bis fie erliegen, oder’ wir erblaſſen.“ —
Mit dem Verfpredien zog ex froh von Binnen,
Und fand zum Halten gleich Gelegenheit.
Denn theild um reihe Beute zu gewinnen,
Theils nur aus übermäß’ger Luft am Streit,
Durdftärmten wild, wie Srühlingsftröme rinnen, .
Zwei Britten die norman’fhen Graͤnzen weit,
Mit etiwa taufend, bie zwoͤlfhundert Pferden.
Wor's Windſort Pleby!“ klang, flohn Hirt” und
Heerden.
„Den Windſor und den Pleby muß ich fangen!“
Sagt Du-Gueſclin, und ſammelt gleich die Schaar
261
Der Greunde, die bisher ihm angehangen,
Frohſpielend mit Ermübung und Gefahr.
Da fah man viel der edlen Wappen prangen,
Nahm viel ber edlen Roß' und. Meiter wahr.
Doch Tann man Taufend nicht mit Hundert zwingen.
Drum rief er Andre noch zu dieſen Dingen,
Er jagte raſch auf feiner Gegner Fährte,
Die Blaͤnker fah’n einander öfters fchon.
Da ſprach zum Pleby Windfor einft: „„Sefährte,
Heut wird’s wohl ernft mit Diefer Gegner Drohn. -
Ich glaube, daß man fie vom Hals ſich wehrte,
Wenn man im Dorf— dort liegt es nahe fhon! —
„ Die Pferde gut an volle Krippen ftallte,
Mad fih zur Nacht mit Dom und Strauch ummallte,
Mit Leitern, Wagen, und mit folhen Sachen,
Dergleichen dußendweis ein Dorf ja beut.“
„Recht! fagt der Andre. „Ohnehin — das Wachen
Und Reiten wird zu viel mir. Laß ung heut
Mal ſichern Halt im feften Orte machen.
.. Der Bertrand jagt uns ja, wie nicht geſcheidt!“ —
Sie ruͤcken ein, und ſchleppen Zeug zuſammen,
Als gaͤlt's auf Jahr und Tag ſich einzurammen.
Doch kaum nur iſt das ganze Ding zu Stande,
So ſehn ſie ſich verwundert an und um.
263
„Herr Bruder,’ — beißt es — „unfte ganze Bande
Liegt bier in dem Geſchiebe ja wie krumm!
Hier fegen wir und wehrlos felbit zum Pfande.
Wie machten wir’s doch fo entfelih dumm!
Reißt ein! Wir wol’n hinaus in's freie Fed!" —
Zu ſpaͤt, Ihr Herr'n, weil da ſchon Bertrand hält! —
Merkt's, junge Krieger! Wer mit Wall undStangen
Sich unverleglich einbaut, wird zu oft
In feines eig’nen Wertes Neb gefangen.
Diefelbe Schanz’, auf deren Schirm Ihr Hofft, -
Hält. Euch erftarrt, glei wie in ehrnen Zangen,
Sm Kriege heißt die Lofung: Unverhofft!
Und dann: Beweglichkeit! — Will man fi hüten
Mit flarrem Werk, — man nit des Sieges Bläthen.
Das Hat {dom manch ein großes Heer erfahren;
Sept merkten ed auch biefe zwei Geſchwader. —
Wollt Ihr noch jebt Euch auf dem Unger fchaaren ?
Da griff' der Feind mit blut'gem Kampfeshader
Den Aufmarſch an, und trieb’ Euch rafch zu Paaren!
Nur Eins vielleicht no Hilft: die Heldenader
Im Bertrand, die ihm Luft giebt, da zu Friegen,
Wo Murh und Kraft, nicht Weg und Stellung fiegen.
Bald Fam auch ein Trompeter von den Britten
Und ſtellt' ihm das mit ftolgen Worten vor.
366 /
—— x
Da lacht' er: „Freund, der Krieg hat ſeine Sitten,
Der Zweikampf auch. Iſt man in's Schrankenthor
Sum Ehrenftreite, Schwert an Schwert, geritten,
Da hat ein Held nicht gerne was zuvor.
Doc führt zum Krieg man Häuflein oder Heere,
Nutzt Alles man für fie nach Pflicht und Ehre.
Doch ſag' ich das nur, um in's Licht zu ftellen,
Dad ich den Krieg verſteh', und fein Geprable
Mir je ehrbaren Wortheil wird vergällen.
Sonft nehm’ ich's an, daß bis zum Morgenftrable
Man Ruhe hält. Wird der die Wiel’ erhellen, .
Sp kommt nur ungeftört zum blut'gen Mahle. —
Ich thu's, weil meine Leute raften follen,
Und, — nun, weils meine Grillen diesmal wollen!
| Damit habt gute Naht!" — Der Bote reitet,
Und Alles ſpeiſt und fchläft in Friedensruh'.
Als nun das erſte Frühlicht ſich verbreitet,
gieh’n feierlih — ſtill ſeh'n die Franken zu —
Die Britten auf den Anger. Man bereitet —
Einander grüßend, wie auf Du und Du, —
Zum Kampfe fi, bis die Trompten jhmettern,
Und Roß an Roß fich trifft in zorn'gen Mettern,
O ftillee Anger, fonft in Abendtuͤhle
Der Tanzrund ſanfter Maͤdchen, muntrer Hirten,
—
267
Ihr Hügel, heitrer Väter Tiſch' und Stühle,
Du ftiller Teih, den Veilchen hold umgürten, —
Was für ein blutig tofendes Gewuͤhle
Habt Ihr nun unverſeh'ns bier zu bewirthen!
Davon noch ſpricht nah manchem fpdten Tage
- Srommfeufzend, tief erfchredt, des Dorfes Sage!
Fuͤr lange Sabre fihtbar bleibt die Spur!
Man fchlug fih hin und wieder an fehs Stunden,
Bisweilen ruhend. (Sp erklaͤrt fih nur
Ein aͤchter Reitersmann die wilden Kunden, v
Wie's Nof und Mann verträgt nach der Natur.)
Am Ende liegt gefällt und überwunden
Die Brittenfhaar ringsum. Auf Gnad' ergeben
Pleby und Windfor ihr befiegtes Leben. —
Wie ein Gewitter, das am Horizonte
In murr'nden Träunien 308, dann zornig wach,
Nicht ehe vom wuͤſten Kampflaͤrm laſſen konnte,
Bis ſchmetternd niederfuhr der haͤrt'ſte Schlag,
Wonach friedſeelig ruht die ſtillbeſonnte,
Lenzduft’ge Flur, und fpielend raufcht der Bach,
Vom unbewegten Früblingsgrän umbangen, —
Juſt fo war’s in der Normandie ergangen.
Seit jene Störenfriede find erlegen
Im Kampfgebraus, war Alles Fried’ und Ruh.
268
Drum wintt aus den nahbarlihen Gehegen
Bretagne’s unferm Freund ein Etwas zu,
Das ung wohl AP umhaucht auf ſtillern Wegen.
Es flüfterte: „mein trauter Bertrand Du,
Mas auch im Weltgewähl Du haft ermeflen:
Eins mußt und darfit Du nimmermehr vergeflen!
Glaub' nur, daß Dein allflammt wir hier gedenken,
Mir heilen Wafler und wir frifhen. Auen,
Und und auf unfre Art ganz heimlich kraͤnken,
MW Seufzerriefeln und im Thränenthauen.
Was hilft das viele Tummeln, Siegen, Schwenfen,
- Wenn nichts die Heimathorte davon ſchaun?
Komm! Trab’ einmal auf fruͤhdurchſpielter Weide!
Das giebt für Di und une bie befte Freude.“
Und zu dem etwas traͤumeriſchen Fluͤſtern
Kam andrer, ganz vernuͤnft'ger Gründe Reih'n.
Held Robert wollte vor dem letzten Duͤſtern
Sich ſonnen noch in Bertrand's Ehrenſchein,
Und wie den Aelteſten von viel Geſchwiſtern,
Berief ihn 'all dag muntre Volk herein.
Auch ziemte ſich's, nach ſo viel ernſten Tagen
Dem Herzeg einmal ſchuld'gen Gruß zu ſagen.
Der Koͤnig ſprach zur Fahrt ein heitres Ja,
Und froh hat ſie der Bertrand angetreten.
—
262
O welch ein trautes Gruͤßen nun geſchah
Aus Dörfern, Schloͤſſern, groß und kleinen Städten!
Bon allwärts rief man: „Heil! Victoria 1“
Die Kränze sränten und die Banner wehten. —
Aus folher Zeit bewahrt im heitern Lichte
Die Chronik diefe freundliche Geſchichte.
Ein matter Landmann trat mit Gruß entgegen
Dem Bertrand, als er hin gen Nantes fuhr,
Und ſprach: „o Herr, des lieben Gottes Seegen
Iſt reich bei mir! Ich merke feine Spur
Mit Sreud’ und Dank auf allen meinen Wegen.
Dabei noch treibt ein einz’ger Wunſch mich nur:
Den großen Bertrand möcht’ ich gern befchenten!
Nehmt, Herr, Died Gold zu meinem Angedenfen,.
Der Ritter wendet fih lautlachond ab:
„Mein Freund, Ihr thut ein ſeltſamlich Erbieten !
Dem PVaterlande dien’ ich bie ins Grab; |
Doch Niemand denke mic dafür zu miethen.” —
Der Landmann fchweigt, feßt fürber feinen Stab, —
Er- wird ſich wohl, nochmal zu kommen, büthen? —
- Mit Nichten wird er’d. Nach zwei kurzen Stunden
Hat Bertrand wieder ihn am Weg gefunden.
Herr, -fprach er- „von vorhin die Doppelſumme
Bring' ich Euch nun ald meine Gabe dar!” |
270
Der Bertrand zieht vorbei, ber Taub’ und Stumme
Fuͤr ſolch ein Wort. — Der Landmann lacht: „fürwahr,
Ob ſchweigt mein Loͤwe, ob er ſchelt' und brumme,
Ich zaͤhm' ihn doch! Ich mach’ den Handel klar!“
Er kommt zum drittenmal: „mein edler Ritter,
Yun bring’ ich dreifach Euch den goldnen Zlitter!
Nehmt's Hin! Sonſt müßt Ihe gaͤnzlich arm
mich machen!“
Halb laͤchelnd, halb verdrießlich fagt der. Held:
„Was hab’ ich nur mit Deinen Geldesfaden 2” —
Der · Landmann fpriht: „recht toll geht's in der Welt!
Ich hielt Euch hoch. Seit Euerm kecken Lachen
Und Schweigen hab’ ic höher Euch geſtellt.
Nun geltet Ihr noch mehr bei'm dritten Weigern;
Nehmt, wollt Ihr nicht mich unvernünftig ſteigern!“
„Iſt es denn fo gu ſpricht Bertrand. „Nun,
| “da nehm ic |
Mas Euer fröhlich Herz mir zugedadıt.
Theils war ich wohl zu vloͤd' und zu geſchaͤmig,
Theils habih auch Euch etwas ausgelacht.
Dod ſolche Unart, guter Landsmann, zaͤhm' ich
Noch mit der Zeit.“ — „Ihr habt's ſchon gut
| | gemacht!“
Muft Jenetr froh. „Gottlob! Gottlob! Ich gebe
Dem Bertrand was! Heiſſa, ber Bertrand lebe!! —
1
271
Verſteht ſich ganz von ſelbſt: der Ritter ſandte
Dem Landmann ein Geſchenk von ſolchem Werth,
Daß der erroͤthend vor ſich ſelbſt bekannte,
Zwiefach ſei ihm die Gabe ruͤckbeſcheert!
Doch weil ſich Bertrand fein Beſchenkter nannte,
Schien ihm geweiht fein Ader, Hof'und Heerd,
Und ein lihtheller Saal fein ganzes Leben; —
So viel vermag ein güt’ger Held zu geben! —
Und wer vergnuͤgt Im Umkreis niedrer Hütten
Die Blume frommer Dankestreue pflidt, — 5
Wie folgt man gern ihm zu des Hofes Mitten,
Wo Lorbeer ihn aus Fürftenbänden ſchmuͤckt,
Und eine hohe Frau voll edler Sitten
Auf ihn mit guͤtig ernſtem Auge büdt! — |
zum Herzog kam ber Held. Mit Dank - und
| | Seegen |
Trat er dem lang’ erfehnten Gaft entgegen.
Er faßt' ihm traulich ſtark Die edle Rechte,
Und ſprach: „gegruͤßt, Du maͤcht'ger Wetterſchein,
Siegfunkelnd unſren Bannern im Gefechte!
Gegruͤßt! Nun blick' andy freudeleuchtend ein
Zu Der, die Da beſchirmſt in ihrem Rechte! —
Schon längft, mein edler Bertrand, wartet Dein’
Die Herzogin mit fehnendem Verlangen,
Und ahnt nicht, dab fie heut Dich fol empfangen." —
272
Die Herrin faß fernab Im ernften Sinnen
Vor einem Andachtsbuch; der Hand entfällt,
Ihr unbewnßt, das haldgenähte Linnen,
Indem ein ſeel'ger Strahl den Geift durchhellt.
Ihr ganzes Wefen fentt fih tief nach innen; —
Da, horch!? — Die Thuͤre Fliret!- Der dunkle Held,
Der Bertrand, fteht, vom Herzog eingeführt,
Mor ihre, und neigt ſich ſtumm und tiefgeruͤhrt. —
Das edle finftre Bild — im Holden Schreden -
Starrt fie es an, bis ſie ein fanftes Licht
In ſeinen Augen laͤßt den Freund entdecken.
Daea ſteht fie freudebebend auf, und ſpricht:
„Iſt es ein Traum, — o wollet nicht mich wecken!
Mir wird, als kaͤm' der Held, der mich vetſicht
An meines Ehherrn trauter Hand gegangen, —
Sie ſchweigt, und Thraͤnen roll'n ihr von den
Wangen.
Der Herzog ſagt: „das iſt kein Traumgebild!
Der tapfre Bertraud ſteht vor Deinen Blicken.“,
Da lehnt ſie ſich in Bertrand's Arme mild,
Wie Schweſtern ſich im Bruderarm erquicken,
Und fluͤſtert: „d Du unſer maͤcht'ges Schild,
Das Gott ung wollt' in Kampfesnoͤthen ſchicken,
Wie thun wir je den reihen Dank Dir kund?“ —
Und leiſen Kup haucht fie auf feinen Mund,
773 _
Der Ritter ſchweigt. Ein heiliges Erröthen,
Wie es den abendflilen Hain durchwebt,
Wenn Nactigallen ein den Frieden flöten,
Der in Thauperlen auf den Wiefen fhwebt,
Und fih die Menſchenſeel' im fanft erhöhten
Gefühl der ew’gen Heimath aufwärts hebt, — —
Ein ſolch @rröthen floß im ſeel'gen Mahnen
um ihn, und ließ ben Fünfl’gen Engel ahnen.
18
27
Bertrand Du⸗Gueſelin.
Dreizehnter Geſang.
*
Sah'ſt Du im nah'nden Herbſt wohl Schmet⸗
terlinge,
Auf denen ſchon die Todesahnung liegt,
Hochflattern noch einmal mit farb'ger Schwinge,
Daß man faſt meint, das zarte Leben ſiegt? —
So, wenn auf blut'ger Erde Lanz' und Klinge
Recht todesſchwer im kalten Sturme wiegt,
Hebt doch noch zwiſchendurch — zum Sterben muͤde —
Sein bluͤhend Fluͤgelpaar der ſeel'ge Friede. —
In folhem Zwiſchenraum — ſcheinbarem Lenze,
Der fih empor aus büftern Lüften ringt,
Und achtlos, daß er bald in Nichts verglänge, _
Mit Bauberbiendung Sinn und Geift durchdringt! —
> 7
Sah man zu Nantes Feite, Spiele, Tänze, u
Und Alles, was ein heitrer- Frühling ‚bringt.
Allein ber heitre Frühling dringt auch Schlangen! —
Sie famen, und die ſchmeid'gen Zungen Elangen:
„Wie, Karl von Blois? Wie, Montfort? Ihr
‚zwei fühnen
Ergrimmten Meere, hofft Ihr auf den Sieg?
Inmitten Eurer Fluth fpült niedre Dünen
Zum Vorgebirg' empor ber tüd’fche Krieg. -
Dort werben hoch die Siegesheine grünen,
Wenn Ener Kämpfen in Ermattung ſchwieg! —
Und — foll man unverhällt Cu Wahrheit fagen —
Den Herzogshut wird Bertrand Guefchn tragen!
Saht Ihr⸗s noch nie, und habt Ihr’s nie gelefen
In Kriegsgeſchichten alter Heldenzeit,
‚Wie oft ein Dritter ward zur Kron' erlefen,
Um die zwei edle Helden fi entzweit? —
Zudem, wie treibt der Bertrand hier fein Weſen!
Wie faßt er jegliche Gelegenheit,
Daß er des thoͤr'gen Volles Herz gewinne!
Montfort und Karl, Ihr ſchlaft! Wert Eure Sinne!
Ihr ſprecht von Bertrand's frühen Helden:
- * thaten?
Ahr wollt auf feine Trew und Ehre bauen?
18 *
276
Mög’ Euch daB alte Griechenland berathen!
Dort ließ Themiſtokles fih herrlich ſchauen,
Dort Ariftides fromm! Allein was thaten
Die Weifen von Athen? Verbannungsgrauen
Warfen fie ans ob dem verwegnen Glaͤnzen!
Kein Mann im Staat darf ſich zu herrlich kraͤnzen.
Vereinigt Euch zum Frieden! Hand in Hand
Bewehrt Euch wider dieſen frechen Ritter!
Er weiche fchnell aus dem bethörten Land, —
Wo nicht, fo berg’ ihn eines Thurmes Gitter!’ —
Ach wie fo mander Fürft ſchon hat entwandt
Sein Herz von Helden, weil des Neides Splitter.
Und Der des Argwohns ängftlih ihn durchnagte! —
Allein vernehmt, was Karl, ber Tapfre, fagte:
„Zwei Wege giebt es, Anfchn zu erringen
Anf diefer Welt. Der Eine führt durch's Thal
Der Hinterlift; da gelten Gift und Schlingen!
Zum andern braucht man in der Fauft den Stahl,
Braucht offnes Herz, und ehrbar kedes Ringen
Bor aller Welt bergan zum Ehrenmal! —
Schon längft hat Bertrand Diefen fih erforen; —
An Jenem hindern ihn die golduen Sporen! —
Gelaͤng' es ihm indeß, auf edler Bahn
Den Herzogshut Bretagne's einſt zu tragen,
277
Und koͤnnte Frieden fo das: Land empfah'n, —
Um fein’thalb koͤnnt' ich meinem Recht entfagen.
Kein Fuͤrſe, fo viel die Zeiten ihrer ſah'n,
Iſt durch getrene Milde, kuͤhnes Wagen,.
Und jede fhöne Tugend zu den Stufen
Des Throns hochherrlicher ale Er berufen!” —
Ermeßg num felbft, wie vor dergleihen Worten
Das Heer der Klätiher und Verlaͤumder ſchwieg! —
Allein es Fam von manden fremden Orten
Das Raunen bie zum Bertrand. O wie ftleg
Das treue Herz ihm raſch bis zu den Pforten
Des Mundes, aller Welt erflärend Krieg,
Die ſolches argen Wahn's fi duͤrf' erfrechen! —
Einft wollt’ er auch davon zum Herzog fprechen.
Jedoch, der legt?’ ihm fanft die Fuͤrſtenhand
Auf feine Lippen, ſprechend: „nimmer duld' ich,
Daß Ihr nur Augenblicks in ſolchen Stand
Euch gebt, ald wirt Ihr mir Nechtfert’gung ſchuldig,
Mein Bertrand, Ihr durch Rath: und That bekannt,
Und jeder frommen Sitte treu und buldig! —
Euch an Bretagn' anf immer hold zu binden,
Gelang mir's ſchon, ein Mittel aufzufinden,
Geden? an Theophania Raguenel,
Die Dir den Sieg vor Dinan prophezeihte,
278 -
An Geiſt, Geburt, Reichthum und Schönheit hell! —
Und ob fie firengem Willen ernft fih weih'te,
Entdeckend kuͤnft'ger Thaten Sternenquell,
Geziemt ſich's wohl, daB an des Helden Seite
Man die lichtkuͤndende Prophetin haut! —
Sprich Fa, fo werb' ich ſelbſt fie Dir zur Braut!’—
Der Ritter braucht fein Schweigennicht zu brechen 5
Schon funkelte die Lieb’ in feinem Blick,
Wie Eternenabglanz hold in ftillen Biden, —
Der Herzog wandte laͤchelnd ſich zuräd,
Mit Theophaniens Bruder zu beſprechen
Des edlen Paar's zufünftiges Geſchick.
Erfegend ihr den fruͤhverſtorb'nen Vater,
War Der dem ernfien Mägdlein Schuß und Rather,
Und las fo Klar in ihrem holden Herzen,
Wie fie im Sternenfreis, und kannte d’rin
Die von ihr felbft nur kaum geahnten Schmerzen.
Deshalb durhdrang ihm froh den treuen Sinn
Des Herzogs Wort. Er eilt mit ernftem Scherzen
Su feiner ernten Theophania bin,
Und wirbt für Bertrand; — o Ihr holden Augen,
Wie möchtet heut Ihr zum Verſchweigen taugen!
Wie aber, Bertrand, glüb’te Deine Seele
Sn frommen Lichtes himmelklarem Stein,
279
Als nun die Hohe fonder Een’ und Hehle
Die Worte ſprach: „ia, Freund, mein Herzift Dein!“ —
Er dachte wohl beifih: „Dun Mann vol Fehle! —
Suͤndhaft'ger! Solft Du ſchon im Himmel fein?”
Er dachte, — nein, in feelig blüß’nden Irren
Fuͤhlt er Gedank' und Sinne fi verwirren!
Verwirren, um in fonn’gem Freudenlenze
Verklaͤrt, erhöht, verzüdt fih nen zu finden! —
D bier ift allet Menſchenworte Gränze!
Hier, Alles überflügelnd, herriht Empfinden! —
Laßt uns nach Genen fchauen, die nun Kraͤnze
Für ihrer Lichen Hoczeitfeier winden!
Der Herzag und ber edle Bruder eilen,
Das Krieg nicht foll ihr heitres Sorgen theilen.
Wohl könnte derlet fhanrige Erwägung
Manch braͤutlich Herz in feinen Freuden flören;
Nicht Bertrand's, der voll Frieg’rifh froher Negung
Dei Feſtesklang Trompeten liebt zu hören! .
Nicht Theophaniens, ber die Kichtbewegung
Der Stern in ihren feierlihen Chören
Hinweghebt ferner Zukunft finſtre Schreden,
And die im Dielen kann dag Eins entdecken! —
Sobald nur von Broon auf Bertrand’s Frage
Das frohe Ja des alten Robert Klang,
280
Waͤhlt ans dem Reih'n ber Targen Eriebendtage
Den nächften man zum fchönen Kirchengang.
Der Herzog ließ im prächt’gen Feſtgelage,
Die Nitterfchaft durch muntern Waffenklang,
Die Frau'n in Tanz und zierlihen Geberden
Die Hochzeit unfers Bertrand Herrlich werben.
Doch während noch die leßten Geigen klangen,
Im Waffenfpiel die Helden Speer und Schild
Zum Schluß der ganzen heitern Feier ſchwangen,
Führt’ unfer Bertrand ſchon fein holdes Bild,
Das hobe, zarte mit ſanftgluͤhnden Wangen,
Hin wo die fhönfte Quell' auf Erden quilft,
Mit Vorwelt und mit Zukunft füß im Bunde:
Ein Batergruß in tranter Heimathrunde !
Verwaiſte Theophania, in den Armen
Des Vater Robert bift Dir nicht verwaift!
. D wie dem Alten Geift und Herz erwarınen!
Wie adleriung umher fein Ange kreift!
Und Heil’ Cuh um Broon, Ihr Kranken, Armen,
Weil Sohn und Vater fürftlich ſich erweiſt
Mit Gaben, und mit frommer Wehmuth Blicken
Die neue Herrin forgt, Euch zu erquiden. -.
Nicht ange diesmal, daß die Burghoflinden
Die jungen Säfte traulich mild umweh'n!
Bt
Der Bertrand hoͤrt von engliſchen, geſchwinden
Parthei'n, die raſch die Normandie durchgeh'n.
Da eilt er denn, ſein Pontorſon zu finden,
Um jeden Feind bes Könige zu beftehn. —
Mit ihm ging feines tapfern Vaters Seegen;
Der Gruß der Normandie kam ihm entgegen;
Und wem die Normandie. ihre Grüßen weiht,
Der bat fürwahr von Gluͤck und Ruhm zu fagen-
Da blist ein Strahl der alten Herrlichkeit
Mit ein aus Norweg's rief’gen Heldentagen,
Und zart, wie Blume fih an Blume reiht,
Floͤten durchhin des Südens Minnellagen,
Ein Srendenbild, fo kuͤhn und zart durchwunden,
Wie's nirgend mehr auf Erden wird gefunden !
Da gab es viel der bunten Ningeltennen;
Da gab es manchen heitern Abendtanz;
Manch Raͤthſelſpiel! Manch luſt'ges Namenbrennen
In farb'ger Lampen wunderbarem Glanz. —
Doch ploͤtzlich gab der Kriegsgott zu erkennen:
„Wenn ich auch ſchlumm're, ſchlaf' ih doch nicht ganz!“-
Die Botſchaft nahte: „mit dreihundert Britten
Hat Johann Felton die Provinz beſchritten!“
Alsbald ſchickt raſche Boten durch das Land
Der Vogt auf Pontorſon, und laͤßt den Schaaren,
282
So viel in nahen Orten hielten Stand,
Befehlen, fi vor Weberfall zu wahren.
Doch weit noch hatten Jene nicht gerannt,
Da kam ſchon Felton felber Jergefahren,
Und ftellte feine Reiter hoch zu Roſſe
Bei Pontorfon, nicht allzuweit vom Ecloffe.
Cr macht von feinem Trupp ſich los fofort,
Eprengt dicht heran, und ruft: „ift Bertrand drinnen ?
Ich fprah mit Enerm Helden gern ein Wort!”
Und gleich erfheint der Guefelin auf den Zinnen.
Der Britte laht: „Ihr denkt wohl niht an Mord
Zu dieſer Friſt? Cuch hält das füße Minnen
Wohl allzufet im weichen Sanberorden ?
Herr Eh’mann, ach, wie feid ihr träg’ geworden!
Ihr werdet wohl noch ganz ein haͤuslich milder,
Recht art'ger Menſch, geſchickt zum Kinderwiegen ?
Ich aber ſaͤh' Euch gern ein bischen wilder,
Dieweil es mir gefaͤllt, Euch zu beſiegen!
Heraus! — Erinnert Euch, wie Klingen, Schilder
Und Helme tönen! Wie die Trümmer fliegen
Gebrochner Langen! Wie die. Roffe hauen! —
6 iſt wirklich huͤbſch zu hoͤren und zu Wauen!—
Kommt! Laßt im Zweikampf Euch von mir bes
j zwingen! —
Ihr ſchweigt, Ihr ſtarrt, Ihr großer Wunderheld? —
283 Ä
Nun, nun, Ihr koͤnnt ja Hälfe mit Euch bringen;
Die gleihe Zahl wird dann von mir geftellt! —
Auch) das beliebt niht? — Wollt Ihr's wirklich zwingen,
Mit zorn’gen Bliden nur? — Wenn's Euch gefällt,
So laßt mein’twegen fünf Bretagnerlaugen
Mit Einem unfrer Brittenfpeere tanzen! —
Noch immer ftare? — Biſt wohl fo die Geftalt
Vom Guefelinnur ?— Ich mag's nicht länger ſchauen!“
Er wendet fih, zum Schein verachtend Falt,
Jedoch mit heimlich wunderbarem Grauen. .
Da ruft mit Eins der Bertrand donnernd: „Halt!
Und ſpricht: „Ihr koͤnnt recht huͤbſch mit Worten hauen,
Mit Worten, die ausnehmend ſpaßhaft klangen. —
Doch Zweikampf? — Nein! Alfammt will ih Euch
fangen!
Und die Paßgaͤnger dorten, die Euch tragen,
Pflegt fie uns gut, weil ung recht viel dran liegt.
Wir holen fie ung in den nächften Tagen!
Er geht, indeß noch Sener etivad kriegt
Mit Nedensarten, die die Mauern fchlagen,
Und gellend lacht, ftolz dann zuräde fliegt
Auf ſchaͤum'gem Roß, als kaͤm von Siegeswegen
Er prangend ſchon, und Guefelin ſei erlegen! —
Der kann nur kaum in Pontorfon noch halten
Der fühnen Sranfenritter Heine Menge,
ar
Sie wol’n binaus, fie woll’n den Feind zerſpalten!
Sie woll'n im bintigrafhen Kampfgebränge
Als ihres Hauptmann's Nachegeifter walten! —
- Doch Bertrand fpriht: „laßt die leichtfert’gen Gänge
Dem Wilde no! Es hat mid, fehr ergößt
Mitfredem Spaß. — Und morgen wird’s gehetzt!“ —
Drauf die Befapung von Mont Eaint: Michel
Und von Beuvron befendet er Durch Boten,
Und bat fie mit dem naͤchſten Morgen ſchnell
Auf einen nahgeleg'nen Platz entboten. —
Die Feinde ziehn mit Liedern laut und hell —
Als goͤlt's, die Haut des freilich gar nicht Lodten,
Gewalt'gen Löwen fpabhaft zu verlaufen
Von dinnen durd das Land in dichten Haufen.
Am naͤchſten Morgen ritt mein Bertrand fort,
Und madte raſch fih auf die Spur der Britten.
Die Hülfe fand er am beitimmten Ort,
Und war mit hundert Lanzen nun beritten,
Und noch zweihundert Schuͤtzen hat ſein Wort
Zu Fuß berufen aus des Volles Mitten.
Er ſprach: „was fhwäcer find wir, als der Zeind.
um fo ruhmwuͤrd'ger zeige man, wie man's meint!“
Er fandden Gegner erſt auf Mellacꝰs Haiden. —
Faſt iſt es doch, als ob Dem etwas graut,
285
Und wol er jetzo das Gefecht permeiden,
Trotz allem Prahlen von der Löwenhaut!
Doh weil er nun, um ohne Kampf zu fheiden,
Schon viel zu nah den Fühnen Bertrand fchaut,
Laͤßt Triegrifh er alsbald die Fahnen wallen,
Den Feldruf tönen, die Trompeten fchallen.
Bertrand läßt erſt voran den Herold reiten
Mit diefer Botſchaft: „wenn es Euch behagt, .
Um die Paßgaͤnger jekt mit ung zu fireiten, —
An's Werk, Engländer, frifh und unverzagt!
Wem alſo rafh vom Mund die Worte gleiten,
Wer alfo zungentühn zu prahlen wagt,
Wie Meifter Felton, probt’s wohl mit Vergnügen,
Wie viel Bretagnern mag Ein Britte g’nügen! ‘
Da rief im Zorne Selton: ‚wir find fertig,
Und werden rachend unſre Hände rühren!
Und die Paßgaͤnger alfammt find gewärtig,
Gebundne Franken nebenbeizufähren,
Falls — denn von Euch bie Mehrſten, das erhärt’ ich
Bei meinem Eid! ſoll'n heute noch verfpüren,
Wie ſchmeckt der Tod! — falls fo viel. uͤbrig bleiben. —
Reit', Herold! Es wird Zeit zum biut’gen Treiben!"
Hnd dann fich ſtolz zu feinen Britten kehrend,
Spricht er: „wohlan! Heut lächelt und das Gluͤck,
286
Den Staufen fonft durch Uebermacht beſcheerend
Und Lift manch hochgepriefnes Meifterfiüd!
Sept, endlih ’mal die Mehrzahl uns gewährend,
Geb’ es mit Wucher den Verluſt zuruͤck!“ —
Laut janchzt die Schaar. Drei Ritter ſchwoͤren: „heute
Wird Bertrand oder wir dem Tod zur Beute!!! —
Der blickt indes, wie immer vor dem Streiten,
Auf feine Krieger ſtill und freudiglich;
Nun, da zurüd er fieht den Herold reiten,
Die Feinde langfam folgend, ritterlic
Zuſammenhaltend in den wohlgereihten
Geſchwadern, fagt er blos: „macht es, wie ich!“
Und winkt, und trabt voran anf ernſten Wegen. —
208 ſchnellen die Schuͤtzen ihren Pfeileregen.
Und Beiderſeits fiel vor den Kleinen Boten,
Die fchwirrend fharf die.heitre Luft durchflittern,
Manch edler Saft! Es fiel, geträntt in voten
Blutftrömen Einer von den dreien Rittern,
Die unfrem Bertrand eidverbunden drohten! —
Die andern Beiden fehn es ohne Zittern
und faffen nur fo feſter ihre Waffen,
Dem blutigen Schwur Erfüllung zu verſchaffen. —
Der Bertrand winkt zum zweitenmal. Bon dorten
Winkt Felton auch. Man läßt die Zügel los.
287
Laut, wie zufammenprafleln ehrne Pforten,
Trifft malmend ſich der Speergefhwader Stoß.
Fernuͤber nach der Heide ſtillſten Orten
Drang das Gekrach, fern dröhnt? es unter'm Mood
Dom Roßhuf und der Panzerreiter Fallen,.
Und bimmelan ſchwang ſich des Rufes Schalen! —
Die Lanzen brachen, und nad Art und Klingen
Faßt die ergrimmte Echnar, und Mann an Mann
Stürmt aneinander im gewalt'gen Ringen.
Der greift den ſtaͤrkern Feind leichtſchwenkend an,
Der draͤut mit ungcheurem Schwertesfchwingen ;
Zu Boden taumelt, wer kaum erft gewann. -
Das Gluͤck durhbrauft die Haid’ in Wechfelfällen
Bon hundertfach zweikaͤmpfenden Gefellen.
Doch wie des Glüdes und des Feldes Meiſter
Bligt unfer Bertrand mächtig durch den Kampf;
Bald bier bald dort zum Tode trifft und reißt er
Die kühnften Gegner unter’s Roßgeftampf.
Ihr zwei zu feinem Fall verfchwornen Geiſter,
Nicht lange fuhrt Ihr ihn im flaub’gen Dampf!
Ihr findet ihn, Ihe kaͤmpft mit gorwgem Muthe,
Ihr ſtuͤrzt, und loͤſt den Eid im eignen Blute! —
Hate Du, o troß’ger Selton, ihn gefunden,
Du laͤgſt wohl auch bereits im Todesbangen!
\
288
So aber ſchlugſt Du mindern Feinden Wunben,
Und haft von mindern Feinden fie empfangen,
Dig ruhmvoll wagend in den finftern Stunden.
Dreimal warf von Bretagnern Du gefangen,
Dreimal mit Artesfhneid. und. Schwerteszungen
Hat Deine Schaar Dich wieder losgerungen!
Doch nun find Deine Treuen fhwerbedrangt
Bor Gueſclins ritterlihem Heldengrimme.
Da komme ein Roland auf Dich hergefprengt,
Und ruft Dih an mit lauter Kampfesitimme!
Nicht Roland zwar, der einſt den Speer geſchwenkt
In Karols Heer, uns lehrend wie man Elimme
Zum Chrentenpel, Mufter ohne Zabel;
Doch Roland Bodin, von bretann’fhem Adel,
Der faßt ben Felton ftark mit feiner Lanze
Grad’ auf. die Benft, wirft aus dem Sattel ihn,
Springt ab, und nöthigt ihn, vom Waffentanze
Gefangen. ftill fi feitwäarts abzuziehn.
Da fiel aus dem gehofften Siegesfranze
Der. Brittenichaar das letzte Meis. Sie flieh’n, —
Doch wen'ge können das nur noch erlangen; —
Die Mehrften find bewältigt und gefangen.
Sie rufen um Pardon! — Zu fpdt! „Vertilgen!“
Heißt nun die Lofung für fo manchen Hohn,
229 .
Den England zugefägt den fränPfchen Lilien! —
Da wirft fi zwifchen das. blutgier’ge Drohn
Held Bertiand freundlih ein, und weiß zu tilgen
Den Grimm in Kriegerd Bruft, und einen Chron
Der Mid’ und Freundlichkeit da zu erheben,
Wo faum erft wüthend Leben ging um Leben.
Das war fo überhaupt des Bertrand Weife:
Im ehrnen Kriegsgerafiel fürchterlich,
So lang’ ed ging entlängft die biut’ge Reife!
Doch wie nur faum der wüfte Streit entwid,
Der Friede, fuchend die vertretnen Gleiſe,
Noch etwas blöde, wieder herwaͤrts ſchlich,
War er bemäht, in Freundlichkeit und Lachen
So Schuld als Schmerz gu Scherzund Huld zu machen.
Sept läßt er die Verletzten erſt verbinden,
Und fpricht zu Jedem mit fo holdem Wefen,
Daß Ingrimm, Kummer und Beſchaͤmung ſchwinden.
Dann hat er für die Seiten anserlefen '
Der Bente fhuld’ges Theil, und Alle finden
Erfaß, die durch den Feind beraubt gewefen,
Und Alle preifen fein großmüth’ges Walten. —
Für fih hat er ben Felton nur behalten, |
Und noch zwei tede Ritter Seinesgleichen;
Mit Denen geht’d nach Pontorfon zurüd,
| 419
290
Wo er fie Theophanien bringt, ald Beihen
Von feinem Muth und gottbeichied’nem Gluͤck.
Die Hausfrau eilt, dan Gäften darzureichen
Sp Speif als Tranf, Gewand’ aus edlem Stüd,
Des holden Grußes freundlich hohe Gaben,
Kurz: was ein edles Herz nur kann erlaben.
O Bertrand, und für Dich, weld Wiederfehen! —
Doch währt? es kaum viel länger, als ein Tag;
Denn Pilgern, die nach hohen Sielen gehen,
Geziemt vor Blumen nur ein freud’ges Ach,
Ein Holder Gruß, — kein weilend Stillefteben.
Bald irgend mahnt ein Glodenruf fie wach,
Zu ihrer mühereihen Bahn Vollendung.
Dem Bertrand jetzt that's eine Freundesfendung.
Vom Johann Saintre kam fie, jenem Ritter,
Den Minne traf mit einem Doppelpfeil.
Die. erfte Wunde füß, die zweite bitter,
Und der deshalb — mistrauend ihrem Heil,
Der Schlange, wie er ſprach, im Rofengitier! —
Die Freundſchaft nur erkor zu feinem Theil.
In Nantes hatte Bertrand er gefunden,
Und waffenbruͤderlich fi ihm verbunden.
Sein edler Bote fagte dieſe Worte:
„Herr Gueſclin, wenn noch jegt Shr- Luft verfpürt,
291
Wie Ihr zu Nantes fpraht: an Einem Drte,
Vor Einer Schaar, von Beiden angeführt,
Mir Johann Saintre einft zu Frankreichs Horte, _
Und wie ſich's zu des Könige Ruhm gebärt,
Ein preiögefröntes Ritterſtuͤck zu wagen,
So giebt’d Gelegenheit in diefen Tagen.
Ihr wißt, in Poitou, an des Könige Stelle
Befehligt Saintre. Dort giebt’8 eine Veſte,
Eſſay geheißen. Ihre ſtarken Wälle
Herbergen leider jetzo Brittengaͤſte,
Die raubend nach der wohlverwahrten Schwelle
Vom Lande ſchleppen all das Schoͤnſt' und Beſte.
Vereint mit Euerm Muth und klugen Sinnen
Hofft er die Burg für Frankreich zu gewinnen.” —
„Ich komme!’ ruft der Held; und wohlgeräftet
Bin ich, will’ Gott, in wenig Tagen da,
Su fchaffen, was dem Saintre nur gelüflet!” —
Die ernſte Gattin winkt ein freud’ges Ja,
Weil es fie freut, wenn ſich ihr Ritter bräfter
Vor Schaaren, edlen Ruhmeskraͤnzen nah.
Oft fprach fie bei der Kriegerfrauen Gewimmer;
„Wer's Waſſer ſcheut, heirathe feinen Schwimmer!"
Dein Schwimmer, Theophania, hat ſich bald
Dem Freunde mit erleſ'ner Schaar verbunden,
| 49 *
292
Und England, der vereinigten Gewalt
Grbebend, rüftet in den naͤchſten Stunden
Jedwede Burg, und manch ein Nothruf fchallt,
Beängftet fcheint es faſt ſchon überwunden!
Doch fehlte gar nicht viel, fo konnt' ein Streiten
‚Der Helden noch den Blitz vom Haupt ihm leiten. .
Denn wie fie vor Eſſay zufammentrafen,
Da bieß es: „wer befehligt nun die Schaaren ?’’
Der Gueſclin ſprach: „Euch, ale des Könige Grafen
Sn Poiton, ziemt's, bier feines Rechts zu wahren!’
Doch Saintre rief: „eh? wollt’ ih müßig ſchlafen
‚Auf meiner Burg, als bier fo grob verfahren,
Und dem gelad’nen edien Gaſt befehlen! —
Rein, Du: Guefclin, bier gilt ed gar kein Wählen.
Hr feld der Hauptmann! Ihr nur: ganz allein!
Sonſt wend' ich mich von binnen.’ — Jener ſpricht:
„Dorf mit ich zieh’n in Enern Kriegesreih’n, —
Biel Ehre dann! — Als Hauptmann fer ich nicht. —
Und immer trifft ein Nein das andre Nein,
Und Jeder haͤlt an der beſcheidenen Pflicht
So feft, daß — Manche mögen drüber lachen! —
. Sie fhon zum Heimwaͤrtsreiten Anftalt machen.
Die Laer, mein’ id, würden an ſich halten,
Wenn diefer Streit juft. umgekehrt erginge,
293
Da ſpraͤchen fie: „man ficht denn doch das Walten
Der felbitbewußten Kraft auf eigner Schwinge!" —
Verzeiht! Die Mitter aus der Eräft’gen, alten,
Höflihen Zeit, fie lebten gern im Ringe
Der allerzierlichſten und feinften Sitten! —
Doc in den Feind find fie recht derb geritten! —
Was unſre Zwei' betrifft, da loͤſte bald
Ein Vorſchlag andrer Ritter al’ ihr Etreiten.
Man fol,‘ — fo hieß es — „Teer mit Gewalt
Des Hauptmann?s, von zweigahzverfhieb’nen Seiten _
Die Burg berennen. Wo das Heerhorn (halt,
Eilt man zur Hülfe. Die Geſchwader leiten
Sol Der, auf den ber Ausfall Fommt vom Thor.
Bei'm Sturm bringt unabhängig man empor.” — —
Die Worte werben forgfam aufgefchrieben,
Bedaͤchtig vorgelefen ein’ge Mal,
Und ob gleich jeder Held aus treuem Lieben
Dem andern gönnt die unumfchränfte Wahl,
Iſt's endlich dennoch bei'm Vertrag geblieben.
Das Heer, viertaufend Kämpfer an der Zahl,
Ruͤckt — fo getheilt, und au für fondre Fälle
Vereinigt wieder — an Burg Effay’s Wille.
Zu Anfang traf ber Britten Pfeil und Stein
Und Bolzenregen manchen tapfern Franken,
291
Scharf ſchlaͤgt's ja anf Belagrer immer ein,
Ch Wall und Sturmbah fhügend fie umtanfen!
Doc jetzt, geſchirmt, rüdt man in dihten Neih’n
Sum Schloß, und überfiegt fhon in Gedanken
Kühn zuverfihtlih Graben, Mau'r und Thurm. —
Bon beiden Seiten ordnet man den Sturm.
Und Bertrand eilt voran bie Leiterfproflen,
Die Streitart in der Hand, Schild üäberrm Haupt,
Achtlos, daß ihn von englifhen Geſchoſſen
Ein Hagelihlag umraffelt und umftaubt.
Schon faßt den Mauerkranz er keck entſchloſſen
Schwingt fih hinauf, noch eh’ der Zeind es glaubt,
Und: „Mutter Gottes! Gueſclin!“ läßt im ſchoͤnen
Siegsklang er hallend durch die Lüfte tönen!
Nun denkt kein Britte mehr an Widerfland.
Sie flieh’n zur Burg hinein, ob es gelinge,
Daß dort vereinigt mit bewehrter Hand
Die Sieger man zu Mild' und Schonung zwinge.
Nach bringt der kuͤhne Bertrand fiegentbrannt,
Und wählt als Pfad zum Innern Mauerringe
Sid einen Balken, — o mein Held, hab’ Acht! —
Er ſchwankt, — nicht achteſt Du’s, — und weh, er kracht!
Er kracht und bricht, und laͤßt Dich treulos fallen,
Wobl zwanzig Fuß tief an den flein’gen Grund!
295
Der Boben droͤhnt, die Waffenſtuͤcke ſchallen,
Und machen ringe den Sturz des Helden fund.
Der fühlt gelähmt fi in den Gliedern allen,
Beinah betäubt, den Einen Schenkel wund,
Zerfchmettert wohl, — und im ergrimmten Hanfen
Sieht er fünf rafhe Briten zu ſich laufen.
Die ciefen: „ſchau', ha ſchau' die prägen Maffen!
. Das iſt der Du⸗Gueſclin! Das wird ein Fang!
Nieder mit ihm! Ruhm ſoll's und Beute ſchaffen!“ —
Dem ganz verlaff’nen Sieger, ſchwindlich krank,
Gelingt es mähfem, fih empor gu raffen,
Sich feftzuftemmen an den Mauergang.
Sein; Beil durchfauft: bie Luft, Gleich ſtuͤrzt darnieder
Sein kühnfter Feind, nnd nie erfteht er wieder.
Zwei Andre trifft er noch mit rafhen Schlägen,
Daß taumelnd fie: zuräd vom Kampfe gehn;
Doc die zwei Lebten dringen zornverwegen
Dicht auf ihn ein. Er Fanıı nicht widerftehn,
Er ſchwankt, er fühlt die letzte Kraft erlegen, —
Da bat ihm Gott die Hülfe ſchon erfeh’n;
Johann Hongar, bretann’fhen Adels Sproffe,
Sah ihn von fern, und naht ald Kanıpfgenoffe,
Und trifft den Einen Feind alsbald zum Sterben,
Und zwingt den andern, ungefdums zu flieh’n.
296 '
„triumph! ruft er. „Das heiß? ich Sieg erwerben!
Die Burg ift unſer!“ — Freudig blickt auf ihn
Der wunde Held. Jedoch durchzudt vom herben,
Geœwalt'gen Schmerz, fühlt er fein Leben fliehn.
Die Augen hält ihm Dunkel. Stumm noch winkt er
Dem Helfer Dank; in feinen Arm dann fint ee.
„Sp bift Du in erfiegter Burg gefallen 77
MWehllagt Hongar. Doc feine Stimm’ erſtickt
Ein Thränenfttom; nur feine Seufzer hallen. —
Derweil fuht man dem Bertrand, und erblidt
Zuletzt ihn — ad, — in feines Blutes Wallen,
Mit Freundeszaͤhr' und Feindesblut geſchmuͤct!
Wie bitterlich ertönt der Krieger Klagen,
Die ihn hinweg auf ihren Mänteln tragen!
Der Jammerlaut drang nad) des Schloffed Innern.
Dort ftand noch zweifelhaft die Brittenfchaar,
Umſtarrt von ihren mächt’gen Siegsgewinnern.
Noch ward niht Huld, nit Schonung offenbar.
Doch Jene hofften Rettung, im Erinnern,
Wie guͤtig Bertrand ſtets auch Feinden war.
Ungluͤckliche! Ihr ſelbſt ja machtet ſchweigen
Den Mund, der Fried' und Troſt Euch wollt’ erzeigen!
Weh! Weh! Den Franken kaum erſcholl die Kunde,
Bertrand ſei todt, ſo brach ihr Zuͤrnen los.
297
Weh! Eine Wunde weicht der andern Wunde
Vor der ergrimmten Todesraͤcher Stoß! .
- Und kaum entrann das Viertheil.einer Stunde,
So lag geworfen das ſchwarzblut'ge Loos:
Die Brittenleihen regungslos zufammen! —
Und alle Franken ſchrie'n nach Brand und Flammen !
Nein, Bertrand, nein, fo bift Du nicht geſchieden,
Nicht fo bei Zornesgluth und Mord und Streit;
Dir ift ein ſpaͤt'res, fhön’res Biel befchieden,
Wo an den Grabzug fih Verfühnung reiht.‘ .
Doch fi! — Noch wallſt Du mühereih hienieden;
Du hebit das Auge, flehft vol Sorglichkeit
Burg Eſſay ſchon in hellen Flammen lodern, -
Und fendeft hin, um Ruh’ und Huld zu fobern,
Zu ſpaͤt! Was irgend Deine Boten ſprechen,
Die grimmentbrannten Franken glauben's nicht.
Sie woll'n, ſie muͤſſen ihren Bertrand raͤchen,
Und ſchuͤren wilder ſtets der Flammen Licht,
Bis endlich vor den gluͤhroth wall'nden Baͤchen
Der Bau in Graus auf Leichen niederbricht,
Um noch der ſpaͤten Folgezeit zu ſagen:
„So viel galt Bertrand in den alten Tagen!“ —
Der fah indeß von fern im Feuerbrauſen
Sich Lebendem ein Todtenfeſt bereiten,
298
Faſt wie'ein großer Kaifer in den Klaufen
Des Klofters ſich als Leiche fah begleiten! —
Doc während noch im Schloß die Gluten faufen,
eilt man, den Franken Helden aus dem Streiten
ind all dem wechſelnden Gefchtk der Waffen °
Sur Heilung fanft nah Nantes hinzuſchaffen.
Da ruhſt Du nun, mein Bertrand, und auf fange
Vom Kreis der ritterlihen Thaten fern!
So neig' auch ih die Fluͤgel dem Gefange,
Bis Du von nenem aufgehft, Heldenftern!
O thu' es bald, mir ift im Zögern bange; —
‚Die nach, mein hoher Führer, ſchweb' ich gern!
Ja, fliegen möcht? ich ftets auf Deinen Bahnen, -
Bis Engel mid zum faönfen Fluge mahnen!
| Erläuterungen
sum dreizehnten Gefange.
Seite 290:
„Johann Saintre — — —— — —
Den Minne traf mit ihrem Dop
. pelpfeil:
Die, erfte. Wunde füß, die weite
bitter, —
Wie der edle Saintre eine Muhme des Könige
von Frankreich liebte, . und von ihr ald bienender
—
299
Mitter. angenommen ward, dann aber, während. er
. gegen die. Unglänbigen kämpfte, ein freer Abt ihn
um die Gunft der Echönen betrog, den heimges
kehrten Saintre wegen feiner kleinen Geitalt höhnte,
und ihn vor den Augen der Dame in einem bäuerf:
{hen Ringerfpiel zu Boden warf, Saintre den
riefigen Prabler darauf in einen Harniſch lockte,
und vor der Dame im Ernſtkampf befiegte, zur
Strafe ihm die ungewafchne Zunge mit dem Dolce
tißte, und von’ der unedlen Schönen für immer
Abſchied nahm, — es ift eine gar anmuthige Ges
ſchichte, die ih wohl Einem meiner deutfhen Kunft-
genoſſen zur Behandlung empfehlen moͤchte! Sie
heißt: lc Roman du petit Jehan de Saintre; ich
‚ glaube, daß die Romanenbibliothek nähere Aus—⸗
Funft darüber giebt. -
Seite 295: »
„— ſchau', ba fhaw ‚die praͤcht'gen
Waffen!
Das iſt der Du:&uefclin! Das wird
ein Fang!"
Fruͤher war von Bertrand’s altem fchwarzen‘
No die Nede, und der Einfachheit feiner Tracht
überhaupt; jet kennt man ihn an feinen prächtigen
Waffen. Den ſcheinbaren Widerſpruch hoffe ich
mit folgenden Verfen zu heben:
. 300
„Wenn mit Aſia's Prunk eintrat In bie attiihe
Wohnung
Ruͤhmlicher Bürger ein Gaſt, perſiſcher Bote
vielleicht,
Eab er wohl ſtolz umher, die aͤrmlichen Waͤnde
verachtend,
Spoͤttelnd: „iſt das hier ein Haus? Huͤtte nicht
gaͤlt? es bei ung,
Nicht dem niedrigſten Knecht! O weh des klaͤg⸗
lichen Voͤllleins!
Und die wagen den Kampf gegen den Koͤnig
der Welt?” —
Aber trat er dann vor, und fah die Tempel ber
Goͤtter,
Sahe die Burg ob der Stadt, ſahe die Hallen
| am Markt, —
Ha wie ſchwand Ihm ber Stolz! Tief ſeufzt' er
wohl in fi felber:
nd des gewaltigen Volk's! Herrſcher, nicht
reise fie uf! — -
Alſo ſtolzierte vielleicht ob Bertrand's Rokke
die Jetztwelt!
Alſo neigte ſie wohl ſeinem Gewaffen das
Haupt!“
| Dertrand Du-BGueſclin.
Zweites Buch.
Erfter Sefang
Ein ſo hochheil'ges Ding, fo ob Erfheinung,
Ob Zufall weit und eitlem Gluͤg erhöht,
Iſt's mit des edlen Waffenbund’e Vereinung,
Daß er am Krankenbett noch fortbefteht,
Daß man ald Wärter, tren in ‚Riebesmeinung
Mit holder Pflege raſtlos kommt und geht,
Ja, Fremden thut man dag aus Geindesheeren ;
Wie follt’ ich's meinem Bertrand nicht gewähren?
Zu raſch Bin ic vorhin von ihm geſchieden,
Um erſt nur da ihm wieder nachzuſchweben,
Wo er, auf's neu' entfernt dem ſtillen Frieden,
Im blut'gen Kampf nach Kraͤnzen wuͤrde ſtreben!
302
Nein, nein, als lebt? er noch mit mir hienieden,
Will ih mich in fein Kammerlein begeben !
Ach ein recht herbes, unverſeh'nes Ringen
Harr't ſeiner dort mit aͤngſtigſchweren Schlingen! —
Boͤt' uns das Leben nie ein andres Fechten,
Als offenbaren Kampf im Blutgefild,
Feind gegenüber, Schwert in unſrer Rechten, —
Wie manche bittre Thraͤne wär? geftillt!
Die ſchlimmſten Wunden giebt's beim Kränzeflechten,
Den herbiten Trant, wo Friedens Baͤchlein quillt! —
Süngling, Du lahft ob folderlei Gefahren? —
D lache! Weinend einſt wirft Du's erfahren! —
Wer, Bertrand, gab im ruhigen Gehege
Des Krantenzimmers Dir fol bitt'res Maaß?
Das that Bretag’ned Herzog, der zur Pflege.
So oft huldvoll an Deinem Lager faß,
Er, Dein Geleitömann auf dem Chrenwege,
Der nie bis heut der heil’gen Pflicht vergaß! —
Sept ſprach er in vertraulich ftiller Stunde: _
„Mein Gueſclin, doppelt ſchmerzt mich Eure Wunde!
Denn ad, wenn krank die edlen Jaͤger liegen,
Derweil ſchon Fruͤhlingsluft im Walde weht,
Wer ſoll nach Beute das Revier durchfliegen?
Sei friſch, mein Waidmann, eh die Zeit vergeht!
303
LU 0)
„Wie, edler Fuͤrſt, Ihr fprecht von. nahem Kriegen,
Indeß noch immer der Vertrag befteht?
Der hält ia, bis im Herbft wir Trauben lefen,
Und ſchon im Fruͤhling hof? ich zu genefen!“
Es flog was um bed Herzogs Angeficht
ie leifes, unverfch’nes Schaamerröthen,
Obgleich er mit ganz felter Stimme ſpricht:
„Mein Freund, umlagert von des Landes Nöthen,
Trag' ich fo Ungeheures länger nicht. -
Mer Schaafe retten will, muß Wölfe toͤdten.
Anfang’s April fhom will in's Feld ih reiten,
Und Du als Feldherr ſollſt mein Heer mir leiten 1. —
Wie ein Pilot fein Schiff, ne kaum noch flott,
Mit friſchem Winde, fühlt auf Klippen ftoden,
Und fhweigend ftarrt, fo Bertrand, — „D mein®ott,
Mein Gott!" fo lallt er endlich tief erſchrocken. —
Dann ruft er mächtig aus: „der Feinde Spott, —
Der hreunde Schmerz, — der Weiber Hoh'n bei’m
Wocken, —
Und mehr als Alles: Gottes Richterwalten! —
O Fuͤrſt, mein Fuͤrſt, laßt ſtreng' am Recht uns
halten!” —
Der Herzog hatte Kluges viel zu ſagen:
Sein Feind ſei je,nur eben ein Rebell,
304
Eibbruͤchig ſchon durch's erfte Fühne Wagen,
Laͤngſt den Vertrag auch brechend frech und grell
‚ Mir Brittenhorden, die dad Land durchjagen,
Das arme Land! Hier gelt' es, Fühn und fchnell
Zu retten es vom ſchmaͤhlichſten Verderben.
Dem Herzog zieme dad, als rechtem Erben.
Und kurz, es fei num einmal fo beſchloſſen! —
Ach, oft ja tritt der Grund flatt aller ein! —
Mein Bertrand ſeufzt: „wenn Chrenknospen fproffen
Aus diefer That, — fie mögen Euer fein! —
Was mich betrifft: ſammt Waffen, Knappen, Roſſen
Mahnt mid die Lehenspflicht. Es gilt Fein Neint
Sp bald ich kann, will ich mein Haus beftellen
gu Pontorfon, und dann mich Euch geſellen.“ —
Da ritt der Herzog Fe und froh von binnen,
Da blieb der Ritter trüb? und ſtill zuruͤck,
Und fah mit tiefem, fhwermuthuollem Sinnen
Nach der vergang’nen Tage Heldenglüd,
Mo in des Zeitgeſtrudels wuͤſtem Rinnen
Seftftand — ein unbeweglih Felſenſtuͤck —
Das Willen: „in der Ehre Buch gefchrieben,
Iſt rein mein Fürft vor aller Welt geblieben!” —
est aber Soll zwendeutge That — er ſchaudert; —
Nichtwagend, den. Gedanken auszudenken,
4 805 _
Späht er umher, als hatte ſchon geplaudert
Die Kammer, oder hielt? in ihren Schranfen '
Auch Seufzer feſt! — Ob feine Heilung zandert —
Es konnt’ ihn jego nur zur Hälfte kraͤnken. —
Doch kaum fühlt er ſich frifh zu Reif’ und Streiten,
So eilt er fhon, nah Pontorfon zu reiten.
Und Hinter ihm im muntern Waffenklingen
Sog feine ganze vielgepräfte Schaar,
Froh wie die jungen Bach’ im Frühling fpringen,
Des hemmenden, frkbfeel’gen Eifes baar.
Mir ift, die freud’gen Meiter hör’ ich fingen,
Und Schwert an Schwert fie klirren Paar und Paar.
Dergönnt ed Euerm Dichter, daß in Chören
Des Nachhalls er Euch läßt ihr Jubeln hörenz
„Ins Feld!
In's Feld! |
Wie fhmettert der Trompetenton
Sogar vom biauen Himmel ſchon:
Gluͤck auf |
Zum Lauf!
Durch morgenblauen Sonnenfchein,
Du Lerche, Du Trompeter klein,
Streich hin,
Dicht hin
An und mit kechem Sinn!
20
In's Feld,
In's Geld
Sieg’ Du getroft nah Sängerpflict!
Wir fangen Heine Lerchen nicht.
Nein! Nein!
Friſch ein
Hau'n wir auf ein gar andres Wild,
Das wehrt fih kuͤhn mit Schwert und Schild.
Sieh’ zu
In Linh'
Vom blauen Himmel Dut
An's Werk!
An's Werk!
Ein Mann iſt nur ein rechter Mann,
Wenn er auf rechten Feind geht an,
Die Bruft
Bol Luft!
Drum thun wir Kleinen Lerchen nichts,
Drum freu't Euch nur des Sonnenlichts!
Uns lacht
Voll Pracht
Ein Licht aus Kampfesnacht!
⸗
Sing fort!
Sing fort!
Du Heiner Meifter Lerhe Du, .
307
Sing' fort, und fieh neugierig zu!
Sing’ laut,
Recht laut!
Man hört es fonft vorm Laͤrmen nicht.
Und fing’, wenn. wo ein Herze bricht:
„Schmerz ad!
Im Trab
Sen Himmel dur das Grab!’ —
Des luſt'gen Reiterliedchens fedes Klingen
Drang froͤhlich in des Ritters Seele ein,
Doch fuͤhlt' er noch die Fibern ſchmerzend ſchwingen
Von ſeines Herzogs falſchem Ja und Nein.
Da ließ ihm Gott von ſonſther etwas bringen,
Das ſtets in Mannesbruſt weckt Sonnenſchein:
‚Die Botfchaft naher, ruͤhmlicher Ge:
fahren! —
Dies meldeten die Dlänter feiner Schaaren: :
Friſch auf, „o Held! Es iſt aus plotruel
Richard Grevac, ein Hauptmann kuͤbner Britten,
Mit einem Roßgeſchwaͤder keck und ſchnell,
Euch unterweg's zu fangen, ausgeritten.
Man ſah vorhin ſchon ihre Lanzen hell
Dort aus des duft'gen Buſchgeheges Mitten;
Dann trabten ſie ſeitab; — wohl um zu lauern
Auf guͤnſt'ger Stelle, meinen hier die Bauern.“
20
308
Es ftand umher ein ganzer banger Chor
Bon Landvolf, fleh'nd mit aufgehob’nen Händen:
„Ach tapfrer, milder Herr, feht ia Euch vor!
Sonft müßt Ihr ſchlimm vor diefem Britten enden.
Was Der kon aM’ die Gegend pladt’ und for,
Was Dem an Geld und Gut wir mußten fpenden, —
- Mit Menfchenzungen iſt's nicht auszufagen !
Bis dicht vor Nantes durft' er oft ſich wagen;
Bis dicht vor Rennes felbft! Und ſtets zuruͤck
Kam er ganz unverfehrt mit großer Beute. |
Da heißt's: je drger Strick, je beſſer Süd!
Und dabei hat fein Neft fo fehr viel Leute:
Bald Sohn, bald Schwager, bald ein andres Stüd,
Reqht wie der Greif im Mähren! — „Gut!
Noch heute, —
Sagt Bertrand, — „ober ſpaͤt'ſtens doch zu morgen
Sprech' ich mit ihm, zu enden Eure Sorgen! —
Sür jetzt will ich den großen Weg verlaffen.
Hier ift doch Alles fo gar weit und breit;
Man fieht von fernher ſchon des Feindes Maflen, —
Und Jener, fheint’s, liebt unverſeh'nen Streit.
Wohlan! Wir wol’n recht unverfeh’nd und faſſen!
Dad Land giebt dazu ſchoͤn Gelegenheit..
Linksum! Seitab! Oft ia geihah’s auf Erden,
Daß aus Verfolgten die Verfolger werden!" —
309
Mein Du⸗Gueſclin, den? an Dein eig’ned Wort!
Es kann fo gut Dich als den Gegner treffen. —
Er aber fleugt mit Fühner Schwinge fort,
Als darf ihn nicht mehr Lift noch Zufall Affen.
Zwar ſchifft er jetzt in vaterlaͤnd'ſchem Port,
Doch da auch ziemt's, die Seegel einzureffen,
Wenn Wolk' und Fluth anfagt mit graufgen Zungen,
Der Sturm fei in den Hafen eingedrungen.
Erx will nicht ‚hören, — bald wohl mag er
oo. fühlen! —
Fort trabt er ſuchend durch den langen Tag,
Bis. endlich fih der Sonnenftrahl am Fühlen
Umtbauten Euftgebürg’ des Abende brach.
Da ſprach er: „find das dorten nicht die Mühlen
Der Abtei Salut: Meen?— So laßt nur nah
Bon raſcher Jagd. Ihr möge im. Stäbtlein raften,
Im Klofter ih. Heut giebt's wohl dort Fein Faften
So 308 er lachend zur Abtei hinan,
Und ward auch droben freudiglich empfangen,
Sammt manchem Ritter fonft und Edelmann,
Sie faßen froh beim. Mahl, die Becher Elangen, .
Derweil ſchon jener fühne Richard fan,
Die ganze Schaar mit Einem Schlag zu fangen.
Er hielt im Forſt, und an. des. Städtleing Thor
Shit’ er in Bauerntracht zwei Knappen vor,
310
— — —
Die meldeten alsbald: „von Schlaf und Dunkel
Liegt unten ſchon die ganze Stadt bezwungen.
Die kleine Wach’ am Thor hat mit Gemunkel
Von Dem und Jenem fi halb eingefungen ;
Aug der Abtei blint reiches Lichtgefunfel,
Auch muntre Lieder find von dort erflungen;
Dod kurz: die Schlaͤfer nicht, nicht die bei'm Feſte
Sind ruͤſtig fuͤr uns ungebet'ne Gaͤſte.“ —
Da winkt der wilde Richard: „vorwaͤrts.
Drauf!“
Und leiſe raſchelt nun zu Fuß die Menge
Durch Wald und Ried, nnd ſtellt ſich dann zu Hauf,
Unweit vom Thor, in eines Thales Enge.
Dann ploͤtzlich ſtuͤrzt mit ſtummen Kampfeslauf
Sie auf die Wacht im wuͤthenden Gedraͤnge.
Wie Jene kaum den Widerſtand nur wagen,
Sind ſie entwaffnet ſchon, zerſtreut, erſchlagen.
Nun gilt's, o Richard, auf der blut'gen Bahn
Das fhönfte Siel im Auge feftzuhalten! —
Die Giegesgöttin lockt durch Prüfungswahn
Des Werbers Sinn, ob er fih- läßt zerfpalten,
Und Solche nur, die feft aufs Rechte fah’n,
Bekraͤnzet fie mit brautlich holdem Walten.
Wohin num richtet fih Dein ſchneller Lauf?
Sur Stadt hinab? Ich hoffe doch: bergauf!
314
Bergauf, wo Deine kuͤhnſten Feinde ſitzen
Noch ungewarnt bei'm ritterlichen Mahl!
Strebt eine Frevelhand nach Jovis Blitzen,
So greift ſie mindeſtens doch nicht in's Thal!
Du abet, Du mit vielgeruͤhmten Witzen,
Du irr'ſt nun in der kindiſch leichten Wahl.
Ein Haus beſtuͤrmſt Du auf der naͤchſten Ecke,
Das Bertrand's Diener birgt und ſein Gepaͤce!
Mich muͤßt'es frenen ym des Bertrand willen; —
Und doch, mich aͤrgert's, daß ein Kriegergeiſt,
Um nur die naͤchſte rohe Gier zu ſtillen,
Sein eig'nes Werk bethoͤrt in Truͤmmer reißt!
Wie kuͤhn jetzt auch des Muthes Wogen ſchwillen,
Wie raſch ihr Sturm den Angriffspunkt umkreiſt,
Wie kraftvoll ſie einbrechen zu den Thuͤren, —
Jedweder Vorſchritt muß ſie abwaͤrts fuͤhren!
Drei Ritter der Bretagne zwar, verweilend
In dieſem Haus, erliegen vor dem Drang. |
Doc fchon erdröhnt das Sturmgeläut, und eilend
Regt fih die ganze Etadt im Waffenflang, -
Weil damals ja, gern edle Sorge theilend,
Zugleich der Bürger Schwert und Meiffel ſchwang.
Nun erfi merkt Richard: „wenn es foll gelingen,
Muß man vor Allem Bertrand felbft bezwingen!‘
912
Und wendet fi hinauf nach der Abtei,
Wo Gueſclin fhon den Angriff hat vernommen,
Sich rüftend, um in Waffen ftolz und frei
Dem bangen Drt zum Schug hinabzukommen.
Da hört er Richard's nahes Feldgeſchrei,
Und ruft: ‚da find die Säfte! Schön will:
fommen,
Und juft zur guten Stund’ bier eingetroffen,
Denn wir find fertig! Macht das Thor weit
| offen!"
Wie nun die Britten fo hinauf ben Hügel
Kampfruͤſtig raſſelten, und gähnen fah’n
Im Mondenfhein die maͤcht'gen Pfortenflägel,
Da ſtutzten fie ein wenig auf der Bahn.
Zu breden ehrnes Schloß und ſtarke Niegel,
Dazwiſchen Pfeilgewitter zu empfah’n, —
Darauf. find fie gefaßt, — doch nun die Schranfen
Stil offen ſtehn, — nun zaudern fie und wanken.
2 bald entflammt aufs neu? fie Richards
Stimme!
Sein erfigeborner Sohn, ein junger Held,
LLaͤuft Eühn voran im freud’gen Kampfesgrimme;
Nachſtürmt der Zug, daß Schild und Harmifh
gellt,
313
Yun, Theophaniens Schwimmer, giltis! Nun
ſchwimme!
Hoch ſchwillt die Fluth, die blutbeſpruͤtzt nur fait!
Im Klofterhof beginnt das zorn'ge Ringen;
Die Mönde hört vom Dome her man fingen,
. Dur dad Geklirr der Klinger und der Speere,
Das laute Rufen: „vorwärts !”" — „halt! — und:
| „ſteh!“
Schallt von dem weißen, ſehr verſchied'nen Heere
Wohllautend ſanft ein frommes: „Kyrie!“
Das rief in manch ein brechend Aug’ die Zaͤhre
Der fühen Rew aus ftarrem Todegweh,
Und ließ das wild im Zorn gefnidte Leben
In ſtillem Frieden hold gen Himmel ſchweben.
Der Vollmond fchlen dazu wehmüthig nieder
Vom mächtig Klaren, fternbefä’ten Blau,
Und ftrente weiße Schleier hin und wieder,
Und ſah faſt aus wie eine weiße Frau.
Kopfſchuͤttelnd ſaͤuſelte der alte Flieder
Im wild entweihten Hof, und ſpruͤhte Thau,
Als fei zur Krankenpfleg' auch er verbunden,
Den Schwerverlegten fühlend in die Wunden. —
So tobte denn fih zwiſchen ſtillen Zeugen
Das unruhvolle Streiten endlih aus, —
314
Die Brittenfhaar muß ihren Nacken bengen,
Gefangen, oder ftarr inı Todesgraus.
Die Lesten, bie fih als Bezwung’ne neigen,
Sind Richard und ein Held aus feinem Hand:
Sein Schwager. — Bertrand, dem's nicht leicht
mag fehlen
An Scherz, will fhon vom Drachenneſt erzählen;
Wie geftern drob der Bauer: fih beklagte! —
Doch ale er num in Richard's Antlig ſchaut,
Und der fonft troßig Fühne, fchon betagte,
Etahlträft’ge Held vom Auge Thraͤnen thaut,
Ward's ihm, ald ob fernher fein Vater fagte:
„Hier Teinen Scherz!’ — Mitleidig und verfrauf
Naht er dem überwund’nen Feind? und ſpricht:
„Was ift es, das Dein tapfres Herz fo bricht?“ —
Der Richard zeigt ftillfinnend nach der Erde.
Da ftarrt ein todter Füngling blaß herauf,
Mit fhönem Bart und adliher Geberde, —
Man fiebt, er gab fich nur im heißen Kauf,
Wie um den Wolf, der In der Widderheerde
Gefällt ward, liegen Leichen rings zu Hauf.
Und Richard fagt mit rüdgehalt’nem Klagen:
„Mein ält’fter Sohn liegt Hier fo ſchoͤn erſchlagen!“ —
Der ſchmerzlich füße Born des Mitleid’s rann
Aus Bertrand's Augen. — An geweihter Staͤtte
315
Begraben feiernd fie den Nittermann.
Nun tönt allmorgeng über ihm die Mette
Da, wo er feinen leßten Streit begann.
Schlaf, Juͤngling, fanftim frommen Kriegesbette!—
Bertrand zieht finnend, Richard ſtill ergeben
Bon binnen fürder in das ernfte Reben.
Ernft war es! Doc dem Sieger fchnell erhoben
In ſchoͤner, feegensvoller Herrlichkeit,
Weil rafch die Botſchaft drang mit frend’gen Toben
Durch's nächte Land: „wir find, wir find befreit!
Held Bertrand hat an viel gewalt’ge Proben
Des Ritterthum's zu Naht auch Die gereiht,
Uns von des Michard Herder Macht zu retten!
Auf! Windet Kranz’ ihm! Slechtet Blumenketten!“
Bon allen Seiten quoll zu feinen Wegen
Ein Heer von freudig Dankenden heran!
Von allen Seiten rief ihm Heil und. Seegen
Jungfrau und Mutter, Weib und Kind und Mann!
Du Gluͤcklicher, augftrenend reihen Seegen,
Du Starker, niederfchmetternd laf’gen Bann -
Auch auf der Reife: zwiſchen Abends Dunkeln
Und jungen Morgens erſtem Sonnenfunfeln! —
Wohlauf denn, 0 Du freud’ge Morgenhelle,
Die frifh dem Sieger Du entgegenglühjft,
.
316
Und ihm an kaum betretner Tagesichwelle
- Die Ahnung neuen Sieg's in’s Herze ſpruͤhſt,
Du hältft ihm Wort! — An einer Haideftelle _
Bis jegt noch unbekannt und ungegräßt,
Doc künftig allen Frankenherzen thener,
Harrt fein ein neues, fedes Abentheuer. —
Hweihundert Reiter trabten dort felbein, —
Man Eannte fie ald Britten an Geftalt,
An Noß und Wehr, — da bieß es glei: „legt
| ein -
Die Langen! Drauf!“ — Mor donnernder Ge:
— walt
Erkrachten Schilder, Harniſch und Gebein!
Bezwungen auf dem Boden lag alsbald
Der unverſeh'ns beftärmte Feindeshaufen,
Und Roß an Noß ſah man den Plan durchlaufen.
Und wie man nun gelaffen forfcht, nah Zahlen
Und Namen, — ſchaut, der Felton führte fie,
Und rief ergrimmt: „God dam, zu wie viel Malen
Faͤngt mich denn Der? Ich glaub’, das endet nie!
Saum konnt’ ih nur mein Löfegeld bezahlen,
Und fireif? aufs new fo dur die Normandie,
So muß mid) Bertrand abermals erwiihen!” —
„Kommt, Herr,” — fagt freundlih Der, — „Euch
zu erfriſchen!
317
Ihr wißt, nach Pontorfon iſt's nicht mehr
weitl’ —
Und fomit denkt er ihn durch Scherz und Laden
Auf den fo fhnell entichied’nen Waffenftreit
Nach alter guter Urt vergnügt zu machen.
Doch Felton fieht, ein Bild der Grimmigfeit, .
Stumm vor fih nieder, murmelt was von Drachen,
Bon Donnerwettern und von Höllenheeren; —
Bertrand läßt nach Belieben ihn gewähren.
Er hatte jetzt weit Lieblih’res zu denken,
Denn dicht vor ihm fleist Pontorfon empor.
Da läßt er hoch fein fieshaft Banner fchwenfen,
Und aufgehn fieht man Treudigfchnell das Chor,
Der Brüde Zug fih donnernd niederſenken, —
Und o welch füßer Lichtblick ſtrahlt hervor!
‘a, Theophania kommt auf Siegeswegen
Gottpreifend ihrem Du⸗-Gueſclin entgegen.
Der fhönen Hausftau holde Blicke fprechen
Bon feiner Heldenthat auf Burg Eſſay. —
Doch mie ein Strom der ſchwillt von tauſend
Baͤchen,
Und ob man ihn Auft indlich wiederſaͤh', —
Doch Immer mächt’ger rollt durch Berg unb
Flaͤchen,
Daß man aufs neue ahnt: was jetztt geſcheh',
318
Die ndchfte Stunde werd’ es überwiegen, —
So wars mit Bertrand’s immer neuen 'Sie-
„Schon wieder eine Echaar - Gefang’ner?”
flüftert,
Froh um fi fchauend, die erhabne Kran,
Doch wie fie Richard's Stimm vom Gram um⸗
düftert,
Sein Auge ſchwer erblidt von Schmerzenthau,
Wird auch das ihre feucht, wie zart verſchwiſtert,
Wie vor dem Nachtgewoͤlk die Blumenau.
Bertrand nennt des Gefangenen Heldennamen;
Da neigt fih ihm die Herelihfte der, Damen.
Doch ald nun Felton ihre in's Auge fiel,
Goͤnnt ſie's dem Inf’gen Scherz, ſich aufzu⸗
ſchwingen.
„Wie, braver Feind?“ ſprach ſie; „das iſt zu
viel,
Daß Schweſter Euch und Bruder fo bezwingen
In werger Stunden rafhem Waffenfpiel!” —
Man ſtaunt dem Raͤthſelwort; — und von Mies
lingen
Murrt Selton etwas, von verfehltem Biel,
Und bittet, feine Kammer ihm zu zeigen,
- Und gebt alsbald dahin mit märrfhem Neigen. -
—
319
Die andern Säfte leitet allzumal
Die hohe Fran mit lieblicher Geberde
Sn ihres Schloſſes ſchoͤngewoͤlbten Saal.
Dert, fonder ‚alle Feindfchaft und Gefaͤhrde,
Nimmt man zufammen Platz bei'm heitern Mahl,
Und daß befriedigt jene Neugier werde,
Die fie erweckt hat an des Schlofies Pforten,
Erzählt die Hausfrau nun mit holden Worten,
%
Bertrand Du-Gueſclin.
3 weiter Geſang.
Dein Bertrand, — ſprach of le — de Hand:
herren Nechte
Sind ein fo ernftes, munderedled Gut,
Daß gern wohl taufchte mit dem. mind’ften Knete,
Der froh und franf am eig’nen Heerde ruht,
Ein fühner Held, umlorbeert im Gefechte, -
Ein Dichter, far! an Sangesruhm und Muth,
Dem nicht ſchon fonft ein eigner fefter Heerd
Auf diefem Indern Erdrund wär befceert..
Am eignen Heerde nur läßt fi erringen
Des Lebens Reichthum, Sröhlichkeit und Heil!
AP andre Erdenluſt ift falihes Dingen!
Heerdloſem Manne droht ein jeder Pfeil,
321
Und feinen Fuß umwirr'n endlofe Schlingen;
Am eignen Selbſt hat er nur kaum noch Theil,
Und muß, ein Schatten, durch das Leben walien,
Wie und warum es Andern mag gefallen !
Und eh’r, als fo entblößt von Mannesrechten,
Did, o mein tapfrer Du: Guefclin, zu fehn,
Würd’ ih den Pilgergurt um's Kleid mir flechten,
Unſtaͤt mit Dir die Erde zu durchgeh'n. |
Gottlob, durch Mittererb’ und Ritterfechten
Weiß ich Dich feft in allen Rechten ſtehn.
Doch muß ich fie mit firengem Vorbebalten
Auch forgfam Dir als treue Frau erhalten.
Dennoch hab’ einen Gaft ih aufgenommen,
Ch ih Dich frug; ich weiß, daB Du verzeih'ſt!
Du kennt ja wohl die Klofterfrau’n, die frommen,
Bon denen Cine Julie Guefclin heißt. |
Die ik zu beſſrem Schuß bierhergefommen,
Weil ihre Zelle wild der Krieg umkreiſt.
Ja Bertrand, Deine Schwefter'ift gebettet
Mit mir im Schloß, und bat dad Schloß errektet.
Wir ſchliefen ftin in vor’ger Nacht beifammen,
Da fuhr jie ſchnell, wie aus Gefichten, auf,
Undrief: „es ftürmt der Feind, die Wände flammen !
Schon briht der alten Thuͤrme feſter Knauf!” —
21
922
Ich weiß, 9 Bertrand, woher Träume ſtammen,
Ich kenne der Planeten ernften Lauf, —
Und doc im erften, daͤmm'rigen Erwachen
Wollt' ich nur Scherz aus Juliens Träumen machen.
. Mein die Klofterfran war überlegen
"Mir, der nur weltlich eitlen Seherin.
Sie ſprach: „gewiß, ich bin auf Gottes Wegen;
Gewiß, mic treibt Fein eig’ner, thör’ger Sinn.“
So nimmt: fie von der Wand den alten Degen,
In frühen Kriegen Deines Ahn's Gewinn,
Hält tief fih ein In ihre Nonnentracht,
Und geht zum nahen Saale ftilbedadt.
Ich folgt? ihre im. erwachten Ahnungsbeben,
Und ſah das weiße Bild mit Schwert und Kicht
Entlang die Halle wandeln, beinah ſchweben.
Da fiel der Mondftrahl auf ihr Ungeficht,
Klar, heil, nicht wie ex fonft wohl durch das Weben
Bon Ranken auf den bunten Scheiben bricht, —
Meit ftand im Saal ein Bogenfenfter offen, —
„Siehſt Du?” ſprach fie; „mein Traum bat gut ge:
. teoffen 1%
Und wie wir an bie Fenſterbruͤſtung treten,
Steht riefig eine Leiter augeſtuͤtzt,
323
Auf die von unten drei Geftalten treten,
Ron Helm und Panzer mondenhel umblißt; —
Scyhwert ftellt und Lihtdie Nonne fort, — zum Beten
Hebt fie die garten Hände, — dann, geſchuͤtzt
Don Den, zu Dem fie rief, faßt fie die Leiter, —
Hebtfie, — bie ftürzt, und bricht in taufend Scheiter.
Nom Grund herauf verkündet tiefes Stöhnen
Der drei zu kühnen Steiger Tod; zugleich
Laͤßt Iulia heil die holde Stimme tönen;
„Ihr tapfern Bertrandsfrieger, waffnet Euch!"
Und neu das Schwert erfaſſend, ſieht den fchönen
Siegs : Engeln dhnlih fie aus ew’gem Neid,
Wie ung bisweilen fie auf frommen Bildern
Begeiftert und begabt die Meifter (bildern!
Und wie auf folder Engel winkend Rufen
Man Todte fieht vom Grabesichlaf erftehn,.
So ſtuͤrmte Alles auf des Schloſſes Stufen
Hinauf, hinunter, um ihr nachzugeh'n.
Zum Ausfal;mahnt fie. Doc die Roffeshufen
Tragen den Feind, der ſich bemerkt gefehn,
Don binnen fhnell und weit durch naͤcht'ge Streden —
Man könnte, wer ed war, wohl nie. entdeden;
Pur jene Drei, die mit ber Keiter fielen,
‚Als ftumme Zeugen lagen todt fie da!
| 21 *
321
Gleich Tante fie ald Zeinde, die in vielen
Gefechten ſcharf fein tapfres Auge fah,
Ein Reifiger, ımd ſprach: „mit böfem Zielen
War unfrem Neft der Schüße Zelten nah!
Die Kämpfer, bie bier todt am Boden liegen,
Sah ich ſehr oft duch feine Schlachten fliegen!” —
Die Herrin ſchweigt; — e8 ftaunt bie Tafelrunde, -
Bis fie ein Lebehoch den Frauen bringt,
Indem felbft aus des trüben Richard Munde
Dies Lob in flammender Vegeiſt'rung dringt:
„D Bertrand, wenn in Enerm Schloß die Runde
Zwei Engel halten, obzwar unbefhwingt,
Könnt Ihr zu fernen, rübmlihen Gefahren
Recht forgenfrei die weite Welt durchfahren!“ —
Der Bertrand Iächelt freundlich, doch fein Blick
Senkt fich tieflinnend. — Mehr fheint zu bedeuten,
Als bloße Keckheit ihm das Wageftüd
Der vorgen Naht. Ob Jemand aus den Leuten
Des Schloffes hat gewirkt mit argem Tuͤck,
Dem Feind fo leihten Eingang Zu bereiten,
Semand, den Felton hier vordem gewann, —
Stets fih’rer fhien’s, je mehr er d'ruͤber ſann. —
Zur Schweſter Julia will er fein Gedränge
Bon Sweifeln tragen, und zugleich ihr danken,
325
Und ſieht, hineilend durch des Schloſſes Gänge,
Mit Eins den Felton auf und nieder wanken.
Den fpriht-erlächelnd an: „wie nun? Der ftreuge,
Salante Mitter brach fo aus den Schranken
Der Artigkeit, ſchirmloſe Frau’n mit Schreden
Des Ueberfall's ans ihrem Schlaf zu wecken?
Und daß Euch dann zur Sicht die Frauen zwangen,
Und daß fhon Tag's daranf nah rafhem Streit
Euch meine Hand herbrachte Friegsgefongen, —
Fürwahr, mein Gaft, mir ift es um End leid!’ —
. Doch, — fest er fireng’ hinzu, und feine Wangen
Faͤrbt Zorn, — „wer Euch hier ſchuf Gelegenyeit,
Die Ruhe von Burg Pontorſon zu ſtoͤren,
Ließ ſehr zu feinem Ungluͤck fich bethoͤren!“ —
Da ſpricht der Felton wilde Reden drein,
Verworren hoͤhnt er, laͤugnet frech und bitter
Mit ungefuͤger Worte lautem Schrein, —
Doch Bertrand ſagt: „Ihr laͤrmt wie ein Gewitter; —
Zum Gluͤck ſchlagt Ihr für Diesmal hier nicht em,
Dem Kriegögefang’nen, wie Ihr ſeid, Herr Nitter,
Darf ih mit. Nichten mild’re Rede lehren. |
Dog bitt‘ Euch ; haltet Cuch und mich in Ehren," —
Er wendet fi, und geht in ftolzer Ruh,
Mit feiner Schweiter Julia Math zu pflegen.
326
Die ſprach: „bed Könige Vogt alihier bit Du,
Und darfſt in biefer Burg nicht Schlangen hegen.
Sieh? unterfuchend klar und achtſam zu;
Dann übe fireng’ Dein Recht von Königswegen.
Mer fih mit zorn'gem Neid, mit thör’gem Aeffen
Das Ricterfchwert heranzog, — mag’s ihn treffen!" —
Da geht gefkärkt von ihr hinaus der Held,
Und fühlt befichen ſich mit eruften Rechten.
Und wie er ſorgſam forſcht und fragt, erhellt
Sich das Verbrechen ihm aus fünd’gen Nächten.
Zwei Zofen Theophaniens, Ihlimmgefelt
Zum Untergang von Yontorfon, — fie aͤchten
Sid felber mit halb frech halb fchenen Zungen, —
Der nahe Fluß bat ftrafend fie verſchlungen. —
Von denen til, mein Lied !— Ein heitres Klingen
Ruft in der Burgkapelle zum Altar.
All'ſammt die Hausgenoſſen knieen uud fingen,
md auch der frommen Bürger treue Schaat,
Dem Einen Dank und Anbetung zu bringen,
Der Seiner Kinder Schirmbeer ift und war
Und fein wird, unverduderlich im Seegen,
Ob Welt und Beit verkäubt ſei und erlegen! —
Nach ſolchem Labetrunk nun wende Dich
Aufs nen’ zu hellen, ritterlichen Thaten!
327
Seht Iht bie Feſte, grimm und fuͤrchkerlich
Herabdeohnd auf des Landmann's deitte Saaten?
Einſt war fie deſſen Schutzort. Jetzt hat ſih
Der Feind dort eingedrängt. Mit frechen Thaten
Plagt aus La Roche⸗Teſſon er Die Bauern,
Daß fie in Furcht vergehn und dumpfem Trauern.
Getroſt! Der Bertrand und fein Meines Heer,
Sie werden Alles bald in Ordnung bringen.
Ha, wie. bereits im Sturme Schwert und Speer,
Und lauter noch der Stürmer Stimmen klingen!
Gewaltig war ber Britten Gegenwehr,
Gewalt’ger noch der Franken kuͤhnes Dringen.
Der Burgvogt fällt; dag Land umher hat Frieden.
Dem Bertrand wirb bie Burg. als Leh'n beſchieden.
Der Ruf des Ritters und des Retters flog
So weit durch's Land auf heitern Dankes Schwingen,
Daß bald zu ihm aus Maine. ein Junkherr zog,
Anrufend ihn: „Herr, wollt mir Hälfe bringen!
‚Here Hugh von Caureld, ein Held, fo hoch
An flolgem Sinn, als kuͤhn im Waffenſchwingen,
Streift ſchaͤdlich oft in meine Lindereien,
Und Niemand kann mich, als nur Ihr, befreien. —
„Das koͤnnt Ihe, bofP ich, ſelber wohl am Beſten!“
Sagt Du⸗Gneſclin. „Ihr fuͤhrt ja Syor’n und Degen.“
38 -
Doch feid Ihr nicht gewachſen Enern Gäften,
Will gern ich meine Macht zu Eurer legen.
Den Ritter Hugh kannt' ich ale einen feften,
Biderben Kriegsmann fchon anf frühern Wegen;
Ich hätt’ ihn Längft mal wieder gern geſprochen,
Und floße zu Euch, ſpaͤt'ſtens in zwei Wochen.“
Ein Mann, ein Wort! Der tapfre Bertrand kam,
Und im vereinten Haufen zogen Beide -
Dem Zeinde nad, der’s freudig übernahm,
Sie zu begrüßen auf der grünen Haide.
Bei Zuvigny. — Doc, o der Schmach und. Schaam!
Kaum fland der. Feind zu ſtolzer Augenweide
Schön aufgereih't, als ſchon des Junkherrn Mannen
In feiger Flucht dem Ehrenfeld’ entraunen!
Der Bertrand fah umber mit zorn'gen Augen.
„Sind das Franzoſen?“ rief er endlich drein.
„Wohlen, fo beigen wir mit blut'gen Laugen
Den Kriegsruhm unfres edlen Volkes rein! '
Mag nicht zum Sieg dies Leine Häufleln taugen,
Zum ‘ehrbarn Tod wird’ nicht zu wenig fein!’ —
Dicht fchliefen feine Helden ſich zuſammen:
Im Heizen Todesluſt, im Auge Flammen!
Bon fern hält finnend noch der edle Britte,
Und ſtaunt das fo geſchmolzne Hduflein an,
—
399
Die feit es ſtehn bleibt auf des Schlachtfeld’s Mitte,
Derweilen jene ſchlechte Fluth verrann.
Cr fammelt nah althergebrachter Sitte
Die Führer feiner Schaar, und fragt: „wohlen,
Was machen wir mit jenen troß’gen Degen ?'
Und Alles ruft: „drauf! laßt uns fie erlegen!”
„Da ſei Gott vor!“ fprach Nitter Caurele.
„Drob würd’ uns noch die fpät’fte Zeit verklagen,
Und mand ein Maͤdchenreihen mit holdem Weh
An der Gefaͤllten Grüfte Kränze.tragen! —
Sum mindeiten, eh’ irgend was ergeh',
Laßt und die unverzagten Helden fragen,
Ob ihnen billiger Vertrag gefällt!“ —
Und einen Herold fendet er durch's Feld.
Der fprah zum Bertrand: „Herr, vor Gottes
Blicken
Gilt's nun allhier, in blut'gen Kampf zu gehn.
Doch wollt Ihr noch des Friedens Oelzweig
| pfluͤcken, —
Here Hugh beut ihn Euch dar. Und Das auch
fehn
Die Augen Gottes! — Laßt Ihe nun zerfniden
Die jungen Sproffen, die Euch treu umfteh’n, .
So legen wird Euch ganz auf das Gewiſſen,
Und thun, Sechs gegen Einen, was wir müfen!—
330
„So viel" — fagt Bertrand — „will ich glei
Die kuͤnden:
Wir legen num und nie die Waffen fort,
So lang’ wir Kraft in Arm und Bruſt noch finden!’ —
„Herr, fagt der Herold, „ſolch ein breiftes Wort,
als: Waffen ab! an Eu, bie’ ſich verfünben.
Ihr zieht alsbald an Euch belieb’gen Drt,
Wenn Ihr verheißt, ſammt Enern tapfern Degen
Uns dreiffigtaufend Gulden zu erlegen,
%
Und eh nicht wieder Euch im Krieg zu fiellen,
Bis Ihr Heren Hugh bie Summe ſchickt in’
Haus. U om
Der Bertrand wendet fih zu ben Geſellen,
Und ſpricht: „nun, Kinder, macht Ihr jelbit es
aus!
Nicht Tann der Pakt Euch Euera Ruhm vergaͤllen;
Er tft ehrbar; — doch wollt im luſt'gen Strauß
Ihr Eure Kräfte proben mit deu Menge,
So roit' ih gern woran Euch in's Gedraͤnge!“ —
Die muth'ge Schaar beſpricht ſich, und dem
Herrn,
Der ſtets zur Ehre ſie gefuͤhrt, ergeben,
Heißt ihr Beſchluß: „wir ſterben friſch und gern;
Doch wenn's ſein kaun, — ei, ſchoͤner iſt das
Leben!
331
Und Gueſclin ſelbſt ja, aller Ehre Stern,
Misbilligt's nicht, wenn wir bei'm Ruhmesſtreben
eh? Geld verlieren, als den Tod erdulden.
Sp fahrt denn hin, Ihe dreißigtauſend Gulden !‘
Beſchloffen war's; und Bertrand reitet vor,
Dem Hugb von Saureld die Hand zu reichen,
Und nennt die Bürgen ihm, bie er erfor.
Do Jener ſpricht: „was Bürgen! Euresgleichen
Iſt Bürge mit dem Wort. Mögt Ihe um's Thor
Konftantinopels oder Algiers ftreichen,
Ich halt’ Euch fefter als mit beiden Händen,
Seitdem Ihr ſpracht: ich will das Ding beenden!
Und fo nun könnt mit Gott Ihr fürderreiten,
Mein tapfrer Feind!“ — Sie ſcheiden voller Huld.
Doch wie die Ritter Bertrand’s ihn geleiten,
Fragt Mancher wohl mit Scheu und Ungebuld:
„Nun fagt uns, edler Hauptmann, wie bereiten
Wir und zur Zahlung unfrer heut'gen Schuld? .
Wie viel kommt auf ben Mann?” — Doc Bertrand
| ſpricht:
„Ihr zahlt mit Null; die Sad’ iſt meine Pflicht.“
Da rief manch biedrer Degen: „iſt das Recht?
Sp oft wir einen Feind Im Kriege fingen,
\
Ließt Jedem Ihr, fe?s Ritter oder Knecht,
Sein Theil des Löfgeld’d in die Taſche Klingen!
Und nun es einmal Zahlen gilt, nun brecht
Ihr die Gemeinſchaft ganz, und wollt erſchwingen
Die ungeheure Summ' aus eignem Gute?’ —
„So iſt's;“ erwiedert ex mit heit'rem Muthe.
„So iſt es, Kinder, und fo wird es bleiben!“
Und dann fieht er jo feft und ernfihaft aus,
Daß Niemand wagt, ihm etwas vorzufchreiben.
Kaum auch betrat er nur fein ſchoͤnes Haus
Zu Yontorion, fo ging es an ein Treiben,
Ein Handeln und Verkaufen wirr und Eraus
Mit Jud' und Chrift, als wär’ der ruhmerſtarkte
Bertrand ein Krämer jet, und fdh?’ zu Markte.
Was irgend nur entbedrlih war zu heißen
An Schmud der Wind’ und an Bequemlichkeit
Und an Geraͤth, — er ließ herab es reißen,
Und bots um baares Geld aus weit und breit.
Wie mochten da die Mäfler fich befleißen,
Am Stirnhaar fallend die Gelegeirheit!
Denn auch bei fo was liebt ein Held dad Wagen,
Liebt's da auch, friſch und fröhlich loszuſchlagen.
Und durchꝰs Gewirr ſchritt laͤchelnd hin und wieder
Frau Theophania mit ſtillheit'rem Sinn: |
333
Der hohe Schwan, umldemt vom Marftgefieder!
Des felt'nen Krämers feltne Krämerin!
Denn fie auch warf mand reiches Kleinod nieder
In's wuͤſte Meer von Geld und von Gewinn.
Doch wehrt ed Bertrand, wie er irgend Eonnte,
Weil er ſich gern in Ihrem Glanze fonnte, -
Wo's dann noch fehlte, macht’ er froͤhlich Schulden,
Und Mander lich ihm gern von da und dort,,
Denn jedes Herz gewannen Vertrand's Hulden,
Und jedem Sinn genügte Bertrand’s Wort.
So ſchickt' er bald mit dreißigtaufend Gulden,
An feinen Pfandherrn einen Boten: fort,
Und rief, aufs nene faffend feine Waffen :
„Gottlob, num giebt's viel andres Werk zu ſchaffen! —
‚Der Fruͤhling bluͤht, der Heerzug blitzt! Das
Graͤmen
Um Karl von Blois, der des Verderbens Wein
Sich eingoß mit rechtloſem Unternehmen —
Es mußte vor dem freud'gen Klingenſchein,
Von unſrem Bertrand raſchen Abſchied nehmen.
War ja die Schuld des Treubruch's nimmer ſein!
Auch Frankreich's König laͤßt des Herzogs
Schaffen
AS Oberlehnsherr zu, — auf denn; zu’n Waffen !
3.
Zwar als num vor der ganzen eblen Wunde |
Der Stände Karl fein langes Schweigen brach,
Fuhr Alles ſcheu zuruͤck vor ſolcher Kunde;
Und was ſchon ehmals Ritter Gueſtlin ſprach,
Erſcholl aufs new’ aus manchem Heldenmunde,
Ans manchem treuen Herzen, dem die Schmach
Des Hetzogs Arger war ald eigner Tod, —
Allein der Zürft bebarrt bei'im Kriegsgebot.
Er fprigt: „nur Eines bleibt Euch zu bedeuten; .
Mer fol das Heer befehligen im Krieg?
Laßt eine Schagr von luſt'gen Hirfchen lenken
Durch einen Löwen, und der Kampf wird Sieg!
Doc foll ſich eine Schaar von Löwen ſchwenlen,
Nachdem nem Hirſch die muntre Laune ftieg,
So geht ihr Heldenmuth im Spiel verloren!
Der eitle Fuͤhrer macht fie Al zu Thoren.
Drum laßt den Feldherr'n forgfam uns er:
wählen!’ —
Wohl dacht’ an Bertrand. er, Bretagnes Aar!
Doch wollt er feines Ritters Herz ſich ftehlen,
Das felbft wohl folder Hoffnung fähig war.
Der Aelt'ſte, und vor Allen zu befehlen
Eyrwürdig anerfannt, war Beaumanoir,
Der greife Marſchall; doch nicht durft' er fechten
Nach frühern, von ihm ſelbſt beſchwornen Mecten,
. Drum ſprach er; „Herr, She wißt, welch ein
. Vertrag
Mich hindert, frei im Geld mit mir zu fchalten,
Und weil ich nie bis heut mein Wort noch brach,
Den? ich's bis an mein Enb’ and ſtaͤt zu halten.
Die Undern tadl' ich nicht. Euch zieh'n fie nach!
Eu'r ift die Sache! — Doch weil auf mi Alten
Ihr etwas gebt, — müßt Ihr die Gluth denn ſchuͤren,
€ laßt das Heer von dieſem Bertrand führen!
Denn Der verfteht’8 ; ift auch der Geiſter maͤchtig,
Daß Jeder gern ihm folgt mit freud’ger Eil:
Da rief die ganze edle Schaar einträdtig:
„Gluͤck auf dem Feldherrn Bertrand! Sieg und Heil!“
Erroͤthend ſprach er: „viel zu groß ia daͤcht' ich
Von mir, griff' ich nach ſo gar bohem Theil.
Beſſnnt Euch. Berer Rath wird morgen kommen!”
Doch fie beftehn drauf; ex hat's angenommen.
Da gab der Herzog ihm den Silberſtab,
Beftrent mit Hermelin, — dem Wappenzeichen
Bretagne’s, — fprehend: „leg’ ihn nimmer ab,
Eh unfre Feind’ aus unfrem Land’ entweichen !’' —
„Herr,“- ſprach der Held,=,,ich folg’ Euch bie in's Grab,
Und hoffe, noch vorher an's Ziel zu reichen,
Wo ih Euch herrſchen ſeh' nah Recht und Sitte,
Allein für jezt gewährt mis Eine. Bitte!“
336
" ‚Sem! Y! ſagt der. Fuͤrſt. Und nun, die. ernſten
Blicke
Gerichtet auf den Schmuck aus Hermelin,
Spricht Bertrand: „fol ein Thierlein, - vor derBruͤcke,
Durch die er feinem Jaͤger koͤnnt' entflieh'n,
Kehrt er ſich lieber in den Tod zuruͤcke,
Bedroht am Rettungsweg' ein Schmutzfleck ihn.
Bretagne's Hermelin rein zu bewahren,
Ziemt Euch und mir und dieſen edlen Schaaren!
Ihr wollt — müßt woll'n den Krieg? — Es
iſt gefprochen!
So fit denn mind’ftend einen Herold aus,
Dem Montfort meldend, in den naͤchſten Wochen
Erhebe Kriegsfturm wieder "fein Gebraus.
Und wenn's ihn etwa reu't, daß er gebrochen
Die Lehnspfliht hat an Euch und Euerm Haus,
Moͤg' er vor Euch ſich ſtell'n und Gnade finden,
"Ch? richtend ihn die Waffen uͤberwinden.“ —
Es ſprach der Fürft fein Ia. Der Herold zog,
Und warb fein Wort. Der junge Montfort ſchaute
Streng’ auf ihn hin, und ſprach: „vorlaͤngſt fhon flog
Ein Ruf hiervon durch's Land, allein ich traute
Dem Chrenworte Karls. Nun das mid trog,
Wankt freilih auch die Burg, die ih drauf baute,
Doc werd’ ich kraftvoll fie zu ftügen willen.
Gott ift ja mit mir, und ein gut Gewiſſen!
857 .
Reit' Hin! Ich wart' auf Deinen Here’n im
U Feld.
Mehr hab’ ich nicht auf feinen Gruß zu ſagen.“ —
Der Herold kommt zuruͤck. Wie Donner gellt
ws Ohr dem Karl die Votſchaft. Heimlich nagen
Ihn New und Widerſpruch. Doch unfrem Held,
Nein in fih felbft, wie in den erften Tagen
Der Kindesunfchuld, zudt’s in Feiner Aber,
Er ſchleift fein Schwert, und ordnet bie Geſchwader.
——————
Bertrand Du⸗Gueſclin.
Dritter Geſang.
Carhair ‚ der feſte Platz, war eingenommen
Durch Bertrand, und nun ſtand vor Becherel
Sein tapfres Heer, und zum Entſatz gekommen
Mar Montfort, nach Vermögen ftark und ſchnell.
Von Furcht und Mangel war die Stadt beklommen;
Nothrufe tönten; Feuer brannten hell,
um Hülfe fieh’nd, auf allen ihren Thärmen, —
Montfort bricht auf, das Lager zu beftürmen.
Die äußern Poften wirft er über'n Haufen,
Die erften Stürmenden beginnen ſchon
In der Verfhanzung Grabenrund zu laufen, —
Doch ſchnell ruft Halt! der Kriegstrompeten Ton.
——
Die Krieger ſtehn, und harten, und verſchnaufen,
Und fenden hin und ber der Augen Droh'n.
Da kommt ein Herold Montfort’d angeritten,
Und ſpricht zu Herzog Karl mit edlen Sitten:
Dies laͤßt mein Herr, als kim er ſelbſt, Euch
fagen: |
Bretagner find wir Beide. Unfer Herz
Kann nur mit heißem Weh den Word ertragen,
Zu dem «bier ſich rüftet Erz an Erz.
Drum laß uns frifch den einzeln Zweikampf wagen!
Wer fallt, geht hoffentlich dann himmelwaͤrts,
Weil an fein Recht fein Leben nur ce gab. —
Der Undre hat Bretagne’s Herricherflab!”
- Don Handfchuh reicht er dar mit fitt’gem Neigen;
Schon greift darnach des Herzog's NRitterhand, —
"Da will ein Dußend Räthe ing ſich zeigen,
Und hält den Färften ab vom Ehrenpfand,
Mit Gründen, gut genug für einen Feigen,
Doch nicht für eines Helden Sinn und Stand,
Die Fuͤrſten“ — hieß es —, ſchlagen fi mit Heeren,
Nicht abenthenernd mit zwei blanken Speeren |
She feid im Wortbeil, Herr! Warum ben
laffen?
Barum auf den zufaͤll'gen Ansgang fehen,
22 RM ı
240
Was wir bereits mit ſichern Händen faflen?
Gefaͤllt's dem Zeind, an ung fein Schwert zu weßen,
So wag’ er ſich in dieſes Lagere Gaſſen!
Doch wollt Ihr ihn durchaus mit Kampf ergeben, -
Bewährend, daß Eu’r Muth den nie vermeide,
So fordert ihn zur Schlacht auf Evraus Haide!“ —
Manlieftuicht, daß der Bertrand mitgeſprochen;
Auch kann ich mir's wohl denken, wie er ſchwieg,
Wie feine Pulſe all' mit zorn'gem Pochen
Laut klopften, und das edle Herz ihm ſtieg.
Nie hat ein Held ſolch Wortgefluth gebrochen;
Der Ueberdruß daran ſchafft deſſen Sieg.
Und nothfalls giebt's Exempel, hochbewundert,
Fuͤr ſolch Geſchwaͤtz aus jeglichem Jahrhundert.
So ſpuͤlt' auch hier denn ſeichter Wogen Schwellen
Die Luft nach kuͤhner That aus edlem Sinn.
Statt ſich allein mit eig’nem Arm zu ſtellen
-. Zum Kampf um den hochherrlihen Gewinn,
Befcheidet Karl mit allen Streitgefellen
Den tapfren Zeind nah Evran's Haiden hin,
Und will vor feiner Mehrzahl dort ftolziren, ı
Bretagner opfernd, um fie zu regieren! —
Die pfiff'gen Lente zwar im Rathe dachten :
„Auch das nimmt wohl der Montfort nimmer am.
-
34
Er wird ung viel zu ſtark und zahlreich achten!
Und kommt er, — nun, er kommt ale thör’ger Mann!“ —
Er fommt ald Held, als Zurft, und darf verachten:
Jedweden Hohn, den Exer Wis erſann!
Er kommt als Frau Johanna's Sohn, der Holden
Mit nenem Ruhm die Stirne zu umgolden!
Nicht mehr erſcheint fie felbft im Waffenkleide,
Doch ſchwebt ihr Bild noch geiſtig um die Schaar.
Wohlan, mein Lied, nach Evran auf die Haide! —
Doch halt, — noch halt! Nach Evran führt Dich zwar
Dein ernſter Gang, allein auch hier vermeide
Den Schein, vom Freund zu flieh'n in der Gefahr!
und ſaͤhſt Du auch die Herrin felbft erhellen
Den Plan, — Du mußt, mußt Dich zu Bertrand ftelen !
Der ordnete fein Heer mit beiden Fluͤgeln
Weit vor, von Denen er den rechten führt.
Den Mittelpunkt halt rüdwärts in ben Zügeln
Des Anſehns fern der Fuͤrſt nnd unberührt,
Bis er zum Deden oder Ueberfluͤgeln
Den Augenblick mit Feldherrngeiſt erſpuͤrt. -
Dem Ritter blieb das erfte, Eühnfte Ringen,
Dem Herzog dad enticheidende Wollbringen.
So war ed recht! Und von der Gegenfeite
Zeigt ſich diefelbe Ordnung in den Reih'n.
312
Jedweder ſah, mie durch des Spiegele Breite,
In einen ernften Kampfesgang hinein:
Voran ein edles, rüftiges Geleite,
Im Hintergramd ber Herrfher Glanz und Schein;
Zaft wie man Domesgänge tief fieht dunkeln,
Ind fern im Grund die Altarlampen funkeln.
Und wahrlich, dieſe Domesgänge ſtanden
Auf maͤcht'ge Heldenfäulen feſtgeſtuͤtzt!
Denn aus bretaun’fhen and normann’ihen Landen, -
Und wo nur fonft ein Heldenfiun erbligt,
Ia, auch von England’s weißen Kuͤſten fanden
Eich viel der beften Krieger ein, erhitzt
Bon Ruhmesgluth, um für Haus Montfor’ Rechte
Zu meflen fih mit Bertrand im Gefechte.
Da bielt der edle Chandos vor den Reihen,
. Der tapfre Montaign, und andre Britten,
Die Glanz und Kraft dem Montfortöheere leihen.
Doch fehlten auch nicht Franken, unbeftritten
An Wuͤrdund Ruhm; bier. fprech ich nur von Dreien,
Die vor all Andern hoch und herrlich titten;
Allfammt bieß ‚Olivier die edle Zahl,
Sonft Sliffon, Trezignidy, Cadoudal.
Auf Seiten Karls gab’s Keine fremde Namens
Mormannen zogen und Bretagner nur
343:
3u Gottes Ehren und zum Preis ber Damen
Geſchmuͤckt heran die grüne Haideflur.
Biel Fampfberähmte Tag kamen.
: Bon ihnen in der Folgezeiten Spur
Toͤnt die Hiftorie und der Klang der Lieder
Am mehrfien, Nep, Rohan und Laval wieder. —
Nun gab — noch galt die fhöne, alte Sitte —
Jedwedes Heer fi fehweigend in's Gebet,
Um aus der todesnaben Herzen Mitte
Zu tilgen was fih Eitled drinnen blaͤh't.
Dann. ritten im langſamen Feierſchritte,
Dom vorgetrag’uen Banner überweht,
Die Fürften auf und ab, mit Wort und Winken
Die Kampfgluth ſchuͤrend zu ſiegfreud'gem Blinten,
Schon lodert Fühn fie ans des Buſens Engen
In Aller Blicken ungeftüm empor, —
Da horch! — Von leifen, andachtvollen Klängen
‚ Woher mit Eins der wunderfame Char? —
Die Geiſtlichen ans beiden Schaaren drängen.
Eich frommgetrieben in die Mitte vor!
Den Gott des Friedens preift vol heil’ger Wehmuth
Ihr Lied; die Kämpfer ſtarr'n in ftiller Demuth.
Derweil befprechen fich mit fanften Grüßen
Die Friedensmaͤnner, und zwei Boten gehn
l
„3 _
Aus Ihrem Kreis zu beider Prinzen Süßen,
Den Aufihub noch des Fechtens zu erfieh’n.
Zwar Karl und Moytfort woll'n von Schwert’ und
Spießen
Entfohieden nur den wigt’gen Anſpruch ſehn; —
Doch es erwerben noch dem ernſten Orte
Viel Ritter Frieden, ſprechend dieſe Worte:
„Die frommen Maͤnner laßt bei ihren Rechten.
Was ſchadet uns ihr friedliches Verhandeln?
Gelingt es nicht, fo bleibt noch Zeit zum Fechten.“ —
Doch Bertrand ſprach: „vor Worten bleicht das
Handeln!
Oft ſah man vor fo luft'gem Neteflechten
Wallfiſche fih in Gränblinge verwandeln,
Die bang’ und fcheu zur Tiefe niedertauchten,
- Da muth’gen Strom fonft himmelan fie hauchten.
Weiß Gott: al’ Andrem hatt? ich's vorgezogen,
Beſtaͤnde heut der Waffenftiliftand noch !
Doch jetzt, entfeffelt, braufen wild bie Wogen,
Das Bollwerk des DBertrauens hat ein Loc.
© was wird friedlich nicht mehr zugezogen,
Kommt heute nicht die Schlacht, — einſt kommt ſie doch,
Und kommt gewiß dann bint’ger viel und ſchlimmer.
Das Meer geht had, — doch vorwaͤrts, brave
Schwimmer!“ —
345
Umfonft! Er predigt diesmal tauben. Ohren,
Bor heil'ger Shen, und auch wohl vor dem Zled,
Den fein Gewiflen noch nicht ausgegohren,
Sieht man den Herzog nicht wie ehmals Fed.
Zwar mahnt fein Roß er vorwärts mit den Sporen,
Doch zügelt ers gleich. wieder, wie im Schred.
Es baͤumt, und mit wildftirdubendem Beginnen
Verraͤth's den Kampf: in feines Fürften Sinnen. —
Noch ſchwier'ger läßt das feur'ge Blut ſich zügeln
Sm inngen Montfort, deffen Heldenblid - |
Stolz ahnend ſchaut fein Bild auf R Ruhmeshuͤgeln,
Und nah' des erſten Sieges Meiſterſtuͤck.
Daß ihn die uͤberzaͤhl'gen Feind’ umfluͤgeln, —
Es lockt nur gluͤh'nder ihn zu Sieg und Gluͤck.
Denn nicht auf Spiegelſee'n, — auf ſtuͤrm'gen
Wellen
Soll ihm zuerſt Kampfglüc die Seegel ſchwellen.
Auch hat er Alles klug und kuͤhn bereitet
Nach beider Aeltern ſchoͤn ererbtem Geiſt.
Weit haͤlt die Schlachtordnung er ausgebreitet,
Daß nieht der. Gegner fie alsbald umtreift;
Doch foll fie, wann zum nahen. Kampf man reitet,
Eid brechen, wie die Bauberfhlange reißt, .
Auf's nen’ belebt in hundert ruͤſtigen Stüden,
Alwärtsden Feind mit grimm'gem Biß zu zwiden. —
346
Auch mahnt ihn Chandos und die andern Ritter
Aus England kuͤhn von der Verhandlung ab.
Doch mandy ein Eingeborner fragte bitter:
„Ihr Herr'n fäh’t gern wohl ein Bretagnergrab?
Saͤh't gern ben Schnitter fallen durch den Schnitten,
Und rittet bin und ber im lufl’gen Trab,
Um bier und da gelaffen nachgumähen? —
O junger Herzog, laßt das nicht geſchehen!
O denkt an Eute frommen, freud'gen Ahnen!
An Eu'r Gewiſſen, Eure Ehre denkt!“ —
Da hat zuleßt das Tebend firenge Mahnen
Den Yünglingegeift zu mild’rem Rath gelenkt.
Er gönnt es, daß in Mitten beider Fahnen
Die fromme Schaar auf Frieden fi bedenkt.
Sür eine Stunde giebt er Waffenruh’. |
Daſſelbe gab fein Feind fon früher zu.
Da rann In Schanern frod durch bie Geſchwader
Des holden Friedens naher Hoffnungsklang.
Ach, quoll ia falt in jeder Zeindesader
Verwandtes Blut! Die ganze Haid’ entlang,
Getilgt ſchon wähnend all’ den büftern Hader,
Winkt, Speere neigend, die man kaum noch ſchwang,
Landsmann und Landsmann febnend fi entgegen,
und alle Blicke ſprechen Lieb’ und Geegen.
37 4
Schön hörte Grüße man und heit'res Fragen
Nach Baſ' und Oheim, Schweiterkind und Braut;
Man holdes Bild hat von entſchwund'nen Tagen
Im Herzen fchnel fi wieder auferbant. . .
Die jüngft kriegluſtig brannten, ſich zu fchlagen,
Sind Eins nun im vielfiimm’gen Jubellaut,
Verheißend, in den nächften Augenbliden
Einander froͤhlich Bruſt au Bruft zu druͤcken.
Ihr Leichtbewegten, glaubt Ihr, weil’ gelingt,
Daß Euer kleines Leben kann vergeffen,
(Und doch wohl nur fo lang’ die Stunde Klingt!)
Was jängft Ihre heiſchtet wagend und vermeffen, —
Glaubt Ihr, daß fo man's auch mit Staaten zwingt ?-
Daß mit weihherzig luſt'gem Maaß fi meſſen
Die Rechte, bie in ernſter Vorwelt haften,
Ein heil'ger Hain für Herr'n und Voͤlkerſchaften? —
Zwar jene frommen Männer, unerfahren
In Allem, was hier Wunden ſchlaͤgt und heilt,
Sie, deren Sinn ſeit ihren fruͤh'ſten Jahren
Nicht auf der Welt, im Klofter hat verweilt, —
Sie find gar unbedacht an's Ziel gefahren,
Und haben frifh das Herzogthum getheilt:
Die Hälfte Jedem! Der Verbrüd’rung Mittel
‚Se Beider Herzogsrang und Herzogstitel! —
‚348 _-
Ihr teatet In fo hohem Sinn zuſammen,
Und Habt fo Kläglihes nur ausgedacht!
So geht ed, wenn man fhöne Himmelsflammen,
Auf heil’gem Heerd der frommen Bruſt erwacht,
Achtlos, woher die feel’gen Lichter ftammen,
Mit eitlem Hand zur raſchen Lohe facht!
Das fährt dann ſchnell wohl auf wie Blitzgefunkel; —
Bald weicht die Himmelskraft, — nen herfcht das
Dunkel. —
Sept, als die Boten zu den Fürften kamen,
Sprach Karl von Blois: „Ich bin hierhergeſtellt
In Stau Sohanna’s, meiner Gattin, Namen,
uUnd nicht vergeb’ ih ihr Ein Stüdlein Feld.“ —
Der Montfort rief: „Ihr macht zu engen Rahmen
Um großes Bild! Konnt' auf die ganze Welt
Nicht Caͤſar dem Pompejus Theilung gönnen,
Wie ſoll'n wir Zwei' und hier vertragen koͤnnen ?“ —
Von beiden Seiten kam ein firenges Nein
Buräd. Man ſah die Geiftlihen fi trennen, _
Und die Trompeten ſchmettern zuͤrnend drein,
Und rufen Schaar an Schaar zum blut'gen Rennen.
Doch nicht mehr dringt das in die Seelen ein,
Wie eh's zum Grüßen kam und Wieberkennen.
Die Krieger halten ftumm undftart, gleich Mauern;
An jedem Antlig malt fih Schmerz und Trauern.
349
Und wo die Führer raſch zum Angriff treiben,
Zeigt vollends ſich der offne Widerftaud,
Auf alen Seiten ruft’s, rein folle bleiben
Don Bruderblut die fromme Bruderhand!
Manch Einer fchreit: „gilt's hier, wen zu entleiben
Auf unfrem freubigbläh’nden Haldeland, —
Was treffen wir nicht allvereint die Britten?
Der Erbfeind halt ja nun in unfrer Mitten!’ —
Die Ritter Englands ſchweigen bei dem Laͤrmen,
Nicht wagend fürder einen blut'gen Rath.
Erft wollten fie an fremder Gluth fi wärmen,
Und freuten fi jedweder Funkenſaat;
Doch nun die Flamme fteigt mit wuͤſtem Schwärmen,
Und ſich verderblich ihren Hauptern nab’t,
Nun möchten [hen den Brand fie niederhalten; —
So firaft der ew’gen Rachegeiſter Wab
ten! —
Die Fürften biiden zweifelnd auf und nieder
Durdy’8 Feld, das wilde Friedensluſt verftört.
Da nah’n bie Geiſtlichen fi fih Beiden wieder
Mit Bitten, die man halb gezwungen hört,
Mir Vorftellungen, wie ald ein’ge Brüder,
Bon Ehrgeiz und von Argwohn unbethört,
Sie herrſchen Tönnten mit vereinten Sinnen,
Dem Rolle Heil, fih eiw’gen Dank gewinnen,
4
350 | |
Es fagte der Belahrtefte der Frommen |
au Montfort: „Herr, weil Ihr vorhin einmal |
Den Caͤſar zum Erempel habt genommen,
Soll ans dem griehifh röm’fhen Heldenſaal
Ein andres Vorbild mir zu Hülfe fommen!
In Sparta, wißt Ihr, galt die Doppelzahl
Der Kön’ge immerdar als gute Regel;
Ihr Doppelgluͤck blies in des Staates Segel;
t
Ihr Doppelarm regierte feft das Steuer,
Ihr Doppelblid erſpaͤh'te ſcharf den Stand
Des lenkenden Geftirn’s, das naͤcht'ge Feuer
Am Juſelbord, die ferne Klippenwand.
Sei Euch der großen Sparter Beifpiel theuer!
Weitlaͤuft'ger nicht, ale unſres, war ihr Land,
Ihr Volk, wie unfres, froh und ſtark zum Kriegen, —
hr feht, daß hier ganz gleich die Sachen liegen!’ —
Es zudte etwas in des Montfort Zuͤgen, —
Man wußte niht: wars Ingrimm, war ed Hohn.
O ſchelt' er mir den Mönd nit! Solche Kügen
Sind nicht allein des Kloſtergruͤbelns Lohn.
Wie viel, gleich ihm, Betrogne, die betrügen,
Sah'n wir im lauten Marktgewühle ſchon,
Die treu mit Eparta und mit Rom vergleihen
Jedwedes aus den neu'ſten Ehriftenreichen! —
351
Doch hätte wohl ber junge Ritterheld,
Der Montfort, nicht auf Sparta viel gegeben;
Nur daß die firenge Bänd’gerin der Welt,
Die Noth, ihm hemmte jedes kühn’re Streben.
Es war ja Schlacht und Krieg wie .abbeftelt
Bor eines Triedenwahnfinns tollem Weben!
Es fand ja rings das Feld in Friedensflammen! —
Da ritten friedlich auch die Herrn zuſammen. —
O vielbethörtes Wolf, das vol Entzüden
Raſch Arm in Arm nun zueinander fliegt,
Du wähnft, die heil’ge Friedensfrucht zu pfluͤcken
Vom Baum, an deffem Fuß die Schlange liegt ?
Und Ihr, o Seiftlide, Ihe glaubt, bie Tüden
Des Satans hab’ En'r frommes Wort beſiegt?
Ihr feid beſiegt! Euch Bat ein raſch Verlangen
Im frechen Nep der Rebellion gefangen!
Nicht daher wird Euch Kraft und Seegen
fommen,
Nicht daher Fried’ und Ruh? dem Vaterland!
Die Iny’ren Stimmen habt Ihr misvernonmen,
Die inn're Sehnfucht habt Ihe misgekannt. —
D Menſch, wie oft ſchon bift Du aufgeflommen
Nah Gluͤck und Heil an des Vepderbers Hand!
Bom Abfinrz ließ er Dich zerfehmetternd fallen, —
Und weh, ſtets wieder mit ihm willſt Du wallen! —
952
Was unterm thöriht jubelnden Tumult
Die beiden Fürften jegt von Frieden ſprachen, —
Da war fein Wort von Freundlichkeit und Huld,
Da gab's nur Formeln, die das Herz durchſtachen,
Hecht fheinbar artig rügend Schad’ und Schuld,
Und was die beiden Häufer je verbrachen.
Und fo, im Buͤgel und auf Kriegesroffen, .
Ward der gezwung’ne Frieden kalt beſchloſſen.
Mit regftem Cifer ward nur noch betrieben,
Der gegenfeit’gen Eidesbürgen Wahl.
Was giebt denn auch ſolch Buͤndniß fonder Lieben
Sur Zuverfiht, als Blur und Richterſahl?
Swölf Hat von jeder Seite man verſchrieben;
Doch lag's dem Montfort nicht nur an ber Zahl.
Er ſprach: „den Gueſclin follt Ihr mitbenennen;
Sonſt werd’ ich hie den Frieden anerkennen!’ —
— Sao kam der Gueſclin mit denn in die Reihe,
So zum Gefangnen ward mit Eins beſtellt
Der Vielgeprüfte, Ritterliche, Sreie! —
Doc darin auch gab freundlich fidy der Held,
„Ob ich dem Herzog mein Gewaffen leihe,“ —
Sprah er, — „und meinen Arm im blutigen
Feld, —
Ob ich als Pfand für ihn beim Feinde ftehe, —
»S ift Alles Leh'nspflicht, und fein BIN? ergehe 1" —
\
i 353
Als num der Karl die Ritter a entließ,
Die Bürgen waren für fein Wort geworden,
Sprach er: „nicht wahr, genug bat Schlwert und
Spieß .
Allhier zu Band geraft mit blut'gem Morden?
Und ging’s auch um ein zweites goldnes Vließ,
Und gaͤlt's auch Blut nur von Barbarenhorden, —
Der Eried’ ift doch die herrlichſte Erſcheinung!
Nicht wahr?" — Da gabs nun manch verſchied'ne
Meinung.
Der Bertrand fprah: „Ihe habt bie Ruh⸗
erforen,
Und wirklich iſt der Fried' auch wohl recht gut.
Doch gaben wir den Augenblick verloren,
Wo's mur bei und ſtand, Euch den Herzoghut
Auf's Haupt zu feßen yanz und unbefchören! —
Fahrt wohl, mein SFuͤrſt! Ich will mit ſtillem
Muth
Mich hin zur Burg des Ritter Felton machen;
Der fol ja pflegen mein und mich bewachen!“
23
364
U U]
Erläuterungen
sum britten Sefange.
Seite 340:
Bretagner opfernd, um fie zu res
gieren.
In einem Zeitalter voll abſichtlicher und un⸗
abſichtlicher Misverſtaͤndniſſe, iſt es vielleicht
nicht uͤberfluͤſſſg, daß der Dichter ſich gegen die
Auslegung verwahre, als babe er bier anden⸗
ten wollen, ein Zürft dürfe nicht zur Behauptung
feiner Herrſchaft fein ihm von Gottes Gnaden an:
vertrautes Volt auf bas Schlachtfeld führen,
fondern müffe aus lauter Liebe zu ben Unterthanen
lieber gleich davon laufen, wenn’s einem Ufurpator
einfalle, fih mit Gewalt auf feinen Stubl feßen
- zu wollen. Das Ding Elingt freilich toll und iſt es
auch, aber nichts ift fe toll, das nicht ‚von jalo⸗
binifhen Blutmännern und weinerlihen Empfind-
lern gepriefen werben Fönnte, und zwar von Beiden
auf Einmal. — Hier indeffen ift von einem Erb⸗
folgekrieg die Rede, und zwar von einem ſolchen,
der durch rechtlihen Vertrag gehemmt war. De
hatte Karl von Blois vor Gott Fein Recht, feine
355
Bretagner zum Kampfe Lanbemann wider Lande:
mann zu führen, wenigftens nicht vor abgelaufnem
Waffenftillfiande, und billig konnte man fordern,
daß wo nicht die Erfenntniß bes firengen Rechts,
doch die Liebe zu dem Volke, das er deherrſchen
wollte, ihn von dem bäßlihen Unternehmen zu:
ruͤckhalte.
Mitleid gebuͤrt Dir Armen, den eigene Schwaͤche
vom Recht rip!
Ri von der Liebe fie Dih? Wehe der
ſchrecklichen Schuld!
23*
Bertrand Du⸗-Gueſclin.
Bierter Gefang
Sie lebten in ganz freundlihem Vernehmen,
Der Ritter Selton und fein edler Gaft.
Zwar mochte Jener noch fi etwas ſchaͤmen
Bor Pontorfons Erinn'rung; — doch die Lat
Des inn'ren Vorwurfs ſucht' er abzunehmen
Dom eignen Geiſt, indem er Bertrand’s Raſt,
Die unfreiwil’ge, mit recht edlem Walten
Bemüht war, faſt wie Freiheit zu geftalten.
Die Beiden ſaßen einft bei’m Abendtiſche,
Und zwiſchen ihnen ftand ein Becher Wein
Und eine Schuͤſſel felbftgefang’ner Fiſche.
Da fprang bes Felton aͤlt'ſter Sohn herein, —
357
-@in Knab' in fhöner Unfchuld Jugendfriſche,
Dem Bertrand folgend ftets, burgaus, burgein, —
und rief: „ein Herold auf kohlſchwarzem Noffe
Kommt prächtig an, und bdlt auch fon im Schloffe!
Den Knappen, bie fein fhönes Pferd empfingen,
Rief ernft er zu: „ſchleift Waffen! Denn es gilt! —
Den Saul follt Ihre mir nicht zu Stalle bringen;
Gleich zeit’ ich fort; die Zeit iſt vafch und wild !”’—
Indem ſchon hört man feine Sporen Klingen;
‚Er tritt herein. Das große Wappenſchild,
Auf feinem Kriegsrod flimmernd reih-und bunt,
Gab ihn als einen. Diener Montfort's kund.
„Gegruͤßt, Herr Ritter!“ ſprach mitehlem Neigen
Der blanke Gaſt.“ Legt Eure Wehr zurecht;
Wir tanzen wieder bald den Waffenreigen.
Das kommt diesmal vom zaͤrtlichen Geſchlecht.
Johanna Blois will nicht dem Recht ſich beugen,
Was ihrem Karl bei Evran galt fuͤr Recht.
Das Schwert muß nun den Raͤthſelſtreit beenden,
Und Jeder giebt die Bürgen aus ben Haͤnden!
Mir einen Einz’gen nicht! Den fer ich hier,
Und foll in Herzog’s Namen Euch: befehlen::
Laßt nimmer ihn ans Euerm Burgrevier!“ —
Wild fuhr der Bertrand auf: „das wird erzaͤhlen
’
358
Die Nachwelt noch, und nicht zu Eurer Zier!
map Ihr dem Gegner ſelne Helden —?“
— „ſtehlen!“ —
Dies harte Wort war faſt heraus zur Mitte;
Doch hemmt’ er's noch, gedenkend feiner Sitte.
Der Herold wandte fih, und ritt von binnen;
Mandy Aufgebot noch bat er au beitellen.
Da forfhten nun die Zwei mit treuem Sinnen,
Bertrand und Zelton, wies fei anzuftellen,
Dem Helden feine Freiheit zu gewinnen
Nach heil'gem Recht in folben theuern Zällen.
„Ich wid zum Herzog Montfort felber reiten,’ —
ESprach Felton, — „und verhoff' ihn zu bedeuten. —
er ritt und ſprach. — Doch Montfort, — o Du Sohn
Johanna's, fing auch Dich in argen Schlingen
Die ſchlechte Lift der Welt? — er rief: „zum Hohn
Waͤr's ja mir felbft, ließ’ ih im Kampfesringen
Dom ftärkften Feind freiwillig mich bebrohn !
Mein, bleib’ der FalP im Käfig! Oder fingen
Lern’ er das Lied: ‚nie wider Montfort Erliegen
Will ich, dei meinem Eid!“ — Dann mag er fliegen! —
Doch ſchwoͤrt er’s etwa nicht, der Weberbreifte,
So ſchick' ich ihn nach England noch hinaus.
Da wart’ er denn, ob Jemand Huͤlf' ihm Teifte,
Bis ſich gelegt hat dieſes Kriegögehraud!‘ —
359
So kam?s, daß Felton traurig heimwaͤrts reiſte.
Der Bertrand rief bei ſeiner Botſchaft aus:
„Bott weiß,“ — und feurig gluͤhten ſeine Wangen, —
„Bott weiß, man haͤlt mi wider Recht gefangen!"
Und auch von Stund’ an war er feft entfchloflen,
Eich felbit zu helfen durch frifhkähne That.
Zu felnem Knappen ſprach er: „mit zwei" Roſſen
Halt taͤglich Dich bereit am Erlenpfad!" —
Einſt war mit feinen: freundlichen Genoſſen,
Dem Sohne Felton's, er dem Ort genaht,
Den zu der Pferde Stand er auserwaͤhlte;
Das Kind ging horchend mit; der Held erzaͤhlte.
So ſprach er unter Andrem: „haſt vernommen
Die Sage ſchon vom ungeſchlachten Rieſen,
Der, um App'tit zum Eſſen zu bekommen,
Zehn Meilen täglich Tief durch Feld und Wiefen?—
Er fteht vor Dir! Hent’ hab’ ich's unternommen,
And ˖ ſetz' es dur. Wie er, darf ich nur nieſen,
So ſind alsbald acht Beine mir entſproſſen““ —
Da: nieſt? er, und der Knapp' kam mit ben Roſſen.
Dem Kinde ward's recht ſcheu und weinerlich;
Doch Bertrand ſprach: „geh? Du getroſt zuruͤcke.
Zwar nicht mehr heimgeleiten kann ich Dich;
Doch ſiehſt Du ja ganz nahe Schloß und Bruͤcke!
„In
‚Den Water gruͤß'! Co ſieht fo Har ald id:
Was mich gefangen hielt, war Lug und Tüde!
Sonft wuͤrd' ich nicht ohn' Abfchied yon ihn fahren. —
Stets will ih Huld und Freundſchaft ihm bewahren.”
.. Da fprach der arme Burſch mit bangem Weinen:
„Ach, Vater kommt gewiß in fhöne Wuth,
Wenn Ih fo muß ol’ Euch vor ihm erſcheinen!“
Doch Bertrand lacht: „ei Kind, der weiß recht gut,
Daß man mich ſchwerlich haͤlt an Arm und Veinen!
Er hat's erprobt mit Beulen und mit Blut.
Doch wenn er ſchilt, wohl gar Dir droht mit Schlägen,
Sp lauf’ zu mir; ih will Dein treulich pflegen!“ —
Hier feh‘. ih mand ein Haupt recht ernfibaft
ſchuͤtteln,
»Nem Vater oder Lehrer angehoͤrig!
Die Leute ſeufzen: „ſchoͤne Wahl von Mitteln,
Cin Kind zu ſchuͤtzen! Ei wie roh und thörig 14 —
Es kommt davon: wer felbft nach Obſt mit Kuitteln
Als Knabe warf, wird niemals recht gelebrig,
Die Fruͤchtlein fduberlid vom Baum, zu pfluͤcken,
Und mahnt auch Kinder wohl zu gleihen Stuͤcken! —
Der Bertrand grüßt, und trabt durch laub'ge
Gänge
Davon, - Das Kind geht heim im Thraͤnenguß.
- 361
Verſteht fi, daß Herr’u Felton’s Grimm und Strenge
Den Sohn nicht traf. Doch ſonſt gab's viel Verdruß,
Und weil in ſolchen Haders duͤſtrer Enge
Nur widerwillig ſchaͤumt des Liedes Fluß,
So goͤnnt, daß wir und raſch nach vorwaͤrts ſchwingen,
Bald losgeeiſt aus fo fatalen Dingen!
Suerft begann manıh tüd’fher Mund zu fagen
An Montfort’d Hof, es-bab? um ſchnoͤdes Geld
- Herr Felton aus des Burghof's fihren Hagen
Den Adler laffen fliehen in's freie Feld.
Schon ſah der Fuͤrſt mit inn'rem Zornesnagen
Auf feinen Ritter. Doch es ließ mein Held
Ihm einen. Brief gar fhöm und deutlich ſchreiben,
Der Wahrheit nach Fund gebend al’ das Treiben. .
Und drunter fand: „will Jemand fich erfrechen
Zu fagen, daß ich in Rechtloſigkeit
Der Haft entfioh, fo wag' ich's, anzufprechen
En'r Hoheit um ein gnäbiges Geleit,
Um mit dem Lügner einen Speer zu brechen
Auf Tod und Leben im ehrbaren Streit!" —
Da warb alsbald dad Neben gänzlich ſtille.
Nicht ſolch ein Zweiſprach war ber Schwärer Wille,
Do kaum war das beendet fonder Baden
Im Blut, fo kam ein Schreiben von Paris:
362
„Herr Bertrand Du-Gueſclin wich vorgelaben,
Sich zu vertheid’gen; weshalb. er verließ
Herrn Felton's Burg zu Deſſen großem Schaden,
Der ſich vertrauend ihm und Hold erwies.
Der Wirth führt um den Gaſt bei ung hier Klage. —
Da rief der Dertrand: „gar 'ne weile Frage!
Warum ich ritt?. Warum —? Ei, Ihr Perüden
Bom Parlament, Euch Halt’. ich's noch zu gut.
Doch daß des Felton kommt mit folhen Bräden
Bon Klag’ und Antwort, — das ſetzt mich. in. Wuth!
Der, hofft: ich, ließ? weit ehr in taufend Gtäden
Zerhauen fih mit freud’gem Kampfesmuth,
ls fo beinem Gerichtshof. vorzufahren! —
Man: lernt viel- Neues, kommt man nur zu Jahren!”
Auf einmal aber ward fein Zuͤrnen ſtill.
Er laͤchelte. Dann ſprach er vor. fich nieder:
„Sacht, fact! Run erſt vermesf ih, was er will.
Es gilt die Klaͤtſcher, gilt. bie falſchen Bruͤder.
Und Di, mein. Herz, nicht fürber tob' und ſchwill?
Es knarr'n je nur bie Federn bin und wieder.
Hätt? er's mit Dir: ſchon hielt’ er in den Schranfen.
Doch fo, — gut! Laß die Rechtägelahrten zanten—
Da bat er ſolchen Mann. denn abgeſendet,
Ihn zu vertreten vor: dem Parlament.
363 .
Dort ward die Sache bin und ber gewendet,
Und Saß auf Saß vertheidigt und berennt.
Zuletzt ward. Alles durch den Spruch beendet:
„Der Streitift Null, und hiermit ganz zertrennt!”—
Nun, Lied, ſchwing' Dich zuruͤck zu dem. Befeeiten,
Fon frifch durch Wald = und Felbluft. zu geleiten! .
Drei lange Monden waren fait vergangen,
Seit er nicht. Herr. des eignen Selbft gemefen.
Nun fühle er vom heißklopfenden Verlangen
Die Bruſt mit Eins befriedigt und genefen.
War's nicht, ald ob bereits Trompeten klangen?
Als hielt dort eine Schaar,. zum Kampf erlefen ?—
Noch waren’d Kläng’ und Bilder der Natur,
Do deutend naher. Zukunft Heldenfpur. —
Rad Guingamp, einer Stadt, vorlängft im Frieden
Als Erbgut feinem. Herzog augetheilt,
Hatt er viel feiner Leute. hinbeichieden,
Und fih Im Mitt nit Augenblik’s verweibt, — .
Der Jubelruf — der Heldenlohn hienieden,. |
Der ſchnell erſcheint, jedoch and) fehnell enteilt! —
Kam vielfach srüßend ihm von dort entgegen.
Am Marite. hielten: feine tapferu Degen.
Rach frend’gem Mahl, nach wohlgepflegter Ruh’
Bolt! er am naͤchſten Tag' von binnen reiten,
——
Seltſam! Da blieb das Thor hartnaͤckig zu,
Und ringsum draͤngte ſich's von vielen Leuten.
Der Bertrand fragt den Naͤchſten: „Landsmann, Du,
Sag’ an, was fol dies wirre Thun bedenten? -_
Ließ ih was unbezahlt? Fiug bier ein Neiter
Spul an aus meiner Schaar ? Schnell! Ich muß weiter
Unb was verborben ward, will ich erfeßen, .
Vierfach und höher! Nichte iſt drger mir,
Als ſolch ein tolles Drüden, Lärmen, Heben
Bon Landsmann gegen Landsmann im Quartier!
Fuͤrwahr, bie ſchlecht'ſte Art fich zu ergößen,
@in Spott recht aller edlen Kriegsmanier!“
Wild ſchaut' er um mit feinem raſchen Weſen.
' Sein grieggoelt rief: „Herr, wir ſinds nichtgeweſen !’-
' ‚Du, mein Hausmeiſter ? hieß ich Dich nicht äehlen
In der Herberge reich und ungefhent?
Sagt’ Ih Die nicht zu. bunderttaufenbmalen” —
„Ei, Herr, ich that's; wirifhulben Beinen Deut!'—
„Nun dann, Thor auf, Ihe Auſtern in ben Schalen !
Schlaft aus! No viele Meilen reit' ich heut!" —
Da rief ein Bürger, erſt zu Wort gefommen:
„Ach guter Here, das würd uns wenig frommen !
Wir willen wohl, Ihr reitet wie ber Wind;
Nun hier, nun bort! Doc yolten wir Euch fprechen,
De ſchloſſen wir bie Thore denn. gefhwind,
@in wenig die unbänd’ge Eil zu ſchwaͤchen.
Ach lieber Herr, feht und mit Weib und Kind!
Seht Weib und Kind in lauter Thraͤnenbaͤchen!
Daran habt Ihr nit Schuld, nicht Eure Leute.
Ihr zahltet veih für Geſtern und für Heute.
Und braucht Ihr etwa eine Summe Gelb,
Jetzt kaum befreit aus Eures Feindes Schlingen,
So bin id) von der Bürgerfchaft beſtellt,
Euch ſechzigtauſend Livres darzubringen;” —
Verdrießlich ſchuͤttelt feinen Kopf der Held;
Gleich laͤßt der Bürger andre Worte Hingen :
„Wir fleh’n um Euer Schwert, ung zu beftei’n 14
Da ſah der Nitter Elar und freundlich drein.
„Wir fleh’n um Eier Schwert! Hier nahgelegen
Giebt e8 zwei Schlöffer, drin zwei Feinde Haufen,
Recht wie Dämonen grimmig und vermegen!
Kaum tauchen wir nur auf aus wäfren Klaufen,
So lau'rt gewiß ſchon einer auf den Wegen, |
Raubt unfer Gut, und ſchleppt zu Dräu’n und Sraufen
©efang’ne fort, die aus der Macht des Böfen
Mir dann mit ſchwerer Zahlung kaum erföfen,
Der Handel unf’rer Stadt iſt ganz verdorben,
Furcht und Betruͤbniß figt auf allen Schwellen,
X
366
Und Mahl und Feft find längft wie ausgeſtorben.
Wir waren fonft fo Inftige Geſellen! —
Doc bald wird alles Gute rüderworben,
Wollt Ihre End nur an unfre, Spiße ftellen.
Achttanfend Mann find Euch zum Dienft erbötig,
Und was an Geld und Sturmzeng nur iſt noͤthig.“
Und als der Bürger fhwieg, fiel Alles nieder
Rings auf die Knie’, und rief: „verlaß und niet
Mann Gottes, Bertrand! Du, der brav und -bieder
Die Unterdrüdten tröftet und verficht,
O zeig’ ald Der Du bift auch hier Dich wieder!
Die Mauern brid, draus Mord und Sammer bricht
Auf unfte Häufer und des Landmann's Hätten
D bleib, Mann Gottes! Hilf! Laß Dich erbitten!“ —
&o tönte der vielfache Chor von Stimmen,
Bon Männern, Weibern, und von Kindern auch.
Die Frauen ließen in die Lüfte ſchwimmen
Geloͤſt ihre Haar, nach Hülfefleh’nder Brauch.
Wie zarte Flaͤmmchen auf und nieder glimmen
Dor einer Zugluft ungeſtuͤmen Hauch,
So neigten tief die Kindlein ſich zur Erbe,
Und firebten auf mit flehender Geberde.
Des Ritters Auge funfelte von Thraͤnen
und felbft die Wange ward ihm davon feucht,
367
Er rief: „mein, Euer Hoffen fei kein Wähnen!
Weh dem, der vor der Unfhuld Bitten feucht!
Ich bleibe bei Euch, bis von Frankreichs Haͤhnen
Die Leoparden England’s find verſcheucht!“ ’
Und rädwärts wandt' er feines Moffes Tritte
In dankbar jubelreichen Voltes Mitte.
So warb er bis zum Stadthaus froh geleitet,
Wo er den edlen Rath verfammelt fand, |
Und forgfem nım den Angriff vorbereitet.
Da hört er wohl,. es gilt nicht leichten Stand,
Sei's, daß Burg Piltivien man erft beftreiter,
Sei’, daB Burg Trogot erft wird angerannt,
Auf Iener ſah man Roger Davy falten,
Und Thomelin auf diefer Poften halten,
Derweil die Väter nun ber Stadt berathen
Mit Bertrand fi durch manch ein kluges Wort,
Flog ſchon, vorahnend Fänft’ge Siegesthaten,
Ein helles Freudegruͤßen durch den Ort. —
So jauchzt der Landmann ob der grünen Saaten;
Zwar zieht noch manche Stunde her und fort,
Bedenklich, eh’ fih Fruͤchte laffen ſchauen, —
Doch Hoffnung fällt die Seel’ ihm und Vertrauen. —
Durch jedes Hans Flingt’s fröhlich anfund nieder:
Der ehle Bertrand, der Mann Gottes, bleibt!“
IB .
Auch dur die Dörfer zieht's im Schall der Lieder,
Wo's viele Bauern froh zum. Waffen treibt. —
Doch auch in den Swingfchlöffeen halt es wieder,
Surchtbar, wie Donnerruf das Ohr betäubt:
- „Der Bertrand, der Mann Gottes, ift gefommen,
Und bat den Krieg in feine Hand genommen!“ —
Wie ſchien bie Sonne freubdenhell im Freien! —
Wie ſchloß die fremde Schaar fo dumpf ihre Net! —
Das Landvolk ftelite jauchzend fi in Reihen;
Die Fremden rammten Steim und Pfähte feit;
Friſchkuͤhne Märfche bliefen die Schallmeien;
Stumm war e6 broben, wie bei'm Leichenfeſt! —
So zwiefah wunderbar Tann Freud’ und Schrecken
Ein felber Laut zugleich bei Menfhen werden! —
Es waren nur acht Tage kaum vergangen,
-Und tauſend Männer folgten Bertrand’s Fahnen. —
Da bat den Zug er rüftig angefangen,
Zuerſt auf Piftivien. Cr ließ ermahnen
Den Fühnen Roger: „nun ift aufgegangen
Der Tag, wo ſich bis in Dein Schloß wird bahnen
Die Nahe grimm’gen Weg, Di zu befktafen
Für alle Leiden, die dies Land betrafen!
Durch Dich betrafen und durch Deine Rokten !
Nimm Dia in Acht! Die Wuth des Volles brennt,
|
I
DE
Und fſorthlin darfſt Du nicht fie mehr verfpotten,
Die, losgelaffen, mindern Bügel fennt, |
Als jene Gluth, die aus vulkan'ſchen Grotten
Bergunter durch die Felder ſiedend rennt.
Doth willſt Du jetzt deu Platz mir uͤbergeben,
So fihr ich Ehre Dir und Gut und Leben.“ —
„Der Platz iſt mein!” ſprach Roger ſtolz zuruͤck.
„Bretann'ſchem Adel iſt mein Weib entſproſſen,
Und dieſes Schloß von ihrem Erb' ein Stuͤck.
Es zu vettheid'gen ſeht Ihr mich entſchloſſen.
Zwar kenn’ich Bertrand's Muth und Bertrand's Gluͤck,
Doch macht mich das eh’ freudig, als verdroſſen.
Hein Herold, reit! Es fol Dein Herr empfinden,
Schwer laß’ ein Brittenhelb ſich überwinden!” —
Wohl recht, o Roger Davp! Durin fteh’n
Dir die Geſchichten bei aus allen Zeiten;
Und bier auf Piltivien gum Kampf: zu gehn,
Wird zwiefah Noch dem kuͤhnen Feind bereiten:
Das Schloß liegt mitten zwifchen breiten See’n,
Auf Einem fhmalen Damm nur zu durchfchteiten,
Doch Bertrand firebt, die Wafler abzulaflen;
Biel Hände find’s, die raſch zum Werte fallen. _
Dom Schlofe fädrt ein Kleines Kriegsgeſchwader
Auf Barken her, bie Arbeit ihm au hindern, :
24
0
Verſchanzt mit Balfen, wie mit feſtein Quadet,
Und Pfeite ſchwirr'nd. Doch können fie nicht. mindern
Den frend’gen Muth, aufquell'nd in jeder’ Ader,
Und Scherz und Luft die jeden Unfall lindern.
Man ſticht den Damm durch, und im wilden Schäumen
Sieht man die Seefluth raſch ihr Bette räumen.
Doch dieſes Bett, — meint Ihr, es werde halten
aAls ſeſte Bahn? — Das iſt fo ungangbar,
- Wie jüngft noch, da ’5 die Fluthen uͤberwallten.
Nur Schlamm und Mobder wird dort offenbar,
Und trägt der Froͤſch' und Schlangen Grau'ngeſtalten,
Doch nimmer eine erzbewehrte Schaar,
- Man muß — foll nicht das Unternehmen ſcheitern —
Den Damm anf. beiden Seiten ſtark erweitern
s
Auch dazu gleich find die Belagrer fertig, '
Und Reifigbändel bietet Buſch und Ried,
Recht wie in trener Landsmannſchaft gewärtig,
Daß man fie mit zum guten Wetke dicht.
Bertrand ruft zu der Schaar: „ia, das erhaͤrt' ich,
Wem Ihe Bretagnervolt zur Hilfe zieht,
Wird Meiiter baid von Manern und von Chärmen,
Nun, liebe Kinder, kommt, nad laßt und ſtuͤrmen!“
Das ging denn freilich nicht ſogleich auf's Schloß,
Denn eine aͤußre Mauer ſtand dazwiſchen,
sn
Und lieh in den beſtuͤrmend Fühnen Troß
Von oben Pfeil? und Speer’ und Steine ziſchen.—
Wie ungern dazu Bertrand fich entichloß,
Doch hieß es wieder: Halt! — Man muß vom friſchen
Die Spaten in den ruͤſt'gen Haͤnden haben,
Tief unten erſt die Mau'r zu untergraben.
Sie fiel in Schutt; doch nut, dem Blick zu zeigen,
Mie ein gewalt’ger Graben, breit und tief,
Jenſeit mit fpig’ger Pfähle Stachelreigen,
Das Schloß als ein furchtbarer Gurt umlief,
Und ald man wagte, dort hinabzufleigen, — — |
Glaubt Ihr, daß drin Im Neſt die Hydra ſchlief? —
Kam ein gewalt’ger Stein= und Flammenregen
Bon Palifadentreis der Schaar entgegen,
„Vorwaͤrts Fuͤnfhundert Mann vor!“ rief der
Ritter.
Und muthig ſtuͤrmte Vurger da und Bauer,
Und brach entzwei das Palliſadengitter,
Zu Trotz dem toͤdtlich raſchen Hagelſchauer.
Da wich vor ihnen ruͤckwaͤrts das Gewitter,
Doch um verberblicher, wie auf der Lauer,
Sich Hinter den umfteinten Feftungsdbämmen
Entgegen bem ergrimmten Sturm zu flemmen,
Ja, werft Euch noch fo kaͤhn nur in ben Graben,
Ja, ſtemmt nur auf Faſchinen feſt die Leitern!
24 *
Ruͤck wirft die Brittenfanft Euch leicht wie Runden,
Daßs Mann und Leiter hart im Fall zerfheitern. —
Doch Bertrandfprah: „fie wolln’s nicht beffer Haben, -
So Ton und Flammen denn die Bahn erweitern!
Her Taken! Auf das Thor dort laßt und renneun!
Erit Gluth, dann Schwerdt fol unſte Feinde brennen !”
Von Thurm und Mauer fanften Stein’ und Pfeile,
Einander kreuzend, aber vor und vor
Drang die Bretadnerſchaat im feſten Reife.
Schon wild von Flammen praſſelte das Thor!
Dem Roger tief ein Knapp: „nicht länger weite, .
O Herr! Nicht dort am Manerktähz empor
Laß Deine Waffen droh'n, Dein Rufen klingen,
Da unter'm Fuß Dir ein die Feinde dringen!” =
Den Sturm zu hemmen, tennterftärmifch nieder,
Und wie der Treiber ſcheucht die Reh' ind Garn,
Treibt er zuruͤck die Eingedrung'nen wieder,
Daß draußen plöglich vor dem Thor fie. flarr'n,' -
Erfhöpft an Athem, blutend Koͤpf und Glieder. —
Derweile fhiebt er einen großen Karı'n
Mit feiner Reigen HP in Windesfchnelle
An der verbrannten Pfortenfägel Stelle.
Indeß aufs new mit dem die Flammen krlegen,
Geht ringsum fort bes Leiterftärmens Muth;
„373
Von jenfeit warb ber Mauerkranz erfitegen-
Durch etwa fünf, ſechs rafher Kämpfer Muth.
Die laſſen hochher Quefelind-Banner fliegen,
Und- hwenten jubelnd Kling' und Eifenhut;
Auch Roger: fah vom Thor dag draͤu'nde Zeichen,
Und. ſprach: Iu ſterben gilt's, doch nicht zu weichen 4
Und mit gewalt'gem Schwunge wirft fein Degen
Den. Nächiteit, der durch Rauch und Funken dringt,
Zusäd.inis wilde Dumpfedmeer.!: Erlegen-
Iſt Jeder, der auf ihn die Waffen ſchwingt! —
Der Bertrand: fteht im ernfilichen Ermwägen,
Und denkt: „wenn's unſren Haufen jotzt gelingt,
Zus Schloß zu dringen, wird es wild zerſtoͤrt; -
Auf, Ihüßg’-eR, da ’uer. Dam’-es angehört!!! —.
Unud aleich beotbert- er- zweihundert Krieger,
Auf der erftieg’nen Mauer Platz zu fallen,
Dort rüftig zu behaupten fich als Siegen,
Doch Niemand: mehr ins: Schloß. bineinzulaffen. —
„Auch Roger,“ — denkt ex, — „der furchtbare Flieger
Durh Haid’ und Land, fol hier nicht. ſo erblaſſen
Im Knechtsgewirr. Er fol fih meinen Haͤnden
Ergeben, oder ruͤhmlich vor mir enden!’
Rafch bringt durd’s@lammenthoser in Die Weite,
Und: wie den Nogen nur fein Blick erſchaut,
a74
Nuft ert „Du that'ſt vor Allen heut das Beite,
Doch diesmal nicht erringft Du Dir zur Braut
Vietoria aus dem Reih'n fo vieler Gäfte!
Gieb Dich!“ — Der Roger ſinnt. Dann ruft er lant:
„Ja, Du bit Bertrand !— Sonſt une mit dem Leben
Bir’ ich mein Schwerdt, — nimm's bin! Dir will ichrs
gebhen!“
Doch Bertrand meift bad Gaſtgeſchenk zuruͤck.
„Behalt es!“ weint er „Muͤßt' ih doch mich
fhämen,
Nun peut mich hat befrängt das Kampfesghäd,
Die Wehr folh edlem Ritterheld zu nehmen.
Mir gnuͤgt Dein Ehrenwort, Dein Heldenblid.
Solch ein Gefang'ner mag ſich Felber zaͤhmen!“ —
Da hielten ſich die Beiden traut umfchlungen,
Und Rogers gange Schaar gab ſich bezwungen.
Nun brach zwar erſt ein tolles Laͤrmen los.
Die Sieger, nicht geuͤbt In Kriegesfitte,
Bedrohten rachenflammt mit Hieb und Stoß
Die uͤberwund'ne Schaar in ihrer Mitte.
Doch Bertrand rief: „der Feind iſt waffenlos!
Wahrt Euch vor einem unhellihmangern Schritte!
Der macht aus Euch zumal blutduͤrſt'ge Würger.
Bleibt treue Vauern huͤbhſch und fromme Buͤr⸗
ger!“ —
33
De ſtand ber zorn'ge Haufe ploͤtzlich Til,
Bon edlem Schaamroth ehrend uͤbergoſſen.
Nun ward, fo wie's das Recht des Krieges will,
Den Siegern jeder Worrath aufgeſchloſend
Es theilte Geld und manderlei Geruͤll
Bertrand entſchaͤd'gend aus an die Genoſſen.
Cr felbfe nahm nichts, und hat mit klugem Walten
Dem tapfren Feind fein mehrſtes Gut erhalten,
Das Hans blieb ſtehn. Allein Zugbruͤcken,
Walle,
Und Thuͤrm', und was noch fonft von folder Art
Das Land umber bedroht durch Ueberfaͤlle, —
Das ward natürlich weiter nicht geſpart.
Sie fhleiften es bis auf die lebte Schwelle,
Zu richterlicher Arbeit ftreng? geſchaart.
Noch jetzt ſoll, Denkmal von des Bertrand Siegen,
Schloß Piltivien umſtarrt von Trümmern legen. —
Was fh von Britten vorfand in bes Welle,
Die ließ alsbald er ohne Löfgeld ziehn;
Und die Bretagner hielten’d für das Beſte,
Hinfort des fremden Soldes Trug zu fliehm,
Als aͤchte Franken lieber, denn als @äfte,
Und lieber als ein Schutz, denn ein Ruin
Des Landes, die Bretagne zn durchfahren.
Sie nahmen Dienft allſammt in Bertrand's Schaaren.
376
Auf Flügeln teng der Muf bie Siegesthat
Nach Schloß Trogot. Da merkte wohl ihr Ritter,
Ihm fei ber Friede jetzt der beite Rath,
Dennan Verwallung, Sturmpfabl, Mawrund Gitter
War Piftivien die ftärfre Burg. Cr bat, —
Und weder Plünd’rung noch auch Schmac erlitt” en.
In Ehren ift von binnen er gefihieden;
Ringe bluͤhte Stadt und Burg in fih'rem Frieden. —
Das Buch, draus diefe Mähr ward aufgefunden,
Vergleicht bier unſtes Bertrand Heldenfahrten.
Mit Griechenland's uralten Herkulstunden, .
Das klingt wohl groß. Doc wenn von treubewahrten
Landsleuten, von ehrfam vertheiften Wunden |
Gefprohen wird und ausgewerten Scharten, —
Eigt da der Bertrand tief zu Herkul's Füßen? —
Mic dünft beinah, ex Fünnt” ihn traulich grüßen.
Erfäuterungen
sum vierten Geſanse.
Seite 363:
„Der Streit iſt ui, unb biermik.
ganz zertrennt!!
Der: Aunfiausbrud, welchen unſre Quelle
braucht, heißt: „tea partiea furent mises hoxs de
—
cours 'et de procds 4 woburd natürlich dem Kläger
das gaͤnzliche Unrecht feiner Sache ausgeſprochen
werd,
Seite 367 %
„Der edle Bertrand, der Mann
Spnttes, bleibe!“
Den ernften Titel Mann Gottes hätte der
Dichter wohl, nicht ang. eigener Machtvollkommen⸗
beit gewagt „auf feinen Helden anzuwenden; unfte-
Duelle. aber ſagt ausdruͤcklih — S. 55 — das
Volk habe ihn Phomme de Dieu genannt, und ſetzt
oh voll ernſter Naivetaͤt hinzu: titro sans doute-
admirable, car entre les grands personnages laiques,
David et Du Guesslin ont, sauls ers nommes hom-
mes. de Djeu par les neuples, et je ne me spuvieng
pas, d’en avoir vu, d’autre exemple dans l’histoire
Sainte ou, prophano.“
378
Bertrand Du⸗Gueſclin.
Sünfter Gefang.
D aller Engel Schönfter, feel’ger Frieden,
Wie zieht Du jedes Herz.auf Deine Spur,
Du immer nah’ uns, immer doc gefchieden,
Du ew’ges Gut, und doch auch Traumbild nur!
Du wunderzarter, feltner Saft bienieben,
Und ftätes Heimathskind auf Edens Flur!
Auch in der aͤchten Krieger muth'gen Herzen
Erweckſt Du boldes Ahnen, füße Schmerzen!
Wenn maͤcht'gen Kampfes Donner uns um:
falten, —
Wer rang nicht Dir, nur Dir im Blutmeer nach?
Und wenn fie fern, vor Siegeẽklang verhallten,
er war's, der froh nicht Die gu Fuͤßen lag?
Mer zuͤrnte nicht, wenn hölfchen Truges Walten
Mit gift’gen Nebeln Deine Schimmer brach ?
Doch Du zeigft himmelan aus Irrgewinden
Und laͤchelſt: „dort, nur dert wirſt Du mich finden I
Auch unfer Bertrand wohl bat’ in den Gaffen
Bon diefer Welt, der unvolllomm’nen Stadt!
Di oft mit ſtarkem Arme feſt zu faſſen,
Und ward des neuen Hoffens nimmer fatt,
Wie oft er mußt? auch wieder von Dir laffen}.
So jeßt, ald er zerſtoͤrt die Burgen hat,
Sieht man nach Pontorfon ihn fehnend eilen,
Im Schoß der Lieb' und Ruhe fromm zu wellen,
Hellfeſtlich 308 er Durch bie Thoreshallen,
ind an den Quabdertreppen droben fand,
In ihrer Schönheit leuchtend, die vor allen
Den Gaben Gottes ihn an’ Leben band,
Wie eine Braut befränzt das dunkle Wallen
Des Haare, zum Dankgebete Hand in Hand,
Gleichwie zwei Lilien, munderzart verfchlungen,
Und Blid und Seele Himmelan geſchwungen.
Tief neigt der Ritter fich vor. feiner Dame,
Als fei der kuͤnft'ge Engel fon verklärt,
Ach, wohl geſchieht's, daß Traun oft nur der Name
Zum Engel fehlt! Danu wird es und gewaͤhrt,
380
—
Zu ſchau'n aus dieſes Lebens dunklem. Nahme
GE Land, wo Freud” und Klarheit ewig währt
Sb dann auch wieder fremde Wolten kommen, —
Im Geiſt bleibt ung ber Sichtblie: undenommen! —
| Der Roger, ber ben Slegsheld bat begleitet,
Bengt: tief der Herrin ſich im feohen Staunen,
Doch ale ihn Jener nennt, lacht er; „bereitet
War’t Ihr vielleicht, von Satyı'n, Dger’n, Faunen
Ein Bild in mir zu fehn? Nun, Roger reitet
Wohl oft zu wilden Krieg! Die Menſchen raunen
Bon feinem Grimm! Doc) felbft den grimmiten Oger
Des Maͤhrchens zaͤhmt die Schönheit; — jetzt den
Roger! IL
Die. Herrin neigt Ihe Haupt mit holdem Grhßen,
Mit einem Lächeln, wie nur. fie es ſchmuͤct,
Und der Geſang'ne fühlt zu ihren Füßen
Mit ſtillem Stieden feine Braft begluͤckt.
Der Bertrand ruft: „o nun, im Licht der Süßen
Sei mir, von aller Weltlaſt ungedrüdt,,
Ein ſtiller Monat wenigſtens gegeben!“ —
Eie laͤchelt exnſthaf: nein" Sie kennt dag Leben.
Sie weiß, beſtimmten Wuanſch erhoͤrt ee: felten!
Sie kennt auch ihres Freundes Kriegsberuf.
Und mag am mind’Iten bie. Beſtimmung ſchelten,
Die Hereliche, zu der ihn Gott erſchuf.
Vielleicht auch, daß ihr Bilder wohl erhellten
Die nabe Zukunft; Daß der Roſſeshuf
Des Herold's, der mit Botſchaft näher wallte,:
Schon ahnend ihr durch Traum und Wachen fchallte! —
Der Herold kam, und meldete: „der Koͤnig
Johann, ſein Wort dem Gegner zu erfüllen,
Hat jeht an Macht und Gelb noch viel zu wenlg.
Drum dat’ er: „ſeinen Anſpruch muß ic ſtillek
Und mein Chr’ und ihn zugleich derſoͤhn' ich,
Freiwlllig öpfernd meinen fedien Willen!“
Tach England iſt er treu zuruͤkgegaugen,
Und wiederuin, ivie ehnals, ktiegsgefangen!
Der Dauphin Karl regiert an Telner Statt,
Und dem — als fei der König bei den Todten
Und der Regent an allen Gliedem matt!
Hat jetzt Navarra's Karl den Krieg entböten, x
Weil man Burgund zum Reich gezogen bat,
Wie Lehn⸗ und Erbrecht zweifeldchn geboten,
Doch der Navarrer dacht? es felbit zu erben,
Und rüfter fih, mit Kampf darnach zu werben”
„Nun, redet Bertrand ruhig laͤchelnd drein, ==
„Karl von Navarra freilich heißt der Schlimme
38E
Im Mind des Volks; — er mag's denn auch wohl fein?
Doc bier verzehrt er wohl ſich ſelbſt im Grimme
Ban; fern und ſchwach!“ — Da ſprach der Herold: .
„nein!“
Nah bei Paris bat Sitz er jedt und Stimme.
Die Koͤn'gin Wittwe, feine Schweſter, goͤunte,
Daß ihre Burg Melun er nutzen koͤnnte.
| Da ſchickt' er num den kuͤhnen Basco hin,
Von Marueil den, — Ihr hörtet von ihm ſprechen —
Der bat fich dort verfhangt mit Flugem Sinn,
Und droht, Navarra's Sache ſchwer zu rächen.
Drum, zu der wiht’gen Stadt und Burg Gewinn,
Hofft Euer Fuͤrſt, Ihr koͤnnt Euch nicht -entbrechen,
An feiner Seite freudig mitzuftürmen,
Und fo Paris und singe dad Land zu ſchirmen.“ —
Ein Rein ſah ſtaunend Theophania ſchweben
Auf Bertrands Lippen. Kaum im heim'ſchen Port,
Gedacht' er, etwas noch der Muh’ gu leben.
Doc feine Gattin ſprach: „wollt auf ein Wort,
O güt’ger Herr, allein Gehoͤr mir geben!”
Nun ging der Herold ganz verdrießlich fort,
und murrte: „kommt das Weib mit ihren
Witzen,
Da bleibt er fiäer bei der Runtel fiden!
——
Du Dir'ger wirft bald Andres viel erſahren!
Su ihrem Gatten ſprach das hehe Weib: \
„Saͤh' ih nach ird'ſchen Tagen. nur und Jahren,
Da baͤt' ih: o mein holder Bertrand, bleib!
Dom Helden follen ihren Ruhm bewahren,
Wie ſchwaͤchre Weſen ihren elgnen Leib,
Nicht zum Genuß der Ruh. bift Du geboren,
Nein, Andten fie zu ſchenken, anderforen]
Wohl mag recht hubſch fih’s wohnen in ber
Hütte
Für Schäfer, ſchwach an Muth und an Geſtalt!
Wohl preift in fliler Burg friedſeel'ge Sitte
Mit Recht ein Greis, an Herz und Sliedern alt,
Doch Du, nur Faum in Deiner Rennbahn Mitte,
Nicht wahr, Du rufſt Dir kein voreil’ges Halt?
Die Zeiten zol’n vorüber ohne Saͤumen,
Und keinen Augenblit darfſt Du verträumen,
Noch durft? ich deiber keinen Sohn Dir ſchenken!
So laß mich Thaten Dir gebaͤren. Auf,
In Meluns Thor Dein Siegspanier zu ſchwenken
Doch ſei das Anlauf nur zu hoͤherm Auf.
Gewiß, Da feibft kannſt nur Erhab'nes deuten,
Bon ſelbſt fährt Dir die Hand zum Schwerbtesknaufl
Doch hemmte irgend was die kuͤhnen Triebe,
Sp wire zu mir bie füße, trene Liebe!
B
Bub willſt Du Theophanlen nicht eitdehren,
So zieht ſie freudig mit Dir aus in's Feld.
Zwar wird es groͤßern Vortheil Dir gewaͤhren,
Wenn ſie daheim des Haufes Zuͤgel hält,
Doch feld am ſtillen Heerd, ſei's vor den Heeren:
She Platz if, wo ibe Bertrand bin fie teilt!
Gebeut!“Er ſpricht: „vor Melun will ich fechten!
Du ſollſt daheim mir Siegeskraͤnze ſlechten “
Da perlten in dan holden Augen ihr
Zuwei ſchoͤne Thränen, doch ſie hemmt' ihr Fallen,
und ſotach: „zeuch hin! Ich weiß, Du {endet mie
In meine Einſamkeit das freud’ge Schallen
Bon Deinen Thaten. Zeuch! Gott ift mit Dir,
Und laßt noch Iang" die ſchoͤne Bahn Dich wallen:
wüßte das nicht, — ich ſprech es.chn’@rrötheni —
Mich würd, o trauter Heid, Dein Scheiben toͤdten.
So aber ſeh' ichs: Din kehrſt gluͤclich wieder!" —
„Nun ja, Du ſiehſtis in frommer Hoffnung Licht.“ —
„Auch das, mein Bertrand. Doch won Himmel
wieder |
Strahlt das Geſtirn mir feſte Zuverſicht.
Des Sternenwagens Gang, das Lichtgefieder
Des Himmelſchwans, — fuͤrwahr, ſie truͤgen nicht
ind kuͤnden mir's in unzweident'gen Zeichen
Du wirft des Ruhmes hoͤchſtes Ziel erreichen!
386.
Nicht Frankreich nur fieht Dich mit freud'gem
Schreden;
Die ganze Ehriftenheit ftaunt freudig mit!
Dort, wo fib Spaniens Bluͤthenau'n erftreden,
Kühn Andaluſiens Stier auf Blumen tritt,
Das Roß fliegt über Dleanderheden, — _
Stil jetzt — Did ruft ein naher, ernfter Ritt,
Und vor dem Abſchied noch, geliebtes Leben,
Hab’ ich Hochwicht'ges Dir zu uͤbergeben.
Nicht immer vitd das laun'ge Gluͤck Dir
lachen! —
Wie fruͤher ſchon Dir's oftmal hat geſchmollt,
So wird's auch oftmal kuͤnftighin es machen;
Doch zeigt's nachher nur um ſo mehr ſich hold.
Das letut ich aus manch ernſtem, naͤcht'gen
Wachen
Und ſcrieb deshalb in Seiden ein und Gold,” —
Sie ließ ein Büchlein in die Hand ihm gleiten, —
„Was Dich in Stärmen tröften ann und leiten,
Berfhmäp’ es nicht, mein Freund! Du biſt
unglaͤubig
An meine e Kunſt! — Er ſprach: „im Glauben feſt,
Du holde Traͤumerin, an Einen bleib' ich,
Und weiß, daß Der mich nimmer finfen läßt.
25
—
386 .
Stärz’ ich auch in das blut’ge Meer, verfidub’ ich
Im Flammengraus, — es bleibt ein feel’ger Reſt,
Es bleibt miein einzig wahres Sein und Weben
Sn Ewigkeit, — und das allein ift Leben!
So laß' mit meinem duß’ren Gluͤck denn ſplelen
Die vielbewegte, bunte Außenwelt!
Ich will dazwiihen nach dem Nordftern zielen,
Wil thun, was meinem lieben Gott gefällt!
Das Andre findet fih. — Doc weil, gleich Vielen
Der holden Frauen, Dirs einmal gefällt,
Zu tändeln mit der Zukunft Luftgeſtalten, —
Laß mie Dein Büchlein. Ich wil’s gern behalten.
Wär ja ein Baͤndchen mie aus Deinen Loden,
Bon Deiner weißen Hand ein Feiner Ming,
Ga, eine Schleife nur von Deinem Woden
Ein fhönes Pfand. Wie nicht dies art’ge Ding,
Bon Dir gefhmüdt? Hört Du, daß unerſchrocken
Dein Ritter irgendwo zum Kampfe ging,
So denf’; von meiner Gab’ iſt's hergefommen.
Die bat fein Sen mit Freud’ und Muth durch⸗
glommen! 1
So nahm er Abſchied von der ernſten Schoͤnen,
Im Scherz faſt laͤugnend ihre Ahnungsmacht,
387
Und doch von inn’ren, unverftand’nen Tönen
Zur Ahnung hoher Zukunft angefacht.
Da trat, wie Traum und Leben zu verföhnen,
Ein freundgeword’ner Feind in Waffenpracht
Zu ihm. Der Roger Davy war's, und ſprach:
„Ihr zieht zum Kampf hinaus? Gern zoͤg' ich nach.
Da babt mein Wünfhen Ihr in ein Paar
Worten!
Ja, all mein Leben! — Denn Euch treuem Held,
Der mich zuruͤckriß von des Todes Pforten,
Blieb' ih auf ewig herzlich gern gefellt. —
Der Roger Davy hier? Der Bertrand orten? —
D nein, das geht nicht! — Zwar um’s Loͤſegeld
Waͤr't Ihr wohl allzufehr zu kurz gekommen,
Wenn ih ald Euer Mann würd’ aufgenommen.
Ich müßt’ Euch eigentlich viel Gulden zahlen,“ —
De ruft unwillig Bertrand: „bit? Euch, laßt!
Die Stimme fpriht nicht mit in Nitterwahlen,
Und ift im tiefften Grunde mir verhaßt !
Hier handelt ſich's ftatt aller todten Zahlen
Für Ehr' und Vaterland um einen Gaft,
Der Beides kühn vertret', als ein treu aͤchter
Verbündeter! — Thu’ das, Du wadrer Fechter!“
Der Roger gab darauf die techte Hand,
Und fand in Bertrand’s Schaar andy gleich die Stelle,
25 *
4
388
Die ihm nach Tapferkeit geziemt' und Stand,
Treu ſchwamm fortan er durch des Lebens Welle
Mit feinem Treund und Herrn, kühn und gewandt
. Den Sturm belämpfend bis zur Hafenfchwelle-
Die fand bei Aurav er im tapfern Streite,
Reichblutend, ſchoͤn ‚gefällt an Bertrands Seite, —
Heut fpornte Diefer an fein muntred Roß
Zur raſchen Zahrt, und hat nah Eurzen Stunden
Bor Melun’s feftem, wohlbefeßtem Schloß
Den Danphin und fein muth’ges Heer gefunden. :
Ha, wie der Fuͤrſt den Helden froh umſchloß!
„Ich wußt' es wohl,” — rief er, — „bed Landes
Wunden
Half mir gewiß mein tapfrer Gueſclin heilen !"
Der denkt: „das Lob hat meine Frau zu theilen!—
Es kommt wohl öfters fo mit edlen Thaten,
Nur daß nicht Jedermann ſich's recht gefteht.
Wohl Dem, der fi von Wahrheit laͤßt berathen,
Sich ſelbſt mistrau'nd, beſcheiden fürder geht!
Dem kann zuletzt ſeht hohe That gerathen,
Wo aͤchter Kranz die Locken ihm umweht,
Statt daß, dieweil man ſich und Andren luͤgt,
Den Selbſtbetruͤger Irrlichtsruhm betrügt! —
Diesmal, o Bertrand, mußt Du Großes leiſten,
Sonft wird ein Zweig aus Deinem Kranz gebrochen !
Der Dauphin Hat nach Art der allermeiſten
Sranzofen etwas raſch und viel gefprochen
Bon Wunſch und Hoffnung, die fein Herz umkreiſten.
Oft rief er: „ießo zaͤhl? ich noch nach Wochen,
Bis jener Basco dort wird überwunden;
Kommt erftder Bertrand, zaͤhl ich nur nah Stunden!“
Da gab ed nun Im Heer manch zorn'ges Runen,
Manch Murten: „fiht der Bertrand nur allein
Mit einem Schwerdt, und wir etwa mit Daunen 2
»S mird num juſt nichts fo Unerhoͤrtes fein!
Oft wohl ja ſchrumpft, was nach des Ruhm's Pofannen
Koloß war, in der Naͤht zum Zwergbild ein!
Man muß recht ſcharfen Auges nur viſtren,
Sp wird von ſelbſt der Nimbus ſich verlieren!“
Viſirt denn, liebe Herrn! Bereits auf Morgen
Giebt's dazu trefflihe Gelegenheit.
Der Bertrand liebt dem Feinde nicht zu borgen,
Wo Zahlung möglich feheint im nahen Streit,
Ernft wog im Kriegsrath Hoffnung man und Sorgen,
Und Kraft und Gegenfraft, und fand bereit.
Sich und das Heer, mit gottvertrau'tnden Sinnen
Den Sturm im naͤchſten Fruͤhroth zu beginnen, —
Wie warb Dir, tapfter -Dauphin, als im Duft
Des goldnen Morgens die Trompeten Flangen, -
390
Die freigelaff’nen Banner in der Luft
Diel edle Wappen hin und wieder fchmangen ?
Dich drängte jüngft ein Zieber faſt zur Gruft,
Und krankhaft noch haͤlt Schwaͤche Dich umfangen,
Und all' die Helden Deiner Schaaren ſagen:
„Dies iſt kein Kampf, den Herrſcher d'ran zu wagen!“
So mußt Du fern ans ſichrem Fenſter ſchauen
Das Spiel, wonach die Seele kuͤhn Dir ſchwillt!
Sieh! Auf den Mauern von Melun, wie bauen
Sich neue erzne Mauern, Schild an Schild!
Sieh! Dorthin ſchreiten luſtig durch die Auen —
Nach Frankenart manch edles Frauenbild
In den galanten, krieggewohnten Herzen, —
Die Stuͤrmer vor, um mit dem Tod zu ſcherzen!
Der Tod antwortet ernſthaft von den Mauern,
Von fern ſchon ziſchend her im Pfeilgetos
Und mit der Stein' und Bolzen Hagelſchauern,
Und manchen Krieger trifft das blut'ge Loos.
Doch iſt nicht Zeit zum Forſchen jetzt und Trauern.
Die Schaar eilt vorwaͤrts, um mit Lanzenſtoß
Und Hellebardenfhwung im Wall:Erfliminen
Zu rächen die, die fern im Blute ſchwimmen.
In Ein Geſchwader Hatten ſich vereinigt
Die Männer aus Bretagn’, an ihrer Spike
391
Bertrand! Schon ift der Srabenborb gereinigt
Don Feinden, und mit Erieg’rifch freud'ger Hitze
Wuͤhlen fie an der Mauer Fuß: gefteinigt
Bon oben faft! Helm ſpruͤht und Schildrand Blitze
Bor Steinen, die auf fie herunter fchmettern
In ungeftümen, endlos Dichten Wettern.
Die Mauer troßt derweil tm feſten Bunde
Dem wilden Schaufeln. Ast und Spaten bricht.
Da ruft Herr Du⸗Gueſclin: „fat eine Stunde
Schon haͤmmern wir umfonft. So zwingt man's nicht!
Her eine Leiter! Stemmt im feuchten Grunde
Mir feſt fie ein! Woran nach heiter licht
BIN ich erflettern biefe ftein’ge Schranke !
Knapp, balt die Leiter nur, daß die nicht wante!”’—
Der Dauphin fab von fern den guten Ritter,
Wie er .burgan klomm, Ecildrand über'm Haupt,
Bon Stein und Pfeil, faft wie vom Megenflitter
Ein unverdroßner Pilgrim, rings umftanbt.
„Das iſt Bertrand!“ rief er. „Wenn nicht in Splitter -
Die Leiter brit, fo ſteht er fiegumlaubt
Bald droben, büteten die Mau'r aub Drachen!
Ich weiß: fo pflegt er’s immerdar zu machen.“ —
So wollt’ ers jeßt auch machen! Doc zugleich
Wie ihn fein Dauphin fab, fah aus dem Schlofe
392
Der Basko ihn, und rollt”, an Steinen teich,
Den größten auf zum hoͤchſten Maw’rgefchofle.
Dort ftürzt’ er ihn hinab, juſt im Bereich, —
Da brach nicht nur bie. ftarfe Leiterfproffe,
Die garize Leiter kracht' und brach, — im Schallen
Der Waffen fah den. Held man abwärts fallen.
„Zu Huͤlfe!“ klang's von allen Seiten her.
Der tapfre Stammler von Villaines rief
Mit trenem Stammeln: „hei Den los! Ein Heer
Für und iſt Der! Iſt Der allein! Wie tief
Ein Graben, Mauer hoch, — nur eitle Mähr,
So lang’ ung. Bertrand vor zum Siege lief!
Den los!" — Der Dauphin ſchickt aus feinen Wachen
Fünf Neifrge her, dem Bertrand Luft zu machen. -
Man z0g ihn aus dem Graben. Das Viſier
War von dem ungeheuern Tall zerfprungen.
Die Augen ftarrten offen ihm, doch ftler,
Und wie von dichtem Nebelflor umfchlungen.
Da rief wehllagend Alles: „bat denn bier,
Schon bier der Held fein letztes Siel errungen?‘
Ein weifer Arzt kam fchnell herbei, und ſprach:
„Noch heg' ich Hoffnung. Tragt ihn ſchnell mir nach!“
Das ging: — wohin ? — D menſchliches Geſchlecht,
Wie kommſt Du dod mit Deinem Ringen, Raufen
393
Und kuͤhnem Wollen felten je zurecht!
Der Bertrand dachte, raſch zum Sieg zu laufen,
Wo nicht: in fhönes Grab nad) edlem Recht!
Und nun? — Er kam in einen Düngerhaufen.
Ringe ließ der Meifter ihn damit belegen,
Und bald fing er fi wieder an zu regen, —
Ich hab’ es etwas ungern nachgeſprochen;
Ich mag, wie andre Menfchen, gar zu germ
Manchmal auf des Geſchlechtes Hoheit pochen.
Doch ach, die liegt ung meiſtens truͤblich fern,
Und nah’ kommt die Bebuͤrftigkeit gekrochen !
Da bleibt denn nichts, Ihr Damen und Ihr Herrn,
Als ung, bie allſammt Kläglihen und Schwachen,
Bon Herzen felbft freiwillig auszulahen. —
‚Der Bertrand fland aus feinem ſchlechten Bette
Necht froh und friſch zu neuen Thaten auf.
Sein erfted Wort hieß: „nun, feid Ihr zur Stätte?
Nahmt Ihe Melun im Iufl’gen Sturmeslanf?” —
Ein trübes Nein erklang. — „Wie Klett’ an Klette,“
Mief er, „hält jenes Basko Volt zu Hauf! |
Schon gut. Man mußdas Ding doch endlich zwingen!’
Schnell wuſch er fi, und ließ fih Waffen bringen.
Und bald erfchlen er wieder vor ber Defte,
Bon neuer, mächr’ger Kampfesluft geftählt. —
[4
394
Kamt Ihr wohl je zu fpät zu. einem Zee, »
Wo bier ein Gaſt, dort gar ein Schenttiih fehlt ?
Ihr merftet, längft vorbei fchon war das Belle,
und Niemand hatte mehr auf Euch gezählt.
So ging’s dem Bertrand jeßt. Nach den Quartieren
Sah allwaͤrts er die Krieger heim marfchiren,
Der Sturm war aus, war gänzlich abgefchlagen. —
Das griff verwundend ihm an’s tapfre Herz.
Er rief: „wer wild, mir nad, noch Einmal wagen?
Nicht eben will ih wieder mauerwärts!
Gerad' aufs Thor dort will den Sturm ich tragen.
Ein Spruͤchwort ſagt: keimt nicht die Bluͤth' im März,
So keimt fie doch wohl endlich im April! — ,
Friſch auf! Wer weiß, was Gluͤck uns ſchenken wil ?’—
Nur Swangig der Bretagner hörten Elingen
Des Helden Ruf, und folgten feinem Schritt. —
Wie? Mit fo Wengen benft er zu bezwingen
Den Drt, den jüngft ein Heer umfonft betritt? —
Ganz reht! Man brauche zu gewagten Dingen
Stets Wen’ge nur. Wenw’s gluͤct, kommt Alles mit,
Und ftärzt das dreifte Spiel Euch in's Verberben,
So find ſchon Wen’ge überg’nug zum Sterben. —
Hinan! Hinan! — Verfolgend und frohlockend
Stroͤmt eben aus der Stadt ein Kriegerſchwarm.
395
Geſenkte Vruͤck“ nnd offnes Thor winkt lockend
Zu raſcher Heldenthat den kuͤhnen Arm! —
Die muntren Feinde ſtehn auf Einmal ſtockend,
Indeß die kleine Schaar, von Kriegsgluth warm,
Auf ſie heranſtuͤrmt, hoch die Waffen ſchwingend,
Ihr Feldruf: „Gueſclin! Mutter Gottes!" klingend.
Im ſchnellen Angriff waren bald erlegen
Die Erſten, Kuͤhnſten aus der Feindesſchaar.
Die And'ren flieh'n. Nach hauen Frankreichs Degen,
Und nehmen ſo der guͤnſt'gen Stunde wahr,
Daß wohl in's Chor ſie kuͤhn auf blut'gen Wegen
mit jenen Flieh'nden drängen, Paar an Paar,
Weshalb der Feind, ftatt fih zur Wehr zu
| | ftellen,
Nur eilte, raſch die Brüd’ empor zu fhnellen.
Das hemmt, und auch die Nacht, der Stürmer.
, . Bang.
Sie wenden Ingfam fih, die Waffen fchlagend,
Sm lauten, freudigdroh’nden Kriegsgefang
Auf morgen Sturm verheißend. Aber zagenb
Bor neuem, wiederholtem Kampfesdrang,
Die Laft und die Gefahr nicht fürder tragend,
BiÄPt in gang unerwarteter Verwandlung
Der jüngft noch ſtolze Feind zur Unterhandlung.
396 °
Am naͤchſten Morgen ritt durch Melume
Thor
Der Danphin Karl als gnadenreicher Sieger. —
Dann rief er ſeinen tapfren Bertrand vor,
Und ſprach zu ihm vor'm Angeſicht der Krleger:
„Du biſt es, Held, den Gottes Macht erkor,
Zu baͤnd'gen England's Löw und Welſchland's
Tiger,
Und was noch ſonſt für wilde Thier' und Greifen
Durch's ſchoͤne, unbeglüdte Frankreich ſtreifen!
Du wirft noch: Viel des Schön’ und Guten
| . retten,
Trotz des Verderbers liſtig ftarfem Wis!
Zum Abgrund wirft Du Trug und Untren beiten!
Dein harr't in Krieg und Frieden hoher Sig!"
Drauf ehrt? er ihn mir golönen Gnadenketten,
Und ſchenkt' ihm reiher Waffen fharfen Blitz. —
O Kunden, wie fo lieblich ſuͤß Ihe weh’tet
Nah Pontorfon! — Still! Theophania
betet!
397
— U 1
Erläuterungen
sum fünften GSefange.
[U U}
Seite 381:
„Nach England iſt er Hill zurädges
sangen,
Und wiederum, wie ehmals, Eriegss
gefangen
Billig haben unſre Dichter ein dhnlihes Be:
nehmen Friedrichs von Oeſterreich gefeiert ;— Schiller
in einem finnvollen Gedicht; neuerdings Uhland in
einem herrlihen Trauerfpiel. — Die That. König
Sohann’s von Frankreich ift kaum beachtet worden;
ja, es giebt deutſche Gefchichtihreiber, die auf den⸗
felden Dann ganz ungefchent, ald auf einen Wort:
bruͤchigen, losziehn. Das ift denn doch wohl abermal
ein Beweis, wie wenigder neuerdings gepriefene Na⸗
tionalhaß mit der Tugend verwandt ift. — Warum
man in Sranfreih fo ftil davon war? — Su den
Nitterzeiteh galt Worthalten für eine fo noth:
wendige Sache, daß 'man ed wohl eben ganz in ber
gewöhnliben Ordnung fand. Voltaires Nachtretern
- aber ift leider der trefflihe König um diefer Hand:
lung willen eben nur im fchlimmen” Sinne bes
Wortes einfältig vorgefommen!
Eeite 589:
„Det Dauphin hat nah Art ber al:
lermeiiten
Franzoſen etwas raſch und viel ge
fproden
Von Wunſch und Hoffnung, die fein
Herz umkreiſten.“
Das fol weder ein Tadel des Dauphins noch
feines Volles fein. Der liebe Gott bat unters
ſchiedliche Art und Weiſe unter Voͤllker und Men⸗
ſchen verſtreut, damit die Welt huͤbſch mannichfach
ausſehe. Keiner mache ſich mit der Seinigen breit,
aber auch Keiner ſchmaͤhe die des Andern! —
Bertrand Du⸗-Gueſclin.
Sechster Geſang.
Mer fih dem Schwung des Heldenlied's er⸗
geben,
Den reißt es kuͤhn mit Adlerfitt’gen fort,
Stets höher, näher dem Geftirn das Schweben!
Und das Geſtirn fchreibt manch ein firenges-Wott,
Davor bie Reihe jubeln oder beben!
Da fhwindet unterm Fuß mandy Kleiner Ort,
.Sonſt leuchtend auch von Ruhm's- und Sieges⸗
flammen,
In einen Punkt, bemerkbar kaum, zuſammen. —
Tren will ich Euch verkuͤnden die Geſchichten,
Doch oft mit raſchgedraͤngten Worten nur.
400
Bedentt, dab wir Faum erft die Anker lichten
Nach ferner Niefenthaten Wunderfpur! —
Wie ein Beſchwoͤrer ftaunt vor den Gefichten
Am Kreis, wo Ein's noch nicht voräberfuhr,
Wenn fhon das andre, höh’re kommt gezogen, .
So ſtaun' auch ih vor Gueſclin's Siegeswogen. —
| Suerft befhied der Dauphin Karl dem Ritter
Zur Laufbahn die altedle Normandie, '
Und feinen erſten Heldenkampf dort ſtritt er
Bor Noleboife. Denn fürdterlier nie
Stand an dem Schmefelhimmel ein Gewitter,
Das zum Gewand Eohlihwarze Wolfen lich,
Ale bier Navarra's Schaar: die Straße hemmend
Sur Stadt Paris, den Handel ganz verſchwemmend.
Da zogen aus onen viel tapfre Mannen, —
Zehntaufend Bürger wohl! — um kuͤhnbedacht
Den Spuk aus feinem Winkel fortzubannen;;
Allein Der hält ſich hoͤhnend feft, und lacht.
Wie manches Tühne Stüd fie auch begannen,
Er weift zurüde fie mit Liſt und Macht.
Wautaire Auftrade hieß der Feind, geboren
‚In Brüffel, wider Frankreich wild verfhworen.
- Wie nun der Gueſclin In das Lager zog, —
Fünfhundert Reiter mit, zweitaufend Schäden, —
Te
Da rief Jedweder: „Sieg!" und: „Lebehoch!“
‚Und meinte, fhon dem Gluͤck im Schooß zu ſitzen.
Doch Bertrand, der den Stand der Ding’ erwag, '
Sprach: „hier wird Mancher bluten noch und ſchmitzen.
Die Werke find zahlreich und feſt! Die Krieges
Don altem Korn! Vautaire ein Fühner Sieger!
Man muß die Sad? erſt etwas vorbereiten
Mit Graben und mit Schaufeln. Das bält auf.
Kann man derweil nicht anderwärts wo ftreiten?
Die Zeit iſt koſtbar Ding, und ſchwer zu Kauf! —
Nah Mantes ſoll'n Gefhwader mic; begleiten,
Das dem Navarrer dient! Im rafhen Lauf
Denk ich die feindlich fefte Stadt zu nehmen.
Doch müffen wit zur Lift uns fhon bequemen!“ —
Geſagt, gethan! — Mit noch zehn Andern zeigt
Er fih als Winzer vor des Ortes Wällen,
Und bietet fich zur Arbeit an. Juſt neigt
Die Bruͤcke fih, weil, Gaͤrten zu beffelfen,
Ein fhwerbepadter Karn durch's Thor her ſoleicht.
Dem kappen raſch das Sielzeug die Geſellen,
Daß feſt er auf der Bruͤcke ſteht, und faffen
Die fharfe Wehr, und dringen in bie Gaſſen.
Ein naher Hinferhalt ſtuͤrmt muthig nach,
Ein zweiter, ſtaͤrl'rer folgt; und ale dag Rufenz;
. _ . 26
„12 _
„Gueſclin und Mutter Gottes!!! inbelnd brach
Durch Haus und Huͤtt' und Saal, floh zu den Stüfen
Der Kirche, wer noch von Mertheid’gung fprach.
Die Schaar hat gleich auffordernd angerufen
Der maͤcht'ge Winzer Bertrand. Gut und Leben
Bebielten fie; die Stadt warb übergeben.
Sum Sieger fprah man: „Herr, wir find bes
awungen, —
Vielmehr zu unfrer Pflicht zuruͤckgebracht. |
Doch wenig — glaubt es nur! — ift Euch gelungen,
Wenn mit Deulan niht eben fo Ihre maht.
Bon dort droht und Navarra, hält umſchlungen
Mir Netzen uns!“ — „Dashabt Ihr wohlbedacht, —
Sprach Bertrand, — „und ich halt’sintreuen Sinnen.
Doc erſt muß Roleboiſe ich mir gewinnen.‘
Raſch flog Bretagne's Aar dorthin zuruͤck.
Die Arbeit war gefördert. Botſchaft ſendet
Er an Vautaire; „mit jedem böfen Tüd,
Den Du geübt, iſt's aus! Dein Reich geendet!
Gieb Dich!“ — Die Antwort hieß: „Läg’ Stuͤck vor
| “ Stüd Ä
Die Mawrin Schutt, wär meine Kraft verſchwendet, —
Doch würd’ ich lieber fechtend zehnmal fterben,
Als Gnad' und Huld von Deinem Stolz erwerben!" —
403
Der Bertrand winkt zum Sturm, — Doc drefs
mal warf
Der Flandrer die Bretagner von den Willen.
"Da ruft mein Held: „wenn Euch er troßen darf, .
Darf ers niht mir. Ich will voran mich ſtellen!“
Gleich drang man ein. — Ach, blutig trifft und ſcharf
Der Stuͤrmer Schwerdt, denn ihre Herzen ſchwellen
Im Zorn um viel erſchlagne Waffenbruͤder! —
Vautaire und aM’ die Seinen haut man nieder. —
Nm ging ed auf Meulan, das beide Seiten
Des Seineſtroms durch Stadt.und Bruͤckenſchanze
Beherrſcht. Schon ſah man Krieger ſich bereiten,
Der. Bruͤcke droh'nd mit wilden Fackelglanze.
Vertrand ſprach: „halt! Wollt Ihr denn ſelbſt fie leiten,
Zuſammen ſich zu dreh'n zum Kriegestanze,
Gleich einem dichten Bund von ſtarken Pfeilen? —
Nein, goͤnnt's den Leuten doch, daß ſie ſich theilen!
Erſt wann der Sturm in ſeinen kuͤhnſten Wettern
Von allen Seiten aufflammt, — dann brecht los,
Die Bruͤcke zu zerglüh’n und zu zerſchmettern!
* Dann ift im Schwunge fchon das blut'ge 2008,
Und Niemand kann zum Andern überklettern
Dutch Laufbruͤck oder Barke! — Jetzt im Stoß
Des offnen, ungeftämen Angriffs thuͤrmet
Sur Mauer hoch die Leitern! Stürmer! Stürmer"
26*
404
Wer zog fo munter vor den andern Schaaren?
Nur leicht gewaffnet, aber hellgeſchmuͤckt,
Mit reihen Federhuͤten auf den Haaren,
Und duft’gen Kränzen drum, der Flur entpfluͤkt! —
Die jungen, freudiglichen Kämpfer waren
Steiwillig aus Rouen mit bergerüdt.
Gottlob, daß die Hiftsrien oft erzählen,
Wie Bürger fih zu Feldherr'n Ritter wählen!
Da geht ein ſchoͤnes, recht vergnügtes Fechten
Den Herzen auf! Voraus der ernſte Mann,
"Der friegserfahren und nach alten Rechten
Su Ienten weiß den frifhen Heeresbann,
Indeß — wie Blumen fih zu Kränzen flechten,
Wie Gluth an Gluth firebt flammend himmelan, —
Nachſtroͤmt die Schaar der Bürger, die im Freien
Ihr fleiß’ges Leben gern am Kampf erneuen!
Der Bertrand ftärme mit Ihnen raſch zur Stelle
Der Brüde vor, und trifft nun die mit Brand,
Daß fürchterlich vom Rauch ſich färbt die Welle,
Getrennt ber Feind fteht an des’ Fluffes Rand.
Da lieben fie im wuͤſten Schreck die Wälle
Und auch die Stadt ringe in ber Sieger Hand,
Sn einen. Thurm hartnddig fi verſchließend,
Und Pfeil und Stein von bort herniederſchießend.
„105 |
Wild zog, ergrimmt, nun wianderung durch
die Gaſſen,
Fuͤr jetzt noch ungehemmt durch unften Held,
Der, um den Sieg entſcheidend zu erfaffen,
Sich furchtlos an den Fuß des Thurmes ſtellt,
Ausrufend: „wollt den Poſten Ihr verlaflen,
So fihr’ ich Freiheit Euch und Gut und Geldt“
Doch Jene rufen fpottend zu: Ihm nieder:
nSlieg’ nur herauf! Hat Adler Fein. Gefieder?” —
Ihr Spötter wißt nicht» daß Ihr beffer redet,
Als ſelbſt Ihr meint! Fuͤrwahr, ein Adler ift
Der wunderfame Held, der Euch befebdet,
Bios Prophezeihung, Traum und That ermißt!
Derweil Ihr höhnend noch fein Thun beredet, .
Sorgt er ftilihmweigend ſchon mit weifer Lift, |
Euch — kann er nicht zum Thurm empor ſich ſchwingen -
Durch graufen Fall zu ſich herab zu bringen,
Suerfi hatt? er die Donnerkunſt berufen,
Mit deren ungehenrem Todesknall
Dir jegt weit über lange Landeshufen
Den Feind zerihmett’cen, der im eignen Fall
Zu fpät fein: „huͤte dich“. dem Freund will rufen. .
Der Mord iſt Eins ſchon mit dem graufen Schall.
Doch damals gaben noch die Donnerröhren
Viel minder zu befärhten, als zu hören.
206
Man fast, es babe fonft fhon Frankreichs König
Bei Crecy in der Schlacht fie aufgeftellt.
Dort halfen gar fie nichts, und hier nur wenig.
Drum wandte fohnell Bretagne’s Fühner Held
Den Sinn auf andres Hoffen. „Was verhöhn’ ich“ —
Sprach er —, mich mit dem Zeugs, das gräulich gellt,
Doch machtlos abprallt von den dichten Mauern!
Was Bellres weiß ich noch, als fo zu lauern!" —
Tief in ber Erbe dunkle Nächte fendet
Er feine Krieger ein; man untergräbt
Den Ban, indem man Hug und ftill fih wendet,
Und noch mit Stüßen ihn zu halten ftrebt.
Dann fragt der Held noch Einmal: „iſt geendet
Eur frecher Troß ? Zeit wird's, daß Ihr Euch gebt!“ —
„Nein!“ ruft's zuruͤck. Da ſchleudert raſche Flammen
Man in den Gang. Der Thurm ſtuͤrzt halb zuſammen.
Ein Graus, zu ſehn, wie hundert Erzgeſtalten
Herniederpraſſeln im Geroll der Truͤmmer!
Umſonſt, daß Speer und Schild ſie feſt noch halten! —
Schon hoͤrt man der Zerquetſchten Tod sgewimmer. —
Im Reſt des Baues zeigt ſich wild zerſpalten,
Was kaum noch Halle war und Gang und Zimmer,
And Menfchen fieht man — theils mit lauten Jammern,
Theils ftumm, entſetzt — an Die? und Wand ſich
Kammern,
402
Wie nun, wenn nicht bie Feinde ſich zu Rettern
G©eftalteten? — Dem Mitleid weicht der Zorn,
Und die man juͤngſt im Sturm wallauf ſah Eletterm,
Sie llettern jezt — auch wieder Bertrand vorn !—
Sn Hülfe denen, die anf lofen Brettern
Auf Stuf und Kragftein wanken, wie am Born
Die Blätter! — Mit holdfrieblicher Geberde
Hilft den in Luft Gefang’nen man zus Erde.
Bertrand fhidt fie zum Dauphin nach Paris,
Macht Ordnung in der Stadt, und Thurm und Wälle
Schleift er, wie’s ihm fein Fürft gebieten ließ. —
Die Botfchaft eilt mit unwilllonnmer Schnelle
Zu dem Navarrer, der ſich drauf verließ, — —
Gern lauernd tiegerhaft an fihrer Stelle, —
Dur jener nun bezwungnen Pläge Dräuen
Mir ihn Paris, Rouen, die Gegend ſcheuen.
daſch zog zuſammen Reiter er und Schuͤtzen,
Ruͤck zu gewinnen — prahlt' er — jene Drei.
Doch eigentlich, was ſein noch war, zu ſchuͤtzen.
Da zog manch raſches Faͤhnlein ihm herbei!
Vor allen aber, hofft? er, follt? ihm nuͤtzen
Sein Vetter, ein Gascogner, keck und frei
Bor Keindesihaaren, nnd galant bei Damen:
Johann Graillp, Eaptal von Buch mit Namen.
40
Mit dem Dreiviertelshduflein find geritten
Niel Helden, gleiher maͤchend die Parthei.
Da kam Dlivier Mauny, Schrec der Britten;
Der Stammler von Villaines war dabei;
Dlivier Du: Guefclin, in allen Sitten
Nacheifernd feinem Bruder kuͤhn und frei,
Moland von Bois, und auch der weitbelanunte
Tonnere, den man den grünen Nitter nanntes
Und Balduin Annequin, der Armbruftfhägen
Gewandter Hauptmann, und noch zwanzig mehr!
Selbft Mancher ans Gascogne’s Nitterfigen,
Mit weh’rndem Banner, zog zu Bertrand’s Heer.
Das maht: ben Seinen fühl’ er ſtets zu nüßen,
Und fein Empfehlen wog beim König fhwer;
Ehrbar hielt ee ob jedes Kriegers Rechten,
War froh bein Mahl, voran ftets in Gefechten.
Nah Pont de Larche 308 er gerüftet fort,
Verheffend, dort den muth’gen Feind zu finden,
Und fandte Elüglih aus von Drt zu Ort
Kundſchafter in der Gegend Irrgewinden.
Derweil ſprach er zur Schaar dies ernfte Wort:
„Bald nun gilt's Sterben oder. Neberwinden!
. Drum beihtet! Macht zum ledten Gang Euch fertig !
Dann feld des Ding’e, was kommt, recht frob ge-
| waͤrtig!“
411
Die heil'ge Handlung warb getroft vollendet.
Drauf ging der Bertrand fröhlich durch die Reih'n,
Und ſprach: „uns hat der Himmel hier geſpendet
Die bravften Mitter, flark wie Demantitein,
Und aud fo Elar in ihrem Ruf. - Drum wendet
Den Sinn nicht auf die Zahl. Die ft. Hier klein.
Mit Agis, Sparta's Helden, laßt uns ſagen:
Man glaubt ung doppelt, wenn win doppelt ſchlagen!
Gekroͤnt wird unfer junger tapfrer König
In kurzer Friſt. Laßt und den Rubm erringen,
Daß wir zuerft, auf viele Feinde wenig,
Des froben Sieges Lorbeerzweig ihm bringen.
Ich denP , Ihr wackern Freunde, fo gewöhn’ ic,
Und fo gewöhnen wir und al’, im Klingen
Berähmter Frankenwaffen huͤbſch bei Zeiten,
Ihm Sieg auf Eieg ohm Ende zu bereiten!”
Und Alles rief: „Du draver Onefclin, auf!
Leit uns zum Sieg!” Und rief fo immer lauter,
Derweil der Bertrand um des Kampfes Lauf
Mit denen ſich beiprach, die, ihm vertranter,
Im engern Rund fidy drängten rings zu Hanf.
Da rief er endlih: „unfre Sad ift lauter
Und ſtark! Srifh der Soldar! In Gottes Namen
gür unfren König und zum Preis der Damen!’
412
So rädt man vor mit flatternden Panieren
Und der Trompeten luſt'gem Jubelklang;
Die Panzer raffeln heil, Die Roſſe wieh'ren,
Verlangend ſpaͤht der Blick die Haid’ entlang,
Ob fie noch nicht mit Feinden fih will zieren, —
Allein umfonft! Mit unbeholfnem Gang
Nah'n fi die Späher, meldend: „nichts erfunden
Kann man vom Feind. Derift wie ganz verſchwnnden.“
Sr, die Ihr je mit. kriegeriſcher Seele
Dem Kampf entgegen zogt, und dann vernahmt, .
Daß heut jedweder Feind im Felde fehle, —
Die ihe mißmuthig, ſtumm nach Haufe kamt, —
Ihr dachtet oftmals wohl, der Spaͤher ftehle
So Zeit ald Geld, weil feine Kunde lahmt,
Und drohtet ihm: ‚wenn er nichts Beſſres bringe,
Kl; ihn ſchimpflich halb die Todesfchlinge!
Biswellen balfps! — Dem Bettrand half das
Gleiche; —
Die Spaͤher fanden wirklich beſſre Kunde.
Doch half's vorzuͤglich, daß nach raſchem Streiche
Der Captal ſelbſt ſich ſehnte jede Stunde.
Er dachte: „kommen von der Koͤnigsleiche
Und Krönung all die Ritter erſt im Bunde,
So werben fie zum Bertrand ſich gefellen,
und dann wird's faft unmöglich, ihm zu fällen?‘
. 413
Zudem trieb ihn der munterkühne Geiſt,
Den alle Krieger kennen, wenn die Schlacht.
Annabend fi mit droh'nden Lichtern mweif’t.
Er hielt mit feiner ganzen Kampfesmacht
Am Eurefluß, bie Ebne halb umkreif’t
Von feinen Schaaren, die in ftolzer Pracht
Den Halbennd Eränzten der ſanftſchwell'nden Hügel,
Etwas mehr vorgeftredt be linken Fluͤgel.
Run — dacht er muß der Bertrand hier es
wagen,
Mich anzufall'n, wo mich die Gegend deckt;
Sonſt mag ſammt feiner Heerſchaar er verzagen -
Vor einem Feind, der mehr als Waffen ſchreckt:
-Dem Hunger! während hier dem guten Magen
Der Meinen — Roß und Mann ! — es trefflich ſchmeckt.
Denn was ein Heer nur irgend Tann erquiden
Liegt reich, durch und gefchägt, inunfrrem Rüden!" —
Nicht lange ſchwelaſt Du dort! Vomnehen Kampfe
Bringt Kunde Dir ein Brittenherold ſchon,
Der Frankreich's Heer im dichten Staubesdampfe
Heranziehn fah, und auch daß dorten droh'n
Gascogner zwiſchen andrem Roßgeſtampfe.
Da ruft der Captal aus mit luſt'gem Hohn:
DR, bei Sanct Antons Kopf, da gilt’d mal Lanzen,
Wann fo Gascogner mit Gascognern tanzen!" —
24
Am nächften Tage ſah die morgenhelle,
Lichtblaue Fluth der Eure an ihrem Strand
Die Waffen Bertrand’s glüh’n. Er theilt zur Stelle
In drei Haupttreffen feines Heeres Stand.
Das erfte führt er ſelbſt. Es waren ſchnelle
Bretagner allzumal. Das Zweite fand,
Aus Frankreich's Nittern ganz befteh'nd, ben Leiter
Sm Grafen von’ Auxerte, dem jungen: Streiter.
Dann führte Wilhelm Bouẽſtel das Dritte,
Bretagner er, Gascogner feine Schaar.
Das hielt ein wenig rüdwarts in der Mitte,
Das erſt' und zweite nahm der Flügel. wahr.
Kir fah’n fhon jüngft bei Evran gleiche Sitte:
Sum Nachſatz in bedrohlicher Gefahr,
Sum Widerftand bei unverfehner Wendung,
Und zu des Sieg's, des wankenden, Vollendung !—
«
Vaſch überfchreitet nun die Eure: Bräde
Bertrand, und trabt zum Fuß der Hügel vor,
und ſtellt fein Heer auf ebne Wiefenftäde,
Dann fehlt dem Feind ’nen Herold er empor
Mit diefer Botſchaft: „muth'ger Saptal, räde
Herab auf unfres Angers Blumenflor!
Du kannſt nicht wol’n, daß Dich die Hügel ſchirmen,
Und wir zugleih Dich und auch fie. beftirmen!’—
‘
415
, Der Captal lächelt: „Sag? Du Deinem Herrn,
Mein Herold: war? er felbit an meiner Stelle,
Er nubte wohl den Vortheil herzlih gern! —
Gottlob, fo auf den Krieg und feine Fälle
Verſteh' ih mich. Ih ſchoͤpft' — und nicht von fern —
Aus feinem Keffel oft mit ehrmer Kelle,
Und hab fein Recht und feine Sitt' erfahren.
Hier wart’ ich, hier, auf Bertrand’s Fühne Schaaren
Da ſprach ber Herold: „iſt vielleicht bei Die
Ein Held, dem es nach einzelm Kampf gelüftet?
Dom tapfern Britten Jouel hörten wir !
Dom Saquainville! Und wer fih fonft noch brüftet
Mit Ruhm, dem bieten freien Kampfplatz wir!“ —
. Der Captal ſpricht: „wo man bereits ſich rüftet,
Um Heer an Heer einander anzufafen,
Bleibt ſolch Geblaͤnkel beſſer unterlaſſen!“ —
Derweil beſprach man ſich im Frankenheere
Um's Feldgeſchrei. Zuerſt erwaͤhlte man:
„Auxerre, Mutter Gottes!“ Denn der Speere
Mehrzahl kam von dort aus zum Heeresbann.
Doch fprady der Graf: „ob ich noch maͤcht'ger wäre,
Bin ich doch nur ein ungeprüfter Mann,
@in Juͤngling, ungewohnt im Feld zw ftreifen,
Und darf drum nicht in dif’re Rechte greifen!" —
. 416
So flug man: ‚Mutter Gottes, Gueſclin!“ vor.
Der Bertrand wollt’ ed auf nen Andern lenken,
Beicheiden zögernd ; aber durch den Chor
Der Krieger drang die Kunde. Kein Bedenken
Sand fürder ftatt. Lauf folder Ruf empor,
Als muͤß' ein andres Feldgeſchrei fie Tränfen: —
„Montjop, Sanct Diomys, Hilf Frankreichs Söhnen!
Doch heut ol: Buefclin! Mutter Gottes!
‚tönen! —
Es blieb dabei, und Bertrand ließ verkünden:
- Fühlt irgend wer im Herzen Angft und Bangen,
- Der mag nody jeßo ungerügt verſchwinden!
Doch flieht wer aus der Schlaht, der wird ges
bangen!" —
Niemand entwich. Im froͤhlichen Verbuͤnden
Stand feſt das Heer, und tauſend Stimmen ſangen:
„Feldherr und Feldgeſchrei iſt ſonder Gleichen!
Feind! Feind! Nimm dich in Acht vor unſern Strei⸗
Ken!
Der Herold kam. mit feiner Vothſchaft wieder,
Und Bertrand fprach verdruͤßlich: „er IB Hug!
Sch aber dacht', er wär wohl kuͤhn und bieder,
Doch weiter nichts. — Ich wag' noch einen Aug,
Der lot vieleicht mein Wild mir doch hernieber!
Alsbald ließ er im luſtig raſchen Flug
47
Die Knechte vorwärts nad) ben Höhen reiten,
Gras fhneiden, und in Bündel eg bereiten.
Das wollten nicht des Captal Knechte leiden,
Und fprengten auf die fremden Nerndter ein.
Doch mitten in dem Handgemeng’ von Beiden
Hieb eine Schaar von Bertrand's Reitern ein. |
Man bofft, der Captal dürf es nicht vermeiden,
‚gu helfen bei der Seinen Noth und Schrein.
Allein der fieht die flührrgen Knechte laufen,
Und baͤlt ganz unbewegt mit ſeinen Haufen. —
Der Abend fenkte fhon die feuchten Schwingen,
Und diefem Tag, der Großes viel verfprad,
Scien ganz Gewoͤhnliches kaum zu gelingen. —
Der Krieger dumofes Murren folgt’ ihm nad. —
Da ſchnell entſchloß er ſich, noch was zu bringen,
Als reu' ihn ſelbſt der bloͤden Kargheit Schmach.
Urploͤtzlich rief es aus der Franken Mitten:
„Herr Enguerrand von Heſdin kommt geritten!“
„Gesrigti Gegruͤßt!“ tief Bertrand ihm ent:
gegen.
„Ich wußte zwar von ſelbſt, daß Ihr nicht ſchlieft,
Wenn ſich zum Kampfe Frankreich's Helden regen,
Nur glaubt' ich irgend ſonſt Euch wo vertieft.
27
418
In Abeutheu'r! Doch wie, mein tapfter Degen,
Kommt Ihr denn aus dem Bade? Denn Ihr trieft!“-
„Es iſt was dran!” erwiedert er. „Macht Feuer!
“Und, weilich trockne, hört mein Abentheuer, —
Ih 308, ſammt andren Herr'n der Picardie,
Durch Wernon an der Seine. Konnt' ich deuten, _
Es werd’ uns jemals Kön’gin Blanka — fir
Des Drtes Herrin, — unſre Freiheit kraͤnken,
Da wir dem König beugen unfer Aue,
Sür ihn im Schlachtfeld unfer Banner ſchwenken?
Doc feſt, wies an dem Weifel thun die Immen,
Hält fie an ihrem Bruder, Karl dem Schlimmen.
Dem Heer zu rauben unſre wen’ge Kraft,
Ließ fie mit Eins ringsum die Thore fließen.
Nichts war zu thun mit Schwerdt und Lanzenfchaft;
Da mußte man zur Lift ſich ſchon entſchließen.
Ich ſtellte mich ganz fanft an in ber Haft,
Und bat die Bruͤckenwacht mit art’gem Grüßen
Nur um Vergunft, im Hin⸗ und Wiedertraben,
Die Brüd’ entlang, mein Roß und mic zu laben.
Sie Tonnten Teinen Einwand juſt erdenken;
So ritt ich denn ein paarmal auf und ab, _
Und ließ die Blicke fih zum Strome feufen,
Der Pfad mir follte werden ober Grab,
419
Damm fporut’ ih meinen Gaul im raſchen Schwenken,
Und Beide flogen fanfend wir hinab,
Hoch über des Geländers Pfihb und Sparten:
Schutzwehr fagt man für Kinder und für Narren!
Kind oder Narr — mic hielt's von naffer Fahrt -
Umfonft zurüd! Hoc übern Haupt zufammen
Schlug mir die Fluth! Jedoch von Gott bewahrt,
Tauhl’ich empor, und Roß und Mann, wir ſchwammen
Stromunter. Auf der Brüde fchnell geſchaart
Hört’ ich viel Leute ſchrei'n, als fand’ in Flammen
Die ganze gute Stadt. Es fchrie ber Haufen:
„Der Tolllopf muß gleich Augenbli®’s erſaufen!“
Ich bin doch aber wirklich nicht erloffen, |
Wie raſch die Fluth auch war und hoc der Strand. .
Ta, haͤtt' ich's da am Ufer gleich, dem fchroffen, -
Gewagt, mein, Roß zu feuern gegen’s Land,
Mich hätte wohl der naffe Tod getroffen! .
So aber ließ ih mid vom Wellenband '
Des Fluſſes weiter ſpuͤlen, bis zuletzt
Er fait von ſelbſt mich hat an's Land gefeßt.
Nun bin ich gut erwärmt von Eurem Feuer
Und Wein. Doc meine befte Hoffnung bleibt
Zu Morgen auf ein heißes Abentheuer,
Das allen Froſt des Falten mir vertreibt." —
27 * =
_ 420 °
Das" — ſagte Bertrand — ‚macht der Feind -
uns thener,
Der auf den fihern Höben lebt und leibt! —
Waͤrmt Euch am Hoffen, dab viel fhöne Damen
Den Schwimmer dort in Ang’und Herzen nahmen. —
Gewiß! — Selbſt Kön’gin Blanka fah den
Schwimmer,
Und ſeufzte tief: „wenn Frankreichs Heeresmacht
Viel ſolche Krieger zaͤhlt, To fteht'es ſchlimmer
Um mein Navarra, als ich je gedacht!“ —
Solaf', braver Enguerramd! Sieh holden Schimmer
Mon fhönen Angen Du durh Traum und Nacht!
Dann wirft Du morgen neu erftarft zum Siegen
An Bertrand’e Ser ins Schlachtgetümmel fliegen!
CXRRRXX
| Erläuterungen
sum fehsten Gefange
Seite 410: | oo
„Nach Pont be Larche zog er geri:
tet fort.”
‚ &sfeivergönnt, bei dieſem Vers ein: für allemal
Etwas über meine metrifche Behandlung ber franzöfl-
fhen Cigennamen zu fagen. Ich weiß gar wohl,
| 421
— — "a Fer
daß in der Poeſie jenes Landes Pont de Larche
vierſilbig gilt; es ſei denn, daß am Beginn des
naͤchſtfolgenden Wortes ein Vokal fteho, mit wel:
dem man bad fogenannte e muct zufammenzichen
Eönne.. In ber Riegel habe ich. mich oft bemüht, an
folhe Namen. einen Volal anzuſchmiegen; doc
fonnte und wollte ich in unfrer weit anders geform:
ten Sprache mic dieſem Zwang nicht immerdar
unterwerfen, und zog bei nachfolgendem Conſonant
‚Die in Deutfchland und überhaupt im gemeinen Le⸗
ben üblihere Ausſprache franzöfiiher Namen vor;
um fo lieber, da. unfre - gereimten Maaße: vieler
von den Franzoſen, Italiaͤnern u. ſ, w. gebrauchten
Sreibeiten — deren auch die Minnefinger fich
noch unbedenklich bedienten — gänzlich entbehren,
feit das, der Antite.entnammene. Wiegen der Sp:
ben ftatt ihreg bloßen Zählens bei ung Wurzel ge:
ſchlagen hat, und zwar. eine fo organiſch begründete
Wurzel, daß, meiner beiten Ueberzeugung nach, da
an feine Veränderung. mehr zu deufen iſt. Die
Reimzeilen unſrer Sprache find. num ehr.in Gefahr,
am Hiatus zu leiden, als an einer Weberfüllg, der
Syiben, alfo mag bigweilen jenes e muet ſich durch:
helfen, wie es fann. Als Splbe refpeftirt,, müßte
ed dem. Vers ein. für nus wahrhaft aͤngſtliches
Dehnen einfloͤßen.
4.
XVCX
Seite 419:
Schubwebr, fast man, für Kinder
oder Narren!
Garde -fou nennt die franzoͤſiſche Sprache ein
Bruͤckengelaͤnder, und der fröhlibe franzoͤſiſche Rit⸗
ter durfte bier wohl darauf anfpielen.
Eeite 419:
Sp aber ließ ih mich vom Wellen:
band
Des Finffes weiter ſpuͤlen, bie 3
‚Sept
&r faſt von felbit mid hat ans Land
gefept.
Die Möglichkeit eines fo gluͤcklich ausgeführten
Abentheuers möge wieder einmal mein fchon fru-
. ber gefelerter Sefdliß beweifen! Die Anekdote
taucht ohne nähere Beftimmung von Zeit und Ort,
aber zuverläflig, aus meiner Kindheit herauf, und
mug ſich daher — glei der ſchon früher erzählten
— in Reime fügen:
„Held Friedrio und ſein Seidlitz ritten
Auf hohef Steomeibrüde hin,
Und Friedrich, in ded Weges Mitten,
Sprach: „Seidlitz, Er hat kühnen Sinn!
Und er verfteht ſich auch auf Liſten,
Wo offne Hülfe nicht erſcheint.
1
Was ſaͤnn' Er aus, um ſich zu friften,
Mär vor und hinter ung der Feind?” —
„Eur Majeftät, id würde ftreiten,
So lang’ es ging’, auf Hieb und Schuh!” —
„And wenn’s nun nicht mebr ging’ ?”’— Sur
Seiten
Warf er fein Pferd, fprang in den Fluß:
Schwamm glüdlih durch die wilden Wogen,
Und fprah am Ufer lachend froß,
Den Hut ebrbarlih abgezogen:
„En'r Majeſtaͤt, dann mach? ichs fo!"
424
Bertrand Du-Gueſclin.
Siebenter Gefang.
| Hı junger Tag, der Du bie Schwing’ ent-
| falteſt
Blutroth und herrlich uͤber'm Wieſenplan,
Du biſt's wohl endlich, Du, der ruͤhmlich walteſt
Und die Entſcheidung rufſt auf ſtrenge Bahn? —
Doch wie Du auch kriegsfunkelnd Dich geſtalteſt, —
Noch will kein Heer dem andern Heere nah'n.
Hinauf (dawn fie, herab, Zorngluth im Buſen,
Sonft regungslos, verfteint wie von Meduſen. —
„Iſt das der Captal,“- fragt wohl bier mich bitter
Ein Züngling, vol von Kampfesehr und Gluth;—
„Der Captal, den Du ruͤhmſt als einen Ritter,
423
Durchſtroͤnt von fenrigem Gascognerblut?“ —
Er iſt's, mein junger Freund, und muͤhſam ſtritt er
Mit ſich, zu zuͤgeln ſeinen raſchen Muth.
Das wird er bald in blut'ger Schlacht. erläutern!
Jedoch mißtraut er wohl Navarra's Reitern;
Nicht ihrer Tapferkeit und kuͤhnen Schnelle,
Nur ihrer roffegugelnden Gewalt!
Und ohne dte gleiht auf beftürmter Welle
Der Reiter einer wankenden Geſtalt,
. Die felbft nicht weiß, wohin fie Zufall ſchnelle! —
Und gegenuͤber ſah man feſt und kalt,
Wie damals alle Frankenreiter waren,
Auf wohlgeuͤbten Roſſen Gueſclin's Schaaren.
Drum ſucht der Captal ein Gefecht auf Hügeln,
Wo ſtets das Erdreich hemmt des Roſſes Kraft,
Und auch mer wankend wird und los von Bügeln,
Abſpringend ſich noch guten Stand verſchafft.
Er ſprach: „die Franken kenn' ich! Wie mit Fluͤgeln
Treibt's die zu uns, trotz aller Wiſſenſchaft
Und Weisheit ihrer Fuͤhrer! Franken laſſen
Vom Feinde nicht, den fie in's Aug’ erſt faſſen!“ —
Doch fieh, wie trabt auf Einmal bort bergunter
Ein Ritter England’s, heil im Morgenliht,
Socglant fein Roß, and binter ihm ein bunter,
426.
Geputzter Knapp. Er fragt ba weiter nicht,
Ob's dem Captal gefalle, daß er munter
Als Brittenheld Brittania’d Ruhm verfiht.
Schon läßt voraus er feinen Knappen jagen,
Dem kühnften Frauken Zweikampf auzuſagen.
Ha, wie begann Im muntern Frankenheere
Ein freud’ges Drängen, lautes Waffenklingen!
ie wünfchte Jeglicher: „daß ichs body wäre,
Den Bertrand ſchict, den Fremdling zu bezwingen! —
„Nur Einer kann's doc fein, dem ich's gewährte!"
ESpricht laͤchelnd unſer Held. „Wohlen! Dies Ringen,
Roland du Bois, giebt unfer Vaterland
Dur mich in Eure vielerprüfte Hand!“ —
. Wie flogft Du ſchnell, Du tapfrer Roland, los,
Wie fluͤcht'ges Pfeilgeſchoß vom Bogen fliegt!
Der Britte ſtuͤrmt entgegen, doch Ein Stoß
Bon Deinem maͤcht'gen Speer, und ſieh, er liegt!
Liegt bleich im Gras, für immer athemlos!
Und nach dem Recht des Helden, welcher ſiegt,
Greift ſeines Roſſes Zuͤgel Deine Rechte,
Als Preis es heimzufuͤhren vom Gefechte.
Merk' anf, Du braver Roland! Brave Franken,
Merkt auf, denn Euerm Ritter droht Gefahr!
Dort ingen aus des Zeindes naͤchſten Flanken
’ J
„IT
Sechs Britten vor mit weh ndem Mähnenhaar!
Doc ſchnell auch wie der Blick und die Gedanken
Stel’n ſechs Bretagner fi zur Huͤlfe bar.
Das Pferd dem Sieger follen Jene laſſen,
Mo niht, wit Diefen fih im Kampfe fallen!
Sie thun's entfchloffen. Cine Heine Schlacht
Don Zwölfen bricht in Mitten beider Heere
Sewaltig los. Schild, Lanz’ und Küras Fracht,
Sen Himmel fplittern die zerbrochnen Speere!
Zwei Britten finfen in des Todes Nacht,
Zwei Andern raubt der Steger die Gewehre,
Die beiden Letzten mit verhängten Zügel
Flieh'n zu den Ihren ſchnell Hinauf deu Hügel, —
„Noch zoͤgerſt Du, Captal von Buch ?- Wohlan,“-
Denkt Du⸗Gueſclin — „ſo ſei noch Eins begonnen!’
Die Fuͤhrer ruft er ſchnell zu ſich heran,
Und ſpricht: „manch Einer hat den Sieg gewonnen
. Suft ba, mo er verwegen und ſtroman
Der Regel troßtel Laßt ung Fühnbefonnen
Hier dicht vor unfern Feinden abwärts ſchwenken!
Dielleicht, daß fie doch dann an's Nachhau'n denken!
Und thun fie das, — dann führen wir bie Meiter
Auf Einmal wieder vor mit ruͤſt'ger Hand,
Und Gott und Euer tapfrer Muth Hilft weiter! ”—
428
Wohl fhwieg, mit ber Gefahr des Stüde bekannt,
Ger finnig manch ein alter, wadrer Streiter.
Allein die Iugend lachte, die am Rand
Der Klippe gerne tanzt, in Luſt verwegen,
Und froh fchon if, gilt's nur ein raſch Bewegen, —
Gleich übern Fluß 309 das Gepaͤck von binnen,
Es folgte dem dag dritte Treffen ſchon. il
-Die Feinde ſchauten nah mit ſtolzen Sinnen, .
Und viele murmelten im duͤſtern Hohn:
„Wozu, daß wir nur irgend Krieg beginnen?
“ Wir, Gegner fhenend, bie vor ung entflohn!
Der Saptal huͤtet zärılih ung vor Schrammen!“ —
Der rief indeß die Ritter al’ zuſammen.
Da gab’8 ein Streiten! Bor den Andern allen
Fuͤhrt der Jouel, der Britt!, ein derbes Wort,
Und will dem Feind gleih in den Nachzug fallen.
Doch der Captal beitebt auf feinen Drt, -
Auch Saquainville, und: der aus Feindesfallen
Geloͤſte Basco von Mareuil, Sofort
Gprengt Jouel teogig bin nach, feinen Britten,
Und ruft: „Im Rath hat man mid überfiritten
Wir fol’n zufeha! Zufeh’n, wie jene Franken
Vor unſrem Angeſicht von hinnen reiſen! —
Seht dort auch ſchon das zweite Treffen werten!
429
Das Dritte 309 In des Gepädes Gleifen
Schon längft fi übern Fluß und aus den Schran:
ten!” — |
Und ploͤtzlich zuͤckkt er wild fein fcharfes Eifen,
Ruft: „England! Sanct Georg! Drauf, England’s
Streiter!“ —
Nach rufen's, freudig jagend ſchon, die Reiter.
Schnell wandten ſich Auxerre und ſeine Schaaren
Zum erſten Treffen, das noch ruhig ſtand,
Und auch des dritten Treffens Reiter waren
Die Bruͤcke ſchlachtenfroh zuruͤckgerannt.
Um den Jouel aus drohenden Gefahren
Zu loͤſen, hebt der Captal ſeine Hand,
Winkt: „Vorwaͤrts!“ und die Heer in Kurzem
| {hauen
Sich Blick In Blick auf den ganz ebnen Auen.
Bertrand’8 Trompeter Hefen ſchon mit Schale
Zur Schlaht. Da zeigte noch ein Herold fich
Vom Captal, fprehend: „ſchlimm feid in der Salle
Ihr wen’ges Voll! Doch gönnt großmuͤthiglich
Mein Feldherr Euch den Abzug. Und fuͤr Alle —
Er weiß: kaum haltet Ihr dem Hunger Stich! —
Schickt er alsbald Euch uͤverreich zu leben,
Denn Ihr zum Ruͤckng ſtill Euch wollt begeben!’ —
430.
So weit bes Captal Wort. — Aus eignen Gulden
Spricht noch der Herold: „Herr, wollt Euch entledigen
- Der Euch bedroh’nden, graunvoll biurrgen Schulden !
Bedenkt, wie viel heut Menſchen fich beichädigen,
Wenn,’ — Bertrand lacht: „Da nimm hier hun-
bdert Gulden
Und auch dies Pferd fuͤr Dein ſehr ſchoͤnes Predigen!
Dann aber, rath' ich, trab' auch wacker zu!
Sonſt bin ich eh’r bei Deinem Herr'n, als Dir!
Und weil er doch ung Speif und Trank will fenden,
Sag’ ihm, das wol? ich lieber felbft mir holen.
Den Köcen fag’, daß fie die Braten wenden!
Die Suppe ſteh' ein Weilchen noch auf Kohlen!
Bald komm’ ich felbft mit etwas dreiften Händen,
Und — weil mich Bungert — aud mit raſchen Sohlen,
Su fehn, was Ihr an Rindern kocht und Schafen.
Reit! Im Quartier bes Captals will ich ſchlafen !
Der Herold ritt, und bie Trompeter bliefen,'
Und es begann. bie zorndurchflammte Schlacht,
Die Schlaht auf Cocherel's berühmten Wiefen,
Der noch von ſpaͤten Enkeln wird: gedacht. —
Der erfte Todesgruß, ben fich ermieſen
Die Heere dort, war eine Pfeilesnacht, |
Durch Beider Schüßen bin und ber gefchoffen,
Davon viel blut'ge Todeswunden floflen.
431
Dann zaffelten die Reiter kuͤhn zuſammen;
Mer zählt die Thaten, welche dort gefhab’n?
Mit Heldenflammen firitten Heldenkammen,
Aus fonn’gen Wolfen fab manch großer Ahn,
Und Einer wies dem Andern : „‚fieh, die ſtammen
Aus meinem Blut, und gehn auf meiner Bahn!’ —
Wer da nun fromm und kuͤhn zum Tode gleitet,
Sieht oben wen, ber ihm die Arme breitet. —
Hochtagend dringt mit ungeheuerm Schwerdte
Dort ein Bretagner durch das Kampfgebraus!
Das ift Thibald Du: Pont, der Vielbewährte,
Dem Freund’ einfeiter Schild, dem Feind’ ein Graus.
Ob Schiem und Panzer feinen Hieben wehrte,
Flog Arm auf Arm doch ab! Das Schwerdt hielt aus
Mand rief gen Schwung. Daun brach's. Zur
Streitart faffend,
Sah auf drei Sieb er and) drei Geind’ erblaffend,
Richt minder faf, denn et, als kuͤhner Streiter
That Du: Önefelin, die Rotten raſch durchbrechend,
Zugleich des Kampfes klugbedachter Leiter,
In ſtillerm Augenblid zu Jedem fpredyend,
Der meldet oder fragt, beitändig heiter,‘
Dann wieder, was ihm naht, vom Roſſe ftechend,
Lautrufend: „Kinder, fröhlihl Es geht gut!
Dem lieben jungen König Gut und Blut!
432
Ihr wißt, wir muͤſſen Dem was Huͤbſches bringen:
gen Lorbeerzweig! Haut, meine Reiter, haut!“ —
Und immer mächrger hört man Waffen klingen,
Wie Echo wet der nähften Echo Laut.
Da bieb zum Bertrand im gewalt'gen Ringen
Sich Basko durch, und rief: „Ha, Eine Braut,
Victoria iſt's, um Die wir Weide freien!
Her, Bertrand! Her, und tanz’ mit mir den Reihen!‘
Mie Löwe, der des Kaͤfig's Eifen bricht,
Bricht Bertrand durch die Rotten, wirft vom Roſſe
Den Zeind, und hätt’ ihm wohl das Lebenslicht
Selöfht mit grimm’gem Hieb, doch ald Genoſſe
Dee Lebens und des Sterbens drängt ſich dicht
Manch treuer Mann mit Schwerdt und mit Geichofle
Um Basco ber, den Leib zum Schilde reihend
Demthenern Herr'n, und ihm zum Schuß erbleichend.
In biefem Sturm fiel vor Navarra's Klingen
Der tapfre Beaumont, Frankreichs Lilien treu!
Zu Moffe konnte fih der Basco fhwingen,
Und brach ergrimmt in's Blutgemeng' aufs nen,
Dem muth’gen Annequin den Tod zu bringen.
Doch blieb er nicht der ſchnellen Rache frei.
Aurerre bat ihm alsbald das Haupt zeripalten;
Todt ag er, grimm bei grimmigen Geſtalten. —
—
433
Auch Dich, Johann Jouel, Du raſcher Britte,
Der diefen Kampf begann, auch Did erfaßt
Ein frühes End’ in Deiner Gegner Mitte,
In die Du kuͤhn Dich eingerungen haft!
Doch ob man biut’ger noch und wilder fritte:
Gleich einer ungeheuern Felfenlaft,
Steht zwifhen Beiden feſt — auch den Gedanken
Beweglich -Taum!— der. Sieg, fları, ohne Wanken!
Umſonſt, daß fchon die dritten Treffen flreiten
Bon beiden Heeren! Sie enticheiden nicht.
Da ruft der Bertrand ſich den kampfgeweih'ten
Euftah von La: Honflaye heran, und fpricht:
„EiP, mit zweihundert Pferden zu durchreiten
Den Buſch dort rechts! Mit allem Stoßgewicht
Des Fühnen Laufs brich dann in Geindes Rüden!
So, hoff? ih, fol ein raſcher Sieg und glüden!"-
Mas er gehofft, geihah. — Das Ueberrafchen
Bleibt nun einmal ein alted Siegesrecht!
. €8 gönnt geringer Zahl, das Gluͤck zu haſchen,
Und macht Die wirre Menge fih zum Knecht.
Ein ungeſeh'nes Netz bat fiarPre Maſchen,
Und wenn man rädwärtd ſchau'n muß, zaͤhlt fih’s
| | | ſchlecht. |
So brach'n Ritter Euftady8 wen’ge Reiter
Des Zeindes Muth. Die Andren brachen weiter.
28
434
Das dritte Treffen Bertrand’s ſchlug das dritte
Des Captals, und fiel dann gewaltig ein —
Huf Bertrand’s Ruf — in die noch feſte Mitte
Der Gegner mit endlofem ubelfcheei’n
Nach alter Idrmender Gascognerfitte. -
Da trennten ſich, zerfprengt, Navarra’s Reih'n.
Der Saptal kam auf blutig irren Wegen
"Dem ungeheuer Thibald wild entgegen.
Hoffe’ er an dem noch feinen Muth zu kuͤhlen?
Das gab ein gar ungleiches Ringerfeſt!
Wie Kinder wohl mit Kleinen Huͤnd'chen fpielen,
Griff ihm fein Haupt der Rieſ', und hielt ihn feft
Um Helmkamm, rufend: „wirft nichts mehr erzielen
In Kampf. und Sieg! Sieb Dich! Dein ganzes Neft
Sft ausgenommen ſchon, Du Feder. Sperber!
Sieh Dich! Set niht Dein eigener Verderber!! —
[
Und ringenm drängten. ih Bretagne's Reiter,
Und bieben wäthig auf den Gaptal eim
Doch er, ben Dolch zur Hand, kämpft raftlos weiter,
Und ruftdem Thibald: „nein!“ und wieder: „mein!“
Da drängt ſich plöklich Bertrand durch die Streiter,
Reicht ihm die tapfre Hand, und ruft: „ſeid mein,
Herr, und errettet Euer edles Leben!" —
Des Captal ſpricht: „Dir darf ich mich. ergeben !
435
Da war der Kampf auf diefer Seit am Ende, '
Und Bertrand ſprach zum tapfern Niefen: „hebt
Mein edles Pfand mir auf! In Eure Hände
Geb’ ich's, derweil, wo Feind noch Waffen hebt,
SH mid zum Schluß des ernfien Tages wende!’—
Doch Niemand mehr im Felde. widerſtrebt.
Auch Saquainville war eben jetzt gefangen,
Und Alles hört man laut Parbon verlangen.
Man gab Pardon. Auf biut’gem Anger fhnell
Macht Halt der Krieg, und blüht des Friedens Reid. —
Das war die ernftie Schlacht bei Eocherel,
Gekaͤmpft am drei und zwanzigften des Mal's.
Da ſtrahlte Bertrand's fchöner Kampfruhm hell
Durch alle Lande! Freund und Feind rief Preis!
Dem König kam die Botfchaft, ale fein Tritt
In Rheims den. Dom zur Salbung juft beſchritt.
O ſchoͤner Gruß! Doch fireng auch war zugleich
Des Strafgeſetzes Mahnungsgruß ergangen.
Denn Saquainville und Graͤville, die im Reich
Gebuͤrtig, Waffen auf den Koͤnig ſchwangen,
Auf ſeine Treuen manchen Todesſtreich,
Sind mit den Schwerdtern in der Hand gefangen.
Es grüßt Dich, junger König, heitre Würde
Am heil'gen Thor im Bund mit ernfter Buͤrde!
28”
„136 __
Du darfſt, Dur darfft nun nicht Die Milde jeigen,
Die fonft der Tag wohl und Dein Herz gebeut!
Wohin noch wird ſich Rebellion verfteigen,
Wenn fie den Spruch des Richters nicht mehr fcheut?
Der Saquatuville muß fih dem Beile neigen!
Den Graville rettet noch fein Eohn. Der bränt
Dem Xeben eines Herr’n, dur ihn gefangen.
Da war alsbald die Auswechslung ergangen.
Nun aber kommt des Königs Freudenftunde,
Denn an's Belohnen geht’. Lob, Chr’ und Gelb
Vertheilt freigebig er der edlen Runde.
Zum Graf von Longueville macht unfren Held
Ein Dankesgruß aus Töniglihem Munde.
Auch ſprach der Fuͤrſt: „Du bift hinfort beſtellt,
Die Normandie, die uns Dein Sieg erhalten,
Als koͤniglicher Marſchall zu verwalten. —
Der Bertrand gab fuͤr ſo hochedle Gaben
Den kriegsgefang'nen Captal feinem Herr'n. —
Zwar — wer⸗s nicht liebt, in heißen Kampf zu traben,
Und wo man ſtuͤrmt, gern ſicher ſteht und fern,
Mag wohl an Aemtern keine Freude haben
Von alſo bittrer Schal’ und hartem Kern.
Die Normandie ſah viel der wuͤſten Banden;
Schloß Longueville fand noch in Feindes Handen.
437
Doch hälfreih folgten unfrtem Helb bie Ritter
Don Cocherels fiegblüäh’ndem Wieſenplan,
Dabei fein kühner Roger. So erftritt er
Sich Longueville alsbald. Auf rafher Bahn
Traf Wilhelm Boudftel die Feinde bitter.
Die, ob fie gleih nur Bertrand's Vortrab fahn,
Schrie'n, flühtend durch Valogne’d Gaſſen: „Leute,
Der Teufel Bertrand kommt, und kommt noch heute Kim
Auch war im Augenblick berennt bie Stadt.
Man drohtdem Hauptmann, wol’ er nicht ſich geben,
Schmahvollen Tod. Der ruft: „wir find nicht matt!
Navarra's Held, Montfort, England fol leben "’—
Doch ald zum Stürmen man gereih’t ſich bat,
Rüdt er in einen Thurm. Die Stadt, vol Veben,
Sieht Frankreichs Schaar mit Brand und Plän-
drung kommen.
Do mild bat Bertrand fie in Schuß genommen.
Nun ging’sthurman. Sechs Feuerſchluͤnde kamen,
Bon Saint⸗Lo, und begannen zorn'ges Spiel.
Dec die Belagerten Im Thurme nahmen
Den Donnerfpuf nur leicht, und lachten viel,
Auch ſaßen fie in ihrem fteinern Rahmen
Ganz fiber; das Gefhoß half nicht an's Biel.
So oft von dem Gemaͤu'r die Kugeln prallen,
Hört man von droben heil ein Gloͤclein fchallen.
RB.
Und wie auf mancher Funftbegabten Uhr
Alftundlich fih ein neues Männlein zeigt,
Und, als entfloh’ner Stunde Jetzte Spur,
Mit fraßenhafter Sierlichfeit fi fih neigt, —
Sn wenn der Schuß dumpf an die Mauer fuhr,
Erſchien ein Knapp, mit einem Tuͤchlein leicht
Die Etelle reibend. „Bitt' Euch, laßt das Scherzen!“
Miefer: „Wozu die Ihöne Mau’r ung ſchwaͤrzen?“ —
DBielleicht bat wer von Denen, bie dies Iefen,
Schon felbft erlebt, wie ſchlimm's den Sinn verftört,
Wenn man bei ernfter Arbeit tuͤcht'gem Weſen
Auf Einmal Hohn und Scherzgetändel hört.
Der Bertrand rief ergrimmt: „wollt Ihr genefen,
Ihr Thoren, von leichtfert’gem Wis bethört,
Sp gebt Euch! Soll’ ich hier ein Jahr verbringen
Sammt Frankreich's ganzer Macht: ih muß Euch
zwingen!“ —
Und giebt ein milder Bertrand ſich in's Zuͤrnen,
Ein ſtarker Bertrand, — das hat andre Art,
Als die gewoͤhnlich krausgezog'nen Stirnen.
Drum ſchien der Feind ſich nicht mehr g'nug bewahrt,
And fäß er auch auf hohen Gletfcherfirnen,
Doch meinte noch mit Leder Brittenart
Der Hauptmann dreißigtaufend Pfund zu faffen.
„Gebt die!’ ſprach er; „fo wolln den Thutm wir
| laſſen !"*
439°
Da tief der Bertrand grimmig: „nun sieht ab,
Zum legtenmal wird's Euch fo gut geboten;
Sonft giebt man zum Quartierftand Euch dag Grab,
Und quitt des Geld's auf immer find die Todten!
Drei Tage Frift! Dann wirft man Euch hinab! —*
Sie zogen aus, die ſchaam⸗ und zornesrothen
Geſell'n, und ihnen ſchrie auf trüben Wegen
Das Frankenheer manch tollen Hohn entgegen.
Drob warfen acht Navarrer Edelleute,
Noch Juͤnglinge, fih in den Thurm zuräd,
Berrammelten die Chir, und riefen: „Beute
Mird Euch nun hier wohl unfer zeitlih- Gluͤck,
Doch unfre Ehre nicht! Ihe lernt noch heute,
Daß einen Spanier man eh’ Stüd vor Stüd
Betreißt, als ungeftraft ihn darf beleid’gen!
Stuͤrmt! Und erfahrt dann, wie wir uns vertheidgen!⸗
Der Sturm begann. Den keitern fehlt bie Linge;
Ele ragen nicht bis zu der Zinn' empor.
Die Achte werfen Stein’ und Holz in Menge
Zerſchmetternd auf- der Feinde wüth'gen Chor.
Schon füllt den fhmalen Gräben dad Gedränge
Der Todten! Gueſclin tritt zum Thurme vor,
Und ruft: „ergebt Euch!" — Doch es tönt hernieder
Antwort im Klang der Waffen und der Lieder:
440
„Aus Navarra's edlen Bergen
Stehn vier Heldentnaben ftolz
Auf dem Thurmbord, zu den Iwergen
Niederſchmetternd Stein und Holz.
Und bie luſt'gen Zwerglein fallen!
Doch ein Rieſe ſtemmt fih hoch,
Rufend: „mir die Thurmeshallen!
Mir, der ftärfre Mauern bog!
Dief’ auch beng’ ich endlich nieder,
Und dann fterbt Ihr blutesroth! —
Doch die Knaben fprechen. wieder:
‚„Miefe Du, wir find ſchon todt!
Ach wie frifh und froh wir Tamen,
Ringend nah der Ehre Thor!
Doch man hat Navarra’d Namen
Frech geihmäht vor unfrem Ohr!
Da, im Augenblid erftorben,
Kiel vom Herzen Freud’ ung fork.
Leben ift und ganz verdorben,
Doc es lebt noch Rad? und Mord}
Mord fol auf Euch niederrollen,
End von unſren Speeren drohn!
Nennt und immerhin die Tollen! —
Wir erfämpfen freud’gen Lohn!
44.
Unſer Spanien wird ung Ioben,
Denn in unfrer Todesnoth |
Bleibt der Ruhm Navarıa’d oben,
Und die Schmach ift ab und todt!“ —
Indeſſen that, verwachfen von Geſtraͤuchen,
Den Franken eine Eifenthür’ fi Fund.
Die muß alsbald vor Hammerfchlägen weichen,
Und ein nun dringt ber furchtbar zorn’ge Bund.
Noch Edmpfen jene Acht. Doch bald als Leichen
Stürzt man fie wuͤthend über’n Zinnenrund,
Haut ihre Köpfe vom -zerfchellten Rumpfe,
Und ſteckt auf Lanzen fie als Graͤultriumphe.
Es fah der Bertrand dag mit ernftem Schaudern,
Und ſeufzte: „Du wildwachfend TFünglingsbeet,
Wer heißt Dich da noch mit Ergebung zaudern,
Wo der Vertrag ſchon in Erfuͤllung geht?
War denn ein Kriegerſcherz, ein wildes Plaudern
Verbrechen der verletzten Majeſtaͤt
An Eurem Ruhm? — Ihr habt Euch ſelbſt verdorben!
Und dennoch — dennoch — ſchoͤn ſeid Ihr geſtorben!
Die Ehre , dieſes Gut der Erdenguͤter,
Iſt alſo zart, daß oft ein Hauch ſie faͤllt;
442
Und doch, unfterblich ihrem aͤchten Hüter,
gebt länger fie, ale er, ja, al6 die Welt! —
Du kuͤhner Zünglingskranz, Du früh verblühter, _
Schlaf fanft, weil Ehrenglanz Dein Grab umbellt!
Wir aber, die noch ehrbar find am Leben,
Bir woll'n mit Gott nach friſchen Kränzen ftreben 1.
43
\
Bertrand Du⸗-Gueſclin.
Achter Geſang.
Hin nad Stadt Douvres In der Normandie,
Bon wo viel ftolge Britten ringe bedrduen
Das Land mit wüfter Schaßung fpat und fruͤh,
Zieht Bertrand Du:Guefelin mit feinen Treuen. —
Als unterweg’s in Freundesvefte fie
Das muth’ge Herz mit Speif’ und Trank erfreuen, -
Saf mit am Zifh ein Kriegsgefangner bort.
Zu dem ſprach Bertrand ſcherzend dieſes Wort:
„Mein tapfrer Feind, ich will mich's unterfangen,
Stadt Douvres, und Pont d' Ave nebenbei, -
444
Aus England's tapfrer Haub ruͤckzuerlangen;
Glaubt Ihr, daß mir dad Ding wohl moͤglich fel?
Und wie hitt’ ich's am beften anzufangen?’ —
Doch Jener fpriht ganz eruſt: „das Feldgeſchrei,
Gueſclin und Mutter Gottes, kann wohl baunen
Den Feind! Wohl beſſer, als zehntauſend Mannen!“
Da faßte treu der Gueſelin feine Hand,
Und ſprach mit einem feltfam ernſten Lachen?
„Ih war vordem ein recht hochmuͤth'ger Fant!
Ihr habt's nicht nöthig, mic erft toll zu machen.
Das ift dem lieben Herrugott wohl befannt;
Drum ließ er unter mix ſchon oft zerfrahen —
Damit mir bad zur fhuld’gen Demuth nügtel —
Stab und Geruͤſt, auf die ich keck mic ſtuͤtzte.
Ich werd’ auch fo was wohl nad oft erfahren,
Denn unfer lieber Herr zieht treu und gut.
Doch will ih möglichft mic davor bewahren,
Bon ſelbſt bezähmend meinen Uebermuth.
In Douvred ſteht mit wohlgeübten Schaaren
Der Hugh von Caurele! Der wehrt fih gut!
Den kenn' ich fhon aus fruͤhern Kampfrevieren! —
Doch will in Gottes Namen ich's probieren.” —
Er zog, und hat im raſchen Sturm genommen
Pont d' Yve. Doc mehr gab es ber Gefahr,
445
Als nun vor Dorvres er war angekommen.
Hei, was da viel der tapfern Gegner war!
Die Britten fühlten friſch den Muth entglommen,
Und die Normdnner drinnen wußten’s klar,
Es wart’ auf fie die Strafe der Rebellen,
Und gelt es um fo mehr, ſich feftzuitellen.
Der Bertrand ſprach: „bier läßt ſich's beſſer
| graben,
Als vor Valognes, das auf Felfen ſtand. |
Friſch in den Grund! Sie fol’n Gefellfhaft haben
Sm Schloß, eh’ fie die Ladung ausgefandt! "—
Doch ale fi) Die forglos bei Tiſch' erlaben,
Stellt Wer ein Weinglas auf den Fenfterrand, —
Das faͤngt mir Eins zu sittern an, zu Klingen,
And läßt den Wein hoch aus dem Kelche fpringen!
Da merkten Alle, was es brunten gab,
Und eilten abwärts, horchten nach der Crde,
Und fpärten bald au das lebend'ge Grab.
Sie fhlugen ein, mit dngftliher Beſchwerde
Feindan fih drängend in den Schlund hinab,
Wie vorwärts die gejagte Köwenheerde.
Doch Bertrand's Schaar vernahm das dumpfe Negen,
Und meldete; „der Feind gräbt ung entgegen!"
. Sugleih Tam Botſchaft In des Könige Namen:
„Laß, Held, nun ab vom Krieg der Normandie!
446
Ps >
Das findet ſich nachher von felbft, wie Saamen
‚Aus dem gemäh’ten Korn. Gen Weiten fieh!
‚Bon Auray hin zu Deinem Herzog Tamen -
Laͤngſt Boten, huͤlfefleh'nd; und Der hat nie
Die Seinen noch in einer Noth verlaſſen.
Er wird den Montfort, den Belagrer, faſſen!
Zu Sur ihm nun! Dort gilt’e um Sieg und
Frieden ' —
Den Bertrand treibt fein Herz in's Vaterland,
Zreibt Ihn zu Karl von Blois, — doc: hier geſchieden
Wär’ er vom Plage mit fieglofer Hand ?—
Er fpriht: „die unſre Naͤh' bis heut gemieden,
Und hinter Wall und Mauer bielten Stand,
Sie graben fi ja jetzt zu uns herunter!
Da gluͤckt vielleicht ein rafcher Griff, Nur munter!’ —
Und munter ordnet er ringsum den Eturm,
Daß Alles ſchaut nach außen von den Mauern.
Er felbft derweil dringt ein, wo Molch und Wurm
Auf nachtumhuͤlltem Moorbett fheuslich Tauern,
Tief unter'm feftgegrändet alten Thurm
Mit fieden Rittern;— nah hört man voll Schauen
Ein leifes Pochen, faſt wie fal’nde Tropfen, —
Iſt's geind? — Sind’s Erdgefpeniter, bie fo Hopfen?
Der Bertrand flüftert:: „vor! Es iſt ber Feind) —
Und wären’s Geifter, — gut! Uns find bie Ahnen.
.
447
Als höh’re Geiſter fchügend gern vereint! —
Ihr Schaufler, brecht ung vollends freidie Bahnen —
Doch Einer geb’ zurüd, wo Tag noch ſcheint,
Um die zweihundert Krieger zu ermahnen,
Am Eingang barrend , daß fie rafch die Stufen
Herniedereilen, wann zum Kampf wir rufen!" —
Es wankt die letzte Scheid’wand, ſtaͤubt and bricht,
Und praffelt feitwärts fort mit Erd’ und Steinen, —
Arbeiter fieht bei’m trüben Fackellicht
Bon Jenſeit man in rüftger Schaar erfcheinen.
Sie heben Art und Speer zum Angriff dicht, —
Doch kaum nur laflen Bertrand und die Seinen
Den Schlachtruf: „Gueſclin, Mutter Gottes!“ ſchallen,
Als Jener Waffen ſchon zu Boden fallen.
. Ste ſchreien: „Pardon!“ Vorbel und uͤberhin
Geht Bertrand's Lauf, empor zur Tageshelle,
Die aus dem Burghof ſtrahlt. Zum Sieg’sgewinn
Ziehn die Zweihundert nach in ruͤſt'ger Schnelle.
Wie ſtarrten da mit uͤberraſchtem Sinn
Die Wallvertheid'ger, als das Kampfgeſchelle
Von Schild an Schild und Gueſclins Hoͤrnerklang
Und Feldruf aus des Schloſſes Innerm drang!
Da ſenkten ſie die Waffen. — „Braver Degen, —
Sprach unfer Held zum Hugh von Caurele, —
448
„Wir trafen uns ſchon ſonſt auf unſren Wegen;
Sei's nicht um's Wiederfinden jetzt Euch weh!
Ihr ſeid vor Maͤnnern als ein Mann erlegen,
Als ein gewalt'ger Damm vor ſtuͤrm'ger See!
Auf Löfung heiß' ih Euch ald Gaſt willkommen!
So auch find Eure Bitten angenommen.
Was von Normannen foht in Euren Schaaren, —
Die trifft zum Tod das ftrafende Gericht.
Ich bin des Könige Marſchall hier. Bewahren
Darf id den edlen Feind, — Rebellen nicht. —
Tür jet, lebt wohl! Gleich muß ich fürder fahren;
Denn einer nahen Schlacht begeifternd Licht
Winkt hoch herüber mir von Auray's Waͤllen!“ —
Raſch zog er fort, umd mit ihm die Gefellen.
Da war ed doch nun bier fat fo ergangen,
Wie jener kriegsgefang'ne Ritter ſprach,
Daß, als von Bertrand's Feldgeſchrei erklangen
Die Mauern, ſchnell des Feindes Kraft zerbrach.
Hin jetzt, wo tiefre Wolken niederhangen,
An Donnern ſtark, ziehſt Du der Ehre nad,
Mein Du⸗-Gueſclin, und wie vom Reich der Todten
Trifft unferweg’s Du einen Trauerboten.
Der meldet Dir, Dein greifer Vater liege
Darnieder fchwer, ganz nahe dem Erblaflen,
449
Und woll' Im Lanfe der erhab’nen Siege
Nur Einmal feinen Bertrand noch umfaffen,
Da mußte Du die Führermaht zum Kriege
Für Einen Tag wohl Andern überlaifen :
Dem Stammier,, dem Aurerre, dem ruhmbelannten
Guido Bapyeur, den fie Erzprieſter nannten,
Mit fih nahm. Bertrand auf fo trüben Wegen
Drei Ritter, feinem Herzen lieb. Das war
Sein Bruder Dlivier, der tapfre Degen
Maunpd, und der vieltreue Beaumanoir.
Er ſprach: „nun theilt mit mir den Vaterfeegen,
Wie fonft im Geld die rühmliche Gefahr.
Und feht Ihr Euern Bertrand herzlich weinen, —
Einun, wasthuts ? — er weint nur vor den Seinen —
—Sie kamen zu den alten, fihatt’gen Linden °
Don Schloß Broon, wo fonft den heitern Tanz
Das Kandvolk hielt in blüh’nden Feftgewinden,
Wo Bertrand mit dem frähften Nuhmesfranz
Einft vor den Vater trat, — und ad, nun finden °
"Sie Alles trauernd, wie erftorben ganz!
Einft alter Diener, Bertrand’s Bügel baltend,
Spricht leiſ': „er lebt, doch ſtumm, faſt ſchon er⸗
kaltend.“
29
*
450 _.
Geſtreckt aufs Todesbette lag ber Held,
Der alte, freundliche, mit milden Zügen,
Als Schau’ er laͤchelnd ſchon die befi’re Welt.
Doc fieh den Strahl von irdiſchem Vergnügen,
Der plöglic rein und fanft fein Aug’ erhellt!
Da konnt’ auh Einmal noch dies Leben fliegen.
Dad Wort kam ihm zurüd; er ſprach: „gepreiftt
Sei Gott, der meinen großen Sohn mir weif’t!
Nun mil ich erft recht froh von binnen ſcheiden!
Ich ſah Dich, Bertrand, je Im heilen Schein
Des Ruhm's, — fah’ mehr! Sah' ſtark Dich, fromm
’ im Xeiden,
Und immer fehnel von Gott Dich draus befrei'n!
a, wen die Engel fo gar forgfam weiden,
Der muß wohl auch in Gottes Gnade fein?
Herr, Herr, wollt ihn darin recht ftät bewahren,
Bis ex mir nach einit kann sum Himmel fahren !—
Das Gluͤck, mein Bertrand, iſt ’ne eitle Dirne;
Da ſah'ſt in mannigfahen Proben ſchon,
Wie heut fie laͤchle, morgen wieder zürne.
Allein der Lichtkranz, den zum ew’gen Kohn
glicht gottgefaͤllge Tugend unſrer Stirne, —
Der gruͤnt und bluͤht, ob ringsum Neider drohen,
451
nn
Und ſchwarzen Nachtgraun's Wetterwolken Dunkeln, —
Ja, noch im Tod’ erblüht fein fhönftes Funkeln!
Glaub's auf mein Wort. Du weißt: - mein
Wort fteht feſte,
Und was ih jeßo fpred”, erleb' ich jetzt,
Erfterb? ih jeßt! — Ihr, Kinder, die am Reſte
Des Lebens mich mit holden Thraͤnen negt,
Lebt allmitfamen huͤbſch als Friedensgaͤſte
Auf dieſer Welt. Zu Euerm Vater ſetzt
Der Vater Euch den Bertrand ein im Sterben,
Und weiß: der laͤßt ihm Kein's von Euch verderben.
Dem Bertrand ſollt Ihr folgen All' in Allen!
Der Bertrand ſoll der Guͤter maͤchtig ſein!
Dem Bertrand muͤht Euch immer zu gefallen!
Der Bertrand theil' Euch Alles weislich ein! —
Bertrand, halt feſt im Sterben mich! — Mir fallen
Die Augen zu — doch wird's ſo hell und rein
Sm innern Blick, — ih hoͤr' Dich herzlich weinen, —
Getroſt! Die Freude wird auch Dir erſcheinen!
Jetzt macht der Gram Dich ſtumm, — dann
wirft Du lachen
In feel’ger Luft, wie ih! — Schon wird das Regen
Der ird'ſchen Zunge matt, — doch ed erwaden
Mir Pfalmen in der Bruft, — nehmt meinen Seegen,
29°
452
Ihr lieben Kinder, al’! — Auf fonn’gem Nachen
Schwimmt dur die blaue Luft mir wer entgegen, —
Wer ig? — Ta, rather! — Wißt Ihr's nie?
Johanna,
Johanna kommt! — Preis, Gott! Preis! — Ho⸗
ſianna!“ —
Er ſchwieg. — Nach einer Stunde flog bie Seele
Dem Himmel an der Hand Johanna's zu,
Gelaͤutert heil, gefühnt die Erdenfehle! —
Der Leib lag ftill in fanfter Heldenruh.
Daß man im Schoos der Erd’ ihn bett‘ und hehle
Bis zur Erneuung, forgft mein Bertrand Du,
Nah füpen, ritterlihen Trauerpflichte,
Die Dir’s gesiemt, dem Seel’gen zu entrichten. —
Dann abermal ging’s in die Welt zurüde,
Mo eitle Hoffnung lot, den güldnen Ring,
- Der ung vor Augen fhmwebt, — vom leichten Gluͤcke
Das leichte Pfand! — zu fallen! — Blendend Ding,
Und wenn mannun Dich faßt? — Du brichft in Stuͤcke,
Verhöhnend den, der muͤhvoll Dich empfing, —.
Klierft um ihn ber, — matt fühlt er feine Glieder,
Matt feinen Seift, — und do: er fommtwohl wieder !
Verſucht auf?’s new das tolle Ningelrennen,
Und rennt, bis Roß und Mann zuſammenbricht! —
453
Viel anders, mer im ernftlihen Grlennen
Der Eitelkeit, beftrablt vom Trauerlicht
Der Kerzen, die an Heldengräbern brennen,
Den Kampf, der ihn befchieden wird, durchficht! —
So kamſt Du, Bertrand, wieder zu den Rotten
Des Seer’s, und darfſt jedweder Blendung fpotten. —
Das that Dir Noth. Denn reich anf allen Wegen
Gruͤßt Dich der Kriegsgefährten Waffenklang;
Fa felbft die Herzogin Fam Dir: entgegen,
Und Karl von Blois mit Prunk und Yubelfang.
Sie ſprachen: „it und Bertrand Schild und Degen,
Wer widerfteht dann unferm Heeresdrang? .
Bei Iofelin laßt und die Muſt'rung halten,
Und alle Banner auf der Haid’ entfalten!“ —
Sa, laßt nur bunt noch Cure Banner wallen!
Sie tauchen bald einfärbig fih In Blut.
Laßt Eure muntern Kriegesmärfche halfen!
Das ruft todtan, todtan der Krieger Muth. —
Saht Ihr den hoͤchſten Mitter dort vor Allen?
Sein Roß fo fhon, fo feurig- wild und gut?
Das ift Thibald Da= Pont, der rief’ge Krieger,
Bei Eocherel des muth’gen Captal Eieger!
Dort kommt der Kaergonet im muntern Trabe;
Der frößlihen Bretagner Stolz und Preis!
454
Dort prangt Bethune, einft Bertrand's Cdelfnabe,
Aus wuͤrd'ger Schule ruhmerwachf’nes Reis!
Und viel der Ritter nah’n, an Heldengabe
So reich, als tren im fhönen Waffenfleiß.
Auch Theophaniens Bruder ftrablte heil:
Bicomte von Belliere, Herr zu Naguenel. —
Diertaufend Mann zu Roß in Helmesgitter
Und Harniſch, — und zu Jedes Lin und Rechten
Ein leichter Reiter — führten vor die Ritter.
Dann kamen no, geübt, von fern zu fechten,
Sechstauſend Schüßen, blank in luſt'ger Flitter.
Manch eitle Sunge rief: „mit feinen ächten
Anfpraden mag nun. Montfort immer prablen,
Da wir mit adhtzehntanfend Kämpfern zahlen!
%
Das mar damals ein recht gewalt’ges Heer!
Zehnfach verdoppelt, moͤcht' es heut’ was gelten,
Zu Angriff juft bereit und Gegenwehr. —
Da hör’ ih mande Zunge murrend fchelten:
„Biebt's um fünfhundert Jahr no h zehnmal mehr?
Wo bleibt die Welt vor Kriegern?“ — Sacht! —
Es ſchwellten
Des Xerres und des Attila Geſchwader
Sich freilich mit noch reich'rer Blutesader!
"455
Und doch find wieder diefe ſchnell entquollen,
Verſiegt, wie Baͤchlein tief im duͤrren Sand! —
Und in der Nitterfriege muth'gem Rollen,
Seh’n wir geringe Zahl anf hohem Stand. —
Die Menfhen können mehr nicht, als fie follen! —
Zu rechter Zeit faßt eine maͤcht'ge Hand
Don oben ber gewaltig in die Zügel,
Stärzt Babels Thurm, und ſchmilzt ifar’fche Flügel! —
Derweil in Pomp und Herrlichkeit ſich einen
um Karl und um Johanna Schaar an Schaar,
- Berfammelt Montfort finnig von den Seinen
Die Edelften, legt feinen Anſpruch dar,
Und ſpricht: „wenn meine Helden jeßt nicht meinen,
Es fei mein Necht ganz feſt und fonnenklar,
So fteh? ich lieber ab von diefem Kriege!" —
Doc Alles ruft: „Dein Necht iſt klar! Ficht! Siege!"
Da [haut der Züngling mit ernſtholden Bliden, —
Faft war's, als blühe neu die Mutter auf! —
Umber, und fpricht: „Toll ih zu Todesbruͤcken
Denn leiten fo getreuer Mannen Kauf? —
Hört! Einen Herold noch den’ ich zu ſchicken
An meinen Vetter Karl. Vom Schwerdtesfnauf
Lenkt diefe Botſchaft wohl noch unfte Hände,
Und macht dem Kampf ein friedlich treues Ende!
’ ‚456 .
Du, Herold, folft dem tapfern Gegner fagen,
" Al Anverwandter, ald Regent und- Shrift
Beſchwoͤr' ih ihn, In all den grimm’gen Plagen,
Morein durch ung Died Land verfunfen iſt,
Laß' er nicht länger biuten es und zagen!
Don Neuem biet’ ich ihm zu biefer Srift,
Den Sprud von Evran's Haide zu erfüllen,
Und fomit frieblih unfern Streit zu ſtillen!
Ja, wenn ich etwa Einderlos erfterbe,
Fa, wenn nur Töchter meinem Bett? entfprießen, -
Sei er nah mir Bretagne’s voller Erbe.
Doch ob er und Johanna hinterließen
Nur eine Tochter, fol — es Klingt wohl herbe
Für meinen Stamm! — als Fürftin man fie grüßen,
Stadt und Schloß Auray woll'n bis zum Verfaffen
Der Schrift ale Pfand in treuer Hand wir laſſen.“ —
Da rief, wer ringsumher ftand, feinem Fürften
Den Gruß des Dank's und der Bewund’rung zu.
Held Chandos ſprach: „wenn Die nah Blutedärften
Ung gegenüber, — gut! Karl mag in Ruh
Abwarten dann, daß ganz wir ihn entfürften!
Euch aber grüßen jeßt auf Du und Du,
Herr, alle Engel und die feel’gen Todten!
Ihr habt fehr viel, faſt allzuviel entboten!“ —
.457 _
Du, Karl von Bois — Johanna, — hütet Euch,
Daß nicht zuviel, zuwenig Ench erſcheine,
Nicht um ein theures Auge, blut'gem Streich
Erloͤſcht, zu ſpaͤt ein theures Auge weine! —
Der Herold naht. — Ihr wollt das ganze Reich
Bretagne's! Gleich! — Zwar gönnt Ihr, daß ſich eine
Der Ritterrath. Doch, iſt erſt Krieg beſchieden
Vom Oberhaupt, — wer ruft im Felde Frieden? —
Wbohl ward dem Herold etwas mitgegeben,
Wie friedliche Bedingung; aber juſt
So viel, daß man verſtand: „an Leben Leben!
Das gilt allein! Sieg ganz, und ganz Verluft!”. .
Sa, Frau Johanna fprah zum Boten: „ſchweben
Zwei Sonnen friedlih, gleiher Kraft bewußt,
Am Himmel? Nein! — Und wollt? auch Karlzerfpalten
Mein Reich, — nie würd’ ich die Vedingung halten.
Wir ſi nd die Staͤrkern, und Ihr ſollts empfin⸗
den!“ —
Der Herold bringt den herben Gruß zuruͤck.
Da ruft der Chandos: „gut! So laßt nun ſchwinden
Den Friedenswahn. Streng' heften wir den Blick
Auf’s Ziel, wo Lorbeern ſich zum Kranze winden.
Dem Tapfern und Gerechten bluͤht das Gluͤck,
Und muß Ench, junger Herzog, Kronen tragen!“ —
Man ruͤſtet fich; und denkt nur noch an's Schlagen. —
458 .
Derweil — ald gält’ es nun, die grimm’ge Gluth
Mit Eins und fturmbeflügelt zu entladen! —
Sprit von Auray zu Karl ein Bote: „Blut
und Leben hängt und jest am härnen Faden!
Penn Ihr, o Kürfe, nicht Euer Beſtes thut,
Nenn wir nicht Euer Heer auf NRettungspfaden
Am Tag des heil’gen Michael feh’n kommen,
Sind Tages drauf wir Euch, Ihr und, entnommen !
Dann müffen wir dem Montfort uns ergeben,
Dem Britten Chandos auch! Helft, Herr, und fhügt!
A unfre Weiber, Kinder, Greiſe beben
Dem Zorn, der wild aus Feindesaugen blitzt!“ —
Gleich hat der Karl Befehl zum Marſch gegeben
In naͤchſter Tagesfrähe. — Naͤchtlich figt
Gin räthfelhafter Traum auf feinen Kiffen,
und läßt — halb trügend — den Erfolg ihm willen:
Ein Edelfalfe, Sperber um fih her
als fein. Gefolg, ſchwang fih empor zum Himmel,
Gejagt von einem Adler, dem ein Heer
Don andern Vögeln folgt’ im Kriegsgetuͤmmel.
Doch ploͤtzlich wird die Flucht zur Gegenwehr.
Der Zalte ſtoͤßt — achtlos auf das Gewimmel
Der Undern — pfeilrecht auf den Adler 108,
Und wirft Ihn nieder mit gewalt’gem Stoß.
459
——
Des Adlers Glieder krachen. Dom Gebirne
Des Feindes Hält der Zalf’ ein Siegesmahl. —
Auf fahrt der Held vom Traum. Die glüh’nde Stirne
Beglänzt ihm heil des Tages eriter Strahl. —
Froh ruft er aus: „ob Adler draw und zürne,
Der Falke wirft ihn fiegreih doch in's Thal!
Sn’e Todesthali⸗ — Ja, recht, o Held! — Doch
weißt Du
Den Sinn des Traum's? — Falk oder Aar — wie
heißt Du? —
Zwar als den Freunden er den Traum erzählte, -
Aus feinen Kammern geh’nd in Harnifchpradt,
Da ließ man nicht von Einem, der da wählte; —
Sie haben gleih zum Falfen ihn gemadt.
War Karl ja doch ein Fuͤrſt! — Ob den auch qualte
Bon Gift ein Traum und blut'ger Mordbrands⸗
nacht, —
Augleger würd’ er Zehn für Einen finden,
Sieg, Luſt und Ruhm juft daraus ihm zu Fünden;
Shm, und auch fh! — Nicht ſtets ift der ein
Heuchler,
Der mit zu guͤnſt'gem Spruch die Fuͤrſten truͤgt.
Sn jedes Menſchen Buſen wohnt der Meuchler,
Der ihn zuerft, und Andre dann betrügt.
‚460
Die Hand aufs Herz: Menſch, warft Du oft nicht
Schmeidler,
Bir, und dem Manne, der, wofern er fiegt, |
Dein Hoffen hebt? es umftürzt, wenn er gleitet? —
Ob Fürft, ob nicht! Wenn fürderft nur er ſchreitet! —
Von allen Herzen hat Ein Herz empfunden
Zu ſchwerer Letzt noch, was dies Scheiden gilt:
Das Herz der Herzogin! — Sie hielt umwunden
Den Eh'gemahl, und ſprach: „mein holdes Schild,
D'rin ich mich ſpiegle, mein ſind Deine Wunden!
Mein all Dein Glanz! Mein — o der Buſen ſchwillt
Von Thraͤnen mir, von jetzt noch ungeweinten! —
Ah Karl, wenn nie, nie mehr wir und vereinten? —
Reit, muth’ger Karl, und fiht für unfre Ehre!
Doch wenn der Montfort Dir, Die ganz allein
Den Herzogsrang zu laffen willig wire, —
Ach, holder Freund, um Gott: dann fag’ nicht
| Nein!!! —
Karl grüßt fie ernft, und fpricht: „die goldne Aehre
Der Herefhaft Arndt? ih Dir! Sonft fargt mic) ein,
Ihr Krieger, auf dem Feld, und fingt mir Lieder!" —
Sie ſchieden fhwer, — fie ſah'n fich nimmer wieder!
[U UL)
461
Erläuterungen
sum adten Gefange,
eß— —m
7 .
Seite 448:
„Was von NRormannen focht in Euern
Schaaren,
Die trifft zum Tod das ſtrafende Ge—
richt. “
Die rechte Milde ift allemal mit der firengen
Gerechtigkeit verſchwiſtert, und wird eigentlih nur
durch dieſe möglich gemacht. Ich darf hier wohl
den General Fouqué anführen, das Schrecken der
Verbrecher, Schelme und Halbherzigen, den Schutz⸗
engel der Armen nnd Bedrängten. Daß man dabei
oftmal für hartherzig und rauh verſchrieen wird,
kann einen Ehrenmann je nicht irren! Der liebe
Gott weiß es beffer, und die Starken und ſchuldlos
Schwachen im Volke auch! —
462
Bertrand Du-Gueſclin.
Neunter Gefang
—ee — ⸗
Kennt Ihr wohl Auray's Ebne weit und bei?
Da ward, wo nad) Bretagner Herzen zielten
Bretagnerfpeere! Wo im Blute ſchnell
Sich mehr denn taufend glüh’nde Herzen fühlten, —
In eigw und fremden Blut! — indeſſen grell
Die Sonnenftrahlen um das Schlachtfeld fpielten,
als Freif’ten dort nur Müden oder Fliegen! —
fg mehr vor Dir, Natur, mit unf’ren Kriegen?
Du lächelt froh in Deinen klarſten Schimmern,
Indeß in Mord und Blut wir untergeh'n,
Dein Lerchenſang ſchallt hell in uuſer Wimmern,
Dein Blumenflor kann friſch bei Leichen ſteh'n,
„163 _
Und Wollen halten Tanz in Purpurflimmern,
Derweil wir fhmwindlih und am Abgrund dreh’n, —
Und doch: wir find die ſtarken Herr'n und Meiſter,
Staub Deine Kinder, wir die ew’gen Geiſter! —
Deshalb auch tönt in unf’rer Bruft. die Wage
Des heil'gen Rechts durch das Gewirr der-Zeit, - '
Und: mahnt felbft am erfehnten Schlachtentage
Daß ſtolze Herz treu-an die Ewigkeit. -
Ob es vor Wund’ und Grab auch ruhig ſchlage, —
Es fühlt, wie unter ihm verrollt die Zeit,
Und Raum giebt für den großen Tag des Rechtes:
Dft Grau'n dem Sieger, und ein Troft deg Knechtes
So, wenn Ihr jest manch Zögern mögt gewahren,
Manch Halten, wo der Kampfſchon vorwärts dringt, —
Nicht zweifelt deshalb an dem Muth der Scharen,
Und minder noch am Fluge, der befhwingt
Die Führer felbftl Es firdubt_fih in den Haaren |
Ein ernfter Graus, daß manden Sinn es zwingt,
Der gern mit taufend Seindesklingen fpielte, |
Wenn nicht ein Landsmann dortim Worreih’n bieltel —
Am Abend, wo bei Auray Karl erſchier
Mit feiner Macht, erkor er einen Part,
Weit, mau’rumbegt, fi dort hineinzuzieh'n.
Die Stellung fhien faft Sedem überftarf;
464
Dem jungen Montfort nit. Der fagte Tühn?
„Wohl träf? ich. jet dem Feind das Lebensmark,
Wenn ih zu Nacht im Park ihn uͤberraſchte,
Und fo in felbfigelegter Schling' ihn haſchte!
Doort kann er nicht die Uebermacht bewegen;
Nur Einen nach dem Andern laͤßt zum Streit
Der Ort mit ſeinen Buͤſchen und Gehegen.
Faß' ich am Stirnhaar die Gelegenheit?“ —
Es ſcheint, ihm ſtimmten England's kuͤhne Degen
Raſch bei; — nicht alſo, die den Bruderftreit — —
Bretagner auf Vretagner — ſoll'n beginnen.
Das hoͤh're Etwas hemmt. die muth’gen Sinnen,
Olivier Eliffon, feit den frühften Jahren
Des jungen. Prinzen treuliher Gefährt,
Trat widerfprehend auf. Viel Gründe waren
Bon halber Wirkung erft und balbem Werth.
Doch als der Ritter ſprach: „denkt zu bewahren
Ehrbar den Ruf von Montfort's altem Heerd!
Wollt unverwarntem Feind den Sieg ihr rauben?“ —
Da Hang fein Spruch nit mehr zu einem Tauben,
„Nein! rief ber edle Juͤngling: „mein! Die
Fruͤhe
Des ſchoͤnen Morgens ſeh' und kawmpfbereit!
Nein, eh” von. Schaamroth je mein Antlitz gluͤhe,
465
Sei nicht nur jener Weberfall mir leid:
Auch meine Schanzen will ih nicht! Die Mühe
Des Kletternd fparen wir dem Feind im Streit -
Der Ebne , damit Arm an Arm die Schaaren
Ganz frei den edlen Kampfmuth offenbaren I" —
„Der Feind ift freilich fehr ung überlegen, ’—
Sprach Chandos drein;— „doch, Alles wohlbedacht:
Im Feld ſich ungehindert frei zu regen,
Gilt tapfern Männern mebr, als Schanz' und Nat!
Ja, edler Fuͤrſt, zu Morgen ruͤckt entgegen
Dem Feind! Und heil'gen Rechtes Uebermacht
Sol er, will's Gott, an unſern Streichen ſpuͤren!“—
„und Du“ — ſprach Montfort — „ſollſt mein
Heer mir führen) “—
In diefe Neden ſcholl das ferne Klingen
Der feindlihen Trompeten jubelnd ein;
Theile rufend and den flddtihen Manerringen,
Theils Hülfe tündend aus dem Lagerhain.
Dazwifchen hörte man die Krieger fingen,
Und fah ringsum mit reihem Feuerſchein,
Den Wolken nah, die zwei getrennten Maffen
Der Gegner wie mit glüh’ndem Arm ſich fallen.
Die Krieger Montfort’8 wachten fill, and feit
In ihrem Geift, ihr ganzes. Sein auf dorten
30
466
Geſtellt, wo. Feine Macht ſich zählen laͤßt,
Und feel’ge Gnad' erfchließt die Friedenspforten.
Ein Jeder fhlärfte fill des Lebens Reſt,
Und hielt für Störung es, mit großen Werten
und lauten Liedern felbft fich zu befangen; —
Sp Fam zuletzt der Morgen hergegangen.
Bet deſſen Licht fah man in drei Geſchwader
Die Krieger Karls ftreitfertig aufgeftelt:
Schaar weben. Schaar, bereit zum blut'gen Haber. —
Beim erſten Zrupp des rechten Flügels hält
Der Bertrand ſelbſt. Manch ihm vermandte Aber
Hat Kampftuſt dort und Siegsvertrau'n gefchwellt,
Meil fie allflammt, Bretagner und Normanven,
Vorlaͤnaſt ſchan Fahrt auf Fahrt mit ihm begannen.
Die zmeite Schaar fährt von Aurerte ber ſchnelle,
Der ingendfeifche Genf, mit ihm zugleich
Der tapfre Stammler. Aus manch eblee Quelle
Weither entiproßt im ſchoͤnen Frankenreich,
Sammelt um fie in praͤcht'ger Waffenhelle
Ein Strom von Rittern ſich, beruͤhmt und reich. —
Die dritte Schaar, Bretagne's Adelsmacht,
Fuͤhrt Karl von Blois mir eignem Wink zur Schlacht.
Bei'm Nachtrab Hat Herr von Rieux zu ſchalten,
Ihn zuͤgelnd bis auf den Eutſcheidungsſchlag,
467
Und Me und Tournemine, und Andre halten
Bei ihm, zu großen Thaten friih und wach.
Auch, der fo manchen Feindeshelm gefpalten
Bei Cocherel an jenem beißen Tag,
schibald Du Pont, der tiefig hohe Mede,
Faͤrbt bald von bier das Feld mit burger Dede. .
Der Feind hält in drei Schaaren auch entgegen:
Der Britte Robert Knolles mit der Einen
Macht Front auf Verstand; der wielfühne Degen
Cliffon hält wider Auxerre und die Seinen; - '
Der Montfort trogt dem Karl auf blut'gen Wegen,
Den Zwieſpalt fo im Todeskampf zu einen. |
Bretagne's Hermelin prangt bier und dorten;
„Bretagne!“ ruft das Heer yon Beiden Orten. —
Zum Hugh von Caurele, der ruͤhmlich eilend
Geldſt ſich hat, und nun auf ſeejem Fuß
Hier hält, Gefahr und heitren Kampfruhm theilend,
Sprach Foldherr Chandos mit ehrbarem Gruß:
„Nehmt Ihr den Nachtrab, feſt und kalt verweilend,
Bis ih Euch fordere! FJener ſpricht: „ich thuis, —
Allein mit Schmetz! Zaͤhlt Ihr mich zu ben Kranken,
Daß Ihr mich fern fteht, außerhalb ber Schranten 2" —
Da bat der Chandoe feinen Kopf gefchättelt,
Ernſt ſprechend: „Herr, Ihr babe den Kern der That
30 *
!
468
In manchem blutgen Kampf ſchon ansgemittelt!
Wie irrt Euch diesmal denn fo eitler Rath?
Hp Erfter oder Letzter — das befrittelt
Ein Träumer nur, ber nie was Rechtes that! —
Sind dag die Fühnften Hunde, deren Bellen
Den Hirſch umftellt ? - Nein, die find’, bie ihn fällen !"’-
Das fah der Hugh mit großen Freuden ein,
And fprengte frifch nach der befhied’nen Stelle,
Des Keldheren Spruch wie einen Heilungsitein
Im Herzen, daß es rafche Luft nicht ſchwelle. —
Karl fo als Montfort zogen durch die Reih'n,
Wohl fühlend, daß, wer fi dem Tode ftelle
Für feinen Herr'n, auch hoff’ — und nicht unbillig —
Der Herr fei freundlich ihn zu grüßen willig.
Manch Einer wird's nach folhem Tag nicht hören,
pr Fürften, was von feinen Thaten Hingt,
und ob Ihr dann mit ganzen Saͤngerchoͤren
Sein Lob durch alle Lande reich beſchwingt.
Drum laßt Euch nie durch blöden Stolz bethoͤren:
Gruͤßt den, der febt, eh? er. zum Tode dringt! -
Dann dürfe Ihr, w wann er fiel, Euch minder graͤmen. —
Der Karl von Blois ließ alfo ſich vernehmen:
„Bretagner, Ihr mir treu ſeit zwanzig Jahren,
Manch heißen Tag habt Ihr, manch ſchwuͤle Nacht
v
469
Durch dieſer Montforts Uebermuth erfahren!
Tun Felt es Gott auf eine einz’ge Schlacht:
Der oder ih! Wohlen, Ihre tapfern. Schaaren,
Deut Eures Schwurs und Eurer Heldenmacht.
Heut gilt's, mit Blut den Herzog Euch zu geben 1" —
Und Alles ruft: „dem Herzog unfer Leben!“ —
Montfort indeß beruft von feinen Treuen
Die Edelften in einen Kreis, und ſpricht:
„Cs gilt nicht mehr, bier Fragen zu erneuen!
Erkannt habt. Ihr mein Recht und Eure Pflicht.
Doch muß.fo vieles Helden Blut mich reuen,
Bon Manchem felbit, der heut als Feind mir fit!
Herr Gott, Tann ic mit Recht dies Land nicht erben,
So faß gleich Durch den erſten Pfeik mich fterben!.
Und, lieben Freunde, fände nicht bie Chre —
Die Eure, wie die meine — bier zu Pfand, —
Wer weiß, — ich ſchiede jegt noch beide Segre,
Die Herrſchaft laſſend and unblut'ger Hand! — -
Doch weil das Schmach für mic, für Euch auch, wäre,
So heißt es beſſer: ruͤhmlich drauf: gerannt!“ —
„Das wolln wir!“ rufen freudig die Barone;
„Und Gott ſchickt Sieg wohl Eurer Huld zum Lohne!“
Da ſpricht zum Chandos, ganz das Aug' in
Flammen
Der Siegesahnung und Begeiſterung,
470
Der junge Held: „nun, fol’n wie raſch zuſammen?
Mich duͤnkt, wir fpüren jeßt den rechten Schwung‘
Wozu uns feft bier, wie die Mauern, rammen ?”—
„Mein Prinz,’ — fagt Chandos, — „Ihr fragt
etwas jung!
Seht Ihr vor uns den Bah? Ihn zu durchreiten,
Kap’ ich den Feinden Kaum, und ſteh' von Weiten,
Deo find fie erfi heruͤber nur geritten,
So ˖ ſoll'n fie mir nicht wieder gut zuruͤck.
Entweder giebt es Unordnung in Mitten
Des Uebergang's, — dann faß' ich raſch dad Gluͤck!
Wo nicht, fo wird hier auf dem Plan geſtritten,
Und machen recht wir unſer Meiſterſtuͤck,
So muͤſſen in bed Nüdzug’ds wuͤſten Engen
Um Bach fie ſelbſt fih IMs Verderben drangen.
e .
Mein Türk! Eu'r Auge gluͤht! Mir raſchem
Streben
Legt Euerm Gaul Ihr fon die Echentel an, —
Allein vergeiht! Mir habt Ihr übergeben
Die Heeresleitung, und als einzler Mann
Gefall' es Euch, nach meinem Rath zu leben,
Bon mir das Wie erwartenb nnd das Wann!’ —
. Der Montfort winkt die ungebuld’gen Knappen
Zuruͤck, und sügelt fih und feinen Rappen. —
an
So hielten fih die Heere gegenäber,
Bis tiefer fchon die gluh’nde- Sonne fant;
Und das Gewoͤlk des Abende trüb’ und trüber
Den’ Nebeldunft aus feuchter Wieſe nnd,
Da rief der Chandos: „ſchau', wie trabt heruͤber
Ein Schwergeharnifchter ſo tet und Ihlaut! —
Zwei Ritter mit ihm, — gut! Den will ich ſprechen:
Sei's num mit Worten oder Lanzenbrechen!“
Raſch trabt dem untb’gen Fremdling et entgegen,
Und ſieh, es war der Marſchall Beaumanoir.
Der ſprach: „wie, braver Chandos, iſt kein Seegen
Kraftvoll genug, damit für dieſes Jahr
Wir nicht auf Aerndtegarben Leichen legen?
Bedenkt: hier Hält fo manche. gluh'nde Schaar,
Boll. edler Knappen und voll hoher Ritter, —
Eind wir denn nichts, gar nichts, ale bint’ge
Schnitter ?“ —
Held Chandos ſchwieg und fſann. Er von den Beiden
War's, dem der Sried’ am wenigſten gefiel;
. Denn als ein Britte mocht' er gern fich weiden -
Am Frankenkampf, als wie am fremden Spiel.
Doch ſprach er enblih: „nur von Evrand Halden
Nehmt den Vertrag! Der helf' ans Sriedensziel.
472
Den bält mein Herzog, weil er ihn beſchworen,
Doch für al’ Andres Hat er jetzt nicht Ohren!“
- Und ftatt den Beaumanoir noch anzuhören, -
Ließ das Geſpraͤch er höflich grüßend fallen,
Als Einer, der vermeidet alles Stören
Auf langer Bahn, die raſch er fol durchwallen.
Die Beiden fhieden. — Da aus Englands Chören
. Hört Taut man eines Mitterd Stimm’ erfchallen,
Und fhon auch trabt er Eühn zum Bad hinunter:
„Giebt's ’nen Bretagner bort, zum Treffen munter?
Der Tomm’ und grüße mic auf meinen Wegen!
Ich bin der Ritter Walter von Huet!“
Gleich fprengt’ ein Held ihm durch den Bach entgegen ;
Das war der fine Herr von Kärgonet.
Ein Rennen, und der Britt? iſt fchon erlegen,
Langhingeſtredt auf’s feuchte Mafenbett, .
Doch unverlegt. .Der Sieger ſprach: „nicht forgen,
Mein kühner Gegner, follt Ihe mir für morgen!
Auf morgen: ia erſt gilt das rechte Streiten,
Und Schade waͤr' es, follt? ein. Mann, wie Ihr,
Mit Blicken nur fernher den Kampf begleiten, -
Auch weiß ich. wohl: auf ungewohntem Thier
Laͤßt fih’s nicht gut in das Getümmel reiten,
Zum mind’ften nicht in fo recht edler Bier!
473
Drum nehmt Eu'r Pferd; behalte Eure Waffen, -
Um. Eurer Dame Preis damit zu ſchaffen!“
In Dank und Gruß fah man die Helden fcheiden,
Und friedlich fhien der Abend ſchon befchloffen. .
Da plöglih hört man an des Baches Weiden
Lärm und Gezaͤnk. Mit ihren Tränferoffen
Woll'n fih die Anechte der Partheitu nicht leiden, -
Und kämpfen dort mit baͤu'rlichen Gefcoffen :
Mit fharfen Kieſeln; auch mit Rüpelmaffen,
Die fie als Keulen dem Gebuͤſch entraffen.
Ein luſt'ges Vorſpiel gab's hochernſter Dinge:
Dort plumpe Ritter, ſchwingend knot'ge Stoͤcke!
Zwei Andre hier, ſich dreh'nd in feſter Schlinge,
Die Faͤuſt' an Gegners Hals, wie derbe Pfloͤcke!
Dort Welche, jagend ſich im tollen Ringe,
Mit wicht'gem Schlag' entſtaubend ihre Roͤcke,
Und ſtatt des Rufs nach Fuͤrſten oder Damen
Einander ſcheltend mit gemeinen Namen! —
So iſt's auf dieſer niedern Welt! Nur ſelten,
Faſt nie, daß nicht vor oder nach der That,
Die Großes waͤgt, ein Poſſenſpiel, ein Schelten,
Kurz, etwas Niedres aus dem Dunkel trat,
Und den vom kuͤhnen Lichterglanz erhellten,
Entzuͤckten Geiſt anmahnt: ben ſtolzen Rath,
-
4ya
Der hier auf Erben ſucht das Unermeßliche,
Hoͤhnt als Geſchwiſterkind das Dumm’ und Haͤßliche? —
Faſt haͤtten gar in das gemeine Zanken
Die beiden Heere mit ſich eingegeben,
Zum Streit geriſſen wie von ftaub’gen Ranuken,
Der Nacht geweiht ‚ihr ganz verwildert Streben?
Allein die Feldherrn, höher an Gedauken,
Verboten ernfien Kampf bei Leib und Leben.
Die Knete felber wurden muͤd' unb fchieben. —
Stil fah’n die Stern’ herab im hoben Frieden.
Und wie zur Wette mit den Sternen glüh’ten
Wachtfeuer weit und breit auf dunklem Grund,
Doc wie fie zifchten, qualmten oder ſpruͤhten,
Gab fi Ihe wildes Erbenweien Eund,
Und von den Kriegern auch, die ihrer hüten,
Erweifen viele fih im felben Bund,
Theils mit einander würfelnd oder zechend,
Theile ſorglich ſrill, theils wilde Fläche ſprechend.
Doch einer ſieht hellfreundlich in die Lichter
Des Feuers und in naͤchſten Tages Graus,
Mild, wie ein Kind, ob wilder noch und dichter
Ihm Nachthauch wirrt Die Locken ſchwarz und kraus —
Gegruͤßt, mein trauter Bertrand! — War Dein Dichter
Doch lang’ zum fremden Heer von Die hinaus!
475
Das macht: Ihr kanit noch immer nicht zum Treffen;
Nun eilt als Kriegskamm'rad er .einzutreffen. —
Doch Deiner Holden Theophanis denkend,
Nimmſt Du ihe Büchlein finnig ftil zur Hand,
Nicht etwa braus Dein Fünft’ges Schickfal lenkend, —
Das fcheint Dir Wahn und art’ger Frauentand, —
Doch gern bad Aug’ an ihrem Schriftzug tränfend. —
Sieh, was fteht dort fo deutlih auf dem Rand!
„Es fol mein Bertrand fih und felne Schaaren
Vor'm neun und zwanzigften September wahren!” —
„Vor'm neun und zwanzigſten ? Der ift ja morgen!
Und morgen endlich kommt's doch wohl zur Schlacht!
Wie nun? Darf ſolche Mahnung mir ein Sotgen —7
Allein er hat's nicht einmal ausgedacht.
Denm Gott befiehlt er ſich, nd Sankt Georgen,
Dem Schußpatron der Ritterfhaft, und lacht:
„Sol man am Tage der Entſcheidung fäumen,
Weil's einer ſchoͤnen Frau beitebt, zu träumen ? "=
Er lächelt froh, und ſchlaͤft geruhig ein,
Und ſchlaͤft bis ihn die Kriegstrompeten weden,
Derweil am Himmel fchon helrof’gen Schein
Des frühen Morgens beit’re Lichter freuten.
‚ Nun fpringt er frifh zu Roß! Nun klopft feldein
Jedwedes Herz, und hoͤhnt die Todesſchrecken.
476
Doch fchwebte wohl vom mitleibsvollen Himmel
Ein golduer Engel ber noch in's Gewimmel!
Ein Sonntagsengel, ber, zur. heil’gen Beier
Des Michaelistages gern beftellt,
Mit Sriedenslauten, wie von fanfter Leier
Des jungen Montfort Heldenbufen ſchwellt.
Der Fuͤrſt, mit Eins von Sieg's⸗ und Herrfchfucht
freier,
uft einem Herold: „elle Dich durch's Feld
Zu unſrem ritterlichen Feind', und frage,
Ob wir nicht feiern woll'n am heil'gen Tage.” —
Der Bote ritt, und bracht? ein Nein zuruͤck;
Der Karl nun wolle ſonder Aufſchub fechten.
Und doh: es ließ nicht ab der Engelsblick,
Die Bahn zu zeigen nad dem ew’gen Rechten,
Zu draͤu'n die Zwietracht in den Schlund zuruͤck,
Der ihr gehört, und Palmen hold zu flechten,
um’s Schwerdt, ihm ftumpfend und verhuͤl'nd die
| | Schneide, —
. Der Athem des Gebet's wehrt durch bie Haide!
Fromm neigt ſich vor der Priefter heil’gem Seegen
In feiernd ſtiller Andacht jede Schaar.
Da ſucht noch einmal fih auf Friedenswegen
Dem Feind zu nah’n ber Marſchall Beaumanoir.
447
Doch Chandos reitet eilig ihm entgegen,
Und ruft: „mein friedensluft'ger Held, nicht wahr,
Ihr riethet zum Vertrag nicht fo geduldig,
Waͤr't Ihr nicht meinem Heren noch Löfung ſchuldig!
Geſteht's nur, weilgebannt Ihr feid zum Frieden,
Bönnt Ihr und Andern nicht das Kampfgeriht! "—
„Run ja,“ — ſpricht Jener, — „leider nicht beſchieden
Iſt Kampfesfreiheit mir! Nach ſtrenger Pflicht
Hab' ich bis heut' auch Krieg und Schlacht gemieden;
Doch leugn' ich's Keinem, daß mein Herz mir bricht,
So zuzufhau’n an einem ſolchen Tage.
Herr, macht mid los von biefer dumpfen Mage!
Dafern Ihr nichtdes Montfort Sinn Eönnt Ienfen
Sum Frieden,“ — „nein !” - ruft Jener heftig; „nein!
Den-mag er niht! Daran ift nicht zu denfen!
Doch Euch will ih recht gern gefällig fein,
Und Hof’, es foll mein Fuͤrſt die Gunſt Euch ſchenlen,
Für diefen Tag vom Wort’ Euch zu befrei’n,
Das Ihr ald Kriegsgefang’ner gabt. Ich eile,
Und frag’ ihn drum. Harrt eine Heine Weile!”
Dann läßt er feinem muntern Roß die Zügel,
Und Montfort der im Kreis der Führer hält,
Nuft ihm entgegen: „des Mercurius Flügel
Habt Ihr am Sporn! Was iſt's, das Ahr beſtellt?“ —
. 478
„Krieg!“ ruft der Chandos; „Krieg! Den Zuß im
Bügel,
Den Speer zur Hand wid kühn von Blois der Held
Mit ganzer Schaar fein Herzogsrecht begründen.
Es kam der Beaumanoir, um dad zu kuͤnden.“
Dann fprichter. von bed Marſchalls Freiheitsbitte,
Und wirbt fie treuer, als das erfie Wort.
Freigebig nach der alten SKriegesfitte,
Ruft Montfort: „melnethalb! Er fechte bort!
Doc falls er heut fih wicht den Tod erftritte,
Gilt ihm inskuͤunft'ge die Verpflichtung fort;
Auch darf er nur ale einzler Krieger ftreiten,
Richt mit als Feldherr Schaar und Treffen leiten! ’—
Und Chandos jagt Im Flug zu Beaummnolr,
Ihm Montforts edlen Freiheitsgruß zu bringen.
Der dankt, und wendet fih zu feinet Schaat,
Und laͤßt im Tanz den muntern Rappen fpringen,
Des Roß⸗ und Meiterharnifh heil und. Elar
In allen Ringen Elingt, wie Gloͤcklein Klingen, —
Stil reitet Chandos, finnig ernft zuruͤcke. —
Ob Vorwurf nun vieleicht das Herz ibm druͤcke?
Das Sriedenswort, das er ben Heern ver:
| fihwiegen, —
Und all der Ritter und der Kuappen Tod,
479
Die bald nun anf der blut'gen Wahlitatt liegen, —
Ihn trifft es!— Rings (eine ihm der Plan ſchon
zoth, '
Der jetzt noch gruͤnt! — Und mag auch Montfort fegen,-
Wer weiß, was Dir, juft Dir, o Chandos, droht? —
Stolz blieft Du hin zum eig’nen Lebensziele;
Doch wie, menn ein geliebter Freund Die fiele?—
Zu fpdt, zu ſpaͤt iſt's nun für Dein Berenen!
Sieh, Karl's gewalt’ge Heerſchaar rück ſchon an!
Ihm riethen kühn zum Vorgehen feine Treuen,
Der Uebermacht vertrau'nd. Ein einz’ger Daun
Sprach: „Herr,der Feind wird Eurer Eil' fich freuen
Und der hieß Du⸗-Gueſclin. Der Herzog fann
Wohl einen Augendblid. Dann fprah er: „weiter!
Gluͤckbringend fieht der Tag mid an und heiter!
Sudem — wir follen Auray's Mauern fügen!
Was hilft's der Stadt nun, wenn wir ſtill und laß
Beim Lagerfeuer in Erwartung ſitzen?“ —
Da ruft der Bertrand etwas heftig: „was ?
Es hilft fo viel, daß unfer Feind nicht Schüßen,
Nicht Knechte ſchiet durch irgend einen Paß,
Um Nahrung fih zu holen und den Noffen!
Die find mehr ald die Städter eingefchloffen!
So ging’s dem gancafter vor Nenneg Choren,
Und ſchlimmer noch ergeht’ dem Montfort hier,
— — —
8
Well nur mit wen'gen Reitern, halbverloren,
Ich dorten hinſtrich um das Wallrevier.
Jetzt aber iſt ein ganzes Heer erkoren,
Den Feind zu bannen. Laßt die Sorge mir!
Und glaubt: der Montfort ſoll im Ueberſchreiten
Des Baches bald auf unſtem Schlachtfeld ſtreiten!“ —
Vielleicht, wenn nicht fhon alle Banner fügen,
Nicht Hörner und Trompeten fhon erſchallten,
Nicht ſchon die erfien Schaaren vorwärts zögen,
Und jubelnd Viel der fchlanfen Erzgeftalten
Mit ritterlihem Auf den Bach durchfloͤgen, —
Vielleicht noch hieße Karl den Heerzug halten!
Doc fo, geblendet von dem praͤcht'gen Schein
Der eig'nen Macht, ruft er: „hinan! hinein!“ —
„Nun dann,” — ſpricht Bertrand, — „ſo fol
| nichts mich trennen
Bon Euch, von Eurer heiligen Perfon,
Bis Sieges: oder Todtenfeuer brennen!
Mein Krupp dort rechts, — ber führe fich felber
| ſchontu—
Und einen Ritter ſchickt im vollen Rennen
Er hin mit dem Gebot: „dem kecken Drohn
Der Feind', Ihr Freunde, wehrt mit tapfern Haͤnden!
Sch kann mich heut. nicht gut vom Herzog wenden |
481.
— ——
Derweile wandte ſich vom Herzog ab
Ein edles Thier, ſonſt treu ihm ſtets geblieben,
Ein Windhund, der mit Eins im ſchlanken Trab'
Sum Montfort lief, und im verkehrten Lieben
Ihm ſchmeichelnd anfprang. Der neigt. fi hinab,
Und fpriht: „was fe” ih? Hell in Gold getrieben
Auf diefes Hundes Halsband, — Tennt man ihn
In meinem Heer? — Bretagne's Hermelin!
Die Antwort Hang: „wer führt in Eurem Heere
Den Hermelin, o Herr, ald Ihr allein 2” —
Da merkte man, von wo der Bote wäre,
Und Alles rief: „Euch grüßet vor den Reih'n
Der Schaaren dieſes Thier als Fürft! Erkläre,
Wer's beſſer kann, das Zeichen!“ — „Trifft es ein,
Denkt Montfort til in fih, — ‚fo bleibft Du, neuer,
Seltfamer Freund, mir ald mein Pflegling theuer 1’
Indem, gleih Sperbern, fchnellgeiagt von Naren, u
Schwirr'n alle Pfeile von den Bogen log,
Und vorſchnell mit der zweiten von den Schaaren
Im Heere Karld, mit iubelndem Getos,
Sieht man Aurerre den ſchaͤum'gen Bad durchfahren.
Da trifft ihn Cliſſon mit gewalt'gem Stoß,
Und, kaum am Ufer erſt ſich ordnend, wanken,
Doch ſchaaren bald ſich neu die muth'gen Franken;
31
482
Ja, drängen fih an ihren Zeind fo kuͤhn,
Daß faſt fle deſſen @lieder fchon zerſcheitern.
Do Chandos ſieht's, und feine Augen glüh’n.
Zur Huͤlfe fprengt er mit zweihundert Reitern,
Die allwaͤrts mit ihm durch das Schlachtfeld zieh'n,
Erief’ne Krieger, und alsbald erweitern
Sich Frankreich's Motten, wie gefaßt von Gluthen
Ein dichter Wald! Viel edle Helden bluten.
Da loͤſchte, muthiger Auxerre, in Wellen
Des eignen Blut’s das Eine Auge Dir,
Und auch dem Cliſſon gegenüber quellen
Aus gleiher Wunde gleiche Ströme hier!
Ihr beiden jungen, fröhlichen Geſellen,
Wohl ift jediwede Kainpfesnarbe Sier
Dem Heldenantlis, doch die Frau'n beim Tanze
Saͤh'n gern Euch wohl in zweier Augen Glanze! —
Doc prangt Ihr Beide hoch noch auf den Roſſen,
Und fpäht mit halbem Licht nad ganzem Sieg!
Da zwilhen Lanzen, Schwerdtern und Geſchoſſen
Drang Chandos zum Auxerre, und biut’ger Krieg
Hielt nun den Juͤngling dergeftalt umſchloſſen,
Daß ihm umfonft der Fühne Muth noch fies;
Denn wie den Falten mit umgarnten Schwingen,
Sängt ihn der Gegner prefiendes Umringen.
483
Viel edle Franken ftärzten in die Nege
Der Uebermacht zur Kriegsgefangenfaaft;
Die Reiter flieh'n, und wie in wilder Hetzze
Haut nach der Feind mit Infeger Siegeskraft.
Doch Chandos, fern, daß je er uͤberſchaͤtze,
Was ihm gelang, blaͤſt in das Horn, und rafft
Die Krieger, wie er irgend kann, zuſammen,
Und führt fie links in neue Kampfesflammen.
Dort ftritten Bertrand’s rühmliche Gefährten
Mit Robert Knolles tapfer Brittenfchaar,
Und ob fie auch des Fuͤhrers heut? entbehrten, -
Der, wie Ihr wißt, bei feinem Herzog war,
Dog rangen fie hochruͤhmlich, und erwehrten
Sid, Mann an Mann fefthaltend, der Gefahr, -
Die wuchs, ald Chandos in die Flanke ſchwenkte,
Und heiß fein Schwerdt mit tapf’rem Blute tränfte.
Du aber, o mein Lied, heb’ Deine Flügel
Dem Helden nad), der Fühn fie Dir befchwingt,
Und dorten, wo es gilt, mit blut'gem Ciegel
Den Zürftenfampf zu zeichnen, fiegend ringt! —
Horch! Nief da niht der Karl: „hinauf zum Hügel!
Mir nah! Dort, wo der güldne Ritter: blinft!
Das iſt der Montfort! Zu ihm durch's Gewitter 1’ —
Der Herzog uf; nach. hau'n ihm feine Ritter.
31*
. A841 .
Der ſchlanke Feind, In blanfen Panzers Helle,
Sm Waffenrod, befärt mit Hermelin,
Sprengt zu dem Karl hinab in freud’ger Schnelle,
Daß er beinah mehr Blitz als Ritter fchien.
Du junger Kämpfer, wahr Dich! — Rings die Welle
Des Sturmes ringe auf ihn, und nur auf ihn!
Er ficht, — er wankt, — ertaumelttodt in's Grüne, —
„Sieg!“ ruft man; „Sieg! Der Montfort liegt,
der Kühne!“
Bertrand, an andrer Stelle kaͤmpfend, haut
Sich durch, des Rufes Wahrheit zu erfunden,
Und wie er deu gefällten Ritter ſchaut
Sm Fürftenfhmud, beftrömt aus Todeswunden,
Nuft er: „mein Prinz, End kuͤßt als ernfte Vraut
Victoria nun! Sch ſeh' dort rechts ummunden
Dom Feinde meine Schaar im harten Streite,“ —
„Neit!“ ſprigt de der 91308; abraver Bertrand, reite!
Bring' die zum Stehn! Bring' die zum raſchen
Siegen!
Hier fest ich's nun mit leichten Mühen aus!" —
Hei, ſeht mir da den wadern Gueſclin fliegen,
Kühn durch der Mitte wirres Kampfgebraus!
Die feindlich auf ihn treffen, — fie erliegen.
Dafern fie ‚nicht im wilden Schreck und Graus
285
Bet Zeiten flieh'n, — er ftürmt, im lauten Schellen
Der Hieb’, im Schall des Ruf’s, zu den Geſellen.
„Steht!“ ruft er; „ſteht, Ihr meine tapfern
Reiter!
Kehrt friſch die feften Stirnen auf den Feind!
Eur Fuͤrſt erfhlug den Montfort! Frifh nun weiter,
Daß Ihr beim Sieg mir nicht zuletzt erſcheint!“
Und muthvoll wandten. fih die. kecken Streiter,
Und hieben auf den Chandos ein. Der: meint,
Wie dad vom Montfort ſchallt zu feinen Ohren,
And fo der Feind draͤngt, Alles fei verloren!
@r drängt, beinab mehr todt⸗ als fiegbegehrend,
Dem Feind entgegen fih mit wilden Muth; —
Da ruft man: ihn; — ungern Gehör gewährend,
Schaut wild er um; — ein Bote ruft: „'s geht gut!
Der Montfort, wie mit lichtem Glanz verklaͤrend
Die Schlacht, wirft Feind' auf Feinde rafch in's Blut Y’-
„Der Montfort?“ — fragt der. Feldherr ftammelnb
| faft .—
„Wie? Kaͤmpft noch der ale geiftig firenger Gaſt? —
Der Montfort? Hat der Karl ibn doch erſchla⸗
gen!’ —
‚Nein “ ruft ber Bote, „nein, Ihr wißt ia wohl,
Daß Manche gleihe Rüde mit ihm tragen!
186 _
Solch Einen traf der Karl, und traf nur hohl!“ —
„Ho!“ ruft Chandos; „ba muß ich zu ihm jagen,
Daß nicht im Ernft al diefed Kampfes Wohl,
Wie jetzt Im tolen Gaukeln, wir verlieren! —
Der Bertrand kämpft ohnhin ſchon Eins mit Vieren Vi
Er wirft fein Roß herum zum rafchen Fluge,
Und winkt und ruft fi feine Reiter mit.
Da fiebt er fernhin vor der Nachhuth Zuge
Den Hugh von Gaureld, der zürnend litt,
So weit zu halten, wie vom Meer der Kluge,
Der’s Waſſer ſcheut. Getroft, nun kommt Dein Mitt!
Held Chandos heißt Di mit den Deinen allen
Den Karl umgehn, und ihm in Rüden fallen!
Er felber faßt? ihm fcharf Die rechte Seite,
ind ein gewalt’ger Reiterkampf begann.
: Da börte Karl ein Schrein im wülten Streite:
„Du waͤhnſt, der Montfort liegt! Betrog’ner Mannı
Der Montfort fprengt mit fiegendem Geleite
Durch's Zeld, und ſtuͤrmt jeßt eben Dir heran!" —
„Wohlan!“ ruft Karl; „das ſoll ihm wenig frommen!
Kam noch fein Tod nicht, fol er jeßt ihm kommen!”
Und wuͤthend bricht er tiefer in's Gedraͤnge;
Da wird ein Feindesritter dicht gepreßt
An ihn von der umhergemirrten enge,
487
Wie Drad’ an Drachꝰ im kampfentflammten Neft,
So dicht, daß in ber ungeflümen Enge
Nicht Speer, nicht Schwerdt ſich fürder brauchen läßt.
Der Mitter faßt des Dolches ſcharfes Licht,
Und blitzt ed durd’s Viſir in Karls Geſicht. |
Da fiel der Herzog. Laut erſcholl fein Stoͤhnen:
„O Sott, geden?’ mir meine Sünden nicht,
Und nicht den Tod von fo viel Heldenfühnen 1”
Die Stimme fto@t, das kuͤhne Auge bricht,
Die Seele flieht auf des’ Gebetes Tönen! —
Rings, wie zum fürchterlichen Rachgericht
Reißen die Streiter ſich todduͤrſtend nieder,
Und manch' gekroͤnter Helm ſenkt ſein Gefieder,
Da fiel der Kärgouet auf ſelber Wieſe,
Wo er noch geftern heitern Sieg. errang!
Da fiel Thibald Du-Pont, der kuͤhne Rieſe,
Der ſieghaft ſtets bis hent die Waffe ſchwang!
Aus vielen edlen Helden nennt Euch Dieſe
Als wohlbekannte Freunde der Geſang.
Unzählig viel noch gaben das Geleite
Nach altem Brauch dem Herr'n im Todesſtreite.
Was nicht erſchlagen lag, das ward gefangen,
Und all das Feindesheer ſchwenkt ſieghaft nun
Dahin, wo Bertrand's Waffenbruͤder rangen,
488
Es ihrem Helbenführer gleich gu thnn:
Als In deß Ohr die Klagelaute drangen:
„Der Herzog liegt, wo ah, viel Zürften ruhn:
‚Auf blut’gem Teppich zwiſchen blut’gen Aehren!“
Da quollen aus dem treuen Aug’ ihm Zaͤhren.
„Ach Gott,“ — forieferans,- „und ging verloren
Der tapferfte, der befi? und bravfte. Mann,
Den biefe ganze Zeit und bat geboren! —
Ihr lieben Brüder, kuͤhn jet drauf und dran!
: Dem Herzog nad zu blut'gen Ehrenthoren!” —
Ein furchtbar Kämpfen war’d, das nun begann.
Hier traf der Beaumanoie — es ſchwang ihr Ruder
Die Raͤchermacht! — zum Tod des Chandos Bruder!
p
Hier kaͤmpfte Bertrand wie ein wunder Lene!
Und fühle er halb ermatten feine Kraft,
Sp dacht' er an die Herzogin, der Treue!
An ihren Gram! — Und wieder unerfchlafft
Schwang er die Waffen, als ob fih ernene
Sein Muth, fein Arm vor Zauberwiſſenſchaft.
Bleih um ihn ftare'n als ſchaurige Gemeinde
Ringsher fchon zwanzig der erſchlag'nen Feinde,
Die Streitart brach, es war fein Schwerbt zer:
brochen,
Er ſchlug mit feinen Yanzerfäuften wild
489
Noch um fich her, zerſchmetternd Feindesknochen! — |
Dit um ihn ſank ber Fühnften Freunde Schild; —
Er fand und hieb! — Da hat fih Bahn gebrochen
Der Chandos durch's Gewirr. „Held!“ rief er mild;
„Held! Braver Bertrand! Der Tag ift nicht Euer!
Gebt Euch! Ihr feid manch edlem Herzen theuerri—
Und wag' es Keiner, Ihn mir anzuruͤhren!
Steht fern!” — Da fenkt der Bertrand feine Hände,
Und giebt fein Wort, und läßt vom Feld ih führen. —
Nun war der leute Widerftand zu Ende,
Und Montfort, mit dem Zweig der Huld zu zieren
Sein Haupt, daß es ein Doppelfran; ummände,
Läßt ringsum der Trompeten fanftres Klingen -
Den Sriedensgruß der biut’gen Aue bringen!
Und reitet felbit, im fanften Eifer eilig,
Dur all die Blut’gen forgfam auf und nieder,
Klug wie ein Arzt, und wie ein Engel’ heilig;
Und manches Paar gefunf’ner Augenlieder
Gebt auf, wenn er fo flüftert: „gerne theil' ich
Mit Euch ja Gut und Blut, Ihr armen Brüder!”
Und wer den Waffen troßte bis auf's Leben,
Hat gern der Huld fih als Vaſall ergeben.
Und nicht allein der gehenden gedachte
Die fromme Huld; wo rings der Helden Blut,
490
Um Karl verfirömt, zum See die Aue madte,
Hat Montfort trenlih fuhend nicht gerubt,
Bis er den fand, der fo viel Noth ihm brachte.
Beraubt von frecher Hand des Schmudes, ruht
Der todte Zürft; von frommer Hand die Wunden
Des biut’gen Haupt's mit einer Schärp’ ummunden,
Ein haͤrnes Bußgewand, das er feit Fahren
Aus Andacht heimlih trug auf bloßer Haut,
In Maͤßigung und Ernſt fih zu bewahren,
Ließ ihm der Räuber nur. — Nun ward’s gefchawt
Bon all den tiefbewegten Ritterſchaaren,
Daß Jedem vor dem Ernſt Des Lebens grau’t.
Der reihe Herzog war im Tod geworden "
Zum armen Mönd vom allerfirengften Orden!
Man nimmt vom Haupt die Schärpe. Wie die
| Züge
Aufftarrten nun vom blaffen Angeficht,
Sprad ber fieghafte Prinz mit fanfter Rüge:
„Mein Vetter, warum liebtet Ihr mich nicht!
Gewiß ſtand zwifchen ung oft Wahn und Luͤge!
Ja, wie ih ſchau' in das verlofhne Licht
Verwandter Augen, muß ic bitter Klagen:
Ach, sebteft Du, wir wuͤrden uns vertragen!’ —
4
Dem Chandos mochte was die Bruſt zerfpalten
Wie inn’rer Vorwurf bei dem fanften Wort. , -
Drum 308 er etwas eilig von der Falten
Herzogsgeftalt den blüh’nden Herzog fort,
Und ſprach: „es fand Eu’r Recht nur zu erhalten
Dur biefen Tod; und der ift ja fein Morb.
Nun gilt es, raſch das wiht’ge Werk zu enden!
Es liegt das Herzogthum in Euern Händen!" —
So war ed auch. Die Wittw’ in ihren Zähren,
Zugleich fat aller Freunde jegt beraubt, —
Sie zögert nicht, gleich Alles zu gewähren,
Wodurch die Waifen fie zu fihern glaubt, —
So ftand denn Montfort vor fiegreihen Heer,
Als Herzog fortan fiher, Tranzumlaubt,
Den man, indem felbft Frankreich ihn erkannte,
Sodann den Vierten, den Erobrer nannte.
492.
‚Erläuterungen
sum neunten Gefange.
Seite 482: "
Zur Hülfe fprengt er mit zweihun—
oo. nu dert Neitern,
Die allwärts mit ihm durch das
Schlachtfeld ziehn.“
In jenen Zeiten der kleineren Heere und des
perſonlicheren Ringens Mann an Mann war nicht
allein zur Deckung des Heerfuͤhrers ein ſolches Ge⸗
folge raͤthlich, ſondern auch als eine Art von ent⸗
ſcheidender Reſerve brauchbar, um ſo entſcheidender,
je mehr die Anweſenheit des Feidherrn — vermoͤge
jener Umgebung auch von weiten ber bemerf:
har — die Gemüther entzündete. In feiner Ver:
theidigung des genueſiſchen Gebietes ſoll Marſchall
Maſſena einmal ſeine Infanterie durch einen ra⸗
ſchen Angriff an der Spitze ſeines zahlreichen Ge⸗
folges auf oͤſtreichiſche Reiter gerettet haben. —
Yeberhaupt, wenn es Augenblide geben mag, wo
der Feldherr wohl daran thut, wie koͤrperlos und
unfihtbar Freund und Feind zu überfchanen, fo
giebt es doch auch wieder andre, wo er eben fo
wohl daran thut, ſich für Freund und Feind auch
493
fernber Fund zu geben, jegt noch, felbft der Gefahr
des dahin gerichteten Feuers zum Trotz.
Seite 485:
„Der Montfort? Hat der Karl ihn
doch erſchlagen!“
„Rein!“ ruft der Bote. „Nein! Ihr
wisßtja wohl,
Daß manche gleiche Roͤke mit ihm
tragen!“
Ich habe dieſe Doppelgeſtaltung, dies abſicht⸗
liche Fortleiten der eignen Gefahr auf Andre von
dem tapfern Johann, dem Sohne Johanna's von
Montfort, nur ungern berichtet. Allein die ge⸗
ſchichtliche Wahrheit will ihr Recht. Es war der⸗
gleichen uͤbrigens zu jener Zeit hergebrachte Sitte.
Siehe Shakeſpears Heinrich den Vierten! Und wenn
das Herkommen auch nie zur abſoluten Eutſchuldi⸗
sung dient, kann es ja doch ein wunderbares Ding
begreifliher machen helfen.
494
Bertrand Qu:Öuefclin.
Behnter Gefang.
)
Wie einer, der auf ſtuͤrmgen Meereswogen
Zerfhmettern fah und ſinken feinen Kahn,
Ya, Freund und Steuermann binabgezogen
Vor feinen Augen in die Todesbahn,
Und, felbft errettet, nun am Uferbogen
Der Kleinen Infel ftarrt in Traum und Wahr, —
- Die Luft ift Har, der wüfte Sturm vergangen,
Doch er fteht einſam, trauernd und gefangen! —
So wendet jeßt mein Bertrand feine Blicke
In Nport, wo Held Chandos ihn bewahrt,
- Auf feines Schickſals Gang vor und zuräde,
495.
Das Ihn anftarrt nad laun'ſchen Geiſtes Art,
Wenn der als frommer Mann zur feiten Brüde
Den Wandrer führt, — dann fchnell ſich offenbart
Als Kobold, — und die Brüde wankt und kracht,
And grell der Spuk ob des Geſtuͤrzten lacht.
Da wendet Herz und Blick man nah deu
Sternen; —
Auch Bertrand fann wohl ernfterwägend nach:
„Wie iſt's mit jenen räthfelhaften Fernen,
Von denen oft mir Theophanta fprah? —
Hate ich wohl gutgethan, von ihr. zu lernen? —
Der Tag, vor dem fie warnte, war ein Tag,
Der mi ergriff mit niegefanntem Zürnen, —
Laß fehn: was fagte fie von den Geſtirnen?“
Und wie er finnend Worte reiht an Worte,
Die er vernahm aus dem geliebten Mund,
Wird ans entfhwundner Zeiten Blumenpferte .
Das holde Bildniß Hell dem Geifte Fund, —
Gr wähnt fih nun mit ihr am trauten Orte,
In Schloß Broon auf eines Thurmes Rund,
280 fie empor zum Sternenhimmel blidten,
Und Theophania fprach zu dem Entzüdten:
Die Lichter, bie fo feelig niederſchauen,
Des Himmeldbanmes gofdhelchte Blätter,
4%
Es hielten fie für Götter
Die Heiden in uralter Zeiten Kreilen.
Doch Einer fah im dunkeltruͤben Wetter
Des Goͤtzenthums ein Licht herniederthauen
Aus Achter Weisheit Auen ;
Das war ber große Platon, Fuͤrſt der Weifen.
Der ſprach: „bie Sterne lenken nicht! Sie reifen,
Und glähn, gelenkt von himmliſchen Gewalten,
. Durch; Göftliches belebt!‘ — In gleichem Sinne
Geſchieht was ich beginne,
Und wird von frommen Maͤnnern gutgehalten.
So wie Du ſiehſt und fuͤhlſt der Sonne Leben,
Iſt den Planeten gleichſalls Macht gegeben.
Saturnus ſendet erdwaͤrts herbe Kaͤlte,
Mars brennt in trocknen Zornes ſtrenger Hitze,
Der Mond ſchickt feuchte Blitze,
Und Jupiter regiert als Moderator.
Venus iſt feucht und warm, zum Guten nuͤtze,
Mercurius macht's dem nah am Himmelszelte,
Dem er fi juft gefellte,
Ein flinter Schmeichler ftetd dem Triumphator. —
Sedweder Sirftern, der ale ernfter Stator
Anſtaunt der machtbegabtern Sterne Ringen,
Hat feine eigne Kraft und Art und Wahrheit;
MNur nicht mit gleicher Klarheit
Gelingt's ung, in fein Weſen einzubringen,
497
Eo theilen fie mitfammen bie Regierung,
In wunderſam ſtets wechſelnder Formirung.
So zlehn den Reigen, wo ſich Eis und Bluͤthen
Und ſchwell'nde Fruͤcht' und welke Blätter Drängen,
In füßen Liedesklängen,
In Donnern und in Sturm die Jahreszeiten!
So feh’n wir ftaunend dort die Saat verfengen,
Dort liebeszart die bium’ge Au’ behäten,
Ob ringe die Wetter wüthen, |
Dort holde Gärten matt die Zweige hängen! —
Wir fühlen’s auch in unf’ren Lebensengen,
Ddgleih die Wenigſten von uns es willen,
Wie und dies Walten treibt und hemmt und zügelt!
So wie ein Schiff, beflägelt
Dom Wind, und von der Fluth dahingeriſſen,
Mitfuͤhrt in feinem Schooß die Menfhen alle,
Sp muͤſſen wir- mit fort im Zeitenſchwalle!
Doc wie hoch uͤber Shiff und Sturm und Welle,
Biel herrlicher gefbaffen, fi das Leben
Des Geiſtes kann erheben,
So kann es auch. mit dem Geftirne kaͤmpfen.
Dann ſchwankt der Siegim maͤcht'gen Widerftreben,
Und ob dee Steme Kraft den Menſchen faͤle,
Reiße von ſeiner Stelle, —
Doch kann fie nicht den inn'ren Genius dämpfen! —
| 32 "
Auf fliegt aus den furchtbaren Tobesfrämpfen
Der Eiegergeift, und wie vordem die Sterne
Aus reiner Hoͤh' auf ihn herunterblidten,
Geliugts dann dem Erquidten, '
Auf fie hinabzuſchau'n aus rein’ter Ferne.
Nur wag’ es Niemand, fie zum Streit zu reißen,
Wo Thorheit lockt, und Stolz und Wahn ihn fpreigen!
Dann wird fein Kriegen nur ein Unterliegen,
And tiefer fält er in enblofes Wehe,
als fih in liter Höhe
Der Sterne feel’ge Laufbahn ob ihm fpannte! —
Wer nun, wie Menſch und Sternenhimmel ftebe,
Getren ermißt, den kann es nimmer trügen,
Mo Unheil naht, wo Siegen!
Der Zukunft Bilder find für ihe Belannte! —
Du fragſt vieleiht: weshalb denn aber fandte
Manch ein Aſtrologus zum Tod die Freunde,
Su ungeheurer Irrung ſchwer befangen?
Mein Sreund, meil in ihm rangen, -
In ihm allein — uralte Rügenfeinde!
In ew’ger Wahrheit funkeln jene Lichter!
Der Menſch nur luͤgt, und wird zum falſchen Richter. —
O wohne tief, mein Spruch, in Wertrand's Herzen!
„Bon Sternen, wahr und ſtaͤt, biſt Du befiegelt,
Ang treuer Bruſt von Lieb’ empargekägelt! ’—
499
und als ob jeßt die Holde vor ihm ſtehe,
Stredt ſehnend Bertrand feine Arme ans,
Und fläftert: „wenn Du Suͤße fprichft : ich ſehe!
Da ſeh' auch ih, — ob In bed Sternenbaw’s
Erhab’nen Gängen irgend was gefchehe,
Ob in des alten Abgrund’s dunklem Grans!
Doch ſchweigſt Du wieder, — ac) und jeßt wieferne!—
Verzeih'! Da glaub’ ich nicht mehr an die Sterne!
Ich glaub’ an Bott und. feine heil’ge Lenkung; —
Wie das fi eben macht, — mid kuͤmmert's nicht!
Ob feiner holden Vaterliebe Schenkung -
Mir zulommt durch des Mars, der Venus Licht,
Ob durch des Sturmes unfichtbare Schwenfung, —
Genug, ich weiß, was mir fein Wort verſpricht.
Das fagt von Sternen nichts und von Figuren; —
So brauch' ich nichts won all den bunten Spuren!
Mein Stern ift höher viel, als Deine Sterne,
- Und meine leuchtenden Gonftehationen |
Lei’ ich, flatt in umflorter Wolkenferne,
Aus hner Fuͤrſten Bligumftrahlten Thronen.
Wie gern ich auch von Dee, Du Süße, lerne,
Wie gern ich moͤchte friedlich bei Die women, —
gern Deiner Wiſſenſchaft und Holden Nähe
Ruft mich ein Sieh, das bel ich funkeln ſehe!
32 *
500
—
Das Siegesziel, von Gott befcheert dem Treuen,
Der fromm auf angewief’nen Ader fat,
Als ſtiller Bote forwallt, ohne Scheuen
Die reifen Felder feines Meiſters mäht, —
Kurz, ber das Seine Schafft, nicht nah dem Neuen
Verblendet ringe, was fremder Geiſt erfpäht! —
O thut Euch bald mir auf, Berufesbahnen! —
eh, den Gefang'nen müßt umfonft Ihr mahnen!“ —
Es war fo, wie ber tapfre Ritter klagte,
Denn Chandos hielt ihn 'chrend in Verhaft,
Indem er ftets nad) großen Summen. fragte,
Aufwiegend alfo große Heldenfraft. —
Aus Geiz wohl nicht, doch weil er’s ungern wagte,
Den freizulaffen, deſſen Ritterſchaft
Das ſtolze England hielt in engern Schranfen,
Heifcht’ er als fung hunderttauſend Franken.
Nun kannte jener heitern Zeiten Leben
Zwar reihen Pomp für Waffen, Feſt und Spiel,
und wo fih Sang und Wort zu Goft erheben,
So daß gewiß manch Heut’ge Pracht zerfiel',
Staͤnd' eine Pracht von borther dicht Daneben; —
Doch todten Geldes kannte man nicht viel,
Noch war Amerika nicht aufgegangen
Der Schlund, aus dem wir Gold und Noth em:
pfangen! —
Selbſt Franfreihs König rang umfonfk, dem
Ä Kitten — “
Als Vorſchuß nur! — das Loͤſegeld zu: ſchaffen,
Und fuͤhlte dies Verzoͤgern ſchwer und bitter.
Zwar ruhten jetzt vom offnen Streit die Waffen,
Seit der Bretagne Kains-Ungewitter
Verhallt war, und, den Kriegsſchild aufzuraffen,
Der Vorwand — aber nur der Vorwand! —
i fehlte, .
So daß ben Zorn in finf’rer Bruft man hehlte.
Doch mo nus irgend Feuerfunken fprangen.
Aus halbgelöfchter Brände gualm’ger Gluth,
Da flanımten alfobald der Fuͤrſten Wangen,
Und regte fi von innen grimm.der Muth.
Sp kam's, daß fi ein wildes Unterfangen
Der Kriegesbanden, noch nicht. fatt von Blut,
Auf Englands halbverborgne Hülfe ſtuͤtzte, |
Und Frankreich neu mit Brand und Mord durchblitzte.
Schon während noch die erften Friedensboten
Den Oelzweig ſchwangen, einten fi viel Schaaren,
Zn eigenmaͤcht'gen Bannern aufgeboten.
Die wollten künftig Frankreich mild durchfahren,
Indem fie Krieg in Friedens Mitten drohten.
Doc trieb des Könige Macht fie noch zu Paaren,
Nun aber, feit Bretagne’s Friedensruh,
Zog von dorther manch Faͤhnlein Ihnen zu.
7
Da drang voll ungezähmter Kampfesfrifche,
Mas kaum noch erft fi gegenüber fand, —
Gascogner, Britte, Normand im Gemiſche, —
Schaar dicht an Schaar durch dad erſchreckte Laub.
Sie hießen's ihre Kammer. Wildpret. Fifche,
Mein, Silber, Gold, und Eöftlihes Gewand,
Das mußte jedes Dach, fel’d nun von Sciefern,
Bon Ziegeln oder Stroh, nach Kräften liefern.
Die Klagen drangen fruchtlos bis zum Thron.
Iſt Uebermacht einmal in rohen Händen,
Und Schlemmerei verweg’ner Thaten Lohn, —
Mer heißt den Unheilsfteom zurüd fih menden?
Ja, felbft der Bannſtrahl, den mit ernſtem Drohn
Der Pabſt ſchon zuͤckte, — nicht mehr kann er bienden
Die flarren Augen, die nah Beute gaffen.
Man ruft: „ſchickt etden Bann, wir bringen Waffen!
Bir willen gut den naͤchſten Weg zu finden
Nah Avignon zu feinem Biſchofſitz.
Da ſoll er ung des Baunes ſchnell entbinden;
Sonſt loͤſcht man Kirchenblitz mit Klingenblig!" —
Es mochte ſich's der Pabſt nicht unterwinden,
Auf ſich heranzuzieh'n den blut'gen Witz
Der frechen Schaar und ihrer ſtolzen Leiter.
Er ſchwieg. Sie brannten ungehindert weiter:
J
503
„Ber löfcht mir diefe Fackeln ?" rief der König
Von Frankreich aus. „Wohl hätt’ ic ſolchen Mann!
Allein des Goldes hab’ ich viel zu wenig,
Dem abzulöfen ihn, der ihn gewann,
Doch wie? Mit meinen eignen Klagen hoͤhn' ic
Mich felbfe! Ja, beinah Schmach ruf’ ich heran
Auf dieſe Wangen; die mir heiß ſchon brennen!
Ein König ſol und muß das Gute koͤnnen!“ —
Recht, edler Fuͤrſt! Ob ſchwer erfhöpftvon.Krieget,
Kann doch ein ächter König immer viel.
Sort ift mit ihm, und feine Wuͤnſche fliegen, .
Aus taufend Herzen kuͤhnbeſchwingt, an’s Ziel.
Die Niederlagen wandeln fih zu Siegen,
Hoc ftrebt empor, was jüngft zum Abgrund fiel, —
. Wie foll Die nicht dies leichte Werk gelingen?
Du willſt, und Bertrand's Löfungsgelder klingen.
Da faßten denn zum Abfchied noch einmal
Bertrand und. Chandos freundlich ſich zuſammen,
Als hätten fie nach trauter Herzenswahl
Sich nur befuht, ald wär’ aus gleihen Stammen
Ihr Sein entbluͤht! — Nun freilich: Erz und Stahl
Mar Beider Luft! Der Ehre heil’ge Flammen
Das Element der beiden Salamander! —
So — ob im Streitauh — liebt man trem einander !—
„MM
Nun, lieber Bertrand, laß bie Waffen Klingen,
Und hell fie bligen in ber Sonne Schein!
- Nun laf Dein muntres Streitroß wieder fpringen
In Bogenfäpen! Sporn’ es dann feldein
Zum ſchnellen Lauf! An all den ſchoͤnen Dingen,
Die ein fampfliebend Ritterherz erfreu’n,
Erfreu’ das Deine recht in vollen Maaßen!
Frei find Dir, frei der Ehre goldue Straßen!
Die führten Dich zufoͤrderſt gen Yaris,
Bo Dir Dein weifer Fürft ſolch Ehrbezeigen
Und ſolch erlef’ne Königshuld bewies, ..
Daß manch ebrliebend Herz im Hofesreigen,
Dir nachzueifern muthvoll fich verhieß,
Um einft, wie Du, ruhmshell emporzufteigen. —
Das ift nun freilih Wen'gen nur gegeben,
Doch nie umfonft erglüht ein edrbar Streben. —
Es winft nach ein’ger Tage Feftgeleit
Der König fid) den Held in feine Kammer, -
Und ſpricht voll ihm gewohnter Lieblichkeit:
„Mein Freund, Du weißt: es fül’n mit Blut und
. Sammer
Die ſchwarzen Banden Frankreich weit und breit. —
Hilf Du; — feld nun ale Delblatt oder Hammer! —
Du mußt für große That die Banden werben
Fernaus; — wo nicht: ald Räder fie verderben!"
503
Der Bertrand ſprach: „das wär’ ein großer Schade!
Biel Helden giebt’s in dem verirrten Heer,
Werth meines hohen Könige holder Gnade,
Und feinem Reid inskünft’ge Schirm und Wehr.
Wohl fab’t Kometen Ihr auf irrem Pfade!
Der Sterne Schreden, roll'n fie wild umher.
Zerihlägt fie Gott drum? Nein! Ihr glüh’ndes
. Men
Weiß er zum Hell des Ganzen zu geflalten.
Der Spur des hoͤchſten König’s nachzudenken
Und nachzuwall'n, ift meines König’s Art!
Das weiß' ich, und verhoff?, Ihr werdet lenken
Dies Flammenfternbild, wunderlich gefchaart,
So weife, daß, anftatt die, Welt zu Eränten,
Es irgendwo fi troftreich offenbart.” —
Der König ſprach: „ſchon dacht? ich fie zu fenden
In's heil’ge Land, und fo die Noth zu enden. |
Und Voten ſchickt' ih, ihnen zu verſprechen
Des reihen Soldes viel und meine Huld,
Auch mahnend, wie fie jegliches Verbrechen, —
Bisher verübt, — ja, die geſammte Schuld
Des Erdenlebend mit al feinen Schwächen
Verſuͤhnen möchten unter Gottes Huld
Durch heil’ge Fahrt, und von dem Weg der Sünden
Auf's new’ den Weg zur ew’gen Freude finden,
806
Es war auch faft, als regte die Gemüther
Der fromme Vorſchlag feegenbringend an,
Doch ſcheint's, beriRotten miancherlei Gebieter
Entzwei’ten fih im Wählen um den Mann,
Der Aller Führer follte fein und Hüter.
So blieben fie in des Verderbens Bann. —
Nur Einem, weiß ih, würden Alle weihen. —
Er fteht vor mit: ein. Ritter ohne Gleigen!
Schwing’ Du, mein Du⸗Gueſclin, mein reiner
Degen,
Ob ihren Haͤuptern adelnd Dein Panier,
Und wie geweiht durch einen heil'gen Seegen
Erblüh’n- fie neu in fleckenloſer Zier,
Und folgen Dir zu edlen Heldenwegen,
Und alle Führer huld'gen freudig Dir! —
Nah Spanien foll mein frommer Held fie leiten,
Für Glauben dort und heil'ges Recht zu ſtreiten!
Nach Spanten, wo nod ſtets die Heidenreiche
Der Mohren in verhaßter Bluͤthe ftehn,
Wo König Pedro herrſcht, ber Nerogleiche, —
Nicht herrſcht, nein ˖wuͤthet zu der Menſchheit Wehen!
Wo tauſend Leichen, ja die holde Leiche
Der Koͤn'gin Blanka ſelbſt! um Rache flebn,
Durch ihn gemordet! — O, die Schmach der Lilien,
Bertrand, raͤch' am Tyrannen von Eaftilien!” —
507
Hoc ſchlug des Helden Herz, bie Augen flammten ;-
Da ſprach fein König ihm noch diefes ein: '
„Schon mande Ritter, die aus Frankreich flammten,
Sah froh die Welt fih zu den Kön’gen reih'n.
An Bouillon dent, den göttlihen Beamten,
Der Heldenwache hielt am Heil’gen Schrein! —
Siehft Du der Mohren Halbmond Dir zu Füßen,
Wie werd’ ich gern’ald Bruder Di begrüßen!" —
Doch da erloſch die Flamm' In Bertrand’ Blick;
Scheu fenkt’-er Aug’ und Naden hin zur Erde,
. Und ſprach: „o Herr, nehmt Euer Wort zuräd,
Daß nicht dereinft es mir zum Fallſtrick werbe!
Nicht zieh? ih aus nm ſtolzes Kronengläd,
Ich ziehe aus mit ber verirrten Heerde, —
Dafern fie mih sum Zührer will empfangen —
Für Gott und Recht nah meines Herrn Verlangen,
Sp wird — und fo allein — mein Gott mic
| feenen!— ⸗
Wenn Cr ein’ Haupt in Kronenfhmud. will faſſen,
Laͤßt er ihn ſtill und rein vom Himmel regnen.
Weh denen, die von ſelber darnach faſſen!
Meiſt immer zaͤhlt man ſie zu den Erlegnen,
Und ſtets trifft fie der Welt und Rachwelt Haſſen.
Der Gueſclin bleib? ich, der Froßtreue, Arme!” —
Da ſchloß fein Fuͤrſt gerührt ihn in die Arme.
— — —
508
| U U]
Erläuterung
zum 3;chnten Gefange.
Erite 606: |
„Der Koͤnig ſprach: „fchon dacht' ic
ſie zu ſenden
In's heil'ge Land, und fo die Noth zu
enden.“
Ein Kreuzzug nach Palaͤſtina ſtand zu jener
Zeit beinah in jedwedes ritterllchen Gemuͤthes Hin⸗
tergrund, als Schlußſtein und Krone aller fruͤhern
Thaten. Wie viel ſich dabei leider oft von Selbſt⸗
taͤuſchung oder gar Heuchelei mis einmiſchte, Bat
Shakeſpear fürchterkih wahr in feinem Heinrich IV.
bargeftellt, ob zwar mit aller dußern Milde und
gelaffner Mornehmigkeit, die man hier von dem Er:
ften der Dichter zu erwarten berechtigt iſt. Diefer
Heinrich hat lebenslang Andre betrogen, und rühme
ſich deffen; nun betrügt er einmal zur Abwechslung
fih und Andre zugleih. Und wie fo gar leicht
mag das gefchehen, wo irgend eine That — und
fei fie an und für fi noch fo erhabner Natur —
als verbienfilih vor Gott hingeſtellt wird! Ale
Ablafpreis! — Dennoch wollen wir uns hüten, je
nicht über ale Kreuzfahrer mit demſelben firengen
809
Urtheil Hinzugehn. Schon Gottfried von Bouillon,
in einfacher, unbefgoltner Wahrhaftigkeit und reis
nem Heldenmuth an ihrer Epige ſtehend, verbietet
und das Richten. Aber war es denn nicht auch an
und für fih ein biliger Wunſch, das Land, wo
dem Chriften fein höchfies Heil aufging, in chriſtli⸗
"en Händen zu fehn, und riftlihen Neifenden
ohne Drud und Bedngftigung zugänglih? — Ha⸗
run al Raſchid ahnte mit zarter Begeifterung et:
was hiervon, ale er Karl dem Großen das heilige
Grab und deſſen unmittelbare Umgebungen fchentte,
fih felbit ald Schutzherr aller riftlihen Pilger er:
klaͤrend. (Beildufig gefagt, liegt hier die biftorifche
Quelle von dem durch Ariofto unfterblich gewordes
nen Mpthus, Karl der Große Habe Jerufalem ero⸗
bert.) — Dazu rechne man noch die damald fo
häufigen Pilgerfahrten nah der heiligen Stätte,
und wie ed ein ritterliches Herz entflammen mußte,
Klagen auf Klagen gedrüdter und beraubter Wall⸗
fahrter zu vernehmen. Freilich waren die Pilger:
fahrten felbft gewöhnlich nicht eben viel werth, ge:
sade weil aud fie wieder für etwas an fih Ver⸗
Dienftlihes vor Gott ausgegeben wurden, für eine
Art von Abkaufung begang’ner Sünden. Doch wel:
he zarte Aeußerung der Frömmigkeit und heiliger
Sehnſucht würde nicht im Staube des Erbenlebeng
auf eben diefe Art entwuͤrdigt! Geht es dem Al:
510
_ mofengeben denn beffer? — Und doch werden wir
darüber Hoffentlich nie vom Almofengeben ablaffen!
Nur wohl zu bemerken: das Almofengeben ift
Im Evangelio geboten, — ein chriſtlicher Gottes:
dienft in Paldftina blos ein erlaubter Wunſch!
511
Dertrand Du-Gueſclin.
Eilfter Geſang.
—
„Si, meine Freund’ und Gegner, auf der Chre
Heil’gem Gefild mir oft fo herrlich nab,
Wahrt Euch, daß nichts die Helbenkraft verzehre,
Die rings die Welt mit heitrem Staunen fah,
Nicht‘ in der dumpfen Seiten Wuft und Schwere
Das Große fhwinde, das durch Euch geſchah!
Ein Mittel weiß ih, al und zu ernenen,
Und hoc das tapfre Herz Euch zu erfreuen.
Doch weil Ihe als gefehlos wilbe Banden,
"Raub, allbefehdend, jetzt das Land durchſtreift,
Send’ ich erft diefen Brief zu Euern Handen. —
Wenn End mein Gruß in alter Lieb' ergreift,
512
-
Am alten Zutraun wird von Euch verfianden,
ESo hoff' ich, daß er edle Saaten reift,
| Tief in Euch ſchlummernd, aber nicht verffiommen. —
Dann ſchickt mir einen Herold. Ich will kommen.“ —
Dies fhrieb der Bertrand an die wilden Horden,
Die Frankreich füllten mit fo wüften Leid,
Und bald war fitt’ge Antwort ihm geworden,
Dantbarer Gruß und ehrendes Geleit.
Er 309 nach Chalgns an dee Marne - Borden,
Mo fih die Banden Fampf: und ranbbereit
Auf Häuferträmmern und zerſtampften Matten
In Ordnung ſtolz und frech gelagert hatten.
Als dort der Ruf erſcholl: „der Bertrand nah't,
Der Du:Önefelin, und einen Weg zu Fünden,
Bo wir an winderfamer Heldenthat
Der Ehre Tadel neu und glänzend zuͤnden!“ —
Hei, wie da Alles rief: „und. ob fein Rath -
Uns hieß’ ein Reich in Abgrundstiefen gründen,
Vertreibend die -Gefpenfter und Dämonen, —
. Wir zögen mit, und bach dort fol? er. thronen!"—
Er kam, gefolgt nur von zweihundert Reitern,
Doch all das Heer war feine Ehreuwacht,
Die freundlich. er begrüßte mit dem. beitern
Geſicht voll Heldenmild und Heldenmacht.
!
513
Rings flammten Sreudenfen’r austaufend Scheitern, -
Manch Haus war freilih wohl d'rum abgedacht! —
Und Sang und Klang erfcholl in hundert Chören.
Da duͤnkt es mich das wilde Lied zu hören:
„Ritter Adler folte fommen
In das luſt'ge Sperberneft,
Wo fih, was die Klau genommen,
Schnabel trefflich ſchmecken läßt;
Wollte neue Stüdlein lehren
Der vielkuͤhnen Sperberbrut, :
Nicht iuft ihren Muth zu mehren,
Denn der war von felber gut,
Doch zu mehren fie an Ehren,
Und aud wohl an edlem Gut.
.. Sperber auf die Selfenwarten
Flogen alle Abend aus,
Spaͤhend: fommt ee? — Er ließ warten,
Sperbern: ward der Sinn fchon kraus.
Aber gilt's dem Nitter Adler,
Ei, da dbudt bei Ja und Nein - _
Sich auch felbft der kecke Tadler,
- gäbe 'mal fünfe grade fein.
Und fie wußten, herrlich adl’ er
All ihr Thun mit ‚feinem Ecein:
33
514
Kun, Herr Adler, bift gefommen,
Und es ift num Alles gut!
Was Du Dir haft vorgenommen,
Raſch vollbringt es unfer Muth.
Fuͤhr' uns hin im wilden Fluge,
Wo der Greif fein Lager bat, -
Oder mit dem Kranichzuge
GKrieg'riſch zur Pygmaͤenſtadt, —
Fuͤhr' und Du, der Starke, Kluge!
Nie wird unfer Fittig matt!
Ha, das foll ’ne Luſt ’mal werben!
"Wir errichten uns ein Reich,
Wie noch Feins ihm auf der Erden
Kam in freud’ger- Kähnheit gleich.
Nicht ſo ’n LZuftrei der Schlaraffen,
Wo sum Mund die Taube fliegt!
So was taugt für träge Laffen,
Die kein rother Quell vergnügt.
Waffen ſchwingt man, liebe Waffen,
Und der Erdfreis iſt befiege! “
Der Bertrand laͤchelt ſtill in ſich: „wahrhaftig,
Das iſt bis jetzt ein wunderlich Geſchwader!
Für al ihr wildes Thun und Laͤrmen haft' ich,
Und wittre flatt Gehorfam Sanf und Hader! —
Ei nun, ſchon mand ein ſchweres Werk ij ia ſchafft *
515
Dazu gab mir mein Gott bie Heldenader,
Gab mir VBertrautn auf ihn in allen Dingen! -
.D’ran halt' ich fell, — fo wird auch dies gelingen.”
So grüßt? er Jeden ben mit bolden Sitten;
Bor All'n den: tapfern Hugh von Caurelé,
Der ftundenweg’s entgegen ihm geritten
Mit Reitern kam', vom Wirbel bis zur Zeh
Geharniſcht alle, Franken und auch Britten, _
Des Heeres Stolz und Schirm in Wohl und Web;
Da wars, daß Hugh der Schaaren Feldherrnſtab,
Bis heute fein, in Bertrand's Hände gab.
Allein der wies für jest ihn noch zuruͤc;
Theils fromm befcheiden, wie wir laͤngſt ihn kennen;
Theils aber dacht?’ er auch: „das hohe Gluͤck,
Bor wildem Bolt die Erde zu durchrennen,
Kommt Zeit genug. Für einen Augenblid
Mag erſt man noch mich Kriegsgefährten neunen,
So thut fih beſſer al dies Treiben offen,
Und lernt ſich/s, was man fürdten ſoll, was hoffen 1’ —
Doch, daß der Hugh ſein Feldquartier ibm raͤumte,
Daß ſich alsbald, als waͤr' das goldne Vließ
Erobert ſchon, von dem die Vorwelt traͤumte,
Ein Feſt entſpann, wo, was nur koͤſtlich hieß,
In Schuͤſſeln blinkte und in Bechern ſchaͤumte, —
| 55 *
s16 .
Das war; was fih für jegt nicht bindern ließ.
Auch fah bei’m Mahl, zu kuͤhner That entſchloſſen,
Man viel der rühmlich lenchtenden Genoffen. -
Da war der muth'ge Gournav; da der kuͤhne
Stammier Villaines, und gar wohlbefannt
Bon früh’rer Kämpfe blutbeſpruͤtzter Bühne;
Der edle Ritter Elermont, zubenannt
Bon feinem fhönen Waffenkleid dee Grüne;
Auch Robert Scott, aus Telbem Vaterland,
Wohl felben Stamm’s auch mit dem edlen Walter,
In England jegt des Heldenlied’s Erhalter.
Die Schriften zeugen, daß in Bertrand’s Schaar
Oft ein Sougud von Laval ift geritten,
Auf grauem Noß. Wenn der bei'm Feſt deut war,
So fand er fiber in bed Mahles Mitten
Den Scott fih aus. Denn gern fint Paar an Paar,
Was gleiche Luſt vereint und gleihe Eitten.
Drum glaub’ ih, daß, indem die Becher langen,
Seott und Fonque viel alte Lieder ſangen.
Und wie die ſchoͤnen Heldenſagen floſſen,
Hat ſicher Bertrand's heitrer Rittermuth
Den 'reichen Kunden gern ſich aufgeſchloſſen;
Geru ja hoͤrt große Thaten, wer ſie thut!
So ward das Feſt in hoher Luſt beſchloſſen,
* —4—
42
Und in der naͤchſten Fruͤhe Morgengluth
Sah man die Schaaren all von Nah' und Weiten
In Eil' und Schmuck zu Bertrand's Wohnung ſchreiten.
Da ſchwenkten vor der Thuͤr' ſie ſich zum Kreiſe,
Mit blanken Waffen, Hiegenden Standarten,
Saft nad getreuer Unterthanen Weife,
Die ihres Fuͤrſten zu der Huld’gung warten,
Und flüfterten von ihres Helden Preife,
Bon feiner Siege ruhmenthläh’tem Garten.
Die Ritter traten ein mit ſitt'gem Neigen,
Und daten ihn, fi feinem Heer zu zeigen-
Er fhritt hervor auf einen-Eleinen Hügel,
Und fah ringsum ernft in die Waffenpracht,
Und ſtuͤrmiſch bob fich ber Begeif’rung Flügel
In jeder Bruft, und Alles rief mit Madt:
„Dem Helden Heil! Er träge Victoria's Siegel
Auf Stirnund Bruftt Heil ihm, den Tagund Nacht,
Unheil und Gluͤck mit Sieg’strophaen zieren!
Sa, er verdient’s, den Erdrund zu regieren!“ —
„Wie ward Dir's Bertrand, indem ſtolzen Herzen ?
Ward nicht ein Alerandertraum Dir wah?
Kein! Es durchzuckten Did frommedle Schmerzen,
Saft über Deine Lippen drang ein Ach,
Daßsß fo viel ruhmentflammte Heldenferzen
oo 8
Ein Schred nun ſind dem Volke ſchen und ſchwach.
Du winkſt! Es wird der Laͤrm zum tiefen Schweigen,
Und dieſen Spruch laͤßt Du der Bruſt entſteigen:
„Wie nun, Soldaten? Seid denn Ihr die Krieger,
Mit denen ich die Bahn der Ehre flog?
Ihr, für die gottgefandten Fürften Sieger!
. Kein Ziel des heitern Ruhmes Euch zu hoch!
' Und jeßo tobt Ihr wie ergrimmte Tieger
Durch's Land, das Eurer Viele hold erzog,
Daß auch die Andern follten: fhirmend warten,
Weil's wehrlos iſt und Gottes fhöner Garten!
Ihr, Ihr, zu denen die Bedraͤngten riefen
Vertrauensvoll in jeder herben Noth!
In deren Schuß die Jungfran'n fiber ſchliefen,
Die Kinder fpielten frifch und freudenroth, —
Ihr, — ba, mich ſchwindelt's an den graufen Tiefen,
Zu denen Euch ein arger Geift-entbot,
Und wo Ihr nun als hölftfche Gefährten
Die Flammen ſchuͤrt, die längft an Frankreich zehrten!
Nein, Ihr feid jene Helden nun nicht Iänger,
Ihr feid Nachtgeifter voller Schret und Grau’n,
Bor deren Anblick taumelnder und bänger
- Die Menfhen feinem Erdengluͤck vertrau'n,
Un Gliedern matter fletd, an Herzen enger! —
1)
519
Und doch, wie meine Angen fo End (dawn
Im edlen Waffenglanz und fchaambetroffen,
Ruf ih noch Heil und Seegen für Euch hoffen! —
j «@
Wohlanf! Die Erde dehnt vor Euern Bilden
Sich ale ein Feld zu großen Thaten aus!
Viel Ungeheuer giebt's noch zu erftiden,
Su tilgen manch furchtbaren Heidengraus!
Eilt, Euch zu reinigen, Euch zu erguiden,
Sndem Ihr reinigt Eures Vaters Haus,
Des Vaters, der Euch diefe Mahnung fendet,
Und gern ſich zu bereu'nden Sündern wendet!
Nach Spanien Thank, wo mohrifhe Moskeeen
Sen Himmel draͤu'n mit ihrer frevlen Pracht!
Wo ein Tyrann das Land mit biut’gen Seeen
Erträntt, mit wilden Lüften graulih macht! —
Dahin, dahin, wo Reines kann gefchehen
Durch tapfern Arm, wo Gieg und Ehre lacht
Sm wunderfamen Schein ber ew’gen Gloria, —
Ind Sterbenden und Siegern ſtrahlt Victoria! —
Er fhwieg. — Sie Alle fhwiegen erft beftürst,
Bon. dem erlornen Helden ſo geſcholten,
Und Jedem war der eigne Muth verkuͤrzt,
als haͤtt' es ibm, nur ihm allein gegolten.
Doch war der Epruh mit Hoffnung ja gewürzt,
520
Und zeigte, wie fie hoch noch klimmen fonten
Die Ehrenbahn! Da rief’8 mit Eins zuſammen:
„Wir folgen, Held! Du Bliß, wir Deine Flammen!“
Und alle Ritter freudig im Gedraͤnge
Umringten ihn, und riefen: „Dir, nur Die
Vertraut, 9 Held, die Priegentbrannte Menge,
‚ Und fo von ganzem Herzen thun’d auch wir!
Du bift ber Feldherr!“ — Die Trompetenklaͤnge,
Die Jubelſtimmen dröhnten durches Revier;
Es war, als wuͤrd' im Maͤrzfeld unter'm Toben
Des Volk'es ein neuer König hier erhoben.
"Das warnun freilich nicht nach Bertrand’s Siun;
Auch ſah er wohl in manhem Auge funkeln,
Statt Luft nah Ruhm, nur Luft nach Raubgewinn,
Ja ſchon den künft’gen trägen Unmuth duufeln,
Und Stimmen flüfterten durch's Lirmen hin
Mit leiſem, doch mißlautend frehem Munkeln:
„Recht fchön iſt's, unter einem Held marfchiren, .
Allein das Beſte wird man wohl verlieren!
Bis heut’ war ung ganz Frankreich Küch’und Keller;
Bon nun an fättigt ung ein Lorbeerreis!“ —
Der Ritter ahnt den fhnöden Mißlaut fchneller,
Als der fein Ohr zu finden wagt und weiß,
und denkt; „es führt auf Becher doch und Teller
91
Sie ſtets zurüd des dumpfen Mingens Kreigt
Dann ruft er aus: „ber König ſchenkt in Hulden
Dem Heere zweimalhunderttaufend Gulden!’ —
Nun ſchwand von jedem Antlig die Umnachtung,
Und Alles rief dem König Hell und Seegen!—
Held Bertrand ftand in’ fhweigender Betrachtung. j
Er fühlte fih im edlen Herzen regen
Was Schredlihes: al diefes Volks Verahtung !.—
Doch bald begann er mildernd zu erwägen:
„Wir find ja leider nicht im Paradies;
Und Gottes Heil berief und fühnt auch dieſe!“ —
gautriefer: „gut! wir machen's, wie wir fönnen!
Wohl mancher Held in Ruhmes Sonnenfcein.
Wird feinen Arm zu diefer Fahrt ung gönnen. -
So werden wir vor Gott und Menfhen rein,
Und wol’n uns nie mehr von der Ehre trennen!’ —
Darauf durchging er all des Lagers Reih'n,
Vielfpendend wie ein Prinz, mit heittem Scherzen
Und treuem Spruch gewinnend Aller Herzen,
Am nächften Tage zog er gen Paris
Mit Hugh und fünfundzwanzig andren Herrn.
Weil Bertrand’d Wort des Könige Huld verhieß,
Folgt Alles ihm ganz "forgenfrei und gern,
Und ihm auch für den König überließ
*
522
Man die befehten Burgen nah und fern.
Das Heer blieb FIR und fromm in allen Stuͤcken
Bereit, zu jeder Stunde fortzuräden.
Der Bertrand hat indeß auf feinen Wegen
Dem König einen Mann vorausgefandt,
Ihm meldend: „Dein find jet die tapfern Degen,
Und nah'n reumürhig, Eüffend Deine Hand!’ —
Da flog fogleih die Bothichaft ihm entgegen:
„Gegruͤßt, mein Held! Gern in der Treue Band
Empfang’ die Ritter ih und ihre Schaaren.
Nur mag ich’ jetzt dem Volt nit offenbaren. -
Denn fh man in Paris bie Abgefandten
Des Heer’s, vor dem fo mancher Bürger fick,
So manche Städt und Meierhöfe brannten, —
Wie leicht begönn’ ein böfes Racheſpiel!
Drum mögen Deine neuen Bund’sverwandten
Ihr Haupt verbergen , wie der Flußgott Nil, —
Mit Fleiß erwäpl ich rähmlihes Exempel! —
Bei Nacht eingehnd zur Burg, genannt der Tempel,
Du aber follft im feftlich hellen Reigen
Did nab’n, damit ich ehrend Dich empfange!”—
Der Bertrand mußte wohl die Briefe zeigen.
Hugh und die Seinen fühlten in bie Wange
Das heiße, wohlverdiente Schaamroth fteigen;
5253
⸗
Doch ſprachen ſie: „es ſei! Nicht Preis verlange,
Wer Laͤnder hat durchwuͤhlt mit Brand und Meſſern.
Wir bergen ung; — und luͤnftig woll'n wir's befferu!'—
Laßt Jene jetzt in's truͤbe Dunkel ſchwinden,
Und folgt mit mir dem lichten Bertrand nach,
Den dankend ſeines Koͤnigs Arm' umwinden,
Zu dem der Mund des holden Koͤnigs ſprach:
„Wohl wußt' ich's, mein Bretagner würde finden
Die Bahn, das Reich zu frei'tn von Noth und Schmach!
Ja, Bertrand, nicht fo froh koͤnnt' ih Euch grüßen, -
Wuͤrft Ihr mir jetzt ein Herzogthum zu Fuͤſſen!“ —
Der Bertrand laͤchelt mild: „das waͤr' ſchon gut,
Mein lieber Herr, müßt? Euer Schatz nicht zahlen!
Woohl zündete mein Reden edle Gluth,
Droch ſah nachhinken ſchon ich auf dem fahlen,
ZTrübfeel’gen Roß den alten Geizesmuth,
- Die Erbfen ängftlich zaͤhlend aus ben Schalen.
Da mußt? ic Euch deun etwas ftärk verfhulden.
Das: Ding gilt zweimalhunderttaufend Gulden!’ —.
Der Koͤnig ſprach: „Gold iſt ein kraͤft'ges Mittel,
Doch da nur, wo es weile Hand verfpendet;
Und haͤtt'ſt Du, o mein Bertrand, mir das Drittel
. Von meinem ganzen Königreich verpfändet,
Gern unterfchreibend Namen gleih und Titel, .
524
Epraͤch' ich: die Noth des Volkes ſei geendet! —
Froh will ich leicht'rer pflicht mich unterwinden,
Und in Lyon ſollſt Du bie Summe finden.
Was jene Herrn, die mein Im Tempel warten,
Betrifft, — alsbald wohl rief ich fie zu mir;
Doc ift Paris Fein königliher Garten, -
Vielmehr voll kecken Wildes ein Revier!
Und find auch meiner Leibwacht Hallebarten
Bor frecher That ein g’nügendes Spalier,
So können doch fie Blick und Wort nicht meiftern,
Mit Schmähung drawnd ben irren Heldengeiitern.
Und daß bie fo was Arger fhredt ald Tod, —
Fürwahr, das braucht mid Niemand erft zu fagen!
. Drum fandt’ ih ihnen freundlihes Verbot, .
Sich nicht aus ihrem Zufluchtsort zu wagen.
Doch mit des nähften Tages Morgenroth
Sol mid. mein Roß alsbald zu Ihnen tragen.
»Nen Vorwand finn’ ich aus, um irr’ zu leiten
Das Volk, wenn's mich zur Tempelburg fieht reiten. ’-
: & harrten die Hauptleute, wie im Bauer
Verſteckt vor, ach, nicht unverdienter Schmach!
Und wenn deshalb die unzufried'ne Trauer,
Die Reue faft die -ftolgen Herzen brach,
Ging es wie Sonnenblick durch Regenſchauer
523
In ihnen auf: „ein König gebt und nad, - -
Zieht unfrethalben ein zu diefen Thoren, —
Gewiß, gewiß, wir ſind nicht ganz verloren!’ —
So weiß die ew'ge Fügung zu erweden,
Was Noth ung ift in biefem Prüfungsthal!
Sp bringt Erhebung oft und Neueſchrecken
In's Menſchenherz ein und derſelbe Strahl! —
Kannſt Du auch daran, daran nicht entdecken,
O bloͤder Gruͤbler, wie nach feel’ger Wahl
Dich Gott aufzeucht mit vaͤterlichen Armen,
Und auch die Zucht guns nichts iſt als Erbarmen? 7—
58 Fam ber Morgen,’ den bie Ritter ſcheuten,
Und doch erfehnten. Frankreich's König ritt
Mit Bertrand und nur wen’gen Waffenleuten
Zur Tempelburg. Als er mit ernftem Schritt _
Durch's Thor nun wandelte, wie fhwer bereuten
Die Krieger, was fein Land durch fie erlitt!
Sie Enieten nieder wie vom Blitz getroffen,
Und doch voll Zutrau'n, Heiterkeit und Hoffen.
. Der König ſprach: „von den vergang’nen Dingen,
Bir En, nichts mehr! — Nehmt hier mein Könige:
Wort:
Die fol mir nichts mehr in's Gedaͤchtniß bringen! —
Mein Bertrand, nenn’ die Helden mir fofort,
526 -
%
Die nun für Gottes Ruhm die Waffen ſchwingen,
Geweiht zu heil’gen Sieges Freudenport! —
Der Bertrand thats. Mit teöftlich balden Neben
Begrüßte da der König AM und Jeden.
%
aut riefder Hugh: „o mir, wie mocht' es lommen,
Daß wider ſolchen Herr'n, der Krone Zier,
Ich jemals hab' ein Schwerdt zur Hand genommen!
Doch, lieber, hoher Fuͤrſt, nun ſchwoͤren wir:
Auf’s new’ im heit'ren Ehrenliht entglommen,
Zahlt unfer Dienft mit trenem Wucher Dir! IH _
Da wußte noch mit edlen Waffengaben
Der holde König jedes Herz zu laden,
Und für die zweimalhunderttaufend Gulden
Gab auf Lyon er fih’re Briefe mit, -
Danp wandt' er ſich zurüd in Gnad’ und Hulden, —
Als nun die Abenddämm’rung einbrach, ritt
Die Schaar der Ritter, fühlend ihte Schulden,
Doch freudig auf der Beſſ'rung erſtem Schritt,
Nach ihren Schaaren hin zum Marnefttande;
Ein Büßerzug im blanfen Sturmgewande !
527
Erläuterungen
sum eiften Gefange.
L
Seite 512:
dann ſchiet mir einen Herold. Ich
will kommen.“
Unwillkuͤhrlich fuͤhle ich mich hier an unſern
wackern Goͤtz von Berlichingen gemahnt, wie er zu
den aufruͤhreriſchen Bauern gerufen ward, um ihr
Hauptmann zu werden. Freilich find beide Falle
ſchon darin fehr verfhieden , daß Bertrand die felt-
fame Sahrt auf ausdrüdliches Geheiß feines Koͤ⸗
nige antrat, der arme, treuherzige Goͤtz hingegen
nur fo durch die dritte Hand dahin gewiefen ward,
und hoͤchſtens von daher ein: „möcht ih!” von
dorther ein: „wuͤnſcht' ich!“ oder: „loͤnnt' ich!“
vernahm. Alle dieſe zweidentigen Stimmen, die
nachher bei'm ungluͤcklichen Ausgange verhallten,
als waͤren ſie nie da geweſen, hat der Dichter gar
trefflich in dem pfaͤlziſchen Diener Mar Stumpf
perſonificirt. Und noch uͤber all das Unheil hatte
Goͤtz mit Leuten zu ſchaffen, die aus der heilſamen
Lehre Luthers —. das heißt: aus dem wiederherge⸗
ſtellten Evangelium ſelbſt — Gift geſogen hatten,
theils ihrer eignen wilden Natur nach, theils durch
Dhrenbläfereien blinder Blindenleiter, und fomit
58
das Recht in Willkuͤhr ummandelten nah Spiten
und wahnwißiger Weberzeugung. — Bertrand bin:
gegen fand nur eben verirrte und verwilderte
Kriegsleute vor fih, noch keinesweges gewillt, für
. "immer and ber Ordnung der Welt hinauszubrechen
und ihre eigne Ehre unwiederbringlich, als eim bios
läftiges Vorurtheil, von fih zu werfen. Es gab
alfo Handhaben, an denen er dieſe Geifter faffen,
Worte von gleicher Bedeutung für ihn und fie, we-
durch er fib ihnen verftändlih machen konnte. —
Aber auch unter den günftigften Umftänden bleibt
es noch immer eine furchtbar fhwere Heldenpri:
- fung, ale rettender Führer an die Spitze eines ver:
irrten Haufens zu treten. Willen wir’s doch: nur
Der Meifter im Schwimmen darf ed wagen, ben
Ertrinfenden aus der Fluth zu holen. Den
minder Kräftigen ziehn Schwere und Todesangk
des Unglättigen mit in den Abgrund !—
. Seite 516:
„and, Robert Scott, aus ſelbem Va—
terland,
Wohl ſelben Stamm'sauch mit bem
edlen Walter,
Sn England jepßt des Heldenliedes
Erhalter.“
g 529
Den mehrften deutſchen Lefern ift ia Hoffentlich
‚wohlder Name Walter Scotr etwas längft Ber:
trantes und Liebes geworden. Wir beſitzen mannigfa⸗
che, zum Theil. recht gute Ueberfeßungen von einigen
feiner fehr zahlreih blühenden Dichtungen. Doc
" möchte ed wohl unmöglich bleiben, die Eutzen, ein .
fach Elaren Zeilen feiner Lady of the lake in un:
frer fplbenreihern Sprade binlänglid nachzubilden.
Schwer auch wird ſich last Minstrels lay in feinen
wunderbar wechfelnden Romanzenmaaßen übertra:
gen laffen. Es lohnt ſchon die Mühe für den
Sreund der. Dichtkunft, um dieſes herrlichen Ritter:
fängers willen, das ung fo nah verwandte Engliſche
zu erlernen. Da gehn ihm denn zugleich Lord dr
rons wilde Wundergärten mit auf.
Seite 516:
Die Schriften zeugen, daß in Ber-
trands Schaar
Oft ein Fouqué von Laval iſt geritten
Auf grauem Roß.“
Unter den aktenmaͤßigen Belegen zu dem fruͤ⸗
ber genannten Werke, dad unfrer Darſtellung als
Reitfaden dient, findet fih S. 294. die Lifte eines
Geſchwaders mit der Ueberſchrift:
| 34
330
„La Montre de Messire Foulques de Laval, Che-
valier Capitaine general et souverain pour
le Roy nostre Sire et pour le Dus de Nor-
mandie, de Comitez d’ Anjou et du Maine,
un autre Chevalier et vingt-sept Eseuyers
de sa Compagnie, recue à Paris le seizieme
jour de November mil trois cent cinquan-
te six.“
Obenan ftebt aufgeführt:
„Ledit Capitaine, cheval gris et quatre jambes
noires, “
Nah dem Ausſpruche eines erfahrnen Genea⸗
fogen durfte ip mir Fein Bedenken machen, dieſen
—Fonlques für einen Fonqueé anzunehmen; um fo
minder, da das Gefchlecht der Fouqud dem Haufe
Laval fo nahe verwandt war, DaB nad unfter
Vertreibung aus Frankreich in der Religionsverfol⸗
gung der Prinz Talmont von Laval die zuruͤckge⸗
laſſenen Güter als nächfter Lehnerbe in Beſitz nahm.
Die veränderte Rechtſchreibung kann nicht befrem:
den, wenn man erwägt, daß in jenen Zeiten das
Schreiben meift nur in den Haͤnden der Geiftlichen
und anderer Gelehrten lag, die den Klang unge:
faͤhr fo aufzeichneten, wie er ihnen in's Ohr ge:
drungen war, ohne fonderlihe Unterfuchungen bar:
über anzuftelen, und nach oft fehr abweichender
N ‚531
Orthographie. Bei manhen Stämmen hielt fih
das einmal Angenommene, — wie 3. B. bei ben
deutfchen Ritterfamilien Oynhbaufen und Görne,
bie Debnhaufen und Göhren ausgefprochen wer:
den. Bei Andern ftellte man bie richtigere Schreib:
art wieder her. — Mein Großvater hieß und beißt
noch bei manchen Leuten irtig: General Fouquet.
31*
5532
Bertrand Du-Gueſclin.
Zwödlfter Gefang.
U)
Dura ganz Paris ertönt die frohe Kunde:
„Das Land ift der furchtbaren Banden log!
Der Du-Gueſclin warb fie zur guten Stunde,
Und führt fie fernaus in Hispaniens Schoß!" —
Da pries den Helden man aus Einem Munde! —
Da beteten für ihn um gluͤcklich Loos
Die fröhlihen, laut danfenden Familien,
Neu hoffend Ruh und Gluͤck für Frankreichs Lilien!
Man wandte fhaubernd ruͤckwaͤrts die Gedanken
Zur fhwarzen, gräßlihen NWergangenpeit,
Wo Feiner Ordnung, Feiner Sitte Schranfen
Das Volk befhirmten vor fhmachvollen Leid!
Sah man doch felbit die Kirhenmauern wanfen,
Und in dem wuͤſterhobnen Plünd’rungsftreit
533 _
Nicht Schonung Alter noch Geſchlecht genießen,
Nein, Blut in Blut grau'nvoll zufammenfließen !—
Ja, ſelbſt entgegen ſchon des Könige Fahnen
- Hatte die wuͤſte Heerſchaar fi geſtellt, |
ind bei Lyon den Sprößling großer. Ahnen,
Den Prinz Bourbon im wilden Kampf gefallt.
Da hätte wohl, verlahend Drdu’n und Mahnen,
Sich Frevler ftets dem Frevler zugeſellt,
Und nach und nach wär?’ aus den großen Banden
Ein Räuberreih in Frankreich's Mitt entitauden.
Ein Raͤuberreich, das ftill’re Volk verſchwemmend,
Brandſchatzend, wohl. vertilgend ganz und gar! —
Da kommt eineinzler Mann, den Styom erfi hemmenb-
Mir firengem Spruch, ihm: felber voll Gefahr,
Und danu mit klugbedachtem Werk ihn daͤmmend,
Daß er nun fuͤrder rollt ganz hell und Elax,
Zu loͤſchen ferner Lande Feuergluthen, |
Und: viel. der. edlen Bäche. zu ihm fluthen.
" Da kam der Graf von March, und ba berfühne
Etammier, im Kampfgefpräche kint und ſchnell, —
Der edle Ritter, zubenannt der Grüne, — |
Der und befannte Wilhehn Bondftel, —
Und noch ein Du⸗Gueſclin auf felber Bühne:
534
Der Olivier, an Ehren jung und bell,
Und Yo Garlonet, der. rafche Degen,
Der einft den großen Chandos wird erlegen.
Wie, Chandos, ahnt Du vol feltfamer Schene
Die bluͤt'ge Hand, daß Du für dasmal Dich
Adfehrft vom Krieg? Du, dem die holde Treue
Tom Bertrand felbft ald Gegner nimmer wich?
Und nun, da Botſchaft kommt: „auf, Held, erneue
Den alten Ruhm in Spanien freudiglich!“
Nun, — als ob Leib und Seele Dir erkranke, —
Eprichſt Du ein kalt entſchuld'gendes: „ich danke —
Nein, Chandos, nein! Das iſt die Ahnung nicht!
Daß iſt ein ſchlimm'rer Gaſt, der Dir mit Schlingen
Uralter Naht das große Herz umflicht!
Doc mindeftend mag nie es ihm gelingen,
Daß eine Lüg’ aus Deinem Munde bricht.
Ganz offen ſprichſt Du: „Bertrand wird erringen
Den Ruhm allein auf Spaniens blüh’nden Haiden!
Das iſt wohl recht, — dach kann ih’ nicht gutleiden !"’—
Nun, wenn nicht Du kommſt, kommen andre Degen
.. Mon großen Rahm , anf Bertrands Heldenſpur
Sich in des Krieges Schalen Fühn zu wägen!
Hter nenn’ ich Andreghem und Mauny nut. —
Das Heer rhdt fort, im laut erichall’nden Seegen
335
And’ Stadt und Dorf und jeder Ackerflur,
Und führt, fi feld an feinen Geift zu mahnen,
Ein filberweißes Krenz in feinen Fahnen.
Auch dacht’ ed, fich mit Ablaß zu erquicken
Aus Pabit Urbanus hochgeweihter Hand,
Der jetzt — balb feei und halb in Franfreih’8 Stricken —
Sich noch im. bläh’nden Avignon befand.
Zugleih, eh’ man die Pyrenaͤenruͤcken
Erklomm, zum reinen Heldenkrieg entbrannt,
Schien's billig, daß der Kirche reicher Hirte
Mit gold'ner Stewr ein frommes Heer bewirthe.
Das Gold des König’s war ſchon ſehr geſchmolzen,
Weil man das Land im Frieden treu durchzog,
Nicht zahlte mehr mit Keulen, Schwerdtern, Bolzen,
Nein, Geld für jede Hälf entgegen wog.
Da meinte man, es fei dem reichen, ſtolzen
Conclavꝰ und feinem. Haupte nicht zu hoch,
Kenn ed den Zug‘, der al’ den Landen. nüßte,
Mit zweimalhunderttaufend Lipres ſtuͤtzte.
— Gewiß, der Bertrand, ſelber ſtets erbötig,
Was er beſaß, fuͤr's Gute hinzugeben,
Und fuͤhlend, ſolche Spende ſei jetzt noͤthig,
Meint nicht, er finde dort ein Widerſtreben.
Vielmehr wohl dacht' er: „Heidenſchlangen toͤdt' ich
536
In Spanien, und mein Frankreich darf nicht beben
Vor jetz'gen Löwen, ehmals grimmen Wölfen!
Da wird ſehr gern ber heil’ge Water helfen!" —
Geirrt mein Freund! — Se helft auf
diefer Erden
Oftmal die Lofung für den heitern Muth,
Der felber nicht Aufopfeung und Beſchwerden
Zu zählen pflegt‘, ja nicht das eig’ne Blut,
Und wähnt, fo muͤß' es auch bei Andern werben,
Und allwärt’s fei die Welt dem Guten gut! —
Entgegen kommt, ‚des Pabſtes Gold zu ſchuͤtzen,
Schon ein Legat Dir mit des Banned Bligen.
Zwar hielt er. bie forgfältig noch verborgen
. Und gab in freundlich milden Worten nad,
Als er von all den Nöthen hört’ und Sorgen.
Doch wie. der Marfhall Andreghem nun ſprach:
„Mein Herr, wir mäflen von dem Pabſte borgen,
Zu retten Heer nnd Golf von Sind’ und Schmach!“ —
Unb dann die Zahl der Livres freihle nannte, —
Hei, was da der Legat in Grimm entbrannte!
Noch wagt’ ers nicht, ben Bannſluch auszu⸗
fprechen,
Doc fchalt er es ganz unerhörte That,
So in's Gebiet des Pabites einzubrechen,
837
Erheifhend mehr, ald Seegen, hoͤchſtens Rath!
Nicht könne folder Summen fih entbrehen
Der Oberhirt, — da ſchwieg er. Denn es trat
Der Du:Ouefelin im klirr'nden Waffenſchein
, Raſch zu ihm hin, ausrufend: „Geld muß fein!
Muß fein, mein Herr Legat! Wir wollen Hier
führen -
Die wilden Männer ebrbarlih zur Pflicht!
Wir leiten bin fie, wo heißwechſelnd kuͤren
Tod oder Leben, ftreng’ im Kriegsgericht !
Doch ohne Geld kann man kein Heer regieren.
Sie ziehn auf Gottes Wegen, zittern nicht
Bor Feind und Teufelei, und warten ſchon
Dis Oftern gern auf die Abfolution.
Do wenn's an Gelb fehlt, — müßt’ es nicht
entgelten
Das arme Land, erharrend unfre Fahrt? |
Drum laßt ung weiter mäteln nicht noch ſchelten;
Dabei wird nichts für Euch und ung erſpart. \
Friſch, Here Legat! — Ich hoff’ in.allen Welten
Wir Niemand frendiger, ſelbſt feinen Bart
Sm Nothfall für: der Völker Heil zu fpenden,
Als unſer Pabſt! - Schnell! Eilt, das Ding zu enden!“-
Wohl eilte der Legat! — Doch ſparſam weilend,
538
Blied dad Sonclave lang in Sweifel fichn,
In viele Stimmen endlos ſich zertheilend.
Zulept ließ es den kecken Spruch ergehn:
„Erſt Bann! Hilft dee nicht, — nun fo mag dann
heilend
Das reihe Gold in’s wilde Lager gehn!" —
Wohl Keiner ſpraͤch' fo kuͤn, müßt’ er den Helden
Den firengen Bann mit eiguem Mund vermeiden!
Das traf allein den armen eriten Boten,
Den Cardinal Legat. Der zog hinab
Aus Avignon, als geh? es zu den Todten,
Als faſſe ſchon nach ihm das blut’ge Grab.
Wer Gruß ihn hat im Lager frifch entboten,
Den fertigt’ er mit eitlen Worten ab,
Als bring’ er, was im ganzen Fräft’gen Heere
Das kühnfte Wuͤnſchen irgend nur begehrte!
Doc als er nunvor Bertrand ftand, — da Hält’ er
Sein bleiches Antlig in des Kleides Tuch,
Und, bingegeben fchon dem Tod’, erfüllt” er
Den Auftrag, und ſprach aus den granfen Fluch,
Und als erft dumpf, dann immer ungeſtillter,
Der Krieger Murr'n an's bange Ohr ihm ſchlug,
Da faßt' er Bertrand's Hand, und ſprach mit Beben:
„Ihr Biedermann des Heer’s, beſchirmt mein Leben !‘’
539
„Getroſt!“ fprach der: „Ich merk', Ihr, habt
geſprochen J
Ein Woert der Mild' und Huld fuͤr uns im Rath,
Waͤr's auch nur, weil im Herzen ſo ein Pochen
Euch hat gewarnt vor dieſem ſauern Pfad.
Empfangt mein Wort: „ich ſend' Euch unzerbrochen
Nach Apignon!“ — Erſtarkt rief der Legat:
„Auch Ihr, getroſt! Fuͤhrt Ihr von dieſen Mauern
Das Heer zuruͤck, ſo ſoll der Bann nicht dauern!“
Da ſah der Bertrand etwas finſter drein,
Und ſprach: „meint Ihr, vom Kirchenbann belaſtet
Zoͤg' unſer Heer ſo leichtgemuth feldein?
Mit Nichten, Herr! Mein Wort drauf, daß es raſtet
Bor Avignon, bie man es will befrei'n
Bon allem Fluch! Umd daß ſolch Heer nicht faitet, —
Davon hat man fchon allzupiel der Spuren. —
Mir ift es leid um dieſe blüh’nden Fluren! —
Jedoch wo man beranfrief ein Sewitter,
Entlad’ es auch den unheilſchwangern Schooß,
Und nicht entfernte Gelder treffe bitter
Das von Euch felbft geworfne Zornesloos!
Die Schaaren zügl ich ald ehrbarer Ritter,
Doc fuͤrcht' ich fehr, es reißt der Grimm fie los
Don des Gehorſams ungewohnten Striden.
Dann — Geht! Ihr werdet's früh genug erbliten! "—
540
Ach allzufruͤhl — Das Wort: „die renge Gluth
Des Kirchenbannes traf auf unfer Haupt!‘
Durchzuͤckt die Schaaren mit unbänd’ger Wuth.
Ha, wies von allen Lagerfeiten ſtaubt!
Hinaus geht's in das Feld mit Togerwuth;
Man pluͤndert, morbet, fenge und brennt und raubt!
Umſonſt befhwört Bertrand die wilden Geifter.
Man hört nicht ihn und nicht die andern Meifter!
Wie warb, Urbanus, Dir, geiftliher Vater
Der Ehriften, ald Du ſahſt aus Deinen Zimmern |
Die Flammen, wie auf graufem Mordtheater,
Die kaum noch heitre Blüthenflur durchſchimmern!
Und was ſpracht Ihr, Ihr ſparſamen Berather,
Die, um den goldnen Schatz nicht zu verkuͤmmern,
Zornfunken ſchleudertet in wilde Herzen,
Davon auflodern nun fo grimm’ge Kerzen!
Noch hofft Ihe, ohne Geld die Noth zu enden!
Ein neuer Bote zieht zum Bertrand fort,
Anflebend ihn, den Lavaſtrom zu wenden.
Doc fprach der Held ernftfchaubernd diefes Wort:
„Die Roth kommt and des heil’gen Vaters Händen!
Wehrwoͤlfe find, geftellt auf Raub und Mord,
Die Krieger, feit fein Fluch fie hat getroffen.
Durch ihn bfeibt Alles, nichts durch mic zu hoffen,
|
541
Geb' er mir wieder, wad er mie genommen:
Der Stieger Lenkfamfelt und heitren Sinn; —
So find auch diefe Brände gleich verglommen,
Und friedlich ſtroͤmt auf’s new bie Fluth dahin.
Allein aud Gold muß mir zu Hälfe fommen.
Sonft wird, gereitzt vom räub’rifhen Gewinn,
Die wüfte Schaar der: Ordnung ganz entfagen,
Und frevelnd bie zum heil'gen Stuhl ſich wagen.
Der Menfch, verftoßen aus den holden Kreifen
Der Sit’ und Ordnung, und von Noth gedrädt,
Im Wahn, zur Hölle fhon Binabzureifen,
Der Hoffnung Schwingen alP ihm ausgepflüdt, —
Wie foll ſich der nicht fuͤrchtexlich erweiſen? —
Geht! Hebt die Hand, die uns zum Abgrund drüdt,
Zum Seeg’nen wieder! Thut fie auf zum Schenfen!
Mit Gott dann will zum Heil ih Alles lenken.“ —
Der Bote ging. Und diesmal ließ das Pred'gen
Des Ritters beim Conclave gute Spur.
Man eilt, das Heer vom Banne zu erled'gen,
Und handelt von der Summe Mild'rung nur.
Da bam's denn, daß, nach manchem Spruch von led'gen
Geldbeuteln und von Eriegverheerter Flur,
Bertrand das Heer bewog, des Pabſtes Seegen
Statt hunderttaufend Livres mitzuwdgen.
.5n
Gleich war das Geld im Lager. — Bertrand
fraste :
„Woher fo ſchnell, da Seine Heiligkeit
Es aufzubringen kuͤrzlich faſt verzagte?“
Da ſprach der Cardinal ein wenig breit:
„Es tommt von Denen, die am mehrſten plagte
Der: böfe Krieg. Ganz ohne Widerfireit
Gab zu der Summe ber nach bill’ger Satzung
Jeweder Bürger Avignon's die Schatzung.“ —
Wild fuhr der Bertrand auf: „zuruͤck das Gold!
Nicht einen Deut werd’ ich davon berühren.
Was! Hab’ ih von den Armen es.gewollt,
Die um ihr täglich) Brod die Hände rühren?
Und hätte mich das Gluͤck fhon fern gerolt
Durch Spanien, bis hinaus an Herkuls Thuͤren,
Doc kaͤm' ich wieder, um mit freuen Waffen
Den Bürgern Avignon's ihr Recht zu ſchaffen.
Die Bürger follen nichts, gar nichts bezahlen
Zum Kreuzeszug, den jet beginnt mein Heer!
Das geh’, Ihr Herrn, ans Enern vollen Schalen! Um
Da galt’s nicht eben viele Gegenwehr.
Manch Heiner Beutel, fhon zu manden Malen
Gebrandſchatzt, und nun gänzlich welk und leer,
Sah von der ruͤcwaͤrtsgeh'nden Fluth ſich ſchwellen.
Die Cardinaͤle leerten ihre Zellen.
543
Es ward vielmehr noch von all dem gefprochen,
Als diefes Lied Euch ſingt. Allein verzeiht!
Halb Euerm Dichter ift die Kraft gebrochen
Bor Worten, wie: „berechnet! zahle! und leiht!“
So weiß ich, au dem Bertrand ward zu Wochen
Sebweder Tag., ia falt zur Ewigkeit,
Wo ftatt der Thaten Geld ward abgewogen.
Drum hab' ich's lieber frif in Eins gezogen, —
Beendet war das midrige Verhandeln;
Das Heer ftand wieder ordnungsſtill gereiht,
Etwas befhamt, faft wie nach dem Verwandeln
Der Eirce einft Ulyſſes Kriegegeleit, —
Dom bint’gen Durft, vom auf vier Füßen Wandeln
Durch ihres Fuͤhrer's Flasen Muth befreite,
Doch ſchaambeſchwert die glüh’nden Augen ſenkend,
. Und felbft der Führer ſtill darum ſich kraͤnkend!
Auch Du, mein Bertrand, ſtandeſt truͤb' und ftill;
Mor Deinem Gott zwar und Dir ſelbſt entſchuldet,
Allein Dich fragend: „wenn die Bosheit will,
Spricht fie ia doch, Du habeft gern geduldet,
Dies Ların, dem Strom zumwinfend: quill nur, quill,
Bis Dich und mich des Pabſtes Schatz verguldet! —
Was kann den Ruf zu meinem Veſten neigen? —
Nichts, als vom Pabſt ein freies Ehrbezeigen!
536
In Spanien, und mein Frankreich darf nicht heben
Bor jeh’gen. Löwen, ehmals srimmen Wölfen! .
Da wird ſehr gern der beil’ge Vater helfen!" —
Geirrt mein Freund! — So heißt auf
dieſer Erden
Oftmal di⸗ Loſung fuͤr den heitern Muth,
Der felber nicht Aufopfrung und Beſchwerden
Zu zählen pflegt, ja nicht das eig’ne Blut,
Und wähnt,. fo muß’ es auch bei Andern werden,
. Und allwärt’s ſei die Welt dem Guten gut! —
Entgegen kommt, ‚des Pabſtes Gold zu ſchuͤtzen,
Schon ein Legat Dir mit des Banned Bligen.
Zwar hielt er. die forsfältig noch verborgen
‚ Und gab in freundlich milden Worten nad,
Als er von all den Noͤthen hört’ und Sorgen.
Doch wie. der Marſchall Andreghem nun fpradh :
„Mein Here, wir muͤſſen von dem Pabſte borgen,
Zu retten Heer und Golf von Sund’ und Schmach!“ —
Und dann die Zahl der Livres freihin nannte, —
Het, was da der Legat in Grimm entbrannte!
Noch wagt ers nicht, ben Baunfiuch auszu⸗
fpredyen,
Doch ſchalt er es ganz unerhörte That,
So in’d Gebiet des Pabites einzubrechen,
837°
Erheifhend mehr, ald Seegen, hoͤchſtens Rath!
Nicht könne folder Summen fih entbrechen
Der Oberhirt, — da fhwieg er. Denn eb trat
Der Du⸗Gueſclin im Eiirenden Waffenfchein
Raſch zu ihm hin, ausrufend: „Geld muß fein!
Muf fein, mein Herr Legat! Wir wol’n He
. führen
Die wilden Männer ehrbarlih zur Pflicht!
Wir leiten bin fie, wo heißwechſelnd kuͤren
Tod oder Leben, ftreng’ im Kriegsgericht !
Don ohne Geld kann man kein Heer regieren.
Ste ziehn auf Gottes Wegen, zittern nicht
Vor Feind und Teufelei, und warten fchon
Bis Oftern gern auf die Abfolution.
Doch wenn’d an Geld fehlt, — müßt’ es nicht
entgelten
Das arme Land, erharrend unfre Fahrt? |
Drum lat und weiter mäteln nicht noch ſchelten;
Dabei wird nichts für Euch und ung erſpart.
Friſch, Here Legat! — Ich hoff? in allen Welten
Mär Niemand freudiger, felbft feinen Bart
Im Nothfall für der Wölter Heil zu fpenden,
a unfer,Pabft! - Sanen: Eilt, das Ding zu enden !”-
oh eilte der Legat! — Doc) ſparſam weilend,
538
Blied das Sonclave lang in Zweifel ſtehn,
In viele Stimmen endlos fich zertheilend.
Zulegt ließ es ben keden Spruch ergehn:
„Erſt Baun! Hilft der nicht, — nun fo mag daunn
beilend
Das reihe Gold in’s wilde Lager gehn!” —
Wohl Keiner fpraäch’ fo kuͤhn, müßt’ er den Helden
Den firengen Bann mit eig’uem Mund vermelden!
Das traf allein den armen eriten Boten,
Den Gardinal Legat. Der zog hinab
Aus Avignon, ale geh’ es zu den Todten,
als faſſe fchon nach ihm das blut’ge Grab.
Wer Gruß ihm hat im Lager frifh entboten,
Den fertigt’ er mit eitlen Worten ab, -
Als bring’ er, was im ganzen Eräft’gen Heere
Das kuͤhnſte Wuͤnſchen irgend nur begehre!
Doc als er nun vor Bertrand ftand, — ba Hällt’ er
Sein bleiches Antlig in des Kleides Tuch,
Und, bingegeben ſchon dem Tod’, erfüllt’ er
Den Auftrag, und ſprach ans ben granfen Fluch,
Und als erft dumpf, dann immer ungefiliter,
Der Krieger Murr'n an's bange Ohr ihn ſchlug,
Da faßt' er Bertrand’ Hand, und ſprach mit Beben:
„Ihr Biedermann bes Seer’s, beſchirmt mein Leben!“
539
„Getroſt!“ ſprach der: „Ich mer®, Ihr, habt
geſprochen J
Ein Wort der Mild' und Huld fuͤr uns im Rath,
Waͤr's auch nur, weil im Herzen ſo ein Pochen
Euch hat gewarnt vor dieſem ſauern Pfad.
Empfangt mein Wort: „ih fend’ Euch unzerbrochen
Nach Apignon!“ — Eritarkt rief der Legat:
„Auch hr, getroft! Führt Ihr von diefen Mauern
Das Heer zurüd, fo fol der Bann nicht dauern!“
Da fah der Bertrand etwas finfter drein,
nd fprah: „meint Ihr, vom Kirchenbann belaſtet
Zög’ unfer Heer fo leihtgemuth feldein?
Mir Nihten, Herr! Mein Wort drauf, daß es raftet
Bor Avignon, bis man es will befrei’n
Bon allem Fluch! Und daß fol Heer nicht faftet, —
Davon hat man fhon allzuviel der Spuren. —
Mir ift es leid um diefe bluͤh'nden Sluren! —
Jedoch wo man heraufrief ein Gewitter,
Entlad’ es auch den unheilfhwangern Schooß,
Und nicht entfernte Felder treffe bitter _
Das von Euch felbfi geworfne Zornesloos!
Die Schaaren zügl’ ich als ehrbarer Ritter,
Doc fürcht? ich fehr, es reißt der Grimm fie log
Bon des Gehorſams ungewohnten Striden.
Dann — Geht! Ihr werdet's fruͤh genug erblicken! —
540
Ach allzufruͤh! — Das Wort: „bie renge Gluth
Des Kirhenbannes traf auf unfer Haupt!“
Durchzuͤckt die Schaaren mit unbänd’ger Wut.
Ha, wies von allen Lagerfeiten ſtaubt!
Hinaus gebt’s in das Feld mit Tygerwuth;
Man plündert, morbet, ſengt und brennt und raubt!
Umfonft befhwört Bertrand die wilden Geifter.
Man bört nicht ihn umd nicht Die andern Meifter!
Wie ward, Urbanus, Dir, geiftliher Vater
Der Shriften, als Du fahft aus Deinen Zimmern
Die Flammen, wie auf graufem Mordtheater,
Die kaum noch heitre Blüthenfiur durchſchimmern!
Und was ſpracht Ihr, Ihr ſparſamen Berather,
Die, um den golduen Schag nicht zu verfümmern,
Zornfunken fhleubertet in wilde Herzen,
Davon auflodern nun fo grimm’ge Kerzen!
Noch hofft Ihr, ohne Geld bie Noth zu enden!
Ein nener Bote zieht zum Bertrand fort,
Anflehend ihn, den Lavaſtrom zu wenden,
Doc ſprach der Held ernftfhaubernd diefes Wort:
„Die Roth kommt aus des heil’gen Vaters Händen!
Wehrwoͤlfe find, geftellt auf Raub und Mord,
Die Krieger, feit fein Fluch fie hat getroffen.
Durch ihn bleibt Alles, nichts durch mich zu hoffen.
541
Geb' er mir wieder, wad er mir genommen;
Der Krieger Lenkſamkeit und heitren Sinn; —
So find. au diefe Brande gleich verglommen,
Und friedlich ſtroͤmt auf’s new die Fluth dahin.
Allein auh Gold muß mir zu Hälfe kommen.
Sonſt wird, gereipt vom räub’rifhen Gewinn,
Die wuͤſte Schaar der: Ordnung ganz entfagen,
Und frevelnd bie zum heil'gen Stuhl fih wagen. _
Der Menſch, verftoßen aus den holden Kreiſen
Der Sitt' und Ordnung, und von Noth gedrädt,
Im Wahn, zur Hölle fhon binabzureifen,
Der Hoffnung Schwingen al ihm ausgepflädt, —
Wie fol fih der nicht fuͤrchtexlich erweiſen? —
Geht! Hebt die Hand, die uns zum Abgrund drüdt,
Zum Seeg’nen wieder! Thut fie auf zum Schenfen!
Mit Gott dann will zum Heil ih Alles lenken.“ —
Der Bote ging. Und diesmal ließ das Pred'gen
Des Nitters beim Conclave gute Spur.
Man eilt, das Heer vom Banne zu erled’gen,
Und handelt von der Summe Mild’rung nur.
Da Fam’e denn, daß, nach manchem Spruch von led’gen
Geldbeuteln und von Eriegverbeerter Flur,
Bertrand Das Heer bewog, des Pabſtes Seegen
Statt Hunderttaufend Livres mitzuwdgen.
5m
Gleich war das Geld im Lager. — Bertrand
fraste :
„Woher fo ſchnell, da Eeine Heiligkeit
Es aufzubringen kürzlich fat verzagte?
Da fprac der Sarbinal ein wenig breit:
„Es kommt von Denen, die am mehriten plagte
Der böfe Krieg. Ganz ohne Widerftreit
Gab zu der Summe ber nad bil’ger Satzung
Jeweder Bürger Avignom’s die Schatzung.“ —
Wild fuhr der Bertrand auf: „zuruͤck das Gold!
Nicht einen Deut werd’ ich davon berühren.
Was! Hab ih von den Armen ed. gewollt,
Die um ihr täglich Brod die Hände rühren?
Und ‚hätte mich das Gluͤck {bon fern gerollt
Durch Spanien, bis hinaus an Herkuls Thuͤren,
Doch kaͤm' ich wieder, um mit treuen Waffen
Den Bürgern Avignon's ihr Recht zu ſchaffen.
Die Bürger follen nichts, gar nichts bezahlen
Zum Kreuzeszug, den jegt beginnt mein Her!
Das geb’, Ihr Herr'n, aus Euern vollen Schalen!“-
Da galt's nicht eben viele Gegenwehr.
Manch Heiner Beutel, fhon zu manchen Malen
Gebrandſchatzt, und nun gänzlich welk und leer,
Sah von der ruͤcwaͤrtsgeh'nden Fluch ſich ſchwellen.
Die Cardinaͤle leerten ihre Zellen.
343
Es ward vielmehr nod von all dem gefprochen,
Als diefes Lied Euch fingt. Allein verzeipt!
Halb Enerm Dichter ift die Kraft gebrochen
Bor Worten, wie: „berechnet! zahlt! und leiht!“
So weiß ih, auch dem Bertrand ward zu Wochen
Sedweder Tag., ja falt zur Ewigkeit,
Wo ftatt der Thaten Geld ward abgewogen.
Drum hab' ich's lieber friſch in Eins gezogen, —
Beendet war das widrige Verhandeln;
Das Heer ftand wieder ordnungsftill gereiht,
Etwas beſchaͤmt, faſt wie nach dem Verwandeln
Der Eirce einft Ulyſſes Kriegsgeleit, —
Dom blut'gen Durft, vom auf vier Füßen Wandeln
Durch ihres Fuͤhrer's klaren Muth befreit,
Doch ſchaambeſchwert die gluͤh'nden Augen ſenkend,
Und felbft der Führer ftil darum ſich kraͤnkend!
Auch Du, mein Bertrand, ſtandeſt truͤb' und ſtill;
Vor Deinem Gott zwar und Dir felbit entſchuldet,
Allein Dich fragend: „wenn die Bosheit will,
Spricht fie ja doch, Du habeſt gern gebuldet,
Dies Laͤrm, dem Strom zuwinfend: quill. nur, quill,
Bis Dich und mich des Pabſtes Schak verguldet!—
Was kann den Ruf zu meinem Beten neigen? —
Nichte, als vom Pabſt ein freies Ehrbezeigen!
544
Und das!" — Er feufst und ſchweigt. — Und
das, mein Mitter,
Iſt heute inf ‚für Dich ſchon auf der Bahn.
Sieht Du die Boten dort im blanfen Flitter?
Des Pabſtes Kamm’rer find es, die fih nahn,
Nach überfiand’nem Kriegesungemwitter
Dich und des Heeres Edlen zu empfah’n,
Und Euch, verbärgend ſich für jeden Schaden,
Nah Avignon an Urban’s Hof zu laden.
Die Ritter ziehn voll Ehrfurcht und Vertrauen
Hinein zu dem hochwuͤrd'gen Prieftergreis,
Und wie fie nun die edle Bildung ſchauen,
Den Blick fo ernft, den Bart fo lang und weiß,
Die hohe Stirn, die ftreng gewölbten Braunen, —
Da neigt fih Jeder tief, gleihwie ein Reis
Eich vor der Sonne Strahlen erdwärts wendet,
Dis die erquickend Thaugedüfte fpendet.
Der fromme -Bifchof winkt mit fanftem Worte
Sie mild empor, und führt fodann fie ein
In des Dallaftes reihgefhmüdte Pforte.
Doch wandt’ er dort mit Bertrand fich allein
Zu feines Betaltar’s verfhwieg’nem Otte,
Und vor dem wunderfamen Heil'genſchrein
Beſprachen fih, den Andern unvernommen,
Die Zwei, und find erft ſpaͤt zuruͤkgekommen.
“ Gedeimniß blieb: ihe Rathen und Verfuͤgen,
Und auch die Muf’ erfuhr’s für dasmal nicht.
Doc auf bes Biſchofs und’ des Helden Zügen:
Lag heiliger Betrachtung feel’ges Licht,
Und jenes ernſte, ſtill erhab’ne Genuͤgen,
Wied oftmal aus zwei großen Seelen bricht,
Die, ferne fteh’nd, einander faft verfannten,
Und Wort an Wort zu trauter Huld entbrannten,
Als Bertrand fcheidend vor dem Greiſe Eniete
Beruͤhrt' ihm feegnend der das muth’ge Haupt,
Und ſprach: „zeuch bin, Du ritterfiche. Bluͤthe,
Zeuch bin mit Gott!’ Kehr’ wieder fiegumlanbt!
Und haft Du dort gehemmt das Morbgewüthe,
Der Kirch! erfiattet, wad man ihr geraubt,
Daun wolle Gott nad Alten noch Dich fenden,
Befrei’nd das heil'ge Grab aus freveln Händen !—
Da ſtrahlt ein hoͤh'res Licht aus Bertrand's
Blicken,
In ſeinem Herzen quillt ein ſeel'ges Regen;
Er ruft: „o moͤge Gott dorthin mich ſchicken,
Zum Streit für Ihn auf fo hochheil'gen Wegen!
Doch allwaͤrts fei es Pflicht mir und Erquiden, Ä
Der Rich’, und wär's durch meinen Tod, zu pflegen 1 —
‚Laut ruft der Pabft fein, „Amen! und es ſcheiden
Boll gottgefäß’ger- Lich” und Huld die Beiden, —
| 35
40
Oerweile hatt? es allwaͤrts ſich verbreitet:
„Der große Bertrand Du: Gnefclin iſt hier!“
Und wie der Held nun wicher heimwaͤrts reitet,
Verfammelt ib aus jeglibem Quartier
Der Stadt das ganze Volk, und wogt und gleitet
Rings um den Ritter und fein edles Thier,
Und läßt die Dänen, Hür nnd Tücher fliegen,
Und jubelt: „Bott mit Dir, au neuen Siegen!
Du Held der Kirche, Hoffnung aller Ehriften!
Fahr wohl, fahr wohl, und ehr und balb zuruͤch,
Dein Frankreich treu vor jedem Feind zw friften!
Fahr wohl! ‚Und allwaͤrts bluͤh Dir Heil und Sluͤc!
Und alle Engel follen Die fi räften!
Geweiht fei Die jedwedes Waffenſtuͤck!
Und alle Wolken ſoll'n hernieder regnen
Dit Heil, Den all des Volles Herzen feegnen!"—
Er neigt fi Hold und tief.— Doch tiefer nei!
Sein frommer Geiſt ſich vor des Höcften Huld.
„Wie,“ — denkt er, —, daß ich hier folch Heil etreichte/
Wo ich vermeint, daß mich der Ruf mit Schuld
Belafte, ja die Bluͤthen faft mir bleichte
Des heitern Ruhms! O immer mit Gebulb
Will ich, mein Gott, auf Deine Fuͤgung warten!" —
isriſch!“ rief er; „blaſt, Trompeten! Fliegt,
Standarten!“
347
J Erlaͤuterungen
sum zwölften Geſange.
nn}
Seite 540;
„Doch ſprach der Held ernfifhaubernd
dDiefes Wort
Die Noth Tommt aus des beil’gen
Vaters Händen!
Wehrwoͤlfe ſind geſtellt, auf Raub
und Mord,
Die Krieger, feit fein Fluch fie bat
getroffen.” n.f.w.
Unfer Quellbuch, erft 1666 anfammengetragen,
Bat bereitö genug von. ber modernsfranzöflfhen
Reichtfertigkeit und dem an der Erde Elebenden Un⸗
glauben eingefchludt, um darauf binzudenten, Ber:
trand habe fo eine Art von Späfchen mit diefer
Antwort getrieben, oder doch mindeftens den Schalt
dabei im Herzen getragen, wie ed einem aufgeflär-
ten Mann eigne und gebühte. Die Zeit, wo man
in Deutſchland die Sache aus falt allen Augen eben
fo gefehn Hätte, ift noch nicht lange vorbeigezogen.
Ueber die Würde und Troͤſtlichkeit einer ſolchen
Gefinnung will ich hier weiter nichts hinzuſetzen.
35 *
548
Nur daß mei Bertrand fie nicht theilte, glanbe id
durch die kurzen Worte beweifen zu koͤnnen.
Bertrand war ein entihiedner Feind alt
Pluͤnderungen und fonftiger Verbrechen, und wußte
fie meift immer mit Erfolg zu hemmen. Wenis:
ftens ſah er ihnen nie mit untergefchlagenen Ar
men zu. Ueberdas war er ein gläubiger Ehril,
und farb fromm und befonnen im Glauben. —
Muͤßte man aber etwa ein abgöttifch aberglänbigr
Papift fein, um die Wirkungen eines Fluches zu
ſchauen, den ein chriſtlicher Prieſter über Plaͤndern
ausfpricht ?
a
Bertrand Du-Gueſclin.
Dreizehnter Geſang.
Tonlonſe, Beitre Stadt, Du Sitz des kuͤhnen
Herzog's von Anjon, der mit ſanfter Hand
Beherrſcht des Languedoc mildſchwell'nde Buͤhnen,
Boll Heerdenlaͤuten an der Baͤche Strand, —
Mas blickſt Du bang’ umher? — Wird ſich erkuͤhnen
Ein Ritter Frankreich's, mit feindfeel’ger Hand
Dahin zu dringen, wo ein Prinzenheld,
Des Königs Bruder, die Regierung haͤlt? —
Es fläftern bange. Stimmen: mir entgegen:
„Drang er dahin, wo felbit des Pabſtes Macht
Umſonſt, iin mahnte von den kuͤhnen Wegen,
Und if vor Flammenſtrahl und Rauchesnachs
550 _
Manch blüh’ndes Dorf um Avignon erlegen, —
Wer fagt, daß er mit uns es befier macht ?“ —
Getroſt! — Nun find die ehmals wilden Horben
Zu treugezähmten Laͤmmern ganz geworden.
Getroft! — Zwar kommt er, Eure Flurzu grüßen,
Doch nur wie Lenzgewoͤlke gruͤßt die Flur,
Daß reicher noch die friſchen Halme fprießen,
Und ringsum freud’ger blüht des Seegends Spur.
Seht! -Ehrerbietig zu des Herzogs Fuͤßen
Neigt er fein Haupt! Das Heer, beflifien nur,
Wie es den alten, wilden Ruf verwiſche,
Hält ſtill im Lager fih am eignen Tiſche
Bis. ed ausruͤckt in naͤchſten Morgens Fraͤhe,
Zur Muſt'rung vor dem Tiniglihen Herrn.
Wie Ang’ und Waffenräftung krieg'riſch gluͤhe,
Wie jeder Kämpfer ſcheint ein blut’ger Stern,
Bereit, daß Tobeöftrahlen vr verfpräbe, —
Doch, Waffenlofe, haltet Euch nicht fern!
Ihr dürfe mit luſt'gem, kindlichem Vertrauen
Das Waffenfpiel ganz in der Naͤht befchanen!.
Zwar geht zu Roß und Fuß ſehr raſch die Schwen-
on ang
Zwar donnern mit gewall’gem Kriegsgeſchret,
In wunderſamer vielverfhlungner Leukung
-
R 554
Die Schaaren dicht, ganz dicht an Euch vorbei, —
Doc hüten fie Euch mild vor Jeder Kraͤnkung, —
Die Kinder lachen drein ganz keck und frei. —
Den zorn'gen Kampf, ben Tod, das wilde Grauen, —
Dis wird in Spanien ek bee Feind erſchauen.
ebt warb das ebie ariegs ſpiel froh vollendet,
rzog wandelt durch die Reihen held, u
r und dort bei Namen, lobt, und ſpendet
äbten -Notten Wein und Gold,
Worauf zu ben Hauptlenten er fi wendet,
Und ſpricht: „ich bit” Euch, edle Ritter, wollt
Hent Abend mir zum munt'ren Kriegerfeite
Den Bursfaal ſchmuͤcken als willfemm’ne Bäfte 1! =
And mit des Spätroth’s hellen Purpurſchimmern
Zog all die Heldenſchaar zum Herzog ein,
Und warb begeäßt bei reicher Kerzen Flimmern
Vom edlen Herrn, und rund ging edler Wein.
Dann faß zum Mahl man in den hohen Zimmern; —
Die Bilder von den Wänden ſchauten drein,
Zum Theil mit den verwandten Angefihtern
Stich ſpiegelndi in den ſriſchen Heldenlichterx.
Der Herzog ſprach: „das walte Gott, Ihr Degen*
Ihr zieht auf eine ſchoͤne Kampfesſahrt:
Wohl gern waͤr' ich auf gleichen Ritterwegen
352
Euch ale ein treuer Waffenfreund geſchaart,
Doch muß ich. bier der Staatsverwaltung pflegen:
Ein Amt, das fih mit keiner Reife paart!
Mir Wünfchen nur begleir ih Eure Schritte,
Und leg’ an’s Herz Euch eine einz’ge Bitte.
Ihr wißt vom König Vebro, dem Tprannen,
Der fein Caſtilien ſchauerlich verheert,
Durch den-Blutstropfen viel und Thränen rannen! —
So hat er fheuslih auch dem eig’nen Heerd
Entweiht durch freches Liebeln, durch's Verbannen
Der holden Blanca, unftem Frankreich werth
Wie eine Verl?’ In reinen Waſſers Weben,
Und weh! ald Braut dem Bluthund übergeben!
Weh! Nicht Verbannung nur, auch ſchnoͤden Mord
Hat er an jenem Engelsbild vollzogen!“ —
Da rief's von allen Lippen wieder: „Mord!“
„Mord!“ Droͤhnt' es von des Saal's gewoͤlbten
Bogen,
Und von den alten Bildern hallt' es: „Mord!“
Und all die Ritter, ſtrengbegeiſternd, zogen
Die Schwerdter blank, und ſprachen: „uns die Rache!
Auf unſer Haupt der holden Kön’gin Sache!“
Der Herzog rief: „wohlan denn I Kein Berfprechen
Branch’ ih von. Euch. Ihr werbet ritterkühn ._
553
Die fruͤhgeknickte Lille Frankreichs rigen!’ —
Und Alles fhwört fein Ja! Die Herzen gläh’n, -
Und Thränen fieht man bel aus Augen brechen,
Die fonft nur wilde Schlachtenflammen fprüh’n.
Da sieht vom Fühner tönenden Gelag
Der Herzog fih den Bertrand heimlich nach.
Und in des ſtillen Kaͤmmerleins Umgränzung
Winkt er auf einen Stuhl ihn ernft und mild,
Wo von der Wand in fei'rlicher Beglaͤnzung
Der klaren Kerzen niederfah ein Bild:
Auf dunklem Haargelod die Brautumkraͤnzung,
"Der Mund ‚fühlächelnd; doch das Auge ſchwillt, —
Als ob es nad der höhern Welt ſich fehne, —
Bon einer holden, kaum geahnten Thräne,
Empor zu Ihre hebt Anjon feinen Blick,
Darin der Wehmuth feuchte Gluthen ſchwimmen,
Und ruft: „o ſchlimm politifh Gauklerſtuͤck,
Did dem graun’vollen Pedro zu beftimmen! -
D würde man Dich zartes Bild zuräd,
Wie leicht waͤr's, blut'ge Meere zu durchſchwimmen! —
Doch ſtill jetzt mit den hoffnungsloſen Bildern!
Ich muß, mein Held, Euch treulich Alles ſchildern.
Die holde Blanka, Frankreichs weiße Bluͤthe,
Kam in des rauhen Caſtilianers Arm,
548
Nur daß mein Bertrand fie nicht theitte, glaube ih
durch die kurzen Worte beweiſen zu koͤnnen.
Bertrand war ein entſchiedner Feind aller
Pluͤnderungen und ſonſtiger Verbrechen, und wußte
ſie meiſt immer mit Erfolg zu hemmen. Wenig⸗
ſtens ſah er ihnen nie mit untergeſchlagenen Ar⸗
men zu. Ueberdas war er ein glaͤubiger Chriſt,
und ſtarb fromm und beſonnen im Glauben. —
Muͤßte man aber etwa ein abgoͤttiſch aberglänbiger
Papiſt fein, um bie Wirkungen eines Fluches zu
ſchauen, den ein chriſtlicher Prieſter über Plünderer
ausipricht ?
9
Bertrand Du-Gueſclin.
Dreischnter Gefang-
Toutonfe ‚ Beitre Stadt, Du Sitz des kuͤhnen
Herzog's von Anjon, der mit fanfter Hand
Beherrſcht des Languedoc mildihwel’nde Bühnen,
Boll Heerdenlduten an der Bäche Strand, — —
Mas blieft Du bang umher? — Wird fi erfühnen
Ein Ritter Frankreich's, mit feindfeel’ger Hand
Dahin zu dringen, wo ein Prinzenhelb,
Des Königs Bruder, die Regierung Halt? —
Es fluͤſtern bange Stimmen. mir entgegen:
„Drang er dahin, wo felbit des Pabſtes Made
Umfonft, ihn mahnte von den kuͤhnen Wegen,
Und if vor Flammenſtrahl und Rauchesnacht
„550 _
Mandy bläh’ndes Dorf um Avignon erlegen, —
Mer fagt, daß er mit uns es beffer macht ?“ —
Getroſt! — Nun find die ehmals wilden Horben
Zu treugezähmten Lämmern ganz geworden.
Getroſt! — Zwar kommt er, Eure Flur zu grüßen,
Doch nur wie Lenzgewölte grüßt die Flur,
Daß reicher noch die frifhen Halme fprießen,
Und ringsum frend’ger blüht bes Seegens Spur.
Seht! -Cirerbietig zu des Herzogs Fuͤßen
Neigt er fein Haupt! Das Heer, befliffen nur,
Wie es ben alten, wilden Ruf verwilche,
Haͤlt ſtill im Lager fih am eig’nen Tiſche
Bis es ausruͤckt in naͤchſten Morgen? Frühe,
Zur Muf’rung vor dein koͤniglichen Herrn.
Wie Aug und Waffenräftung kriegriſch gluͤhe,
Wie jeber Kaͤmpfer ſcheint ein blut'ger Stern,
Bereit, daß Todesſtrahlen er verſpruͤhe, —
Doch, Waffenloſe, haltet Euch nicht fern!
She dürft mit luſt'gem, kindlichem Vertrauen
Das Waffenſpiel ganz in der Naͤht befchanen!
Zwar geht zu Roß und Fuß ſehr raſch die Schwen-
on —ung!
Zwar donnern mit gewalt'gem Kriegsgeſchret,
In wunderſamer vielverfchiung'tner Leukung J
—
R 554
Die Schaaren dicht, ganz dicht an Euch vorbei, —
Doc bäten fie Euch mild vor Jeder Aränkung, —
Die Kinder lachen brein ganz keck und frei, —
Den zorn'gen Kampf, den Tod, das wilde Grauen, —
Dis wird in Spanten erſt der Feind erſchauen.
ebt ward das edle Kriegsſpiel froh vollendet,
Der Herzog wandelt durch die Meihen hold,
Gruͤßt hier und dort bei Namen, lobt, und ſpendet
Den kampfgeuͤbten Notten Wein und Bold,
Worauf zu den Hauptlenten er fi wendet,
Und ſpricht: „ich bitt” Euch, edle Ritter, wollt
Heut Abend mir zum munt'ren Kriegerfeite
Den Burgſaal ſchmuͤcken als willkomm'ne Bdfte!’’—
And mit des Spaͤtroth's heilen Purpurſchimmern
Zog all die Heldenfchaar zum Herzog ein, |
Und ward begrüßt bei reicher Kerzen Flimmern
Bom edlen Herrn, ımd rund ging edler Wein. -
Dann faß zum Mahl man in ben hohen Zimmern; —
Die Bilder von den Wänden ſchauten drein,
Zum Theil mit den verwandten Angefichtern
Sich ſpiegelnd in den ftiſchen Heldenlichtern.
Der Herzog ſprach: „das walte Gott, ghr Degent
he zieht auf eine fhöne Kampfesfahrt:
Wohl gern wär’ ich auf gleichen Ritterwegen
352
Euch als ein treuer Waffenfreund geſchaart,
Doch muß ich. bier der Staatsverwaltung pflegen :
Ein Amt, das fi mit Feiner Reife paart!
Mit Wünfchen nur begleir ih Cure Schritte,
Und leg’ an's Herz Euch eine einz’ge Bitte.
‚She wißt vom König Pedro, dem Tyrannen,
Der fein Caſtilien fbauerlich verbeert,
Durch den-Blutstropfen viel und Thränen rannen! —
So Hat er ſcheuslich auch ben eig’nen Heerd
Entweiht durch freches Liebeln, durch's Berbannen
Der holden Blanca, unftem Frankreich werth
Wie eine Perl In reinen Waſſers Weben,
Und weh! ald Braut dem Bluthund übergeben!
Weh! Nicht Verbannung nur, auch fhnöden Mord
Hat er an jenem Engelsbild vollzogen!“ —
Da rief's von allen Lippen wieder: „Mord!“
„Mord!“ Droͤhnt' es von des Saal's gewoͤlbten
Bogen,
Und von den alten Bildern Hall!’ es: „Mord!“
Und al die Ritter, firengbegeifternd, zogen
Die Schwerdter blank, und ſprachen: „uns die Rache!
Auf unſer Haupt der holden Kön’gin Sache!“
Det Herzog tief: „wohlan dena! Kein Verſprechen
Brauch’ ih von Euch. Ihr werbet ritterkühn
—
953
Die fruͤhgeknickte Lilie Frankreich rächen!’ —
Und Ales fhwört fein Ja! Die Herzen gluͤh'n,
Und Thraͤnen fieht man bel aus Augen brechen,
Die fonft nur wilde Schlahtenffammen fpräp’n.
Da zieht vom Fühner tönenden Gelag
Der Herzog fih den Bertrand heimlich nach.
Und in bes ſtillen Kämmerleins Umgränzung
Winkt er auf einen Stuhl ihn ernft und mild,
Wo von der Wand in ferrlicer Beglänzung
Der Maren Kerzen nieberfah ein Bild:
Auf dunklem Haargelod die Brautumkraͤnzung,
Der Mund ſuͤßlaͤchelnd; doch das Auge fhwilt, —
Als ob es nad) der höhern Welt fich fehne, — |
Don einer holden, kaum geahnten Thräne, .
Empor zu Ihe hebt Anjou feinen Blick,
Darin ber Wehmuth feuchte Gluthen ſchwimmen,
Und ruft: „o ſchlimm politifh Gauklerſtuͤck,
Di dem graun’vollen Dedro zu beftimmen! -. -
O wuͤrbe man Di zartes Bild zuruͤck, |
Wie leicht wär's, blut'ge Meere zu durchſchwimmen! —
Doch ſtill jent mit den hoffnungslofen Bildern !
Ich muß, mein Held, Euch trenlich Alles ſchildern.
Die holde Blanta,; Franfreihs weiße Bluͤthe,
Kam in des zauhen Gaftilianers Arm, |
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Als der ſchon laͤngſt von andren Flammen gluͤhte,
An Irrwiſchlichtern reich, an Sternlicht arm.
Die Schoͤne, deren Zauber ihn durchſpruͤhte,
War — faſt erroͤth' ich! mit dem trüben Schwarm
Des ungluͤckſeel'gen Indenvolks befreundet,
Das — ſelbſt ſehr ſchwer bedruͤkt — bie Welt befeindet.
Und Inden hatten König Pedro's Ohr
Alsbald für fi, für. ſich allein gewonnen,
Und warfen um fein Ange büftern Flor,
Und-arges Gift in feines Blutes Bronnen,
Und warnten vor Caſtiliens Adelschor
Den Herrn, ed fel von dort ein Plan begonnen,
Des Fuͤrſten Macht und feinen Glanz zu niedern; —
Als warnte Löwen men vor jüngern Bruͤdern! —
Damit recht frech bie Wolfꝰ und Fuͤchſe fprängen,
Die Ratten auch um's koͤnigliche Mahl! —
Und ach, nur allzureich an Echoklaͤngen
War Perro’s Bruſt, an Klaͤngen ſonder Zahl,
Weil ihm in feiner Jugend truͤben Engen
Manch ungeſtuͤmer Schmerz, mand zom’se Quul
Zerriß fein wildes Herz! Das wollt’ er rähen
An aller Welt mit tanfend blut'gen Baͤchen.
Was ihn fo Trübes, Schrecliches ergriff, —
Ich laß' in dieſem Augenblick es fallen! —
J
y
!
„555 _
Doc fo viel iſt gewiß, Tein Lebensſchiff Br
Trieb früh fih am in grauf’ger Wogen Schaflen.
Und was für jetzt ihm biut’ge Dolche ſchliff,
War Teined Vaters wildes Liebeswallen,
Das den zu der Lenore Guzman lenkte,
Und fo das Recht der Chegattin kraͤnkte.
‚Kaum bat Don Pedro nur den Thron beftiegen,
Sp: ruft die Mutter: „raͤche mich, o Sohn!“
Und feine mordbefhwingten Boten fliegen, "
Und Leonore, bang? und flüchtig ſchon,
Muß vor der blut'gen Räherfauft erliegen;
Und fcheu vor folher That und Ihlimm’rem Drohn,
Flieh'n alle Kinder, die fie einft geboren
Dem todten. König, zu entfernten Thoren. .
Zwar wo. Tprannen noch fo huldlos walten,
Laͤßt doch es Sort nicht leicht an Frommen fehlen,
Die ſchirmend fih zu den Bedrängten halten,
Und — dürfen ſie auch Teider nichts defehlen! —
Den Wuͤthrich bald an MWeisheitszägeln halten,
Bald, frommen: Tougs, Berfolgte vor Ihm hehlen,
"Bald ihm in's Herz ein Wort ber Milde fluͤſtern!
Hier fühnten fie Dow. Pedro den Geſchwiſtern.
Er rief fie an Caſtillens Hof zurät:
Drei holde Fraͤuleis und fünf chle Bruͤder;
356
Und wirklich war's anf einen Augenblick,
als funkle dort entfchwund’ner Lichtglanz wieder,
Die Prinzen durh manch edles Ritterſtuͤc
Hellſtrahlend, und im Klang der füßen Lieber
Die königliben Jungfrau'n biumig leuchtend,
Doc oft ihr Ang’ um ihre Mutter feuchtend.
Was Pedro jüngft an Der fo bintig raͤchte:
Berftohluer Liebe unrehtmdß’ge Gluth, —
Das ſtahl ihm ſelbſt nun alle Koͤnigsrechte.
Die ſchlimme Schöne lenkte feinen Muth
In des Verbrechens immer tief’re Nächte,
Frechreizend ihren Löwen, edles Blut
Hu trinfen, Recht und Sitte zu zerreiffen!* —
„Welch Weib!’ — rief Bertrand. — „Wie war bie
geheiſen?“ |
Maria von Padilla!“ tief der Bode .
Berichteritatter aus. „Ein grauſer Klub
Knuͤpft ewig fih, wie Rand ber Flammenlehe,
Dem Ramen an in der Geſchichte Buch.
Caſtiliens Raͤthe, fühlenb, wie bedrohe
Des Landes Hell ein grauf’ger Zaubertrug,
Derfuchten eb, durch ebler: Liehe Kotten
Aus den nuedlen ihren Herr'n zu zeiten.
557
Da ward ber Engel Blanca hingefendet,
Sie, unfers Könige holde Schwägerin,
Und wirklich ſchien's, ale fei mit Eins gewendet
Zur himmliſchen Geftalt Don Yebros Sinn.
Doch ſchon am Hochzeitabend, nen geblendet,
Flog er zur ſchrecklichen Padilla Hin,
Mit unverfeh’ner Krankheit fi entſchuld'gend,
Die Nacht hindurch dem ſchnoͤden Abgott huld'gend.
Zwar, ſeine Buhlin bald zum Schein verweiſend
Vom Hof, that er ganz hold und neubekehrt,
Doch insgeheim beſtaͤndig zu ihr reiſend,
Nach jeder Fahrt nur ‚ärger noch bethoͤrt,
Ein Stern, nun ganz aus feinen Spharen kreiſend,
Bon unerboͤrter Raſerei verzehrt;
Die eigne Mutter, — die zu ſehr ihn gleiche, —
Sagt’ er urplößlic dräuend aus dem Reiche!
Dre’n feiner Brüder gab er blut'gen Tod,
Und den drei holden, zarterblührten Schweitern
Hat er den Mord durch Löwenfelund gedroht!
Sie ftanden fchon im Ring! Ein hoͤhniſch Kdftern |
Der Schmeichler tönte ringe! Doch frei von Noth,
Als ſei ihr Opferfeft vollbracht ſchon geftern,
Und fie dem Leib entſchwund'ne, reine Seelen,
Sad man die holden Drei ſich Gott befehlen.
858
Da fanden erft die losgelaff’nen Lenen
Wie ganz verfieint vor diefen Lichtgebilden;
Dann wandten fie fib ab mit bangem Echenen, —
Dann, wie gelockt von den holdfeePgen Milden,
Schmiegten fie ſtill fih ihnen an mit Treuen,
Um ihre Fuͤſſe wedelnd. — Bon den wilden,
Blusdärf’gen Thieren lernten auf den Stufen
Die Menſchen rings, der Unfchutd Heil zu rufen!
. Ein einz’ger Menſch, wuthlammenden Geſichts,
" "Und immer gierig, fih im Blut zu baden, — -
Ein Einz’ger un, — Don Pedro — lernte nichts!
Zwar durft' ernicht den frommen Jungfrau'n haben;
Doch wer das Dunkel, fucht anftatt des Lichts,
‘und ſelbſt ih muͤht, mit Grau'n fi zu beladen, —
Der, wie die Gnade finder, wer fie fucht,
Trifft auch den Fluch, dein er ſich felbft verflucht!
So wuchs ſein Raſen, gleich des Schlemmers
Zechen.
Meinſt Du, es ſei ſchon grauſe Teufelsſpur,
Daß er mit Mohrenkoͤnigen den frechen
Bund wider alle Chriſtenheit beſchwur? —
Mehr war es noch, den frevlen Bund zu brechen!
Hin auf Caſtiliens font fo reine Flur
Lock er den König Benmarin den Nothen,
Und warf ihn dorten meuchlings zu ben Todten.
559
Den Kichen raubt? er fred ihr Cigenthum,
In Thränen mußte rings fein Land fih tränten,
Sid felber flabl er des Morthaltens Ruhm,
Nur die ebröfhen Raͤthe zu beſchenken.
Man fpricht, ein Judenarzt, im Zauberthum
Furchtbar gelehrt, verſteh' ihn ſchlau zu lenfen
Für die Padila, dieſes Bild der Schlangen,
Und mäll’ endlofe Gaben drum empfangen.
Zwar wie der Mond Gemitterwolfen nieder
In feinem wunderbellen Aufgang druͤckt,
Daß Then vor ihm das nähtlihe Gefieder, _
Tiefduckend und in Höhen flich’nd, erſchrickt,
Und frei die Nachtigall holdfeel’ge Lieder
- Dur mild verftreutes Himmelsfilber (hit, —
So hielt au Blanca's Huld ben Wuchs der Neſſeln
Und Drachenblut bisweilen noch in Sefleln.
Da mübten fi die haͤßlichen Geftalten
Vol arger Kraft, und trieben endlich fort,
Der frommen Schönheit lieblihe Gewalten! —
Am fern entleg’uen, unbefannten Ort |
Ward Blanka in Verbannung erft gehalten, —
Ja, endlich wagte fi der. graufe Mord. —
D, läfeft Du die Kund’ aus meinen Bliden! —
Weh, Pedro ließ das holde Weib erſticken!“ —
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Ein Iammerlaut drang’ ans bed Bertrand Bruſt,
Derweil dem Herzog feine Worte ſtockten;
Und Beide fah’n mit fhmerzensvoller Luft
Zum Bild empor, dem bluͤh'nden, ſchoͤngelockten,
Deß Angen, inwrer Helligkeit bewußt,
Nicht bin zu ſich, nein; auf zum Himmel lodten,
Feſt fhlugen Hand in Hand die edlen Beide.
Das Bertrandsſchwerdt eriicrt in feiner Scheide,
Nah einer Weile fprah der Färft: „noch
ſchloſſen
Die Herzen ſich nicht ganz dem Hoffnungslicht.
Der ält’fie Sohn von Leonorens Sproſſen
Sah feſt umher mit bluͤhendem Geſicht,
Wie rings auch Frevels blut'ge Stroͤme floſſen,
Und Schlag auf Schlag traf toͤdtliches Gericht!
Er ftand, ein Fruchtbaum in der Wuͤſte Sara,
Der junge Don Enrique Tranſtamara.
Und aller Herzen Hoffnungsranten f&lingen
Sich diefer einz’gen Heldenfänle an,
Und hundert Stimmen flehen ihm, und bringen
In ihn: „ſprich Du zum König als ein Mann.
Dir kann's, Dir wird’, und Dir nur wird's ge⸗
Mingentt —
Er ſagt, in ſich gefaßt und ſtark: „wohlan!“ —
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Und geht zur Burg in edlem Schmudes Schimmer
Und tritt in feines argen Bruders Simmer,
Da ſprach er fo befcheiden und bedaͤchtig,
Und im Bewußtſein doch der guten Sache
So heldenmuͤthig klar und frei und mädtig,
Daß fait ed ſchien, als fei der fhlimme Drade
In Pedro's Herzen, ſcheuer Art und naͤchtig,
Und wenn des Tages heit'rer Schimmer lache,
Muͤſſ' ihm vor gutem Spruch aus treuen Sinnen
Die angemaaßte Herrſchaft gleich verrinnen.
Der Koͤnig hoͤrte ſtill in ſanfter Ruh
Den Dingen all, um die ſein Bruber klagte,
Wie ein Delphin dem Harfenſpiele zu.
Und was er endlih dann zur Antwort fagte,
Klang hold und lieblich auch, auf Du und Du,
So daß Enrique länger nicht verzagte,
Noch gänzlih zu begründen Heil und Frieden,
So find fie auch recht bruͤderlich geſchieden.
Doch kaum nur hat Enrique's Fuß die Schwelle
Des koͤniglichen Prunkgemach's verlaſſen,
So draͤngen ſich in ungeſtuͤmer Schnelle
Zum Koͤnig die Ebraͤer, und ihr Haſſen
Stroͤmt in ſein Herz wie eine gluͤh'nde Melle,
und laͤßt nicht Mild und Huld mehr Wurzel faſſen;
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Ja, den Enrique laßt er von den Stufen
Der lebten Treppen wieder zu fich rufen,
um demmit folher Schmähung zu begegnen,
Mit ſolchen Worten ungeftämfter Wuth,
Die Schloſſen gleih auf ihn berniederreguen,
Daß in des Juͤnglings Wangen fteigt das Blut,
Und nur Ihn unfihtbare Mächte ſeegnen,
Daß er nichts Tolles, Pflichtvergef’nes thut.
Als endlich der verftörte König ſchweigt,
Sagt nur ber Prinz, indem er tief fi neigt:
„Ihr heißt mich gehn, mein König, und ich gebe,
Nicht wägend, was ich jeßt durch Euch erlitt,
Nur zeigend, wie ich treu zu Dienft Euch ſtehe,
Was ih, Gottlob! bewies auf manchem Ritt!’ —
Doch wie er num, bie Bruſt vol Zorn und Wehe,
Des Schlofles Treppen ſtumm hinunterteitt,
. Begegnet ihm, den frechen Hohn im Bfide,
Jakob, ein Jude voll arglif’ger Türe!
Des Königs liebſter Rath, der manche Schlinge
Dem Prinzen und den Seinen hat gelegt!
Schnell in Enriques Rechten blipt die Klinge, —
Ein raſcher Stoß, — der Jud' iſt {hen erlegt! —
Dentt Euch den Lärm! Als ob hernieder dringe
Das Weltgeriht, brällt, allwärts aufgeregt,
or
Das Heer ber Juden, im Pallaſte hauſend!
Don Pedro rennt treppunter, zornerbrauſend.
Und hätten nicht viel wadre Ebellente
Sih um Enrique fhüßend- hergeftellt,
Er läge, dem Tprannengrimm zur Beute,
‚Schon bei dem Juden fhimpfih mitgefaͤllt.
So nod gewann er mühevoll dag Weite,
Derweile Pedro's Ruf. weitdrauend gellt:
„Welch ein Monarch mir den Enrique fhüßt,
‚Hat meinen Krieg auf fih herangeblitzt!“ —
Sehr fhmerzlih, Ritter, fällt mir's, zu berichten,
Daß ſolch Bedroh'n ein Königshaupt erſchreckte! —
Ja, Arragoniens Fuͤrſt, der erſt nach Pflichten
Des Gaſtfreund's den Enrique pflegt' und deckte, —
Er, ſchwarz heut, morgen weiß, faſt wie nach Schichten
Manch Erdreich ſchon ſich wechſelnd tief erſtreckte! —
Vernahm den Ausſpruch kaum, als ohne Saͤumen
Den edlen Gaſt er bat, ſein Land zu raͤumen!
Der zog voll ſchweigender Verachtung fort,
Und hoffte Schutz in Avignon zu finden.
Der heil'ge Vater nahm mit guͤt'gem Wort
Ihn auf, doch rieth ihm bald mit weiſen Gruͤnden,
Nach ferner'm und: bewahrter'm Schutzeport
Sein Lebensſchiff durch Klippen fortzuwinden.,
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Er zog zu meinem Vater, Held Johann!
So Frankreich's Herr, als Frankreich's Chreumann!
Worthaltend au dem Feind na holder Weife
Der unbefletten, ſchoͤnen Helbenzeit,
Aus deren fonft fo vielbefahrnem Gleiſe
Schon mander Zürft ſich drebt, und fi entweigt i—
Allein wozu, daß ih den Theuern preife?
Vor mir ia feh ih End, im Zünglingsftreit
Bereits ihm hold als ruͤhmlichem Genoſſen!
Treu bis an's Grab ihm! Fromm, wieer, entſchloſſen!
O hätte Sieg, ſtatt launiſch ihn zu fliehen,
Das Haupt ihm mit verdientem Kranz gefhmüdt,
Nicht duͤrftet jetzt Ihr erfi nah Spanien ziehen!
"Schon wär zu Boden der Tprann gedruͤckt,
Caſtilien fhon mit Heil und Gluͤck belichen!
Jedoch der koͤnigliche Aar, geknidt
In ſeinen Federn, konnte vor dem Blitzen
Des Haſſes kaum bei ſich den Fremdling ſchuͤtzen.
Das freilich that er tren und ehrenwerth!
Und ſeit er ſtarb, ſeit mildre Sterne ſcheinen
Auf unſer Frankreich, dachte gleich fein Schwerbe
Mein Bruder dem von Arragon zu einen,
Dem von Navarra auch, Caſtiliens Heerd
Vom Wuͤthrich zu befrei'n. Auch ließ den reinen
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Hülfreihen Waffen Sieg der Papſt verhoffen.
Schon hat fein Bann Don Pedro's Haupt getroffen.
Jedweden Färften, der dad Reich gewinnt,
Und dem Enrique indbefondre gab
Sein Spruch Crlaubniß, ald ein trenes Kind
Der Kirhe zu empfah’n den Scepteritab,
Und in Eaftilien, blieb’ er fromm gefinnt,
Zu herrſchen friedensvol bis an fein Grab,
Und das erfieste Reich bei. feinem Sterben
Den eignen Söhnen ſtreitlos zu vererben.“ —
Der Bertrand aber ſah Eopfichättelnd drein,
Und als ihn nun der Herzog drum befragte,
Sprach er: „das Ding mag nach den Formen fein;
Doc iſt's, ald ob mir was darin mißhagte!
Schön klingt's, gedrädte Völker zu befrei’n!
Doch wenn das Recht dabei im Mind’ften Hagte,
So bleibt die ganze That — mein Treumort ſtell' ich
Zum Pfand! — vor Gott und aller Welt mißfällig!
Der König Pedro it nun ’mal ein König,
Dem von den Seinen fille Treu’ gebuͤrt.
Duͤnkt fig der Unthat viel, des Rechtes wenig, —
Sie mögen flieh’n, wo er fie nicht erſpuͤrt.
Doc nie mit meinen Waffenfiegen kroͤn' ic)
Den Mann, den nicht das heil'ge Erbrecht ziert.
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Wißt Ihr es beſſer, — eilt, mid zu belehren!
In Euch wallt Königsblut. Ihr müßt ed ehren!" —
Ernft fah der Herzog Anjou vor fih nieder;
Lang’ hielt ihm Lipp' ımd Zung' ein ſeltſam Band.
Dann fprad er ploͤtlich wie ermuthigt wieber:
„Don Pedro halt für unaͤcht all fein Land!
Man glaubt, im Truge böfer Zaubörlieder
Sei er, ein Indenkind, in's Bett gebannt
Der koͤniglichen Mutter, und das aͤchte
Erbfind erwürgt im Graufen blut’ger Nächte.
ober auch fonft fein wunderlihes Hangen
An dem Ebraͤervolk? Sein rauher Sinn,
Der ihn vor allem Holden läßt erbangen,
Zu allem Wuͤtb'gen toll ihn reißt dahin!
Wär’ das auch nicht, — Euch treibt ia dad Verlangen
Don Enerm Herrn, — auch eig’ner Gluͤksgewinn!“ —
„Der — ſprach Helb Bertrand — „ſpornt mid
| nicht zwei Schritte;
Doc meines Königs Wink in Aetna's Mitte!
Für ihn in Gottes Namen will ich reiten,
Bo irgend fih ein bluf’ger ‚Krieg entilammt.
Und fagt nun, Herr, bat fhan Enrique’s Streiten
Sih in Eaftilien feſten Fuß getammt?“ —
Der Herzog zuckt bie Achfel, „Sehr. im Weiten,’ —
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Spricht er — „fd feine Schanzen noch gedammt,
Zu Anfang ließ ſich befire Hoffnung fallen;
Jedoch Navarra hat ihn fchlimm verlaflen.
Ihr kennt von bort den König, Karl den Schlimmen,
Habt wider ihn die.2Baffen felbft getragen,
Ihr wißt: der läßt zu arger That fih ſtimmen
Bon Jedem, der nur Freches denkt zu Wagen.
- Eo hat er denn mit Pedro auh, dem Grinmen,
Als der ihm fchrieb, gleih Hand in Hand geichlagen,.
Und Urragoniend König? — Nun, ber krankte
Am alten Schwindelweh! Er grüßt’ und ſchwankte!
Er ließ fich gleich bereden, — und Vernunft
Nennt fo was die in Grund vermaledeite,
Halbherzige, muthlofe Klüglerzunft, —
Enrique anzuſprechen, daß er reite
Zu einer friedlihen Zuſammenkunft
Mit Pedro, Niemand eben fonft zur Seite,
Als ein paar zierliche, milhbart’ge Knappen! —
So meint ihn Schlange Pedro wegzuſchnappen. -
Enrique kam; — doch mit viel fapfern Degen,
Er felbit im blanken Harniſch wohlgeſchmuͤckt.
Da fcheute Pedro's Hinterhalt den Regen!
Es ward Fein Pfeil gefhnellt, Kein Schwerdt gezüdt.
Man-fchted auch ganz auf höflich Fühlen Wegen, —
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gJedoch den Schmachentwurf, fo mifgeglüdt,
Strebt Pedro nun mit Blut: und Flammenbaͤchen
Ergrimmt an Arragoniens Flur zu rächen.
Und dur die Noth vüf Einmal wieder treu,
Ruft jener König — wie ein leichter Sylphe,
Nor biut’gen Zaubers ſchweren Mächten ſchen, —
Bei meinem Bruder flebentlih um Hülfe.
Sei nun die Beſſ'rung noch fo matt und neu,
Geholfen werden muß dem ſchwachen Schilfe,
Mars auch nur unfers eignen Ruhmes wegen. —
Drum eilt und rettet ihn, mein wadrer Degen !!—
Der Bertrand fpriht: „erwuͤnſchter wir?’ es mir,
Hielt' fi der ſchwache Zürft beim Feinde drüben.
Denn. nichts kann fo des fchönften Kampfes Bier,
Als ein balbherz’ger Bund’sgenoffe trüben.
Doch — hemmt’ und das die Bahn, wir koͤnnten hier
Auf Erden wohl nicht Cine That mehr üben,
Meil die Halbherz’gen und Zweidrittelsaͤchten
Weitranfend al den Erdenrund durchflechten. —
Drum vorwärts nur, mit Gott! Wer vonder Erden
Mehr heiſcht, ale fie gewährt, der ift eim Thor,
Und ſeufz' und flaun in trüblihen Geberden,
Derweile Helden ziehn durch's Nuhmesthor !
Sind Wiele ſchlecht, fo laßt und beffer werden,
_569_.
Stets beffer', bie zum ſchoͤnen Ziel empor,
Wo wir gerein't als ſeel'ge Himmelsboten
Hoch ob den Nebeln ziehn, die uns bedrohten!
Was will ein Herz · den Waffen hold, den Schaaren
Des edlen Krieges freudig zugeſellt —
Mehr noch erſtreben, als einſt mitzufahren
In ſeeligen Geſchwadern, hocherhellt
Vom ew'gen Licht, und vor ihm flieh'nd zu Paaren
Die finſtre Macht der ſchnoͤden Unterwelt!
Ein heil'ges Wort hat uns dies Heil verſprochen.
Drum friſch dorthin die ſchwere Bahn gebrochen!“ —
Ein ſeel'ges Leuchten gluͤht auf ſeinen Zuͤgen,
Daß ſich der Koͤnigsbruder faſt ihm neigt,
Derweil im Ahnungslicht von ew'gen Siegen
Die fuͤrſtlich edle Seel ihm gluͤht und ſteigt. —
Auf nun, Bretagne’d Aar, zu üÄberfliegen
Die Berge, die einft Merlin Traum gezeigt! —
Auf Wiederfehn jenfeit der Pyrenaͤen!
Und überhaupt: jenfeit auf Wiederfehen!
⸗
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Erläuterungen
sum breischnten Geſange.
Geite 552: u '
„Ihre wißt vom König Pedro dem Ty—
rannen,“ nf. m
Ich habe diefen, wie alle ſpaniſchen Namen,
welche unfer Lied noch vor und aufrufen wird, in
ihrer Nationalität beſtehn Taffen, dagegen ih wit
ben franzöflfchen meiſt durchgaͤngig eine deutſche
Ueberſetzung vornahm. Dazu ſchien mir für eine
poetiſche Behandlung ſchon der Wohlklang ein hin⸗
reichendes Recht zu geben. Ein Henri, ein’ Charles
würde ſich in der deutſchen Octave mehr als wun:
derlich ausgenommen haben, Dagegen diefe den Pe⸗
dro und Enrique lieber noch aufnahm, als den Pe:
ter nnd Heinrich. Zu dem zieht dad Gedicht aus
Stanfreih, mo es emporfproßte, nah Spanien
gleihfam in die Fremde, und die ungewöhnlicheren
Samen paflen. sus m das bier ganz verwandelte
Colorit. —
Sol ih eine Autorität für mich anführen, ſo
fei es die unſres größten poetiſchen Ueberſetzers,
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3, Schlegel, ber die ſhakeſpearrſchen Henry's
und Hal’s ohne Bedenken in Heinrihe und Heinze:
umwandelte, den Calderon'ſchen Enrique’s ıc
aber ohne Verwandlung das deutſche Bürgerrecht
ertheilte. — Man fragt vielleiht: „aber Deinen
Bertrand nennft Duniht Bertram, obgleih Du
dabei. bem. haͤßlichen ton nasal entgingſt?“ Freilich;
aber. unter jenem Namen iſt er groß in allen Gemüthern,
die fih der Geſchichte empfänglic- erhielten. Da-
wird eine Ueberfegung zur. ftörenden Pedanterei. —
Als ob man den Moland NRügeland oder
Rutland bießel
Der Merfaffer der mie vorliegenden Chronik.
Bat eine weit abweichende Anficht hieruͤber, die mie:
zu wunderfam neufranzöfifch eriheint, und auch in
der Darftellung allzu naiv, um fie dem Leſer vorzu:
enthalten.. Er fast am. Schluß feiner Vorrede:
„Mes fautes sont de deux especes,. les vnes me
sont’ echapees malgre moy, et'sans que je m en
sois apperceu, les autres sont de dessein, et
jrarouſs, que si j’ay failly e’a est& par pre-
meditation. Je dis, par exemple, tousjours
Dom Pedre au lien de Dem. Pedro, eyant
trouvsce Nom trop Espagnok“ «
572
Trop espagnol für einen König von Spanien,
in Spanien geboren und erzogen!
| U U}
Eeite 564:
„Wortbaltend auh dem Feind nad
bolder Weife
Derunbefledten,fhönen Heldenzeit,
Aus deren font fo vielbefahrnem
| Gleife
Shon mancher Fuͤrſt ſich dreht, und
ſich entweiht!“—
Um die hier geſchilderte Zeit begann die ſoge⸗
nannte Raison d' Etat ihr ſcheusliches Spiel, den
Menfchen, und ganz vorzüglich den Fürften, einre:
dend, die Politik fei etwas andres, als ein Theil
der Tugend, und vertrage ſich mit biefer nicht. Als
Privatmann müfle man freilihd Wort halten, als
Fuͤrſt aber muͤſſe man es bisweilen zum Beten
des Staats drehen. Da ftieg das Goͤtzenbild
Staat empor, nicht Fürft, nicht Volk, ſondern
eben nur ein vieldeutiges Collectivum, bei welchem
ſich Jeder das Beliebigfte denken Fonnte, und dem
man alfo Alles zu opfern meinte, wenn man feiner
eignen Begierde opferte! — Wackre deutſche Schkift:
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fieller aus dem fiebzehnten Jahrhundert erklärten
bereits dieſer in wunderliher Wortmengerel
Staats: Raison genannten Chimdre den Krieg.
— Späterhin festen Robespierre und feines Glei⸗
hen das Wort Volk an bie Stelle, das Wolf um
des Volles willen ſchlachtend. |